mini|hochkant=1|Joseph Weißenberg Johann August Joseph Weißenberg (* 24. August 1855 in Fehebeutel, Kreis Striegau, Schlesien;StA Berlin Xa, Heiratsurkunde Nr. 404/1885 † 6. März 1941 in Obernigk, Landkreis Trebnitz, Schlesien) war ein deutscher Religions- und Kirchenreformer und der Erbauer der Friedensstadt (1920). Er gründete 1926 die „Evangelisch-Johannische Kirche nach der Offenbarung St. Johannis“, seit 1975 Johannische Kirche genannt.
Kindheit, Beruf und Familie Weißenberg war eines von acht Kindern des katholischen Tagelöhners Johann Friedrich Wilhelm Weißenberg und seiner Frau Anna Rosina, geb. Kassner. Die Eltern fielen 1866 einer Cholera-Epidemie zum Opfer; von den acht Kindern waren zu diesem Zeitpunkt drei verstorben. Nach dem Tod der Eltern wurden Weißenberg und seine Geschwister auf dem Gut von Gräfin Leopoldine Seherr-Thoß aufgenommen und Joseph Weißenberg dort in die Obhut des Schäfermeisters gegeben. Nach dem Besuch der Gemeindeschule und der Erstkommunion arbeitete der damals 14-jährige Weißenberg zunächst für zwei Jahre in der Landwirtschaft des heimatlichen Gutes und absolvierte anschließend eine Maurerlehre in Rohnstock. Danach leistete er von 1876 bis 1878 den Militärdienst bei den Königsgrenadieren in Liegnitz ab. Anschließend begab er sich auf Wanderschaft und übte in dieser Zeit an verschiedenen Orten die unterschiedlichsten Berufe aus, überwiegend im Dienstleistungsbereich. 1882 zog Weißenberg nach Berlin und arbeitete u. a. als Schankwirt im Stadtteil Prenzlauer Berg.Annett Gröschner, Olaf Lippke, Prenzlauer Berg Museum (Hrsg.): Grenzgänger. Wunderheiler. Pflastersteine. Die Geschichte der Gleimstraße in Berlin. Basisdruck-Verlag, 1998; ISBN 978-3-86163-091-3. Das Buch enthält einen längeren Artikel über Joseph Weißenberg mit Einzelheiten über seine Praxis in der Gleimstraße.
Am 13. Mai 1885 heiratete Joseph Weißenberg in Berlin Auguste Lautner (geb. 10. August 1861 in Sulau, Kreis Militsch, gest. 27. September 1951 in Berlin).StA Prenzlauer Berg von Berlin, Sterbeurkunde Nr. 1939/1951 1886 wurde die erste Tochter Frieda geboren.StA Berlin Xa, Geburtsurkunde Nr. 1126/1886 Sie starb bereits 1900.StA Berlin Xb, Sterbeurkunde Nr. 84/1900 1888 erfolgte die Geburt der zweiten Tochter Klara.StA Berlin Xa, Geburtsurkunde Nr. 1416/1888 Auguste Weißenberg verließ 1906 mit ihrer Tochter Klara ihren Mann, die Ehe wurde aber nicht geschieden.
Spirituelle Entwicklung Weißenberg heilte nach eigenen Angaben bereits als Kind einen todkranken Mann durch Handauflegen. 1866 ließ er angeblich durch seine Klassenkameraden Engel des Lichts sprechen und erklärte ihnen damit u. a. die Pfingstgeschichte.
1877, als er auf dem Gut der Gräfin Leopoldine Seherr-Thoß wohnen durfte, diente er als Ministrant bei dem Pfarrer Carl Freiherr von Richthofen, der seine geistige Entwicklung freundschaftlich unterstützte.Flyer: Joseph Weißenberg, Gründer der Johannischen Kirche. Johannische Kirche (Hrsg.), Stand 11/2005
Ein Wendepunkt war das Jahr 1903. Joseph Weißenberg folgte nach einer Christus-Vision seiner inneren Berufung, Menschen zu helfen, und gab seinen Maurerberuf auf. Anfangs hatte er seine Heiltätigkeit nur nebenbei ausgeübt und wurde über die Grenzen Berlins hinaus allmählich bekannt. Nun hauptberuflich Heiler, meldete er ein Gewerbe als Heilmagnetiseur an. Es kam bald darauf zu erheblichen Spannungen zwischen den Eheleuten und 1907 zum endgültigen Bruch der Ehe. Mit seiner Heiltätigkeit, meist durch Handauflegen gemäß der Bibel , behandelte er durchschnittlich 50 Patienten pro Tag – von Montag bis Samstag in seiner Praxis in der Gleimstraße. Die Heilsuchenden kamen vor allem aus dem Kleinbürgertum. Bald wurde der Andrang so groß, dass er Mitarbeiter einstellte, denen er bestimmte Aufgaben übertrug.
