Von den Bewohnern der Gestirne ist ein naturphilosophischer Aufsatz des Philosophen Immanuel Kant, der 1755 als Anhang bzw. dritter Teil seiner Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels veröffentlicht wurde. Darn beschäftigt sich Kant mit der Frage nach der Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit von außerirdischem Leben.
Kant formuliert ein Sonnenabstandsgesetz, nach dem die geistigen Fähigkeiten von Lebewesen zunehmen, je weiter sie von der Sonne entfernt leben. Er hält die Existenz von Lebewesen auf anderen Planeten des Sonnensystems für wahrscheinlich. Demnach seien Lebewesen auf dem Jupiter den Menschen geistig weit überlegen, während Merkurbewohner den Erdbewohnern intellektuell deutlich unterlegen seien. Aus einer geistigen Überlegenheit folge zudem eine moralische Überlegenheit, weswegen die Menschen aus geistiger und moralischer Perspektive nicht mehr als „Krone der Schöpfung“ zu betrachten seien.
Kants Theorie des außerirdischen Lebens wurde in der Philosophie- und Astronomiegeschichte wenig beachtet, auch weil sich seine Spekulation aus heutiger Perspektive als unplausibel herausgestellt haben.
Kontext mini|Zeichnung des Philosophen Immanuel Kant um 1755 von Caroline von Keyserling
Naturphilosophische Gedanken zur Existenz von außerirdischem Leben lassen sich bis in die Antike zurückverfolgen. So finden sich etwa schon in Plutarchs Werk Das MondgesichtPlutarch: Das Mondgesicht, übers. von Herwig Görgemanns, Zürich, 1968 oder Lukian von Samosatas Schrift Ikaromenipp oder die WolkenreiseLukian von Samosata: Ikaromenipp oder die Wolkenreise, zweisprachige Ausgabe, hg. und über. von Karl Mras, München, 1980 Gedanken über Lebewesen jenseits der Erde. Derartige Texte beziehen sich jedoch wesentlich auf mythische Motive und haben nicht den Anspruch, mit Hilfe einer rationalen Argumentation Theorien über außerirdisches Leben zu entwickeln.
Dies ändert sich spätestens im späten 17. Jahrhundert, unter anderem durch den Astronomen Christiaan Huygens und seine Schrift Weltbeschauer, oder vernünftige Muthmaßungen, daß die Planeten nicht weniger geschmükt und bewohnet seyn, als unsere Erde. Huygens, zugleich einer der Begründer der Wahrscheinlichkeitstheorie, erkannte, dass er zu keinen gewissen Erkenntnissen über extraterrestrisches Leben kommen kann. Dennoch seien einige Annahmen wahrscheinlicher als andere, daher könne man doch zumindest zu „vernünftigen Mutmaßungen“ kommen.
Die Idee von derartigen „vernünftigen Mutmaßungen“ beeinflusste die Naturphilosophie des 18. Jahrhunderts stark. Christian Wolff berechnete mit Hilfe von Analogieargumenten und „vernünftigen Mutmaßungen“ gar die Größe der Jupiterbewohner auf 13819 1440tel eines Pariser FußChristian Wolff: Elementa matheseos universae. Edito Nova, Halle, Renger, 1735 , also etwa vier MeterEinen Überblick zu Kant und der Wissenschaftsgeschichte der Suche nach außerirdischem Leben bietet: Eberhard Knobloch: „Vielheit der Welten – extraterrestrische Intelligenz.“, in: Wilhelm Voßkamp: Ideale Akademie, Berlin, Akademie Verlag, 2002, ISBN 3-05-003739-3, S. 185–187. Zu Wolffs Berechnung siehe dort, S. 167Google Books. Auf der methodischen Grundlage der Analogien und „vernünftigen Mutmaßungen“ stehen auch Kants Hypothesen über das Leben auf fremden Planeten. Kants Beschäftigung mit der Frage nach außerirdischem Leben ist im Kontext der zeitgenössischen Naturphilosophie und Astronomie also keinesfalls ungewöhnlich.
