Die Grammatik des Altenglischen zeigt deutlich die Verwandtschaft mit den anderen westgermanischen Sprachen und ähnelt daher noch eher der des Deutschen als der des heute gesprochenen Neuenglischen. Das Altenglische ist eine flektierende Sprache: Es werden bei Substantiven und Adjektiven die vier Kasus (Fälle) Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ und bei Verben (im Singular) drei Personen unterschieden. Auch ein fünfter Kasus (der Instrumental) ist in Resten erhalten geblieben: So ist das altenglische Adverb hwȳ ‚warum‘ (ne. why) ein alter Instrumental des Pronomens hwæt ‚was?‘. Die Satzstellung war noch freier als im heutigen Englisch, wie sie es heute auch noch im Deutschen ist.
Die Kasus Das Altenglische kennt fünf Kasus, auch wenn der Instrumental nur noch in Resten als eigene Form existiert. Der Gebrauch der Kasus weist zahlreiche Parallelen zum Deutschen auf.
Nominativ Der Nominativ dient wie im Deutschen zur Bezeichnung des Subjekts eines Satzes oder eines Prädikativums (z. B. „Er ist Lehrer“).
Genitiv Der Genitiv drückt wie im Deutschen ein Besitzverhältnis aus (Possessiv) wie z. B. in Hæstenes wif (Hæstens Frau). Der partitive Genitiv, der die Beziehung eines Anteils ausdrückt, ist ebenfalls häufig im Altenglischen (an hiora, dt. einer von ihnen). Schließlich dient der Genitiv auch zur Beschreibung von Eigenschaften wie in swete hunig and wysumes swæcces (dt. etwa süßer Honig und von köstlichem Geschmack). Außerdem wird der Genitiv auch als Objekt-Kasus nach einigen Verben und Adjektiven verwendet, ähnlich wie es im Deutschen einige Verben gibt, die ihre Objekte im Genitiv haben (z. B. der Ruhe bedürfen mit Ruhe im Genitiv).
Dativ Der Dativ dient im Altenglischen wie im Deutschen als Objektkasus für indirekte Objekte wie in on he hi him eft ageaf (dt. und er gab sie danach ihm zurück). Ferner kann der Dativ Besitz (him on heafod, dt. auf seinem Kopf) ausdrücken. Der Dativ kann auch adverbial verwendet werden (hwilum, dt. zeitweise) und als Objektkasus nach einigen Adjektiven.
Akkusativ Im Akkusativ steht (wie auch im Deutschen) das direkte Objekt transitiver Verben.
Instrumental Der Instrumental war im Westgermanischen noch ein eigenständiger Kasus, wird im Altenglischen aber bei Substantiven nur noch in wenigen Fällen verwendet und sonst durch den Dativ ersetzt. Der Instrumentalis verbleibt aber in der Deklination von Adjektiven und Pronomina. Ähnlich wie im Lateinischen drückt der Instrumental im Altenglischen die Art und Weise aus, z. B. hlutre mode (dt. mit reinen Absichten), Begleitung und Zeit.
Silbenlänge In der altenglischen Grammatik spielt die Silbenlänge eine große Rolle, da eine Reihe von Flexionsendungen nach langen Stammsilben entfallen. Als lang gelten dabei Silben, die einen langen Vokal oder Diphthong enthalten, oder aber zwar einen kurzen Vokal oder Diphthong enthalten, aber auf mindestens einen Konsonanten auslauten (im Nominativ Singular von Substantiven und Adjektiven zwei Konsonanten, da der zweite bei der Flexion Teil der Endung wird und nicht mehr Teil der Stammsilbe ist).
Substantive Die Substantive des Altenglischen werden in mehrere Deklinationsklassen eingeteilt. Grob unterscheidet man dabei zwischen der starken und der schwachen Deklination, die aber noch feiner unterteilt werden können. Zu diesen beiden Deklinationsklassen kommen noch kleine Restklassen hinzu, wie z. B. die Verwandtschaftsbezeichnungen.
An Kasus kannte das Altenglische Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ sowie den Instrumental. Der fünfte Kasus, der Instrumental, war noch zu Beginn der altenglischen Periode bei Substantiven vom Dativ geschieden. So endeten die die Substantive der a-Deklination (z. B. stān) im Dativ noch auf -um, während sie im Instrumentalis auf -i bzw. später auf -y endeten. Statt der Formen des Instrumentalis wurden im Altenglischen später die Formen des Dativs verwendet, weshalb die Formen des Instrumental in den meisten Einführungen und Grammatiken des Englischen nicht mehr separat aufgeführt werden.
Im Neuenglischen sind nur der Nominativ-Akkusativ Singular (ae. stān, ne. stone), der Nominativ-Akkusativ Plural (ae. stānas, ne. stones) sowie, bei einigen Substantiven, der Genitiv Singular erhalten geblieben. Von einer Unterteilung in verschiedene Deklinationsklassen ist, bis auf ein paar Ausnahmen wie child-children, goose-geese, ox-oxen, nichts erhalten geblieben.
