mini|250px|Roman Rosdolsky um 1960 in den USA mini|250px|Ehefrau Emily Rosdolsky im Gespräch mit Fritz Keller

Roman Rosdolsky (, wiss. Transliteration ; ; ; * 19. Juli 1898 in Lemberg, Österreich-Ungarn; † 20. Oktober 1967 in Detroit), Doktor der Politikwissenschaft (Dr. rer. pol.),Werner Röder, Herbert A. Strauss (Hrsg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. 3 Bände, K. G. Saur Verlag, München 1980–1983. Hier: Band 1, 1980: Politik, Wirtschaft, Öffentliches Leben. S. 158 f. (Als Faksimile im WBIS einsehbar.) war ein altösterreichischer Sozialhistoriker, marxistischer Ökonom und politischer Aktivist ukrainischer Volkszugehörigkeit. Obwohl er in der Nachkriegszeit nie Mitglied einer politischen Organisation war, gilt Rosdolsky auf Grund seiner politischen Nähe zu Leo Trotzki und der Linken Opposition als einflussreicher Vertreter des Trotzkismus. Er selbst bezeichnete sich als Marxist. Rosdolsky schrieb auch unter den Pseudonymen Roman Prokopovycz, P.Suk. Tenet sowie W.S.

Sein Hauptwerk Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen Kapitals hatte in den 1970er Jahren starken Einfluss auf die neomarxistische Debatte und galt innerhalb der neuen Linken als Einführung in die Kritik der politischen Ökonomie von Karl Marx.Michael Heinrich: Kommentierte Literaturliste zur Kritik der politischen Ökonomie. In: Elmar Altvater u. a.: Kapital.doc, Münster 1999. (; überprüft am: 4. März 2008) Bereits kurz nach Erscheinen wurde es zu einem Standardwerk der Marxforschung. Außerdem erlangte Rosdolsky Bekanntheit durch seine Kritik an den Positionen der marxistischen Klassiker zum Nationalitätenproblem, die er in seinem Werk Friedrich Engels und das Problem der geschichtslosen VölkerAndy Clarkson: Review: Engels and the ‚Nonhistoric‘ Peoples. In: Revolutionary History. 3, Nr. 2, Herbst 1990 (Online-Version; abgerufen am 28. August 2015) formulierte. Es handelt sich hierbei um eine überarbeitete Fassung seiner Doktorarbeit von 1929, Das Problem der geschichtslosen Völker bei K. Marx und Fr. Engels.

Rosdolsky war in seiner Jugend sozialistischer Revolutionär in Galizien. In der Zwischenkriegszeit lebte er in Wien im Exil, wo er in der Kommunistischen Partei Österreichs aktiv war. 1934 musste er als bekannter linker Wissenschaftler vor dem Austrofaschismus ins mittlerweile polnische Lemberg fliehen, wo er eine trotzkistische Gruppe anführte. Er war ferner im Widerstand gegen den Nationalsozialismus aktiv, weshalb er 1942 für drei Jahre inhaftiert wurde. Er war Häftling in den Konzentrationslagern Auschwitz, Ravensbrück und Oranienburg. 1947 floh er gemeinsam mit seiner Frau Emily und ihrem gemeinsamen Sohn Hans (1943–2013) vor den Stalinisten aus Österreich in die USA. Dort war Roman Rosdolsky bis zu seinem Tod als Privatgelehrter und Privatlehrer tätig.

Leben Jugend und politische Anfänge (1898–1919) Roman Rosdolsky war der Sohn von Ossip Rosdolsky und Olga Rosdolsky, geborene Tanczakavska. Das Umfeld der Familie Rosdolsky war vom im 19. Jahrhundert erwachenden ukrainischen Nationalbewusstsein geprägt. Romans Geburtsort Lemberg war die größte Stadt des k.k.-Kronlandes Galizien. Romans Großväter waren beide griechisch-katholische Geistliche und gehörten somit zu den Hauptverfechtern der Idee einer eigenständigen ukrainischen Nation. Der berühmte Dichter Iwan Franko zählte zu den Freunden der Familie. Damals gab es offiziell noch keine eigenständige ukrainische Kultur. Die ukrainische Literatur war im Russischen Kaiserreich verboten und die ukrainische Sprache wurde meist als bäuerlicher Dialekt des Russischen behandelt.Emily Rosdolsky: Leben, Motive, Werk. Vorwort von: Zur nationalen Frage. Friedrich Engels und das Problem der ‚geschichtslosen‘ Völker. Verlag Olle & Wolter, Berlin (West) 1979.

