Brahma Kumaris (die „Töchter Brahmas“) ist die Kurzform für die Brahma Kumaris World Spiritual University (BKWSU), eine religiös-spirituelle Gemeinschaft aus Indien mit mehreren hunderttausend Mitgliedern. Gelehrt wird Raja Yoga, die liebevolle Verbindung zwischen Mensch und Gott. „BK“ ist die Abkürzung für die Anhänger und bisweilen für die Organisation. Sie wurde um 1937 von Lekhraj KripalaniWhaling, 2012, S. 1, Nagel, 1999, S. 208, Ramsay, 2009, S. 20, Adi Dev, 1983, S. 25, Der genaue Nachname lautet „Khubchand“ gemäß der Geburtsurkunde, dort geschrieben als „Koob Chand“. Siehe dazu In Adi Dev, 1983, das Buch der BKWSU zur Historie der Bewegung, ist auf S. 25 „Kripalani“ zu lesen, ebenso auf der Website der Organisation. Daher wird dieser Nachname eingesetzt. Maßgebliche Autoren sind bei der Namensnennung uneinheitlich: Whaling, 2012, nennt auf S. 1 „Khubchand“, Nagel, 1999, auf S. 208 „Kripalani“, Ramsay, 2009, auf S. 20 „Khubchand Kripalani“. (15. Dezember 1884 – 18. Januar 1969)Siehe Adi Dev, 1983, S. 25, Nagel, 1999, S. 308, Whaling, 2012, S. 1.Die legendenhafte BK-Geschichtsschreibung gibt 1876 als Geburtsjahr an. Siehe Adi Dev, 1983, S. 25. Dieses Geburtsjahr haben Nagel, 1999, S. 308 (unter Vorbehalt) und Whaling, 2012, S. 1, übernommen. Ramsay vermutet in ihrer Doktorarbeit ein späteres Geburtsjahr. Siehe Ramsay, 2009, S. 20 ff. Zur generellen Problematik einer genauen Datierung in Indien der damaligen Zeit siehe Nagel, 1999, S. 121, Fußnote 1. Tatsache ist, dass Lekhraj am 15. Dezember 1884 in Hyderabad, im heutigen Pakistan, geboren wurde. Der Auszug der Geburtsurkunde, ausgestellt am 12. September 2011 von der Stadtverwaltung von Hyderabad, ist einsehbar unter der von Ramsay und Wendy Sargent betriebenen Forschungswebsite über die Brahma Kumaris. Siehe gegründet, der später Brahma Baba genannt wurde. Weltweit gibt es mehr oder weniger unabhängige Zentren,„Die einzelnen Zentren sind autonom, geistig jedoch eng mit dem Mutterzentrum in Mt. Abu verbunden.“ zumeist von Frauen geleitet. Der Hauptsitz der Bewegung ist ein Ashram-Komplex in Mount Abu (Rajasthan, Indien). Die weltweite Expansion begann ab etwa 1970.
Historie Geschichte bis 1969 mini|Der Geschäftsmann Dada Lekhraj (1920er Jahre) mini|Brahma Baba mit Ordensschwestern (1940er Jahre) mini|Auf dem Weg nach Indien (um 1947) mini|Brahma Baba (1950er Jahre)
Der Gründer Lekhraj Kripalani lebte in Sindh, damals eine Provinz in Britisch-Indien, die heute in Pakistan liegt. Er entstammte der höhergestellten Brahmanen-Kaste. Dem Sohn eines Schulmeisters gelang der Aufstieg zum erfolgreichen und indienweit agierenden Juwelenhändler, der sein Vermögen auch für karitative und spirituelle Zwecke einsetzte. Gesellschaftlich integriert, war der sechsfache Familienvater eine nicht anfechtbare Autorität in einer patriarchalischen Gesellschaft, der auch auf die Anrede „Dada Lekhraj“ hörte. „Dada“ bedeutet „älterer Bruder“ oder „älterer Onkel“ und ist ein Ehrenname, der häufiger vorkommt.