Eine dieser ersten Mitarbeiterinnen war seine spätere Lebensgefährtin Grete Müller (5. April 1882 – 19. Februar 1978). Sie brachte am 7. Februar 1911 die gemeinsame Tochter Frieda Müller († 10. Juni 2001) zur Welt. Ein Jahr später wurde die zweite Tochter Elisabeth Müller, genannt Liesbeth, verheiratete Möhring (14. Februar 1912 – 26. März 2001) geboren.in: Weg und Ziel. Wochenzeitung der Johannischen Kirche, 66. Jahrgang, Nr. 17 vom 24. April 2013, S. 3, Berlin.
Auf die Auseinandersetzungen zwischen Religion und Wissenschaft und die Liberalisierung der Geistlichkeit reagierte Weißenberg mit einem Protestschreiben 1903 an den obersten Bischof der evangelischen Landeskirche, Kaiser Wilhelm II. Er prophezeite angeblich dessen Abdankung 15 Jahre später (er werde sein Land „am Bettelstab verlassen“; „Majestät führen das deutsche Volk in den Abgrund“), falls sich die Zustände nicht änderten. Auf den Brief gab es keine Reaktionen, und weitere Kontaktversuche unterblieben nun seinerseits.
Gründung einer Vereinigung und Wechsel der Konfession Weißenberg schuf sein eigenes Forum zur Wiederbelebung christlicher Werte. 1907 gründete er die „Christliche Vereinigung ernster Forscher von Diesseits nach Jenseits, wahrer Anhänger der christlichen Kirchen“. Als Bilanz seiner Lebenserfahrung veröffentlichte er 1905 einen Lehrbrief, der bis heute Glaubensfundament der von ihm gegründeten Gemeinschaft ist. Die regelmäßig abgehaltenen Gottesdienste in den Versammlungen wurden gut besucht, und die Anzahl der Mitglieder wuchs rasch. Weißenbergs Kritik an Staat und Kirche blieb nicht ohne Folgen. Wegen angeblicher Gesundheitsgefährdung der Teilnehmer an den öffentlichen Versammlungen Weißenbergs verbot der Polizeipräsident in Berlin die Veranstaltungen. In der Zeit vom 16. September 1909 bis Mitte 1912 wurde der Verein verboten.
1910 schrieb Weißenberg als Mitglied der Katholischen Kirche einen Brief an Papst Pius X. und forderte die Freigabe der Heiligen Schrift für alle Katholiken. Bis zu diesem Zeitpunkt lehrte die Katholische Kirche die Bibel in lateinischer Sprache; in der Landessprache angefertigte Bibelübersetzungen standen auf dem Index der verbotenen Bücher und durften von Laien nicht gelesen werden. Daraufhin wurde Weißenberg zum Propst Ahlisch in Berlin bestellt. Die Unterredung endete mit einer heftigen Auseinandersetzung und Weißenberg trat daraufhin zur Evangelischen Landeskirche der älteren Provinzen Preußens über.
Wegen des Versammlungsverbots seiner Vereinigung verklagte Weißenberg den Polizeipräsidenten in Berlin und den Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg. 1912 kam es zur Verhandlung vor dem Königlichen Oberverwaltungsgericht. Das Gericht hob das Versammlungsverbot auf und erteilte die Auflage, kenntlich zu machen, dass nur Mitglieder an den Versammlungen teilnehmen durften. Die zweieinhalbjährige Zwangspause hatte der Vereinigung nicht geschadet und die Menschen strömten weiter in seine Versammlungen.
Weißenbergs Situation 1914–1918 1914 brach der Erste Weltkrieg aus und es galten Sondergesetze. Aufgrund des Ausnahmezustands wurde Weißenberg am 1. Oktober 1915 von Polizeikommissar Krüger verhaftet und ohne Anklage und Prozess ins Militärgefängnis Moabit gebracht. Nach zwei Monaten und drei Tagen wurde er aus der Haft entlassen und mit Berufsverbot belegt: Unter Androhung erneuter Inhaftierung durfte er seine Heilbehandlungen nicht mehr ausüben. Unmittelbar nach seiner Freilassung richtete Weißenberg über seinen Anwalt eine Beschwerde an den Kriegsminister als den Obermilitärbefehlshaber – mit Erfolg: Das Verbot, „unmittelbar und mittelbar Kranke zu behandeln“, wurde am 11. Mai 1917 aufgehoben, woraufhin Weißenberg unmittelbar seine Heiltätigkeit in seiner Wohnung im Berliner Norden, Gleimstraße 42, wieder aufnahm.