Auch Romans Onkel, ein Komponist ukrainischer Musik, verstand sich als Anhänger der aufkeimenden nationalen Befreiungsbewegung. Romans Vater Ossip war ein bekannter ukrainischer Theologe und Linguist sowie Lehrer für Altgriechisch und Latein am Gymnasium in Lemberg und gilt heute als Pionier der Sammlung und Erforschung von traditioneller ukrainischer Alltagskultur.Peter Cardorff: Mann ohne Seilschaft. Roman Rosdolsky zum hundertsten Geburtstag. In: ak 416. Hamburg, 2. Juli 1998. Er übersetzte klassische griechische Literatur ins Ukrainische und ukrainische Werke ins Deutsche. Seine Volksliedsammlung befindet sich heute im Besitz der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften. Ossip Rosdolsky gab sein Interesse für Lehre und Forschung an seinen Sohn Roman weiter. Diesen zog es zugleich bereits in seiner Jugend in die Politik. Im Alter von 15 Jahren schloss sich der Gymnasiast Roman Rosdolsky 1913 der ukrainischen sozialistischen Bewegung an. Die konspirativen „Dragomanov-Zirkel“, denen Rosdolsky damals angehörte, waren nach dem radikaldemokratischen Liberalen Mychajlo Drahomanow (1841–1895)Für einen Überblick über Dragomanovs Werke siehe FES: sowie den Katalog der Universitäten Graz, Linz und Innsbruck. benannt und standen in der utopisch-sozialistischen bis anarchistischen Tradition der russischen Narodniki.

Seine Frau Emily schrieb rückblickend über den politischen Werdegang von Roman Rosdolsky: „Rosdolsky und eine Gruppe seiner engeren Schulfreunde wurden in der Organisation mit den Werken marxistischer Autoren bekannt.“ Der Erste Weltkrieg schließlich führte zu einer folgenschweren Spaltung der Organisation. Während Rosdolsky damals bereits zu ihrem linken Flügel zählte, sah eine Mehrheit den Krieg als eine Chance, um gemeinsam mit den Mittelmächten gegen den Zarismus und die russische Unterdrückung zu kämpfen. Rosdolsky und seine Freunde hingegen begriffen sich als Internationalisten und Revolutionäre und orientierten sich an den Ideen von Karl Liebknecht und Friedrich Adler.

1915, ein Jahr nach Kriegsausbruch, wurde der 17 Jahre alte Rosdolsky in die k.u.k. Armee einberufen, wodurch sich sein politischer Aktionismus weiter verstärkte. Seit 1916 war er zusammen mit einer Minderheit der ursprünglichen Mitglieder maßgeblich an der Wiederbelebung der Dragomanov-Zirkel in Form der antimilitaristischen Jugendorganisation Internationale Revolutionäre Sozialdemokratische Jugend Galiziens beteiligt. Diese befand sich gemeinsam mit der 1915 bis 1918 bestehenden illegalen Internationalen Revolutionären Sozialdemokratie (IRSD), der Vorgängerin der Kommunistischen Partei Ostgaliziens, in Opposition zur offiziellen Sozialdemokratie, welche den Kriegskrediten zugestimmt hatte. Rosdolsky und seine Anhänger waren sehr überrascht, dass es ihnen nicht gelungen war, zumindest einige der ehemaligen Mitglieder der Dragomanov-Zirkel zu überzeugen, in den von ihnen gegründeten Organisationen mitzuarbeiten. Nach Angabe von Emily Rosdolsky hatte die IRSD mehrere Hundert Mitglieder. Roman Rosdolsky war unter anderem Redakteur der 16-seitigen Zeitung Vistnyk, des Zentralorgans der IRSD. 1917, ein Jahr vor Beendigung des Krieges, gab er gemeinsam mit Roman Turiansky zusätzlich die Zeitschrift Klyči heraus.

Die Zeitung der IRSD wurde von der Polizei erst 1918 entdeckt. Bevor diese jedoch gegen die jungen Sozialisten vorgehen konnte, kam es mit der Februarrevolution 1917 zum Zusammenbruch der Monarchie und zur Errichtung der Republik. Während des Ersten Weltkrieges war Rosdolskys Heimat Galizien von der Habsburgermonarchie an das junge Königreich Polen abgetreten worden. Dieser Übergang von einer Monarchie zur anderen wurde von Bürgerlichen, Bauern und Arbeitern gleichermaßen bekämpft. Jedoch war das republikanische Lager Galiziens gespalten: Rosdolsky beteiligte sich als revolutionärer Sozialist an Seite seiner Genossen der IRSD zwischen Oktober 1918 und dem Sommer 1919 an den Kämpfen in seiner Heimat Ostgalizien gegen die neu gegründete Republik Polen. Stattdessen setzten Rosdolsky und die IRSD sich für die Gründung der Westukrainischen Volksrepublik ein.

