mini|hochkant=0.8|klasse=skin-invert|Hugenottenkreuz, als Schmuck getragen von vielen französischen Calvinisten mini|300px|Städte mit reformierter Bevölkerung innerhalb Frankreichs um 1685 (spanischsprachige Karte). Die Stadt La Rochelle im Westen an der Atlantikküste war bis zur Niederlage von 1629 die führende hugenottische Hochburg in Frankreich. Danach mussten alle places de sûreté ausnahmslos ihre Festungsanlagen niederreißen. Hugenotten ist die etwa seit 1560 gebräuchliche Bezeichnung für die französischen Protestanten im vorrevolutionären Frankreich. Ihr Glaube war der Calvinismus, die aus den 1530er Jahren stammende Lehre Johannes Calvins. Seit dem Edikt von Nantes 1598 bezeichnete man die Hugenotten offiziell als Religionisten (religionnaires), ihre Konfession wurde in staatlichen Urkunden als die sogenannte reformierte Religion (Religion prétendue réformée, R.P.R.) bezeichnet. Laut Patrick Cabanel stellten die Hugenotten 1560 etwa 2 Millionen Menschen oder 12,5 Prozent der damaligen französischen Gesamtbevölkerung; andere Autoren wie Hans Joachim Hillerbrand gehen von 10 Prozent um 1572 aus, was gleichfalls 2 Millionen Menschen ergibt. Geographisch wurden vor allem Poitou und Okzitanien hugenottisch.
In den 1520er Jahren war der frühe Protestantismus nur im Umkreis der Intellektuellen um Margarete von Angoulême (Cénacle de Meaux, „Kreis von Meaux“) toleriert. Allgemein führte der mächtige katholische Klerus sofort starke Verfolgung ein. Die erste Hinrichtung wird auf 1523 datiert. Ab der Plakataffäre 1534 wurde die Glaubensausübung der protestantischen Franzosen durch Franz I. unterdrückt. Sie wurden in den Untergrund gedrängt, und es kam zu einer ersten Fluchtwelle. Trotz Unterdrückung konnte die Reformation sich aber heimlich weiterentwickeln.
Es folgten in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gewalttätige Auseinandersetzungen, die als Hugenottenkriege (1562–1598) bekannt sind. Auch auf protestantischer Seite kam es zu Gewalt und Ausschreitungen: So wurden katholische Gebäude von aufgebrachten Calvinisten zerstört oder geplündert, unter anderem 1567 die Kathedrale von Soissons und 1589 das Kloster Cîteaux. Es gab auch Massaker gegen Katholiken wie z. B. die Michelade von Nîmes.
1589 bestieg der Hugenotte Heinrich von Navarra den Thron Frankreichs. Bis zu seiner Abjuration 1593 agierten die Generalstände wegen der Opposition eines Großteils der Adeligen gegen den König. Durch die Bestimmung des Parlement de Paris forderte die loi salique einen römisch-katholischen König. Infolgedessen weigerten sich viele, Heinrich als König anzuerkennen.Marcel Couturier, « Le sacre du roi Henri IV en 1594 », Bulletin de la Société archéologique d’Eure-et-Loir, no 40, janvier 1994 Der letzte Anhänger der Katholischen Liga, der Herzog von Mercœur, erkannte Heinrich IV. nach einer Bestechung von 4.300.000 livres an.Philippe Emmanuel de Lorraine, duc de Mercœur, prétendant au Duché de Bretagne – Histoire locale de la commune de Glénac dans le Morbihan.
Nach dem Edikt von Nantes 1598 gab es etwa zwanzig Jahre Frieden. In dieser Zeit konnte Frankreich seine Vormachtstellung in Europa wiedergewinnen und zur Kolonialmacht aufsteigen.
1621 brachen als Folge des sich entwickelten französischen Absolutismus hugenottische Aufstände aus, die mit dem Gnadenedikt von Alès 1629 endeten. Ludwig XIII. entzog die politischen und militärischen Rechte, die als Unabhängigkeit der Hugenotten in Frankreich (Etat dans l’État) angesehen wurden, aber die Religionsfreiheit blieb garantiert. Auch Ludwig XIV. bestätigte 1652 die entsprechende Klausel des Edikts.
1661 begannen starke Verfolgungen, die unter Ludwig XIV. durch das Edikt von Fontainebleau ab 1685 einen Höhepunkt erreichten und eine Fluchtwelle von etwa einer Viertelmillion Hugenotten in die protestantischen Gebiete Europas und in Übersee auslösten. Daraufhin wurde fast das ganze Königreich von Hugenotten geräumt. Einzige Ausnahme bildeten die Cevennen im nordöstlichen Languedoc – Schauplatz des Cevennenkriegs. Die Verfolgung in Frankreich endete 1787 mit dem Edikt von Versailles. Nach dem Inkrafttreten der französischen Verfassung von 1791 setzte sich nun immer mehr die Bezeichnung „Protestanten“ durch.
