mini|Grundriss des Rundlingsdorfes Köhlen im Wendland, 1830 mini|Gebäude um den Dorfplatz im Rundling Lensian im Wendland, 1865 mini|Gebäude um den Dorfplatz im Rundling Güstritz im Wendland, 2013 Ein Rundling (auch Runddorf, Rundlingsdorf) ist eine dörfliche Siedlungsform, in welcher in der Frühzeit des Landesausbaus zu deutschem Recht eine überwiegend slawische Bevölkerung von einem örtlichen Grundherrn in einem geplanten Vorgang angesiedelt oder neu zusammengefasst wurde, wobei die Höfe keil- oder sektorenförmig um einen runden oder ovalen Platz gruppiert sind, der bei der Anlage nur über einen Zugang verfügte.Definition in Anlehnung an Matthias Hardt: Rundling. In: RGA, Band 25, Berlin/New York 2003, Seiten 493–495.

Die Verbreitung des Rundlings beschränkt sich auf einen Streifen zwischen Ostsee und Erzgebirge, der in einer mittelalterlichen Kontaktzone zwischen Deutschen und Slawen verläuft.Matthias Hardt, Hans K. Schulze: Altmark und Wendland als deutsch-slawische Kontaktzone. In: Hans K. Schulze (Hrsg.): Siedlung, Wirtschaft und Verfassung im Mittelalter. Ausgewählte Aufsätze zur Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands. (Quellen und Forschungen zur Geschichte Sachsen-Anhalts Band 5), Köln/Weimar/Wien 2006, Seite 90. Innerhalb dieses Verbreitungsgebietes haben sich Rundlinge im hannoverschen Wendland am besten erhalten.

Lage Rundlinge liegen jeweils an einer erhöhten Stelle nahe einer Niederung mit einem Gewässer. Die Zuwegung kommt von der erhöht und trocken gelegenen Ackerflur, die Sackgasse besteht in Richtung der feuchten Niederung mit Wiesenflächen.

Beschreibung mini|Vereinfachtes Beispiel eines Rundlings mit einer Zuwegung Der Rundling zeichnet sich dadurch aus, dass die Höfe des Dorfes sich keil- oder sektorförmig um einen Platz gruppieren.

Bei der Gebäudeform gab es kein typisches Rundlingshaus. In Rundlingen können alle traditionellen dörflichen Hausformen angetroffen werden. Vorherrschend ist jedoch das Hallenhaus in Giebelstellung.

Aufgrund der Nähe zur Niederung findet sich innerhalb des Rundlings kein Dorfteich. Auch Kirchen oder Kapellen sind für die Zeit der Anlage am Dorfplatz nicht belegt. Diese wurden später vor dem Dorf errichtet.

Es gibt unter den gewachsenen und geplanten bäuerlichen Siedlungsgebilden der europäischen Landschaften keine andere Dorfform, die eine derartige bauliche Geschlossenheit bietet. Die Ausrichtung aller Höfe mit dem Giebel der Hauptgebäude zum Dorfplatz hin ist der bestimmende Ausdruck dieser Siedlungsweise und Dorfkultur.

Entstehung Ein Rundling entstand aus zunächst wenigen, hufeisen- oder halbkreisförmig angeordneten Höfen, die durch Teilung oder Zusiedlung weiterer Gehöfte schließlich eine radiale Form ausbildeten.Wolfgang Meibeyer, Rundlingsdörfer im hannoverschen Wendland und in anderen Gebieten in: Roderich Schmidt (Hrsg.): Wendland und Altmark in historischer und sprachwissenschaftlicher Sicht, Lüneburg 1992, Seite 66f. mit einer graphischen Darstellung der Entwicklung des Rundlings Belitz (Seite 71) Dabei werden für die Gründungsphase zwischen drei und zehn Höfe angenommen. Die anschließende Bebauung der Lücken konnte sich über Jahrhunderte erstrecken. Mit dem fast vollständigen Kreisschluss, so dass als einzige Lücke nur noch die Zuwegung verblieb, war die weitere Entwicklungsmöglichkeit innerhalb des Rundlings erloschen. Wurden in einem solchen Fall entlang des Zufahrtsweges weitere Gehöfte angelegt, entstand ein Sackgassendorf.