Gründung der Kommunistischen Partei Ostgaliziens (1919–1921) Rosdolsky war einer der Gründer und Haupttheoretiker der 1919 aus der IRSD hervorgegangenen Kommunistischen Partei Ostgaliziens, die mit den russischen und ukrainischen Bolschewiki eng kooperierte. Während die im April 1918 gegründete KP der Ukraine (Bolschewiki) formell der KP Russlands (Bolschewiki) unterstellt war und somit keine eigene Sektion der im März 1919 gegründeten Kommunistischen Internationale bildete, behielt die KP Ostgaliziens vorerst ihre organisatorische Unabhängigkeit bei. Die in der IRSD begonnene Debatte um die nationale Identität wurde fortgesetzt. 1923 schließlich wurde die Kommunistische Partei Ostgaliziens in Kommunistische Partei der Westukraine (KPWU oder KPZU;Abkürzungen aus Beständen der Parteien und Massenorganisationen der DDR, Archivgut der SED und des FDGB ukrainisch: Комуністична партія Західної України) umbenannt,JSTOR: Slavic Review. Jg. 36, Nr. 1, März 1977, S. 139. womit sich der Flügel um Rosdolsky zumindest formal durchgesetzt hatte. Zwar war Ostgalizien zu dieser Zeit nicht Teil der im Januar 1919 gegründeten Ukrainischen SSR, jedoch wollten Rosdolsky und die KPWU mit dieser Umbenennung ihrer Forderung nach einem gemeinsamen sozialistischen Staat Ausdruck verleihen.

Die Westukrainische Volksrepublik wurde ursprünglich von der Zentralna Ukrainska Rada, dem ukrainischen Zentralrat, regiert – einer bürgerlichen Koalition aus Sozialrevolutionären, Menschewiki, Sozial-Föderalisten und anderen. Bald wandte sich die Westukrainische Volksrepublik aber den Bolschewiki zu und war für kurze Zeit Teil der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik.Manfred Scharinger: Nationale Frage und marxistische Theorie. Teil 2: Die sowjetische Erfahrung. In: Arbeitsgruppe Marxismus (Hrsg.): Marxismus. 24, Wien Oktober 2004, S. 112 ff. Siehe auch: Geschichte der Ukraine: Erste Unabhängigkeit nach dem Ersten Weltkrieg – Aufteilung zwischen mitteleuropäischen Staaten und der Sowjetunion Rosdolsky positionierte sich damals auf Seiten der Bolschewiki gegen die bürgerliche Rada und ihren Nationalismus, wobei sein Standpunkt innerhalb der IRSD nicht unumstritten war. In der Auseinandersetzung um die nationale Unabhängigkeit der Ukraine hatte die Zeitschrift der IRSD anfangs eine an Rosa Luxemburg angelehnte Tendenz zur Leugnung der nationalen Frage, wie Emily Rosdolsky berichtet. Diese Frage bestimmte Rosdolskys späteres Schaffen, der in der Angelegenheit eine andere, wohlwollendere Ansicht vertrat und den Unabhängigkeitsbestrebungen der ukrainischen Bauernschaft mit weniger Skepsis gegenüberstand.

Nach der Niederlage der Westukrainischen VolksrepublikTorsten Wehrhahn: Die Westukrainische Volksrepublik. Zu den polnisch-ukrainischen Beziehungen und dem Problem der ukrainischen Staatlichkeit in den Jahren 1918 bis 1923. Berlin 2004, ISBN 3-89998-045-X (Leseprobe PDF, 157 kB) im Mai 1919 emigrierte Rosdolsky im August „mit einer Gruppe seiner Kampfgenossen in die Tschechoslowakei“, wo er in Prag Rechtswissenschaft studierte. Rückblickend schrieb er über die Errichtung der Westukrainischen Volksrepublik und die damalige Auseinandersetzung zwischen Rada und Bolschewiki:Zitiert nach: Peter Cardorff: Mann ohne Seilschaft. Roman Rosdolsky zum hundertsten Geburtstag. In: ak 416. Hamburg, 2. Juli 1998.