Kyrill (in Skandinavien auch Lill-Per genannt) war ein Orkan, der am 18. und 19. Januar 2007 das öffentliche Leben in weiten Teilen Europas beeinträchtigte und in Böen Windgeschwindigkeiten bis zu 225 km/h erreichte. Er verursachte Schäden in Höhe von etwa 10 Milliarden US-Dollar, davon 5,5 Milliarden in Deutschland.Bernhard Weller et al. (2016): Baukonstruktion im Klimawandel. Springer Vieweg, ISBN 978-3-658-13010-7, S. 266 (online). US-Dollar in damaliger Kaufkraft. 47 Menschen starben, über eine Million Menschen waren zeitweilig ohne Strom. Betriebe, Behörden, Schulen, Universitäten und Kindergärten wurden vorzeitig geschlossen; es gab erhebliche Beeinträchtigungen im Verkehrssektor: Flüge mussten gestrichen, Fährverbindungen eingestellt und Straßen gesperrt werden. Der Bahnverkehr wurde in einigen Teilen Mitteleuropas zeitweise eingestellt, zehntausende Reisende waren betroffen.
Das Tiefdruckgebiet, aus dem sich der Orkan entwickelte, entstand am 15. Januar 2007 über Neufundland und zog danach Richtung Osten. Am 16. Januar wurden erste Unwettervorwarnungen veröffentlicht; später wurden für viele Teile Mitteleuropas amtliche Unwetterwarnungen veröffentlicht. Am 18. Januar 2007 erreichte es Mitteleuropa. Der Deutsche Wetterdienst bezeichnete den Orkan in der Nacht zum 19. Januar als den stärksten seit Lothar im Dezember 1999. Später schrieb er, Kyrill sei zwar ein sehr starker und großräumiger, aber nicht außergewöhnlicher Wintersturm gewesen.Gerhard Müller-Westermeier (Deutscher Wetterdienst): Beschreibung und klimatologische Bewertung des Orkantiefs „Kyrill“ (S. 5)
Namensgebung Das Institut für Meteorologie der Freien Universität (FU) Berlin vergibt die Namensbezeichnungen der Hoch- und Tiefdruckgebiete über Deutschland.Website der Aktion Wetterpate an der FU Berlin, die die Namen vergibt Tiefdruckgebiete 2007 (abgerufen am 1. März 2008) Der Name des Sturmtiefs, Kyrill ([], griechischer Vorname), ist auf eine Namenspatenschaft zurückzuführen, die eine Familie ihrem Vater namens Kyrill Genow zum 65. Geburtstag für ein Hochdruckgebiet schenken wollte. Da allerdings in ungeraden Jahren Hochdruckgebiete weibliche Namen bekommen (siehe Namensvergabe für Wetterereignisse), benannte man ein Tiefdruckgebiet nach ihm.
Verlauf Am 18. Januar um 7 Uhr zog das Zentrum des kräftigen Sturmtiefs Kyrill mit 966 hPa über Nordirland. Die Spitzenwindböen an der Südwestküste Englands lagen bereits bei 109 bis 120 km/h. In Deutschland zog unterdessen das Tief Jürgen nach Osteuropa ab und der bis dahin stürmisch wehende Wind flaute vorübergehend ab.
Gegen Mittag befand sich Kyrill schon über der südlichen Nordsee, Minimaldrücke unter 960 hPa wurden gemessen. Die Luftdruckunterschiede zwischen Nordfriesland und dem Oberrhein betrugen zu diesem Zeitpunkt 42 hPa. Eine solche Druckdifferenz hat es in Mitteleuropa seit vielen Jahren nicht mehr gegeben. Die Spitzenwindgeschwindigkeiten lagen im Vorfeld der Kaltfront zwischen Großbritannien, Nordfrankreich, Benelux, der Schweiz und weiten Teilen Deutschlands mit Ausnahme des Nordostens verbreitet bei Werten im Flachland von 90 bis 110 km/h. In den Mittelgebirgen, in den Alpen sowie an der Nordseeküste wurden verbreitet Orkanböen zwischen 120 und 150 km/h gemessen. Im Bereich der Kaltfront, die am Mittag von Großbritannien über die Nordsee bis nach Ostfriesland reichte, wurden gebietsweise Orkanböen bis ins Flachland gemessen.