An grammatischen Geschlechtern werden drei unterschieden, das Maskulinum, das Femininum und das Neutrum. Numeri werden beim Substantiv zwei differenziert, der Singular und der Plural. Bei den Personalpronomen gab es aber auch noch eine Zweizahl (Dual) (wit 1. Person Dual „wir beide“, git 2. Person Dual, „ihr beide“).
Die starke Deklination – a- und ō-Deklination Die a-Deklination beinhaltet Maskulina und Neutra und ist vergleichbar mit der lateinischen o-Deklination (z. B. lat. dominus „Herr“). Die ō-Deklination hingegen beinhaltet Feminina und ist mit der lateinischen ā-Deklination vergleichbar (z. B. lat. domina „Herrin“). a- und ō-Deklination werden noch feiner unterteilt in eine ja- und wa-Deklination, bzw. eine jō- und wō-Deklination. Diese werden aber unterhalb gesondert behandelt.
Die typischen Endungen für die a- und ō-Deklination im westsächsischen Dialekt des Altenglischen sind Folgende:
Die Endungen der starken Deklination Kasus Maskulin Neutrum Feminin Singular Plural Kurz Lang Kurz Lang Singular Plural Singular Plural Singular Plural Singular Plural Nominativ – -as – -u – – -u -a – -a Genitiv -es -a -es -a -es -a -e -aSelten tritt auch die Endung -(e)na aus der schwachen Deklination auf; vgl. dazu: Brunner, 1965, S. 206f. §252 Anm. 4. -e -a Dativ -e -um -e -um -e -um -e -um -e -um Akkusativ – -as – -u – – -e -a, -e -e -a, -e
Die starke Deklination Kasus Maskulinstān Stein Neutrum Feminin Singular Plural Kurzscip Schiff Langword Wort Kurzðegu Empfang Langsorg Sorge Singular Plural Singular Plural Singular Plural Singular Plural Nominativ stān stānas scip scipu word word ðegu ðega sorg sorga Genitiv stānes stāna scipes scipa wordes worda ðege ðega sorge sorga Dativ stāne stānum scipe scipum worde wordum ðege ðegum sorge sorgum Akkusativ stān stānas scip scipu word word ðege ðega/ðege sorge sorga/sorge
Substantive mit Vokalwechsel æ zu a Einige Substantive der a-Deklination vollziehen einen Wechsel im Vokalismus zwischen Singular und Plural. Diese Wörter haben als Vokal im Singular ein æ, das sich im Plural (bzw. vor a, o, u) zu a wandelt.
dæg Tag m. Kasus Singular Plural Nominativ dæg dagas Genitiv dæges daga Dativ dæge dagum Akkusativ dæg dagas
Substantive mit Nominativ-Singular-Auslaut auf -h Substantive, die im Nominativ Singular auf -h auslauten, verlieren dieses vor einer Endung, die mit Vokal beginnt. Ist der Vokal der Stammsilbe dabei kurz, so kommt es unter Umständen zur Längung (vgl. Nom. Sg.: mearh → Gen. Sg. mēares). Zusätzlich kommt es zu Zusammenziehungen von Vokalen, wenn dem -h unmittelbar ein Vokal vorausgeht, sodass der Genitiv Singular zu scōh „Schuh“ nicht *scōes, sondern scōs lautet.
Substantive auf -h Kasus Maskulinmearh Pferd Neutrumfeorh Leben Maskulinscōh Schuh Singular Plural Singular Plural Singular Plural Nominativ mearh mēaras feorh feorh scōh scōs Genitiv mēares mēara fēores fēora scōs scōnaDie nasalhaltige Endung hier stammt aus der schwachen Deklination. (vgl.: Campbell, 1959, S. 225) Dativ mēare mēarum fēore fēorum scō scōm Akkusativ mearh mēaras feorh feorh scōh scōs
Substantive der starken Deklination mit -e Kasus Maskulinende Ende Neutrumstȳle Stahl Singular Plural Singular Plural Nominativ ende endas stȳle stȳlu Genitiv endes enda stȳles stȳla Dativ ende endum stȳle stȳlum Akkusativ ende endas stȳle stȳlu
Zweisilbige Substantive engel Engel m.Kasus Singular Plural Nominativ engel englas Genitiv engles engla Dativ engle englum Akkusativ engel englas
Substantive mit -w oder -ġ vor der Endung Substantive mit -w oder -ġ vor der Endung Kasus Neutrumsmeoru Fett Femininsinu Sehne Femininlǣs Weide Singular Plural Singular Plural Singular Plural Nominativ smeoru smeoru sinu sinwa lǣs lǣswa Akkusativ smeoru smeoru sinwe sinwa, -e lǣswe lǣswa, -e Genitiv smeorwes smeorwa sinwe sinwa lǣswe lǣswa Dativ smeorwe smeorwum sinwe sinwum lǣswe lǣswum
