mini|Marina singt für Perikles, Thomas Stothard, 1825 Perikles, Fürst von Tyrus () ist ein Schauspiel von William Shakespeare. Es handelt vom Schicksal des Pericles, der auf der Flucht vor der Rache des Königs Antiochus an der Küste von Pentapolis strandet und dort die Prinzessin Thaisa heiratet. Thaisa stirbt vermeintlich auf einer Schiffsreise bei der Geburt ihrer Tochter Marina, ihr Sarg wird im Meer versenkt und sie wird von einem Wunderarzt in Ephesus aus ihrem todesähnlichen Zustand wiedererweckt. Marina wächst bei Pflegeeltern auf, wird als junge Frau von diesen bedroht, von Piraten entführt und in ein Bordell in Mytilene verkauft. Sie entkommt von dort, trifft ihren Vater wieder und beide werden mit Thaisa vereint, die als Priesterin in Tempel von Ephesus lebt. Shakespeares Hauptquelle war vermutlich der antike Roman Historia Apollonii regis Tyri in verschiedenen späteren Bearbeitungen. Aufgrund stilistischer Eigenheiten des Textes nimmt man eine Koautorschaft von George Wilkins an. Pericles entstand wohl um das Jahr 1607. Die erste Aufführung könnte in der ersten Jahreshälfte 1608 stattgefunden haben. Der Erstdruck ist eine Quarto aus dem Jahre 1609. Pericles gehört zu den selten aufgeführten Werken Shakespeares. Es zeichnet sich durch einen experimentellen Stil aus, eine Mischung aus Drama und epischer Erzählung, wobei der mittelalterliche Dichter John Gower als Erzähler auftritt. Seit Dowdens Definition wird es zusammen mit weiteren Stücken aus Shakespeares Spätwerk zu den Romanzen gezählt.
Übersicht Gliederung der Ausgaben Von Pericles existieren drei unterschiedliche Textausgaben. Im Oxford Shakespeare wird der unkorrigierte Text der Quarto von 1609 im Anhang als Appendix A wiedergegeben: A diplomatic Reprint of the First Quarto of Pericles (1609). Die Einteilung ist ungegliedert und es werden lediglich die Zeilen von 1–2380 gezählt.Roger Warren (Hrsg.): William Shakespeare: Pericles. The Oxford Shakespeare. Oxford University Press, Oxford 2003. S. 231–286. Die Oxford-Ausgabe selbst bietet dann einen sog. Reconstructed Text an. Dabei handelt es sich um eine Kompilation aus dem Quartotext und Teilen von George Wilkins Prosaerzählung The Painfull Adventures of Pericles Prince of Tyre von 1608. Die Herausgeber der Oxfordausgabe haben die Quarto anhand dieser Prosaerzählung korrigiert und daraus insgesamt ca. 70 Zeilen Text eingefügt.Annabarbara Pelli-Ehrensperger (Hrsg.): William Shakespeare: Pericles, Prince of Tyre / Pericles, Fürst von Tyrus. Englisch-deutsche Studienausgabe. Stauffenburg Verlag, Tübingen 2005. S. 24. Der Reconstructed Text ist in der GesamtausgabeJohn Jowett, William Montgomery, Gary Taylor, Stanley Wells (Hrsg.): The Oxford Shakespeare. The Complete Works. 2. Auflage, Oxford University Press, Oxford 2005. S. 1063–1086. und in der wissenschaftlichen EinzelausgabeRoger Warren (Hrsg.): William Shakespeare: Pericles. The Oxford Shakespeare. Oxford University Press, Oxford 2003. S. 91–229. enthalten und wird in 22 Szenen eingeteilt. Im Kommentar des Oxford Companion findet sich eine davon abweichende Gliederung mit 23 Szenen. Dabei wird die letzte Szene Nr. 22 in zwei Szenen aufgeteilt, indem die Rede des Erzählers Gower als eigene Szene gezählt wird.Michael Dobson, Stanley Wells (Hrsg.): The Oxford Companion to Shakespeare. Oxford University Press, Oxford 2001. Artikel Pericles von AD (Anthony Davies) S. 342–344. Dieser Gliederung folgt der populäre Rough Guide.Andrew Dickson: The Rough Guide to Shakespeare. 