Ein Untersuchungsausschuss des Reichstags untersuchte anhand des vorgelegten Materials des Rechtsanwalts und Abgeordneten Oskar Cohn, des Rechtsbeistands Joseph Weißenbergs, am 20. Juni 1918 das Vorgehen der Polizei- und Militärbehörden. Es wurde als gesetzwidrig verurteilt und das Wirken Weißenbergs staatlich rehabilitiert. Am 5. Dezember 1918 fand der erste Gottesdienst nach dem Verbot statt.
Bau der Friedensstadt Geprägt von den Eindrücken des Ersten Weltkriegs und den persönlichen Erfahrungen ungerechter Verfolgung arbeitete Weißenberg an der Idee für ein christliches Siedlungswerk, einer Stadt des Friedens als praktische Umsetzung eines Lebens in der Gemeinschaft. Bereits 1918, also fünf Jahre vor dem Höhepunkt der Inflation, sah er die drohende Geldentwertung voraus („Das Geld geht auf Null“). Er rief seine Anhänger auf, ihr Geld in den Erwerb von Grund und Boden anzulegen. Von dem Geld wurden der Gasthof Waldfrieden in Blankensee und 400 Hektar Land in den Glauer Bergen bei Trebbin gekauft, 30 km südlich von Berlin. Bereits im Frühjahr 1919 fanden sich erste Freiwillige ein, um das erworbene Gelände als Bauland vorzubereiten. Ein Jahr später, im Februar 1920, gründete sich die „Christliche Siedlungsgenossenschaft Waldfrieden“, und am 19. Dezember 1920 erfolgte die Grundsteinlegung des ersten Hauses in der Friedensstadt unter Beteiligung mehrerer hundert Personen. Die Wohnungsbaugenossenschaft wurden von Joseph Weißenberg, der Geschäftsleitung und dem Aufsichtsrat verwaltet. Sie stellten den Etat der Siedlung auf und legten fest, wie das Geld den einzelnen Bauvorhaben zugeführt wurde. Als 1922 die Inflation ihren Höhepunkt erreichte, gerieten die Baumaßnahmen ins Stocken. Viele Anhänger Weißenbergs zeigten in dieser Situation ihren Idealismus und brachten ihre Trauringe (Gold), um so den Fortgang der Arbeiten zu gewährleisten. Der Berliner Lokal-Anzeiger schrieb zu der Zeit: „Eine Stadt aus Trauringen erbaut!“
Die Leitung des Baugeschehens lag in Weißenbergs Händen. Er fuhr zweimal in der Woche zwischen seinen beiden Wirkungsstätten Berlin und Friedensstadt hin und her. Alle Planungen und Ausführungen erfolgten nach seinen Angaben, und er überwachte den Fortgang der Bauarbeiten. Hilfe und Unterstützung erteilten ihm eine Reihe von bereitwilligen Fachleuten. So wuchs in 14 Jahren Bauzeit die Friedensstadt, darunter Wohnhäuser, ein Altersheim, ein Wasserwerk, ein Museum, ein Heilinstitut, Verwaltungsgebäude, eine Schule und vieles mehr. Sie umfasste damals 40 Gebäude mit 300 Bewohnern.
Wachstum der neuen Vereinigung und Kirchenaustritt Mit seinem Lebenswerk Friedensstadt wuchs die Schar der Anhänger Joseph Weißenbergs beständig. 1925 war die Zahl der Mitglieder der Ernsten Forscher auf über 20.000 angestiegen. 1926 gab es mehr als 20 Filialen der „Christlichen Vereinigung ernster Forscher von Diesseits nach Jenseits“. In Berlin befanden sich damals neun Zweigvereinigungen, während sich die anderen auf Brandenburg, Sachsen, Pommern und Schlesien verteilten. In diesem Jahr kam es zu erheblichen Auseinandersetzungen mit der evangelischen Landeskirche. Weißenbergs mehrfach gemachte Einigungsvorschläge mit Konsistorien, Synoden und Oberkirchenräten blieben unbeantwortet. Nachdem seinen Anhängern in mehreren Gemeinden das Abendmahl verweigert wurde, erklärte Weißenberg am 25. März 1926 den Austritt aus der Landeskirche.
Kirchengründung mini|Gedenktafel, Bismarckallee 23, in Berlin-Grunewald mini|Johannische Kirche in Blankensee Am 15. April 1926 benannte Weißenberg seine Vereinigung in Evangelisch-Johannische Kirche nach der Offenbarung St. Johannes um. Sie wurde am 14. Juli unter der Nummer 4858 ins Vereinsregister in Berlin eingetragen. Bis zum Verbot dieser Kirche 1935 entstanden in Deutschland über 350 Gemeinden. Seit 1975 führt sie den Namen Johannische Kirche.