In Mitteleuropa hatte sich verbreitet milde Luft mit bis zu 14 °C durchgesetzt. Die Passage der Kaltfront (Temperaturgegensätze) war dementsprechend turbulent: In ihrem Bereich kam es zu Starkregen, teils zu Gewittern mit Regenmengen bis zu 14,8 l/m² in einer Stunde, wie z. B. in Ostrhauderfehn. Bis zum Nachmittag kam es dann nahezu im ganzen Land zu orkanartigen Böen bis etwa 115 km/h. Die Küsten und Berge wurden von dem starken Orkan mit bis zu 187 km/h, wie auf dem Brocken im Harz, getroffen. Im Laufe des Nachmittages überquerte die Kaltfront den Norden und Westen Deutschlands, wobei gebietsweise auch im Flachland Orkanböen zwischen 120 und mehr als 130 km/h auftraten. In Deutschland, Tschechien, Polen und Schweden kam es im Zusammenhang mit der Kaltfront zudem zu mindestens 11 Tornados und mehreren Dutzend Verdachtsfällen.
Bis um 18 Uhr MEZ wurde der größte Druckgradient zwischen Nord- und Süddeutschland – also zwischen List/Sylt-Ellenbogen (962 hPa) und Waldshut-Tiengen (1013 hPa) – mit 51 hPa registriert, zwischen List/Sylt und Konstanz am Bodensee 46 hPa.
Auch in Polen, Tschechien, Österreich und der Schweiz machte sich der Orkan ab den späten Abendstunden des 18. Januar sowie in der Nacht zum 19. Januar bemerkbar. Im österreichischen Wolfsegg am Hausruck wurde ein neuer Allzeit-Böenrekord an einer Flachland-Messstation erreicht, als mit 148 km/h der bisherige Rekord aus dem Winter 1946 (Wien, 146 km/h) übertroffen wurde. In Zürich wurden Böenspitzen von 132 km/h erreicht – in Luzern 112 km/h. Auf dem Jungfraujoch wurden 150 km/h gemessen; 144 km/h waren es auf dem Säntis. Am Aletschgletscher wurde an der Konkordiahütte in 2850 m Höhe 225 km/h – Kyrills europaweite Spitzenbö – erreicht.MeteoSchweiz Karte Böenspitzen Wendelstein (Deutschland) und Feuerkogel (Österreich) erreichten Spitzenwindböen von etwas über 200 km/h.
Von Norddeutschland her setzte sich im Laufe der Nacht fortwährend Wetterberuhigung bis nach Süden durch. Orkantief Kyrill zog in der Nacht durch den weiterhin starken Jetstream rasch nach Osten über die Ostsee hinweg und befand sich mit 961 hPa am 19. Januar um 7 Uhr MEZ bereits über dem Baltikum. Die Prognosekarte des DWD vom 21. Januar 2007 prognostizierte Kyrill für den 22. Januar 2007 um 12 Uhr UTC über dem Weißen Meer.DWD-Wetterkarte 21. Januar 2007, 0:00 UTC, Website der Freien Universität Berlin, abgerufen am 1. März 2008
Die unübliche Zugbahn (deutlich südlicher als typische Wintertiefs) und die große Fläche des markanten Sturmfeldes gelten als besondere Merkmale von Kyrill.Meteomedia:
Vorbereitungen auf den Sturm Um Unfälle zu vermeiden, wurden in ganz Europa vielfältige Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Um auf durch den Sturm verursachte Schäden und Unfälle rasch reagieren zu können, wurden zudem zahlreiche staatliche und infrastrukturelle Einrichtungen und Unternehmen personell verstärkt.
An den Flughäfen London Heathrow und Frankfurt fielen zahlreiche Flüge aus, da auf Grund der Sturmböen die Staffelungsabstände der Flugbewegungen erhöht werden mussten und hierdurch die Kapazitäten der Flughäfen entsprechend sanken.CNN Der Spiegel: Das Neueste von ‚Kyrill‘ auf einen Blick, 18. Januar 2007
In Norddeutschland wurden aktuelle Wettermeldungen über Amateurfunkrelais ausgesendet, Funkamateure bereiteten sich auf den Notfunk/Katastrophenfunkbetrieb vor.
Deutschland mini|Tausende saßen in den Bahnhöfen fest. Die stehenden Züge wurden zum Schlafen geöffnet mini|Waldschaden durch Sturm Kyrill in Bürenbruch bei Schwerte-Ergste mini|Sturmschaden in der Nähe der Diedrichsburg bei Melle mini|Sturmkraftauswirkung im Detail, Tharandter Wald mini|Von Kyrill abgeräumter, zuvor komplett bewaldeter Hang auf den Lahnbergen bei Marburg
Am Mittag des 18. Januar wurde die 1000 Meter lange und 60 Meter hohe Talbrücke Reichenbach der A 71 im Thüringer Wald gesperrt, nachdem ein Lkw mit Anhänger durch eine Sturmbö ins Schleudern kam und der leere Anhänger auf das Brückengeländer kippteAuswirkungen des Sturmtiefs Kyrill auf den Autobahnen. eisenachonline.de, Polizeiberichte, aufgerufen am 18. Januar 2012. Nachmittags wurde die Kennedy-Brücke in Bonn sicherheitshalber für Fußgänger und Fahrradfahrer gesperrt. Gegen 18 Uhr folgten die Werratalbrücke Hedemünden (A7) und die Werratalbrücke Hörschel der A 4. In Düsseldorf wurden am frühen Abend die Rheinbrücke Düsseldorf-Flehe, die Rheinkniebrücke und die Oberkasseler Brücke gesperrt. Die A 45 („Sauerlandlinie“) wurde zwischen Hagen-Süd und Siegen auf einer Länge von über 75 km gesperrt. Die A45 hat dort viele hohe und damit windanfällige Talbrücken und verläuft quer zur Windrichtung von Kyrill.