2. Auflage, Penguin, New York 2007. S. 292–301. Die Arden- und NCS-Ausgaben bieten einen Text an, der der Einteilung des Werkes in fünf Akte nach dem Vorschlag von Malone folgt. Dabei werden die 22 Szenen so aufgeteilt, dass jeder Akt von einer größeren Rede Gowers eingeleitet wird. Die Einteilung ist folgendermaßen: Akt I (Szenen 1–4); Akt II (Szenen 5–9); Akt III (Szenen 10–14); Akt IV (Szenen 15–19) und Akt V (Szenen 20–22).Suzanne Gosset (Hrsg.): William Shakespeare: Pericles. The Arden Shakespeare. Third Series. Bloomsbury, London 2004. S. 171–406.Doreen Del'Vecchio, Antony Hammond (Hrsg.): William Shakespeare: Pericles. The New Cambridge Shakespeare. Cambridge University Press, Cambridge 1998. S. 85–193. Die englisch-deutsche Studienausgabe, die eine aktuelle Rohübersetzung des Pericles anbietet, benutzt den Text des Pelican Shakespeare von James G. McManaway aus dem Jahre 1961.Annabarbara Pelli-Ehrensperger (Hrsg.): William Shakespeare: Pericles, Prince of Tyre / Pericles, Fürst von Tyrus. Englisch-deutsche Studienausgabe. Stauffenburg Verlag, Tübingen 2005. S. 26. Dieser verwendet ebenfalls die Akteinteilung nach Malone, unterscheidet sich aber leicht von den Arden- und NCS-Ausgaben. Im vierten Akt wird der Auftritt der Edelleute als eigene Szene gezählt, sodass die Arden- und NCS-Szene IV,5 in der deutschen Ausgabe in eine kurze Szene IV,5 und eine längere Szene IV,6 aufgeteilt wird.Annabarbara Pelli-Ehrensperger (Hrsg.): William Shakespeare: Pericles, Prince of Tyre / Pericles, Fürst von Tyrus. Englisch-deutsche Studienausgabe. Stauffenburg Verlag, Tübingen 2005. S. 212.
Hauptcharaktere In der ursprünglichen Quarto gibt es keine Liste der handelnden Personen.Roger Warren (Hrsg.): William Shakespeare: Pericles. The Oxford Shakespeare. Oxford University Press, Oxford 2003. S. 90, 232. Die Oxfordausgabe benutzt eine analoge Aufzählung aus Wilkins Prosaerzählung The Painfull Adventures of Pericles Prince of Tyre.Roger Warren (Hrsg.): William Shakespeare: Pericles. The Oxford Shakespeare. Oxford University Press, Oxford 2003. S. 3. Die NCS- und die Arden-Ausgabe verwenden „The Actors names“ aus der zweiten Auflage der Third Folio von 1664.Doreen Del'Vecchio, Antony Hammond (Hrsg.): William Shakespeare: Pericles. The New Cambridge Shakespeare. Cambridge University Press, Cambridge 1998. S. 82–84.Suzanne Gosset (Hrsg.): William Shakespeare: Pericles. The Arden Shakespeare. Third Series. Bloomsbury, London 2004. S. 166–170. Die Arden-Ausgabe konstruiert eine Liste der Darsteller anhand der sechs verschiedenen Handlungsorte.Suzanne Gosset (Hrsg.): William Shakespeare: Pericles. The Arden Shakespeare. Third Series. Bloomsbury, London 2004. S. 166f. Die englisch-deutsche Studienausgabe benutzt die auf F3 beruhende Liste aus der Pelican Shakespeare-Ausgabe.Annabarbara Pelli-Ehrensperger (Hrsg.): William Shakespeare: Pericles, Prince of Tyre / Pericles, Fürst von Tyrus. Englisch-deutsche Studienausgabe. Stauffenburg Verlag, Tübingen 2005. S. 56–59. Sie stimmt fast vollständig mit der „List of Characters“ der NCS-Ausgabe überein.
