Der Kiefernsaftlecker (Sphyrapicus thyroideus) ist eine etwa buntspechtgroße, nordamerikanische Spechtart aus der Gattung der Saftlecker (Sphyrapicus) innerhalb der Unterfamilie der Echten Spechte (Picinae). Der Kiefernsaftlecker ist die größte Art dieser Gattung. Das fragmentierte Verbreitungsgebiet umfasst vor allem montane Regionen im westlichen Nordamerika von British Columbia südwärts bis Südkalifornien und Zentralarizona und dem westlichen New Mexico. Wie alle anderen Saftlecker ernährt sich auch der Kiefernsaftlecker überwiegend von Baumsäften; nur während der Brutzeit bevorzugt er Insekten, vornehmlich Ameisen. Die nördlichen und montanen Populationen sind Zugvögel mit Überwinterungsgebieten in den südwestlichen USA und im nördlichen und zentralen Mexiko. In weiten Teilen ihres Verbreitungsgebietes ist die Art nicht selten. Das Artepitheton ist wahrscheinlich von griech. θυρεός hergeleitet und bezieht sich auf den schwarzen Brustschild des Weibchens.James A. Jobling: The Helm Dictionary of Scientific Bird Names. Helm, London 2010, ISBN 978-1-4081-2501-4, S. 385.

Der sehr ausgeprägte Färbungsdimorphismus des Kiefernsaftleckers führte dazu, dass die ersten Beobachter Männchen und Weibchen für unterschiedliche Arten hielten.

Obwohl vor allem gegen Ende des vorigen Jahrhunderts starke Bestandsrückgänge zu verzeichnen waren,Dobbs et al. (1997) Population status listet die IUCN die Art, von der zwei Unterarten anerkannt werden, in keiner Gefährdungsstufe.Factsheet auf BirdLife International

Aussehen

Mit einer Größe von bis zu 23 Zentimetern ist der Kiefernsaftlecker ein knapp mittelgroßer Specht. Sein Gewicht schwankt zwischen 44 und 64 Gramm, er ist damit bei gleicher Größe wie der in Europa häufige Buntspecht wesentlich leichter als dieser. Der Färbungsdimorphismus des Kiefernsaftlecker zählt zu den ausgeprägtesten innerhalb der Picinae,Winkler-HBW (2002) S. 309 – Abbildungsbeschreibung auffällige Größen- und Gewichtsdimorphismen bestehen dagegen nicht. Nur die Schwanzlänge ist bei Weibchen durchschnittlich geringfügig größer als bei Männchen.Dobbs et al. (1997) Measurements

miniatur|links|Kiefernsaftlecker, Männchen Männchen der Art sind unverwechselbar. Die bedeutend unauffälliger gefärbten Weibchen könnten mit Weibchen des Gelbbauch-Saftleckers verwechselt werden, sind aber am Rücken bedeutend intensiver schwarz-weiß gebändert als diese.Winkler et al. (1995) S. 224.

Beim Männchen überwiegen Schwarz-Weiß-Kontraste. Die Oberseite ist glänzend schwarz, je nach Lichteinfall können vor allem im Kopf- und Schulterbereich metallische Blautöne auftreten. Der Bürzel und die Oberschwanzdecken sind weiß. Die oberen Flügeldecken sind schwarz, weisen jedoch in ihrem mittleren Bereich große Weißanteile auf, wodurch beim sitzenden Vogel ein großer, weißer Flügelspiegel entsteht. Die schwarzen Schwingen sind weiß gepunktet und gefleckt. Die Oberseite des Schwanzes ist schwarz, gelegentlich im zentralen Bereich leicht weiß gestrichelt. Die Unterseite ist an den Flanken auf weißem Grund deutlich gebändert und speerspitzenartig schwarz gezeichnet. Der Bauch ist dottergelb, die Brust schwarz. In die ebenfalls schwarze Kehle ist ein dunkelroter Kehlfleck eingelassen, der jedoch nur bei günstigen Bedingungen deutlich sichtbar ist. Die Flügelunterseite ist dunkelgrau-weiß gebändert, ebenso die Unterseite des Schwanzes; dort treten häufig auch Brauntöne auf. Der Kopf ist schwarz, deutlich durch einen weißen, über dem Auge schmalen und sich zum Nacken hin leicht verbreiternden Überaugenstreif sowie durch einen ebenfalls weißen, etwa parallel verlaufenden, etwas breiteren Bartstreif gezeichnet. Der spitze Schnabel ist dunkelgrau, Beine und die vier Zehen sind grau, die Iris ist kastanienbraun.

miniatur|links|Kiefernsaftlecker, Weibchen Weibchen sind auf der Oberseite auf gelbbräunlichem Grund dicht dunkelbraun oder dunkelgrau gebändert und gefleckt. Bürzel und Oberschwanzdecken sind wie beim Männchen weiß. Die Unterseite weist im Wesentlichen die Färbung und Zeichnung der Oberseite auf. Brust und Kehle sind schwarz, im Kehlzentrum meist gelbbraun und in Einzelfällen auch leicht rötlich. Die untere Brust und der Oberbauch sind fahl gelb. Die Kopffärbung ist variabel, meist überwiegen jedoch Braun- oder Gelbbraunfärbungen. Oft ist eine dunkle Strichelung, insbesondere im Scheitelbereich, erkennbar.