Die Deutsche Bahn entschied zunächst, ihre mit bis zu 300 km/h verkehrenden ICE-Züge mit einer niedrigeren Geschwindigkeit fahren zu lassen, was Verspätungen verursachte.Die Welt: Der Sturm hat Deutschland fest im Griff Man befürchtete Sturmschäden an der Bahninfrastruktur, die Fahrzeuge hätten gefährden können.
Um das Bahnpersonal und die Fahrgäste in den Zügen oder in den Bahnhöfen und anderen Bahnanlagen nicht zu gefährden, wurde gegen 21:00 Uhr (bis 6:00 Uhr am darauffolgenden Tag) der Fernverkehr zum ersten Mal in der Geschichte der Deutschen Bahn auf dem gesamten Streckennetz vorsorglich eingestellt. In Bayern und in Teilen Nordrhein-Westfalens wurde auch der Regionalverkehr unterbrochen. In den übrigen Regionen wurde der S-Bahn- und Regionalverkehr größtenteils im Notbetrieb fortgesetzt, soweit dies nicht später durch Sturmschäden unmöglich wurde. Ab dem darauffolgenden Tag setzte die Bahn im Notbetrieb wieder einzelne Züge ein. Auf Grund der Reparaturarbeiten und weil die Umlaufpläne nicht mehr eingehalten werden konnten, war auch am 19. Januar nicht überall der reguläre Betrieb möglich, und im gesamten Bundesgebiet gab es erhebliche Verspätungen.
In vielen Schulen fiel der Unterricht präventiv ganz oder teilweise aus. Den Eltern in Berlin wurde es freigestellt, ihre Kinder wegen des aufziehenden Unwetters zu Hause zu behalten.Senat von Berlin: Schulbesuch bei extremer Wetterlage: Eltern entscheiden, 18. Januar 2007 In Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg, Bremen und Nordrhein-Westfalen sagten die Kultusministerien landesweit den Nachmittagsunterricht ab, um den Schülern eine sichere Heimfahrt zu ermöglichen. Auch in einigen Landkreisen Niedersachsens fiel der Unterricht aus. Den Schulleitern in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Hessen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen wurde es freigestellt, den Nachmittagsunterricht an ihren Schulen abzusagen. So fiel auch in diesen Bundesländern an den meisten Schulen der Nachmittagsunterricht aus, um das Risiko für die Schüler zu minimieren, und auch Kindergärten wurden früher geschlossen. Auch an manchen Universitäten und Fachhochschulen wurde der Lehrbetrieb eingestellt.
Wegen des Orkans fiel in einigen Gegenden Deutschlands, unter anderem in weiten Teilen Bayerns, in Südniedersachsen (Landkreis Holzminden, Landkreis Hameln-Pyrmont und Landkreis Hildesheim), in Teilen Hessens (Landkreis Limburg-Weilburg, Lahn-Dill-Kreis und Waldeck-Frankenberg) und im Kreis Siegen-Wittgenstein am darauffolgenden Freitag der Schulunterricht aus. Im übrigen Nordrhein-Westfalen sowie in Sachsen-Anhalt und Thüringen wurde die Entscheidung den Eltern und volljährigen Schülern überlassen.
An der deutschen Nordseeküste wurde eine Sturmflutwarnung ausgegeben. Zwei Mehrzweckschiffe des Bundes nahmen vorsorglich Positionen auf hoher See ein, um für Notschleppeinsätze zur Verfügung zu stehen. Entgegen zeitweiligen Erwartungen gab es keine Sturmflut an der Nordseeküste und auch keine hohe Belastung oder Gefährdung der ostfriesischen Deiche an Nordsee und Ems. Der Sturm zog schneller über die Deutsche Bucht hinweg als zunächst angenommen und der nachlassende Wind ließ das Wasser bereits wieder ablaufen, bevor der Gezeitenhub voll einsetzte. In Emden erreichte der Wasserstand zwei Meter über dem mittleren Hochwasserstand und in Bremen waren es 1,36 Meter. Die Hochwasserwerte waren damit rund zwei Meter niedriger als befürchtet.Die Welt: Sturmtief ‚Kyrill‘ forderte Dutzende Todesopfer, 19. Januar 2007
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