Obwohl Von den Bewohnern der Gestirne zu Kants frühen, vorkritischen Schriften gehört, gibt es keine Anzeichen für eine spätere Distanzierung vom Glauben an extraterrestrisches Leben. Auffällig sind in diesem Zusammenhang zahlreiche Textstellen in späteren Werken, die die Gültigkeit von Prinzipien für alle vernunftbegabten Wesen betonen. So heißt es etwa in der Kritik der reinen Vernunft: „Das menschliche Gemüth nimmt (so wie ich glaube, daß es bei jedem vernünftigen Wesen nothwendig geschieht) ein natürliches Interesse an der Moralität“.Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft, AA III S. 537, Fußnote. In Kants Spätschrift Anthropologie in pragmatischer Hinsicht aus dem Jahre 1798 wird sogar nochmals explizit auf Bewohner anderer Gestirne Bezug genommen:
Existenz außerirdischen Lebens Kant zweifelt nicht an der Existenz von Leben auf anderen Planeten. Zwar könnten einige Planeten unbewohnt sein, dies sei dann jedoch eine Ausnahme. Zum einen könnten manche Planeten noch nicht vollkommen entwickelt sein und daher noch nicht die Bedingungen für organisches Leben bieten – Jupiter sei ein Kandidat für ein solches Gestirn. Auch „könnte es wohl öde und unbewohnbare Gegenden“ geben, es wäre jedoch eine „Ungereimtheit“, zu bestreiten, dass die meisten Planeten bewohnt sind.A 175f.
Kant ist sich dieser Tatsache so sicher, dass er gar nicht im Einzelnen für die Existenz von extraterrestrischem Leben argumentiert. Er gibt lediglich eine satirische Geschichte über Läuse wieder, die seine These illustrieren soll:
Aus Kants Perspektive gibt es zwei Argumente für die Existenz von Leben auf anderen Planeten. Das eine Argument basiert auf dem Analogieprinzip, das andere auf Kants kosmogonischer Theorie.
Analogieargument Die Fabel über die Läuse deutet bereits das Analogieargument an, das für die Existenz von Leben auf anderen Planeten zu sprechen scheint: Wenn es verschiedene Köpfe gibt und man auf einem Kopf Läuse findet, so kann man vernünftigerweise davon ausgehen, dass man auch auf anderen Köpfen Läuse finden wird. Nur Ignoranz könnte die Läuse der Fabel dazu bringen, anzunehmen, dass nur ihr Kopf bewohnt sei. In gleicher Weise wäre es ignorant, wenn Menschen annehmen würden, dass nur ihr Planet bewohnt sei.
Soll aus der Fabel ein überzeugendes Argument werden, so muss jedoch begründet werden, wieso Menschen ignorant sind, wenn sie davon ausgehen, dass nur die Erde bewohnt ist. Die Existenz von anderen Planeten impliziert ja nicht die Existenz von anderen bewohnten Planeten. Hier kommt das Analogieprinzip ins Spiel: Vergleicht man Planeten mit anderen Himmelskörpern wie der Sonne, Kometen, Monden oder Sternen, so wird man viele astronomische Ähnlichkeiten zwischen Planeten finden. Nun lässt sich das Analogieprinzip wie folgt formulieren: Sind sich zwei Fälle in vielen bekannten Aspekten ähnlich, so kann man davon ausgehen, dass sie sich auch in unbekannten Aspekten ähnlich sind. Da sich nun Planeten in vielen Aspekten ähneln, könne man davon ausgehen, dass sie sich auch in Bezug auf die Frage nach der Existenz von Leben ähneln. Und da wir von einem Planeten – der Erde – bereits wissen, dass auf ihm Leben vorkommt, kann man vernünftigerweise davon ausgehen, dass sich auch Leben auf den anderen Planeten entwickelt hat.
Ein solches Analogieargument kann aus heutiger Perspektive absurd wirken, da es zu falschen Ergebnissen führt. Es gilt allerdings zu beachten, dass Analogieargumente in vielen Wissenschaften üblich sind.Mary Hesse: Models and analogies in science, Notre Dame, Ind., Univ. of Notre Dame Press, 1966, ISBN 0-268-00337-8 Ein einfaches Beispiel bietet etwa die Zuordnung von Gemälden. Fragt man sich, ob ein Gemälde tatsächlich einem bestimmten Maler zugeordnet werden kann, so wird man nach dem Analogieprinzip argumentieren: Sind sich zwei Fälle in vielen bekannten Aspekten ähnlich, so kann man davon ausgehen, dass sie sich auch in unbekannten Aspekten ähnlich sind. Je mehr das fragliche Gemälde mit den bekannten Gemälden übereinstimmt (Datierung, Material, Stil usw.), desto wahrscheinlicher ist, dass die Gemälde auch in Bezug auf ihren Urheber übereinstimmen. Auch die moderne Astrobiologie argumentiert auf der Basis von Analogieargumenten: Gesucht werden Orte, die mit der Erde in möglichst vielen relevanten Aspekten übereinstimmen.