Entstehungszeit Über die Entstehungszeit der meisten Rundlinge ist wenig bekannt. Die ältesten Rundlinge finden sich bereits in Urkunden des 9. Jahrhunderts im Ilmenaugebiet des Landkreises Uelzen erwähnt, also an der Westgrenze des damaligen slawischen Siedlungsgebietes. Im Wendland stammen die ersten Erwähnungen aus dem 11. und 12. Jahrhundert. Ob zu diesem Zeitpunkt bereits eine Rundlingsform ausgebildet war, ergibt sich aus den Urkundentexten nicht, ebenso wenig die genaue Siedlungsstelle. Großflächig erfolgt die erstmalige urkundliche Nennung von Rundlingen im 14. Jahrhundert, teilweise auch mit Hinweisen auf die Anlage in runder Form. Allgemein wird heute von einer Entstehung etwa ab dem Jahr 1150 ausgegangen.Anneliese Krenzlin: Das Rundlingsproblem. Nachwort zur 2. Auflage von Anneliese Krenzlin: Die Kulturlandschaft des Hannoverschen Wendlandes. (Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde. Band 28), Stuttgart 1931 (1969, Seite 107); Wolfgang Meibeyer: Der Rundling - eine koloniale Siedlungsform des hohen Mittelalters. In: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte Band 44 (1972), Seite 27 ff.; Matthias Hardt, Hans K. Schulze: Altmark und Wendland als deutsch-slawische Kontaktzone. In: Hans K. Schulze (Hrsg.): Siedlung, Wirtschaft und Verfassung im Mittelalter. Ausgewählte Aufsätze zur Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands. (Quellen und Forschungen zur Geschichte Sachsen-Anhalts Band 5), Köln/Weimar/Wien 2006, Seite 90 f. Hauptargument für diese Datierung ist das völlige Fehlen slawischer Scherbenfunde an den Standorten der Rundlinge. Die Rundlinge können also erst zu einem Zeitpunkt angelegt worden sein, als slawische Keramik nicht mehr benutzt wurde.Matthias Hardt: Das „slawische Dorf“ und seine kolonisationszeitliche Umformung nach schriftlichen und historisch-geographischen Quellen. In: Siedlungsforschung. Archäologie - Geschichte - Geographie 17, 1999, Seite 283 f. Das war frühestens ab dem Wendenkreuzzug der Fall.

Entstehungstheorien Die besondere Form der Dörfer hat seit Mitte des 19. Jahrhunderts zu verschiedenen Thesen über deren Entstehung geführt, deren wissenschaftliche Diskussion noch nicht abgeschlossen ist.Überblick zum Diskussionsstand 2003 bei: Matthias Hardt: Rundling. In: RGA, Band 25, Berlin/New York 2003, Seite 494

Zunächst herrschte die Auffassung vor, der Rundling sei eine Siedlungsform der germanischen Frühzeit. Das erwies sich als ebenso wenig stichhaltig wie die Annahme, es handele sich um eine genuin slawische Siedlungsform. Nicht belegbar war auch die Annahme, es handele sich um eine innovative Siedlungsform der fränkischen Staatskolonisation des 9. Jahrhunderts.H.-J. Nitz: Grenzzonen als Innovationsräume der Siedlungsplanung - dargestellt am Beispiel der fränkisch-deutschen Nordostgrenze im 8.–11. Jahrhundert. In: Siedlungsforschun. Archäologie - Geschichte - Geographie 9, 1991, Seite 124. Aufgrund der Ergebnisse der Toponomastik, der Siedlungsforschung, der Archäologie und der Namensforschung besteht heute im Wesentlichen Einigkeit, dass der Rundling eine geplant angelegte Siedlungsform aus der Frühzeit des hochmittelalterlichen Landesausbaus ist. Weiter besteht Einigkeit, dass es sich bei den Bewohnern überwiegend um Slawen gehandelt hat. Umstritten ist, ob diese sich autonom, etwa in Ansehung der von deutschen Siedlern geübten Wirtschaftsweise, oder erst auf Veranlassung lokaler Grundherren zu dörflichen Gemeinschaften nach deutschem Recht zusammengeschlossen haben oder angesiedelt wurden. Die herrschende Meinung tendiert ganz klar zur letzteren Ansicht. Danach sind die Rundlinge unter sächsischer Herrschaft von Polaben angelegt worden, die ihre Siedlungen in den benachbarten Niederungen von Elbe und Jeetzel aufgrund steigender Wasserstände verlassen mussten.Matthias Hardt: Slawen. In: Michael Borgolte: Migrationen im Mittelalter. De Gruyter, Berlin/Boston 2014 S. 171–181, hier S. 179. Demgegenüber hat sich die Vermutung einer Zwangsansiedlung kriegsgefangener Slawen durch die sächsischen Grafen nicht bestätigt.

Gänzlich ungeklärt ist nach wie vor der Zweck einer Ansiedlung in Rundform. Weder der Wehr- oder Kultplatzgedanke noch die Einordnung als Viehkral konnten bislang belegt werden. Auch die Ansprache als Modeerscheinung wird verworfen, weil die Anlageform aufgrund ihrer Endlichkeit ineffektiv ist. Anhand der Grabungsergebnisse von Dessau-Mosigkau und der Siedlung am Machnower Krummen Fenn wurde deshalb immer wieder diskutiert, ob der Rundling nicht doch auf den formenmäßigen VorläuferRundlinge und Slawen, Beiträge zur Rundlingsforschung: „Der slawische Rundweiler …als Vorläufer des…Rundlings der mittelalterlichen …Kolonisation“ eines slawischen Rundweilers zurückzuführen ist und vom Grundherrn zugestanden wurde.