Dada Lekhraj war ein eher traditionell eingestellter Mensch, ein theologischer Laie und ein frommer, von Gurus begleiteter Hindu. Im Laufe der 1930er Jahre hielt er spirituelle Versammlungen ab (Satsangs), in denen man aus heiligen hinduistischen Texten las.Siehe Whaling, 2012, S. 15, Ramsay, 2009, S. 20–23, Nagel, 1999, S. 26 f., S. 308 ff., Adi Dev, 1983, S. 24–31, Howell, 2006, S. 71.
Das Leben des über 50-Jährigen veränderte sich dann aber radikal: Lekhraj sah um 1936/1937 Visionen, die seinen bisherigen Lebensentwurf in Frage stellten. Neben Visionen mit Glücksgefühlen sah er apokalyptische Bilder. Gott soll sich Lekhraj deutlich gezeigt haben.
Der Beginn der Brahma-Kumaris-Bewegung beruht auf diesen Erfahrungen. Lekhraj hatte sie nicht gesucht und er konnte sie offensichtlich zu diesem Zeitpunkt nicht einordnen. Der Religionswissenschaftler Frank Whaling fasst zusammen: „Das Frappierende an Dada Lekhrajs Visionen ist, dass sie neu waren, ursprünglich, und dass sie nicht vorhergesehen werden konnten.“Whaling, 2012, S. 11. Übersetzung vom Autor.Alle sechs Visionen von 1936/37 beschreibt Whaling, 2012, in seiner populärwissenschaftlichen Einführung über die Brahma Kumaris auf S. 12–17, Nagel, 1999, in seiner Dissertation auf S. 310 ff. Beide Autoren beziehen sich auf Adi Dev, 1983, S. 35–43, einer Erzählung über die ersten Jahrzehnte der Bewegung, legendenhaft-beschönigend und gemäß orientalischer Tradition, verfasst von B.K. Jagdish Chander (erzählte Zeit: 1936-ca. 1980). Ramsay, 2009, deutet diese Phase auf S. 25 an.
Die nächsten Jahrzehnte bis zu seinem Lebensende widmete Lekhraj dem Aufbau einer spirituellen Schule. Er zog sich aus dem Geschäftsleben zurück und setzte sein beträchtliches Vermögen dafür ein. Es versammelten sich Frauen und Kinder um ihn, auch einige Männer.Siehe zur Gesamtdarstellung der ersten Jahre: Nagel, 1999, S. 182 f. (über männliche Mitglieder in höheren Positionen), S. 313 ff., Whaling, 2012, S. 15–19, Ramsay, 2009, S. 23–26, auch Babb, 1984, S. 402 ff. Siehe auch Nagel, 1999, Anhang, Bilder 7–11.
Der Name von Dada Lekhraj war fortan „Brahma“. Die Anhänger sind die „Söhne und Töchter Brahmas“, die „Brahma Kumars und Kumaris“.
Seine rechte Hand und die administrative Leiterin der neuen Bewegung wurde von 1937 bis zu ihrem Tod 1965 „Om Radhe“, eine junge Frau, später „Mama“ genannt, eine „…kraftvolle, doch einfühlsame Persönlichkeit mit einem erstklassigen Gedächtnis“.Whaling, 2012, S. 17. Übersetzung vom Autor. Siehe zu „Om Radhe“ Whaling, 2012, S. 17 f., S. 56 f., Nagel, 1999, S. 98, S. 117, S. 317, Ramsay, 2009, S. 31 f., S. 118 sowie Nagel, 1999, Anhang, Bild 11, 13, 14, 23, 24, 26, 28.
Die Jahre von etwa 1937–1950 waren geprägt von klösterlichem Rückzug. Wer familiär gebunden war, also Ehefrauen und Kinder, durfte nur mit schriftlicher Erlaubnis bei Om Mandali bleiben, wie die Gemeinschaft anfangs hieß. Das stieß auf wachsenden, teilweise gewaltvollen Widerstand bei den Familien und Ehemännern. Sitzblockaden, gefangen gehaltene Ehefrauen und sogar ein Prozess vermochten aber die Gruppierung nicht aufzulösen.Siehe zu den Gründerjahren bis etwa 1950: Nagel, 1999, S. 314–318, S. 325 und S. 306 (Dauer des Rückzugs), S. 400–408, Whaling, 2012, S. 20–43, S. 82, Ramsay, 2009, S. 26–30, Babb, 1984, S. 402 f., Adi Dev, 1983, S. 49–165.