Etymologie Das Wort Hugenotten geht möglicherweise auf den frühneuhochdeutschen (alemannischen) Begriff Eidgenosse zurück und zeigt damit Verbindungen zu Genf. Es erscheint im Französischen zuerst zu Beginn des 16. Jahrhunderts in der Form eygenot als Bezeichnung für die Anhänger einer politischen Partei im Kanton Genf, die gegen die Annexionsversuche des Herzogs von Savoyen kämpften und darum 1526 einen Bund zwischen Genf und den eidgenössischen Orten Freiburg und Bern schlossen. Diese Eygenots oder Eugenots waren zu Beginn Katholiken,Emil Dönges: Wilhelm Farel. Ein Reformator der französischen Schweiz. Durchges. 2. Auflage (1. Auflage 1897). Ernst-Paulus-Verlag, Neustadt/Weinstraße 1993, S. 104. denn Genf wurde erst 1536 reformiert. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde der Begriff zunehmend und in Abgrenzung zum katholischen Savoyen im Sinne von „Protestant, Reformierter“ verwendet, darunter vom Fürsten von Condé im Jahre 1562 in der Form aignos. Auch der Genfer Freiheitskämpfer Besançon Hugues wird als Pate bei der Namensgebung in Betracht gezogen.
Eine weitere Vermutung sieht den Wortursprung in der Bezeichnung „Huis Genooten“ (Hausgenossen) für flämische Protestanten, die im Geheimen die Bibel studierten. Sicher lässt sich die Herkunft des Wortes nicht herleiten, jedoch gilt als unstrittig, dass der Name nicht als Eigenbezeichnung der Gläubigen, sondern als diskreditierender Spottbegriff entstand.
Vor diesem Hintergrund wird schließlich noch folgende Begriffsableitung angeboten: In manchen Regionen Frankreichs konnten sich die Protestanten im 16. Jahrhundert, aus Gründen der Verfolgung, nur heimlich treffen. Sie zogen daher bei Nacht zu ihren Versammlungspunkten, die vielfach außerhalb der Ortschaften lagen. Hier spielt Dantes Göttliche Komödie, die in Frankreich in dieser Zeit sehr bekannt war, hinein. In ihr trifft Dante den französischen König Hugues (Hugo) Capet im Fegefeuer herumirrend an. In einer Rede bezeichnet der König sich dabei selbst als „die Wurzel des üblen Baums“, der die Christenheit überschattet habe.Dante: Divina commedia, Purgatorio 20, 16–123 In Analogie dazu werden die „herumirrenden“ Protestanten als kleine Hugos, als „Hugenotten“ bezeichnet.
Überblick mini|300px|Violett gefärbt sind im 16. Jahrhundert hugenottische Gebiete auf der Karte Frankreichs (in den Grenzen von 1685). Hellviolett sind in französischen Religionskriegen umstrittene Gebiete. Gelistet sind places de sûreté protestantes. Blau gefärbt sind zumeist deutschsprachige lutherische Gebiete des Elsaß, die Frankreich 1648 annektierte. Im Wesentlichen wurden ein westlicher (Poitou) und ein südlicher Teil (Le Midi/Okzitanien) Frankreichs zum Hauptgebiet der Reformation.
Unter den hugenottischen Hochburgen waren die historische Provinzen Aunis (mit Hauptort La Rochelle), Saintonge, Poitou, Limousin, Béarn (darunter Navarra), Foix, Languedoc und Dauphiné (südlichste Teile beider dieser Provinzen blieben römisch-katholisch). Ungefähr gleichgeteilt waren Aquitanien (darunter Labourd, eher hugenottische Gascogne und eher römisch-katholische Guyenne), Angoumois und Auvergne. Nur zu einem kleinen Teil hugenottisch beeinflusst waren Anjou (zumeist Saumurois), Orléanais, La Marche, Bourbonnais, Nivernais, Touraine, Maine und Côtes-d’Armor (ein Teil der Bretagne).