Jungvögel ähneln Altvögeln des jeweiligen Geschlechts. Ihre Färbung ist jedoch blasser und weniger kontrastreich. Männliche Jungvögel haben eine weiße Kehle und zeigen oft auch auf der Oberseite kleine weiße Zeichnungen, vor allem im Nackenbereich. Junge Weibchen sind insgesamt bräunlicher als ausgefärbte, die Bänderung von Ober- und Unterseite ist deutlicher; vor allem ist bei ihnen auch der Brustbereich gebändert. Jungvögel verlassen komplett ins Jugendgefieder vermausert die Bruthöhle; die Mauser ins erste Erwachsenengefieder ist im Herbst ihres Geburtsjahres abgeschlossen.Dobbs et al. (1997) Moult

Lautäußerungen

Kiefernsaftlecker sind in der Balz- und frühen Brutzeit akustisch sehr auffällig. Die Art verfügt über eine Reihe höchst charakteristischer Lautäußerungen. Häufigster Ruf ist ein Kreischen, das etwas an das von Küstenseeschwalben erinnert. Dieses wird vor allem vom Männchen im territorialen oder sexuellen Kontext geäußert, häufig nach oder zwischen Trommelwirbeln. Entsprechende Rufe des Weibchens sind höher und schärfer. Daneben ist häufig ein unterschiedlich modulierter, recht scharfer, mehrfach gereihter Ruf zu hören, der sich etwa mit Krrrrrj transkribieren lässt. Er wird vor allem als Alarmruf eingesetzt und erinnert etwas an solche kleiner Lappentaucher. Sehr charakteristisch ist das Trommeln dieser Art: Die Trommelfolgen bestehen aus einem recht kurzen Trommelwirbel, dem zwei bis vier ganz kurze Wirbel oder auch nur Einzelschläge folgen (Stimmbeispiel).

Verbreitung und Lebensraum miniatur|Verbreitungsgebiet des Kiefernsaftleckersgelb: mehrheitlich Zugvögelgrüngelb: meist Jahresvögelblau: Hauptüberwinterungsgebietehellblau: gelegentliche Überwinterer und Zieher Die Hauptverbreitungsgebiete der Art liegen in den Rocky Mountains und im Kaskadengebirge. Die Vorkommen in den Rocky Mountains erstrecken sich in einem unterschiedlich breiten Band von Montana und Wyoming südwärts bis Zentralarizona und New Mexico. Die westlichen, dem Pazifik näheren Verbreitungsgebiete beginnen im Norden im südlichen British Columbia und reichen mit einigen Verbreitungslücken südwärts bis Zentralkalifornien. Dazwischen, östlich der Rocky Mountains, vor allem aber westlich und südlich der Kaskadenkette liegen einige Verbreitungsinseln. Die südlichsten bekannten Brutgebiete befinden sich in der Sierra San Pedro Mártir in Niederkalifornien.

Kiefernsaftlecker sind Vögel höherer Lagen. Im Norden ihres Verbreitungsgebietes liegen ihre niedrigsten Brutplätze auf etwa 800 Meter, im zentralen und südlichen Teil meist nicht unter 1500 Meter. Die höchstgelegenen wurden auf über 3000 Meter festgestellt.Dobbs et al. (1997) Distribution

miniatur|hochkant=1|Lebensraum der Art in Oregon Die Lebensräume der Art bilden vor allem Nadelwälder unterschiedlicher Zusammensetzung, die neben einem ausreichenden Nahrungsangebot stehendes Totholz zur Anlage der Nisthöhlen bieten müssen. In British Columbia sind es vor allem gemischte Tannen-Fichten-Bestände mit einem gewissen Anteil der Westamerikanischen Lärche. Weiter südlich werden Mischbestände mit Douglasien, Küstenkiefern und Gelb-Kiefern besiedelt. Gebiete, in denen einzelne Amerikanische Zitterpappeln eingestreut sind, scheinen besonders attraktiv zu sein. Diese Laubbaumart ist der bevorzugte Höhlenbaum und beeinflusst die Bestandsdichte offenbar wesentlich.Dobbs et al. (1997) Breeding Range Kiefernsaftlecker besiedeln vor allem Hochtäler, weniger häufig Kamm- oder Hanglagen.Winkler et al. (1995) S. 224.