Die schwache Deklination Die typischen Endungen der schwachen Deklination sind die Folgenden:
Die Endungen der schwachen Deklination Kasus Maskulin Neutrum Feminin Singular Plural Singular Plural Singular Plural Nominativ -a -an -e -an -e -an Genitiv -an -ena -an -ena -an -ena Dativ -an -um -an -um -an -um Akkusativ -an -an -e -an -an -an
Die schwache Deklination Kasus Maskulinnama Name Neutrumēage Auge Feminintunge Zunge Singular Plural Singular Plural Singular Plural Nominativ nama naman ēage ēagan tunge tungan Genitiv naman namena ēagan ēagena tungan tungena Dativ naman namum ēagan ēagum tungan tungum Akkusativ naman naman ēage ēagan tungan tungan
Weitere Deklinationsklassen Athematische Substantive Athematische Substantive Kasus Maskulinfōt Fuß Femininhnutu Nuss Femininbōc Buch Singular Plural Singular Plural Singular Plural Nominativ fōt fēt hnutu hnyte bōc bēc Genitiv fōtes fōta hnyte, hnute hnuta bēc, bōce bōca Dativ fōte fōtum hnyte, hnute hnutum bēc, bōc bōcum Akkusativ fōt fēt hnutu hnyte bōc bēc
Zu dieser Klasse gehören des Weiteren (angegeben sind jeweils der Nominativ Singular und Plural): Maskulinum: tōþ, tēþ Zahn; mann, menn Mann; frēond, frīend Freund; fēond, fīend Feind Femininum: studu, styde Pfosten; hnitu, hnite; āc, ǣc Eiche; gāt, gǣt Ziege(nbock); brōc, brēc; gōs, gēs Gans; burg, byrg Stadt; dung, ding Gefängnis; turf, tyrf Rasen; grūt, grȳt; lūs, lȳs Laus; mūs, mȳs Maus; neaht, niht Nacht Femininum mit Verlust des -h in einigen Formen: furh, fyrh Furche; sulh, sylh Pflug; þrūh, þrȳh; wlōh, wlēh Femininum mit zusammengezogener Endung: cū, cȳ Kuh
u-Deklination Die u-Deklination Kasus Maskulinsunu Sohn Maskulinfeld Feld Singular Plural Singular Plural Nominativ sunu suna feld felda Genitiv suna suna felda felda Dativ suna sunum felda feldum Akkusativ sunu suna feld felda
Verwandtschaftsnamen Verwandtschaftsbezeichnungen Kasus Maskulinfæder ‚Vater‘ Maskulinbrōðor ‚Bruder‘ Femininmōdor ‚Mutter‘ Femininsweostor ‚Schwester‘ Feminindohtor ‚Tochter‘ Singular Plural Singular Plural Singular Plural Singular Plural Singular Plural Nominativ fæder fæd(e)ras brōðor (ge)brōðor mōdor mōdra/mōdru sweostor (ge)sweostor, -tru, -tra dohtor dohtor Genitiv fæder fæd(e)ra brōðor (ge)brōðra mōdor mōdra sweostor (ge)sweostra dohtor dohtra Dativ fæder fæderum brēðer (ge)brōðrum mēder mōdrum sweostor (ge)sweostrum dehter dohtrum Akkusativ fæder fæd(e)ras brōðor (ge)brōðor mōdor mōdra/mōdru sweostor (ge)sweostor, -tru, -tra dohtor dohtor
Neutra mit -r- im Plural lamb Lamm n.Kasus Singular Plural Nominativ lamb lambru Genitiv lambes lambra Dativ lambe lambrum Akkusativ lamb lambru
Pronomen Die meisten Pronomen werden nach Kasus, Numerus und Genus gebeugt; im Plural haben die meisten Pronomen nur eine Form für alle Geschlechter. Außerdem haben einige altenglische Pronomen (die ungeschlechtlichen Personalpronomen der 1. und 2. Person, die auch reflexiv verwendet werden können) den Dual bewahrt (dieser bezieht sich speziell auf Gruppen von zwei Personen oder Dingen, zum Beispiel „wir zwei“, „ihr zwei“ oder „die beiden“). Er war zwar eher ungebräuchlich, blieb jedoch erhalten.
Personalpronomen Erste Person Kasus Singular Dual Plural Nominativ ic, īc wit wē Genitiv mīn uncer ūser, ūre Dativ mē unc ūs Akkusativ mec, mē uncit, unc ūsic, ūs
Zweite Person Kasus Singular Dual Plural Nominativ þū git gē Genitiv þīn incer ēower Dativ þē inc ēow Akkusativ þēc, þē incit, inc ēowic, ēow
Dritte Person Kasus Singular Plural Mask. Neut. Fem. Nominativ hē hit hēo hiē m., hēo f. Genitiv his his hire hiera m., heora f. Dativ him him hire him Akkusativ hine hit hīe hiē m., hīo f.