1704 blieb nur ein in den Gebirgen (Cevennen) befindlicher nordöstlicher Teil des Languedoc (vor allem Gard, Vivarais und Ardèche) und ein an diese Gebiete angrenzender Teil der Dauphiné (Drôme) beim reformierten Glauben. Jahr Zahl der Hugenotten in Frankreich 1519 Keine 1560 1.800.000 1572 2.000.000 1610 1.200.000 1629 1.000.000 1661 900.000 1685 800.000 1700 weniger als 200.000 Die Verfolgung wird mit dem Edikt von Versailles 1787 aufgehoben. Jahr Zahl der reformierten Protestanten in Frankreich 1789 weniger als 200.000 1851 481.000 2013 250.000
Geschichte Anfänge der Reformation in Frankreich mini|hochkant|Margarete von Navarra (Schwester von König Franz I.) sympathisierte mit Luther und förderte protestantische Intellektuelle innerhalb Frankreichs Um die Zeit, als in Deutschland durch die Thesen Luthers die Reformation begonnen hatte (1517), gab es in Frankreich eine Situation, in der das Luthersche Gedankengut auf fruchtbaren Boden fallen konnte:
Franz I., der Frankreich seit 1515 regierte, hatte zu dieser Zeit die katholische Kirche zunehmend zu einem Verwaltungsorgan des Staates aus- und umgebaut: Seit dem Konkordat von Bologna 1516 hatte er das Recht, die hohen Ämter der französischen Kirche nach eigenem Willen zu besetzen. Er nutzte dies geschickt, um den französischen Hochadel in den entsprechenden Positionen unterzubringen und ihn sich auf diese Weise zu verpflichten. Die Infrastruktur der Kirche war für Franz ebenfalls von Bedeutung: Ihre Präsenz in allen Städten und Dörfern, die hohe Reichweite, die die Pfarrer in ihren Gemeinden erzielen konnten, und die Kirchenbücher, in denen die Pfarreien Taufen, Trauungen und Todesfälle verzeichneten, waren Elemente, die er für verwaltungstechnische Aufgaben, z. B. zur Veröffentlichung von Edikten, nutzen konnte.
In Paris führte diese Verweltlichung zum Widerspruch humanistischer Kreise, insbesondere des Kreises um Erasmus von Rotterdam (Didier Érasme) und Jacques Lefèvre d’Étaples (Jakob Faber). Um 1520 begann man in diesen Zirkeln die Thesen Luthers zu diskutieren, die die Heilige Schrift zum Maßstab des Glaubens machten und die Trennung von Staat und Kirche forderten. Die theologischen Thesen Luthers wurden zunächst auch vom Königshaus eher positiv aufgenommen. So waren die Schwester des Königs, Margarete von Navarra, und der Bischof von Bayonne, Jean du Bellay, sowie dessen Bruder Guillaume Mitglieder der Gruppe um Lefèvre.
Franz I., ohnehin sehr aufgeklärt und aufgeschlossen, zudem wohl durch seine Schwester beeinflusst, zeigte sich gegenüber den theologischen Aspekten der beginnenden Reformationsbewegung ebenfalls nicht abgeneigt. So hielt er zum Beispiel seine schützende Hand über Lefèvre, als gegen diesen nach einer Abhandlung über Maria Magdalena ein Prozess wegen Ketzerei angestrengt worden war. Eine Reform der Kirche von innen her war, zumindest was die theologischen Deutungen angeht, nichts, was Franz I. hätte fürchten müssen.
Der reformatorische Gedanke durfte also zunächst, in der Zeit etwa um 1520, auch in Frankreich Fuß fassen. Von den Humanisten fand er auch rasch seinen Weg ins gehobene Bürgertum, wo die vorhandenen, weitreichenden Handelsbeziehungen nicht nur Waren schnell verbreiten halfen, sondern auch Ideen.
Beginnende Verfolgung Bald setzte eine katholische Gegenbewegung ein. Amtsträger der Kirche sahen ihre Lehren und ihre Macht durch die aufkommende Bewegung gefährdet: 1521 wurde Luther vom Papst exkommuniziert, die Pariser Universität Sorbonne verdammte seine Lehren.
Franz I. geriet dadurch zunehmend unter Druck, und zwar aus zwei Gründen:
Der erste war innenpolitischer Natur, da die Verwaltung des Staates in der Hand der katholischen Kirche lag: Nach 1520 wurde schnell deutlich, dass die Reformation eben nicht nur eine theologische Angelegenheit war, die sich in den Studierzimmern der Gelehrten breit machte, sondern dass die Thesen die bestehende klerikale (und eng damit verbunden auch die weltliche) Machtstruktur anzugreifen begannen. Franz konnte kein Interesse daran haben, dass die Reformer jetzt am Stuhl derjenigen Adeligen sägten, denen er gerade kirchliche Ämter, Würden und Einnahmequellen verschafft hatte und die eine wesentliche Stütze seiner Herrschaft über Frankreich waren.