Im Ergebnis wird deshalb heute davon ausgegangen, dass der Rundling infolge seines fast durchgängig slawischen Ortsnamens, der slawischen Herkunft des Namens der überwiegenden Zahl seiner Bewohner in den Namenslisten des 15. Jahrhunderts, des Fehlens slawischer Keramik aus Fundstellen in Rundlingen, der im Wendland noch bis ins 17. Jahrhundert gesprochenen polabischen Sprache und der Ausbildung einer auf Getreideproduktion ausgerichteten Flur um eine Siedlungsart handelt, die ab 1150 von örtlichen Grundherren zur Intensivierung der für sie lukrativen Getreideproduktion durch Zusammenfassung der zuvor in den Niederungen siedelnden slawischen Bewohner entstanden ist.

Entwicklung mini|Lageplan von Lensian mit einer den Rundling durchschneidenden Straße (nachträglich eingefärbt), 1831 Die Entwicklung der Rundlinge nahm einen regional unterschiedlichen Verlauf. Während beispielsweise in Schleswig-Holstein bereits ab dem 13. Jahrhundert unter dem Eindruck einer zweiten Siedlungswelle eine starke Überformung eintrat, wurden die Rundlinge im Wendland weiter verdichtet. Die Bevölkerung der dortigen Rundlingsdörfer wuchs in Abhängigkeit von Bodengüte und Ertrag. Deshalb kam es in der fruchtbareren niederen Geest verhältnismäßig früh zu Nachsiedlungen und ehemals Halbrunde entwickelten sich zum Rundling, während sich in der hohen Geest mit leichten Böden die Halbrunden erhielten. Zu der Gruppe der ersten Siedler, der Vollhufner, kamen seit dem 14. Jahrhundert in den meisten Dörfern etwa einem Viertelhufner gleichgestellte Nachsiedler (Kossater) hinzu, deren Ansiedlung oft den Abschluss des Dorfplatzes in runder Form bewirkte. Die im 15. bis 17. Jahrhundert zu verfolgende Teilung der Vollhufen in Halb-, Drittel- und Viertelhufen führte dazu, dass zahlreiche Hauptgebäude auf die Hofplätze zurückgenommen werden mussten. Auch hierdurch konnten aus kleinen Halbrunden noch Rundlinge entstehen. Ebenfalls zu einer weiteren Verdichtung trugen im 15. bis 17. Jahrhundert erneute Nachsiedlungen durch Kossater sowie Brinksitzer, An- und Abbauer bei.

Demgegenüber führten mittelalterliche Wüstungs­prozesse auch im Wendland zur völligen Aufgabe von Rundlingen. Auch hatten zahlreiche Brände der weichgedeckten Häuser meist verheerende Auswirkungen und führten zur Ausdünnung der engen Bebauung, in einigen Fällen auch zur teilweisen oder völligen Neuordnung der Siedlungsform.

In neuerer Zeit, aber auch schon in früheren Jahrhunderten, wurde der sackgassenartige Aufbau von Rundlingen durch den Straßenbau gestört. Dies geschah vielfach nach Bränden, wenn durch abgebrannte Gebäude Raum für Straßendurchbrüche war.

Verbreitungsgebiet mini|Grundriss des Dorfes Wendezell 1754 auf einer Informationstafel am Wendezeller Ring Das Verbreitungsgebiet des Rundlings erstreckte sich im Mittelalter vom östlichen Schleswig-Holstein und Westmecklenburg entlang der östlichen Teile der Landkreise Lüneburg und Uelzen in den Landkreis Lüchow-Dannenberg (= hann. Wendland); weiterhin im Landkreis Gifhorn, in der Altmark, im nördlichen Thüringen bis nach Sachsen.

Heute finden sich gut erhaltene Rundlinge hauptsächlich im Hannoverschen Wendland und in den angrenzenden Gebieten der benachbarten Landkreise.

Das westlichste Rundlingsdorf ist Wendezelle im Landkreis Peine.

Rundlinge im Wendland Der klassische Rundling im Wendland liegt abseits von großen Verkehrswegen und ist ursprünglich mit drei bis zehn keilförmigen Vollhofstellen sehr klein. Er hat üblicherweise nur einen einzigen Zugang. Die dicht nebeneinander stehenden niederdeutschen Hallenhäuser gruppieren sich um einen runden oder ovalen Dorfplatz, wobei die Wirtschaftsgiebel alle diesem Platz zugewandt sind.