Die Bahnstrecke Ducherow–Heringsdorf–Wolgaster Fähre führte von Ducherow über den Peenestrom mit der Hubbrücke Karnin auf die Insel Usedom, zuerst nach Osten bis zur Swinemündung, anschließend nach Nordwesten über fast die gesamte Länge der Insel parallel zur Ostseeküste bis Trassenheide und dann nach Südwesten zum Peenestrom gegenüber von Wolgast.

Die Strecke konnte nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr durchgehend betrieben werden. Die über den Peenestrom führende Hubbrücke Karnin war kurz vor Kriegsende von deutschen Truppen zerstört worden. Die Stadt Swinemünde (Świnoujście) kam gemäß Potsdamer Abkommen zu Polen, so dass die neue Grenze die alte Strecke an zwei Stellen teilte. Der Abschnitt von Ducherow bis Ahlbeck – inklusive des kurzen Teils in Świnoujście – wurde 1945 bis 1948 als Reparationsleistung an die Sowjetunion demontiert, so dass nur der Abschnitt von Wolgaster Fähre bis Ahlbeck in Betrieb blieb.

Um die Jahrtausendwende wurde in zwei Etappen der Streckenteil von Ahlbeck, einem neuen Bahnhof in Świnoujście (Bahnhof Świnoujście Centrum) und der Abschnitt zwischen der Staatsgrenze und Ahlbeck wiederhergestellt. In Wolgast erhielt die Strecke im Jahr 2000 über eine neue kombinierte Eisenbahn-/Straßenbrücke eine direkte Anbindung an das Eisenbahnnetz auf dem Festland.

Pläne für die Wiederherstellung des gesamten demontierten Streckenteils gab es schon in der DDR, und sie werden weiterhin diskutiert. Ihre Verwirklichung ist wegen der Kosten für die wiederaufzubauende Hubbrücke Karnin und wegen des in Świnoujście durch Überbauungen inzwischen entstandenen Platzmangels erschwert.

Der Abschnitt zwischen Ducherow und Heringsdorf war eine zweigleisige Hauptbahn, die Verlängerung bis Wolgaster Fähre eine eingleisige Nebenbahn. Die heute betriebene Strecke Świnoujście – Wolgast ist eine eingleisige Nebenbahn. Sie ist die Stammstrecke der Usedomer Bäderbahn (UBB), auf der Züge, seit 2017 betrieben von DB Regio Nordost, im Sommer alle 30 Minuten (weiter nach Züssow alle 60 Minuten) verkehren.

Streckenverlauf mini|links|Das ehemalige Empfangsgebäude des Bahnhofs Karnin – in alter Schreibweise noch mit „C“ mini|links|Trajektanleger Wolgaster Fähre

Die Strecke begann am Bahnhof Ducherow an der Angermünde-Stralsunder Eisenbahn, von der sie nach Nordosten abzweigte. Bis zum Peenestrom, den sie auf der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Hubbrücke Karnin überquerte, war die Strecke fast geradlinig. Anschließend führte sie parallel zur Südküste Usedoms über die Orte Usedom und Dargen nach Swinemünde. Der Swinemünder Hauptbahnhof befand sich am Westrand der Stadt. Danach schwenkte die Strecke in einem großen Bogen nach Nordwesten und weiter parallel zur Nordküste von Usedom bis Trassenheide und südwestlich bis Wolgast Fähre. Vom westlichen Stadtrand von Swinemünde (Świnoujście) an ist die Strecke über die Grenze bei Ahlbeck und inzwischen über eine neue Brücke weiter bis Wolgast Hafen in Betrieb.

Der Bahnhof Heringsdorf war als dreigleisiger Kopfbahnhof angelegt worden. Die Züge wechseln heute wie damals im Bahnhof die Fahrtrichtung und passieren nach einer etwa 180°-Kurve Heringsdorf am südlichen Ortsrand. Die Strecke führt auf der Boddenseite der Insel weiter nach Nordwesten bis Zinnowitz, wo die ebenfalls nach Nordwesten führende Strecke nach Peenemünde abzweigt. Die Stammstrecke schwenkt nach Südwesten und endete ursprünglich im noch auf Usedom gelegenen Bahnhof Wolgaster Fähre.