Erzählte Zeit und Orte der Handlung
Die Handlung erstreckt sich über mehr als zehn Jahre und spielt zur Zeit der Herrschaft des Königs Antiochus des Großen, der von 223–187 v. Chr. regierte. Das deuten jedenfalls die Hinweise in den beiden Hauptquellen des Dramas an, Gowers Confessio Amantis und Twines The Patterne of Painfull Adventures.CA: the great Antiochus,/ Of whom that Antioche toke / His first name. PPA: he most famous and mightie king Antiochus. Zitiert nach: Doreen Del'Vecchio, Antony Hammond (Hrsg.): William Shakespeare: Pericles. The New Cambridge Shakespeare. Cambridge University Press, Cambridge 1998. S. 83. Die Orte der Handlung sind in der Reihenfolge, wie sie im Stück auftauchen: Antioch: gemeint ist Antiochia am Orontes, das heutige Antakya im Süden der Türkei. Tyre: ist das antike Tyros im heutigen Süd-Libanon. Tarsus: hier handelt es sich um das antike Tarsus, die Geburtsstadt des Apostels Paulus. Pentapolis: wird im Stück als eine griechische Stadt angesehen, tatsächlich steht der Name für die Pentapolis (Kyrenaika).Doreen Del'Vecchio, Antony Hammond (Hrsg.): William Shakespeare: Pericles. The New Cambridge Shakespeare. Cambridge University Press, Cambridge 1998. S. 84; Suzanne Gosset (Hrsg.): William Shakespeare: Pericles. The Arden Shakespeare. Third Series. Bloomsbury, London 2004. S. 169; Roger Warren (Hrsg.): William Shakespeare: Pericles. The Oxford Shakespeare. Oxford University Press, Oxford 2003. S. 123; William Shakespeare: Pericles, Prince of Tyre. Englisch-Deutsche Studienausgabe. Deutsche Prosafassung, Anmerkungen, Einleitung und Kommentar von Annabarbara Pelli-Ehrensperger. Stauffenburg, Tübingen 2005. S. 114. NCS und Arden geben an, die Lokalisierung beruhe auf Angaben aus dem Atlas Theatrum Orbis Terrarum von Abraham Ortelius. Oxford erklärt, die Zuschreibung sei erstmals von Steevens vorgenommen worden. Die Studienausgabe führt die Zuordnung auf Angaben in der ältesten lateinischen Fassung der Historia Apollinii zurück, wo von der Pentapolitanae Cyrenaeorum terrae die Rede ist. Ephesus: das antike Ephesus war bekannt für seinen Artemistempel. Mytilene: ist die heutige griechische Hafenstadt Mytilini auf der Insel Lesbos.
Handlung Akt I – Szene 1–4 [Akt I,0. Prolog. Szene 1] In einem Prolog berichtet der Erzähler Gower, dass der mächtige König Antiochus von Antioch nach dem Tod seiner Frau seine Tochter zum Inzest verführt hat.Annabarbara Pelli-Ehrensperger (Hrsg.): William Shakespeare: Pericles, Prince of Tyre / Pericles, Fürst von Tyrus. Englisch-deutsche Studienausgabe. Stauffenburg Verlag, Tübingen 2005. Akt I, 0, 25f. Um die Schöne für sich zu behalten, stellt er jedem Freier, der um die Hand seiner Tochter anhält, ein Rätsel. Wer das Rätsel nicht löst, wird hingerichtet und schon viele Bewerber mussten auf diese Weise ihr Leben lassen. [Akt I,1. Szene 1] Perikles, der Fürst von Tyrus, bewirbt sich um die schöne Tochter des Königs. Er erkennt des Rätsels Lösung, nämlich dass Vater und Liebhaber identisch sind. Deshalb bekundet er gegenüber Antiochus: „Few love to hear the sins they love to act“ (Sc. 1, 135), spricht aber die Lösung nicht aus, so dass er sein Leben verwirkt hat. Antiochus erkennt, dass Perikles die richtige Antwort gefunden hat und gewährt ihm 40 Tage bis zur Vollstreckung der Hinrichtung. [Akt I,2. Szene 2] Perikles flieht nach Tyrus. Da er aber auch hier einen Angriff Antiochus’ fürchtet, übergibt er die Regierungsgeschäfte vorübergehend seinem Ratgeber Helikanus und macht sich auf nach Tarsus. [Akt I,3. Szene 3] Der von Antiochus mit Perikles’ Ermordung beauftragte Thaliart erfährt in Tyrus, dass der Prinz schon abgereist ist, und beschließt, seinem Auftraggeber zu erzählen, Perikles sei zur See ertrunken. [Akt I,4. Szene 4] In Tarsus beklagen der Statthalter Kleon und seine Frau Dionyza die anhaltende Hungersnot, als der eingetroffene Perikles ihnen Getreide von seinen Schiffen zur Verfügung stellt.
Akt II – Szene 5–9