Während der Zugzeit rasten die Spechte in unterschiedlich zusammengesetzten Wäldern, flussbegleitenden Gehölzen und Hainen. Den Winter verbringen sie vor allem in Kiefern-Eichen- und Eichen-Wacholder-Beständen. Im Allgemeinen halten sich Kiefernsaftlecker im Winter in niedrigeren Lagen auf als während der Brutzeit, wobei die Männchen meist die etwas höheren Bereiche bevorzugen. Nur in den südlichsten Überwinterungsgebieten werden auch während der Wintermonate Höhenlagen über 3000 Meter, insbesondere in Eichen-Kiefern-Beständen, aufgesucht.Winkler et al. (1995) S. 224.

Raumbedarf

Kiefernsaftlecker sind zumindest während der Brutzeit territorial. Zur Größe der Territorien liegen nur wenige, kleine Untersuchungen vor. Sie ergaben durchschnittliche Größen von 4–10 Hektar.Dobbs et al. (1997) Territoriality Die Siedlungsdichte ist innerhalb des Verbreitungsgebietes sehr unterschiedlich und offenbar maßgeblich vom Angebot an geeigneten Nistbäumen abhängig.Dobbs et al. (1997) Breeding Range Wenige Angaben reichen von einem Brutpaar/40 Hektar in Kalifornien und etwas über 4 Brutpaaren/40 Hektar in Colorado.Dobbs et al. (1997) Territoriality

Wanderungen

Die nördlichen Populationen dieser Art sind Zugvögel, die südlichen sind Teilzieher oder verbleiben im Brutgebiet. Vögel höherer Lagen ziehen in tiefer gelegene Gebiete. Kiefernsaftlecker der Unterart S. t. nataliae sind im höheren Maße Zugvögel als die der Nominatform, sie ziehen auch weiter nach Süden. Weibchen beider Unterarten scheinen eine größere Zugbereitschaft zu haben und größere Distanzen zurückzulegen als Männchen.

Erste Zugbewegungen beginnen in British Columbia Anfang September, gegen Ende des Monats sind die meisten Brutplätze geräumt. Der Heimzug beginnt früh. In Arizona sind einige Brutplätze bereits Ende Februar wieder besetzt, die meisten im März. In den Nordweststaaten erscheinen die ersten Kiefernsaftlecker Mitte März. Wahrscheinlich ziehen sie in kleinen Gruppen, zumindest werden zur Zugzeit häufig solche beobachtet, zuweilen auch mit Gruppen des Feuerkopf-Saftleckers vergesellschaftet.Dobbs et al. (1997) Migration

Die Winterquartiere der ziehenden Populationen liegen südlich der Brutgebiete oder/und in tiefer gelegenen Regionen. Im Süden reichen die Winterquartiere bis nach Baja California und zu den zentralmexikanischen Provinzen Jalisco und Michoacán, ostwärts wurden gelegentlich Überwinterer im südlichen Texas und im südwestlichen Louisiana beobachtet.Dobbs et al. (1997) Winter Range

Nahrung und Nahrungserwerb miniatur|Die Früchte des Pazifischen Erdbeerbaumes bilden im Herbst und Winter eine wichtige Nahrungsergänzung Wie bei allen Saftleckern ist die Nahrungszusammenstellung des Kiefernsaftleckers saisonal sehr unterschiedlich. Außerhalb der Brutzeit besteht die Nahrung zu einem Großteil aus Baumsäften und Phloem, im Winter auch aus Früchten und Beeren. Während der Brutzeit und im Winter, wenn die Baumsäfte nicht fließen, ernährt sich die Art vorwiegend von Insekten, insbesondere von Ameisen. Diese stellen auch das Aufzuchtfutter der Jungen dar.

Bevorzugte Saftlieferanten sind Pinienarten, vor allem die Gelb-Kiefer. Daneben spielen Douglasien, Küstenkiefern, Jeffreys Kiefern und unter den Laubbäumen Espen eine insgesamt untergeordnetere Rolle, können regional jedoch die wichtigsten Saftbäume sein. In diese Saftbäume schlägt diese Spechtart in konzentrischen Kreisen flache, leicht nach unten geneigte Napflöcher, in denen sich der Baumsaft sammelt. Daneben lösen Kiefernsaftlecker auch großflächig Rinde vom Stamm, um einerseits den austretenden Baumsaft zu gewinnen, andererseits ernähren sie sich auch vom Rindenbast, den sie von der Innenseite der Rindenstücke lösen. Im Herbst und Winter können Früchte und Beeren eine wichtige Nahrungsergänzung darstellen. Besonders begehrt sind die Früchte des Amerikanischen Erdbeerbaums, aber auch Wacholderbeeren, andere Früchte und Beeren und Obst werden aufgenommen.