Die indische Teilung 1947 machte einen Umzug in das neue Indien notwendig. Sindh lag nun in Pakistan. Die Lehre, die sich größtenteils auf den Hinduismus bezog, ließ sich in Indien leichter vertreten und schließlich auch verbreiten als im kleineren, islamischen Nachbarland. Seit 1950 ist deshalb der Hauptsitz der Bewegung auf dem Mount Abu in Rajasthan, Nordindien, von den Mitgliedern Madhuban genannt.Siehe Adi Dev, 1983, S. 179–182, Whaling, 2012, S. 49–58, Nagel, 1999, S. 306, S. 324–327, S. 378 ff., auch S. 158 f., Ramsay, 2009, S. 30 f., S. 144 f.
Das Vermögen von Dada Lekhraj und einiger anderer Gründungsmitglieder war innerhalb weniger Jahre nach der Übersiedlung aufgebraucht, sodass die 1950er Jahre von Mangel und scheinbarem Scheitern geprägt waren. Spenden sorgten für das Überleben. Die Bewegung nennt diese Phase „Bettlerperiode“.Adi Dev, 1983, S. 197. Übersetzung vom Autor. Die Gruppe schmolz von etwa 400 auf 100 Anhänger zusammen; viele Frauen gingen zurück zu ihren Familien. Es entstanden auf diese Weise jedoch allmählich Zweigstellen des Haupt-Ashrams, sogenannte „Center“. Bis Ende der 1960er Jahre waren die Brahma Kumaris in ganz Indien präsent – die Bewegung hatte sich etabliert.Siehe Adi Dev, 1983, S. 189–209, Nagel, 1999, S. 327–333, auch S. 405 f., Whaling, 2012, S. 54 ff., Ramsay, 2009, S. 31, Die deutsche Website der Brahma Kumaris benutzt die eigentlich amerikanische Schreibweise „Center“, die englische und indische Website die englische Schreibweise „Centre“. Siehe Brahma Baba starb am 18. Januar 1969.Zur Gesamtdarstellung von 1937–1969: Siehe Nagel, 1999, S. 306–334, Anhang, Bild 12–27, Whaling, 2012, S. 1–83, S. 131–139, Adi Dev, 1983, S. 19–254, Ramsay, 2009, S. 17–31, ,
Bis zu diesem Zeitpunkt kann man feststellen: Gegen die Überlegung, dass Dada Lekhraj selbständig in über 30 Jahren ein eigenes Glaubenssystem entworfen habe, sprechen u. a. sein vorheriges Leben als recht pragmatischer, mitunter unkonventioneller Geschäftsmann, der traditionelle, auch laienhafte Umgang mit religiösen Dingen, und seit 1936/37 die plötzlich modifizierten, wenn nicht gar konträren Ansichten zum Hinduismus. Hinzu kommen neue Überzeugungen, etwa dass Gott ein Lichtpunkt sei.Siehe Nagel, 1999, S. 26–30, S. 405
Für die Glaubensgemeinschaft sind daher bis heute zwei Überzeugungen unumstößlich: Lekhraj hatte ein „…echtes Berufungserlebnis“Nagel, 1999, S. 30., d. h. eine Phase tiefer Gotteserfahrung und Eingebungen mit dem Auftrag, Gott zu dienen und nötigenfalls einen Bruch mit der Gesellschaft in Kauf zu nehmen. Und: Die Lehre „…beruht zumindest in den wichtigsten Grundzügen auf Offenbarungen Gottes“.Nagel, 1999, S. 30. Siehe dazu auch Whaling, 2012, S. 13.