Kants Annahmen zur Existenz extraterrestrischen Lebens sind also nicht deshalb falsch, weil sie auf zweifelhaften Argumentstrukturen beruhen. Vielmehr hatte Kant zum einen nicht die heute verfügbaren Daten zu Unterschieden zwischen den Planeten, zum anderen wusste er nicht, welche Ähnlichkeiten relevant für die Entstehung von Leben sind, etwa Temperatur oder Atmosphäre.
Kosmogonieargument Kants astronomische Theorie macht die Existenz von außerirdischem Leben jedoch noch aus einem anderen Grund plausibel: Der junge Kant ist ein begeisterter Newtonianer und seine Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels basiert auf den theoretischen Neuerungen der Philosophiae Naturalis Principia Mathematica.Isaac Newton: Philosophiae Naturalis Principia Mathematica, 1683, Allerdings geht Kant in einem entscheidenden Punkt über Newton hinaus: Newton konnte zwar die Bewegungen der Planeten mit Hilfe der Gravitationstheorie erklären, jedoch hatte er keine Theorie zur Entwicklung des Universums und postulierte an dieser Stelle das direkte Eingreifen Gottes. Kant gelingt es nun im Rahmen der Kant-Laplace-Theorie, auf der Basis von Newton eine Erklärung für die Entwicklung des Universums zu liefern: Als Ausgangsbedingung nimmt Kant nicht einen leeren Raum an, sondern einen Materienebel (Sonnennebel), der selbst noch keine Formen besitzt. Nun würde dieser Ausgangszustand sich jedoch durch Anziehung und Abstoßung schnell verändern und schließlich in den gegenwärtigen Zustand des Universums gelangen. Im Kontext dieser Theorie ist auch der folgende berühmte Ausspruch Kants zu verstehen: „Gebt mir Materie, ich will eine Welt daraus bauen!“A XXXII
Nun macht diese Evolution des Kosmos nicht bei der anorganischen Materie halt, vielmehr denkt sich Kant die Entstehung des organischen Lebens als eine weitere Stufe des Entwicklungsprozesses, der allein durch die Naturgesetze geleitet ist. Das direkte Eingreifen Gottes ist nicht bei der Entstehung und Entwicklung der Planeten notwendig und auch nicht bei der Entstehung und Entwicklung des organischen Lebens. In diesem Sinne ist auch Kants Bemerkung zu verstehen, dass es auf dem Jupiter vielleicht noch kein Leben gibt, da er sich noch nicht in einem weit genug fortgeschrittenen Stadium befindet.
Eigenschaften außerirdischen Lebens Geistige Fähigkeiten und der Abstand von der Sonne mini|Sonnensystem, nicht maßstabsgetreu
In dem Text Von den Bewohnern fremder Gestirne geht Kant sehr schnell von der Frage nach der Existenz außerirdischen Lebens zu einer Theorie über die Gestalt dieses Lebens über. Zentral ist hier wieder Newtons Theorie der Gravitation. Entsprechend dem Newtonschen Gravitationsgesetz nimmt die Anziehungskraft zwischen zwei Körpern mit zunehmender Entfernung ab. Da die Planeten sich unterschiedlich weit von der Sonne entfernt befinden, sind die Körper auf den Planeten auch verschiedenen Kräften ausgesetzt. Entsprechend seiner allgemeinen astronomischen Theorie führen diese Unterschiede dazu, dass dichtere Materie weiter zur Sonne absinkt, während sich leichtere Teile weiter vom Zentralgestirn entfernt befinden. Nun argumentiert Kant, dass diese Unterschiede in der materiellen Konstitution der Planeten sicherlich Einfluss auf die Gestalt des Lebens haben müssen.
In einem zweiten Argumentationsschritt schließt Kant von der vorteilhaften körperlichen Konstitution auf eine vorteilhafte geistige Konstitution. Dieser Schritt setzt voraus, dass die geistigen Fähigkeiten durch die körperlichen Eigenschaften von Lebewesen bestimmt sind. Kant stimmt der Voraussetzung zu, dass „das Vermögen zu denken […] von der Beschaffenheit dieser Materie vollkommen abhängt.“A 180 Kant formuliert also ein Sonnenabstandsgesetz, nach dem die körperlichen und geistigen Fähigkeiten von Lebewesen mit der Entfernung vom Zentralgestirn zunehmen.