Reisende mussten früher zum Anschluss an die Bahnstrecke Züssow–Wolgast Hafen zwischen den Bahnhöfen Wolgaster Fähre und Wolgast Hafen zu Fuß den Peenestrom über die Straßenbrücke überqueren. Güterwagen und andere Eisenbahnfahrzeuge wurden bis 1990 mit einer Fähre (einem Trajekt) zwischen Festland und Insel überführt.

Im Jahr 2000 wurde die neue Wolgaster Peenebrücke mit einem Eisenbahngleis eröffnet. Über diese Brücke hat die Insel Usedom 55 Jahre nach der Zerstörung der Hubbrücke Karnin und der Demontage des dortigen Streckenteils wieder eine direkte Eisenbahnverbindung mit dem pommerschen Festland.

Geschichte Die erste Eisenbahn auf Usedom mini|links|Außenansicht des Bahnhofs Seebad Ahlbeck

Nachdem bereits seit 1863 über die Bahnstrecke Züssow–Wolgast Hafen eine Verbindung bis zum Peenestrom, der Usedom vom Festland trennt, aufgenommen wurde, gab es seitens der Berlin-Stettiner Eisenbahn-Gesellschaft (BSE), die das Normalspurnetz in der Region betrieb, Bestrebungen, die Insel über eine weitere Verbindung zu erreichen. Die sollte jedoch nicht am Peenestrom enden, sondern ihn überbrücken und von Berlin aus auf kürzerem Wege nach Swinemünde führen. Nach Erteilung der Baugenehmigungen begannen im August 1873 die Arbeiten, die sich über drei Jahre hinzogen. Die Querung des Peenestroms bei Karnin beanspruchte die meiste Bauzeit und wurde Ende 1875 in Form einer Drehbrücke fertig gestellt. Das Planum der zunächst eingleisigen Strecke wurde bereits für die Anlage des zweiten, 1908 realisierten Gleises vorbereitet.Malte Werning: Insel- und Bäderbahnen der Ostsee. GeraMond-Verlag, 2005, S. 107. Am 15. Mai 1876 fuhr der erste Zug von Berlin aus über die neue Strecke nach Swinemünde und Güterzüge fuhren über Anschlussgleise weiter zum Hafen. Drei Jahre später wurde die Berlin-Stettiner Eisenbahn-Gesellschaft verstaatlicht und der Betrieb und das Wagenmaterial von den Preußischen Staatseisenbahnen übernommen.

Nachdem das Grundnetz der preußischen Eisenbahnen bis etwa 1880 errichtet war, begann der Bau von Nebenbahnen in dünner besiedelte Gebiete. Da bis auf die Swinemünder Zufahrtstrecke und die Festlandverbindung nach Wolgast noch kein weiterer Eisenbahnanschluss für Usedom bestand, wurde ab 1893 die Hauptstrecke von Swinemünde aus als Nebenstrecke parallel zur Küste nach Heringsdorf verlängert (Betriebsaufnahme am 1. Juli 1894).

Streckenausbau und Netzerweiterung

Nach dem zweigleisigen Ausbau der bestehenden Strecke im Jahr 1908 folgte 1911 die Verlängerung der Strecke entlang der Nordküste der Insel. Der Bahnhof Heringsdorf blieb dabei Kopfbahnhof; er konnte aus Platzgründen nicht zum Durchgangsbahnhof ausgebaut werden. Streckenende war der Bahnhof Wolgaster Fähre auf der Usedomer Seite gegenüber von Wolgast. Dort bestand Anschluss über eine Personenfähre zum Festland und dort zur Bahnstrecke Züssow–Wolgast Hafen. Eine Eisenbahnfährverbindung (Trajekt) gab es nur für den Güterverkehr.

mini|Die Hubbrücke Karnin ist der erhaltene Mittelteil der Peenequerung.