Die Entwicklung seit 1969 Führung durch Frauen mini|Die ehemalige Leiterin Dadi Prakash Mani (um 1945)
Nach dem Tod des Gründers bestand die neue, jetzt weibliche Führung aus erfahrenen Schwestern. Die Leitung endete bisher stets mit dem Tod. In chronologischer Reihenfolge sind das: Didi Manmohini (1969–1983)Siehe , Adi Dev, 1983, S. 185–188, Nagel, 1999, S. 178, Anhang, Bild 28, 29 und 31. und Dadi Prakash Mani (1969–2007), Nagel, 1999, S. 171 f., S. 178 f., S. 379, Ramsay, 2009, S. 25 f., S. 32, S. 35, S. 146–179 sowie Nagel, 1999, Anhang, Bild 18, 28, 30, 31, 42, 43 und Ramsay, 2009, S. 33, Bild 6., von den Mitgliedern Dadi Kumarka genannt. Nach dem Tod von Didi Manmohini: Dadi Janki (seit 1983), Dadi Chandra Mani (1983–1997)Siehe Nagel, 1999, S. 180. und Dadi Prakash Mani. Seit 1997: Dadi Prakash Mani und Dadi Janki., 2009, S. 13 f., Ramsay, 2009, S. 35, Nagel, 1999, S. 179. Mit dem Ableben von Dadi Prakash Mani im Jahr 2007 ging die Leitung über auf Dadi Janki, Dadi Ratan MohiniSiehe und Dadi Gulzar, die am 11. März 2021 mit 94 Jahren verstarb.Siehe zu Dadi Gulzar bzw. zu (offiziell) Dadi Hirdaya Mohini: Ramsay, 2009, S. 35, Whaling, 2012, S. xiv, S. 60, Die Darstellung von Joachim Finger reicht von 1969 bis 1999 und ist deshalb veraltet. Sie scheidet als Quelle für die Entwicklung seit der Jahrtausendwende aus. Siehe wie alle Vorgenannten Gründungsmitglieder, erkennbar auch an der respektvollen Anrede „Dadi“ oder „Didi“ vor dem Namen, in diesem Kontext zu übersetzen mit „ältere Schwester“. Dadi Janki starb mit 104 Jahren am 27. März 2020. Die Leitung lag weiterhin bei Dadi Hirdaya Mohini, Dadi Ratan Mohini und bei Dadi Ishu, die jeweils um die 90 Jahre alt sind. Im Jahre 2021 lebt nur noch Dadi Ratan Mohini.
Das jahrzehntelange Engagement von Dadi Janki hat anscheinend zu Wertschätzung bei Nicht-Mitgliedern geführt.Siehe Whaling, 2012, S. 62 ff., S. 99, ,
Nach dem Ableben von Dada Lekhraj wurde somit die Bewegung zur „Frauenreligion“Nagel, 1999 S. 299., aber auch mit Männern in höheren PositionenSiehe Nagel, 1999, S. 182 f., Musselwhite, 2009, S. 135 ff., S. 138–161, Whaling, 2012, S. 53 f., Adi Dev, 1983, S. 189, S. 234–237, S. 251 f. und mit einer bald auftretenden Tendenz der Überhöhung und Verehrung Brahmas.Siehe Whaling, 2012, S. 58, S. 90, Nagel, 1999, S. 261 f., Anhang, Bild 38. Die Schulen werden im Regelfall auch heute noch von Schwestern geleitet.Siehe z. B. Musselwhite, 2009, S. 16 ff., S. 79–87 (Beschreibung der Leitung eines Zentrums von Sister Charlotte), Nagel, 1999, S. 178–182, S. 289 f., S. 298 f. (Exkurs: Die Brahma Kumaris als Frauenreligion), S. 319 f., S. 383 f., S. 400–408, Ramsay, 2009, S. 18 f., S. 33 f., S. 144, Whaling, 2012, S. 100, Puttik, in: Wilson, 1999, S. 144 f., Adi Dev, 1983, S. 248, S. 250 ff., Baatz, 2006.