Die auf der Strecke verkehrenden Züge dienten vor allem dem lokalen Personen- und Güterverkehr. Hinzu kamen einige durchgehende Zugpaare für den Ausflugsverkehr von und nach Berlin. Der Abschnitt Ducherow–Swinemünde war der am meisten befahrene Abschnitt. Die Drehbrücke bei Karnin wurde zum Engpass, da sie allgemein offenstand und nur für das Passieren der Züge geschlossen wurde. Sie wurde daher abgetragen und in den Jahren 1932/33 durch die schneller zu betätigende Hubbrücke Karnin ersetzt. Das Schließen und Öffnen der neuen Hubbrücke dauerte nur noch etwa je zwei Minuten. Außerdem erlaubte die Brücke eine Geschwindigkeit der Züge bis 100 km/h und es war somit möglich, mehr Züge einzusetzen.

Im Sommer verkehrten mehrere durchgehende Schnell- und Eilzüge der Deutschen Reichsbahn von Berlin nach Heringsdorf, Zinnowitz oder Carlshagen-Trassenheide (heute Trassenheide), darunter die so genannten „Strohwitwerzüge“, die zu ihrem Namen kamen, weil sie samstags Familienväter von der Arbeit zu ihren Familien auf der Insel brachten und am Sonntagabend zurück. Hinzu kam eine direkte Verbindung in und aus Richtung Dresden und Breslau.Malte Werning: Insel- und Bäderbahnen der Ostsee. GeraMond-Verlag, 2005, S. 108. Im Winter verkehrte lediglich ein durchgehender Eilzug von Berlin bis Swinemünde. Ab Mitte der 1930er Jahre nahm der Verkehr mit der Anlage der Heeresversuchsanstalt Peenemünde (HVA) sowie der Munitionsanstalt in der Mellenthiner Heide stark zu. Neben der bereits 1934 eröffneten Straßenbrücke Wolgast wurde 1937 zusätzlich für den Personenverkehr der HVA die Werkbahn Peenemünde (Zinnowitz–Trassenheide–Karlshagen–Peenemünde) in Betrieb genommen.

Die Verknappung der Ressourcen während des Zweiten Weltkrieges führte 1941 zur Einstellung der öffentlichen Schnell- und Eilzüge von und nach Berlin.

Zerstörung und Trennung der Strecke mini|Die ehemalige Trasse zwischen Garz und Golm mini|Bahnhof Heringsdorf, 1991 mini|Ehemaliger Endbahnhof Wolgaster Fähre mini|Bahnhof Wolgaster Fähre mit DR V 100, nach links das Gleis zum Trajektanleger mini|Elektrischer Betrieb im damaligen Endbahnhof Wolgast Hafen, im Hintergrund Güterwagen auf dem Gleis zum Trajekt

Während die Strecke im Zweiten Weltkrieg von größeren Zerstörungen verschont blieb, sprengten am 29. April 1945, unmittelbar vor Ende des Krieges, sich zurückziehende Truppen der Wehrmacht die Karniner Brücke. Zerstört wurden dabei nur die seitlichen Brückenbögen des 350 Meter langen Bauwerks. Die mittige Hubbrücke wurde nicht zerstört und die Gleiströge wurden angehoben, um der im Stettiner Haff operierenden Kriegsmarine einen trümmerfreien Fluchtweg durch den Peenestrom in die Ostsee zu ermöglichen.

Nach der Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 wurde Swinemünde aufgrund des Potsdamer Abkommens Polen zugeteilt und in Świnoujście umbenannt. Für die Strecke, die nun auf einem etwa fünf Kilometer langen Abschnitt durch polnisches Gebiet führte, bedeutete dies die Teilung in zwei auf deutschem Gebiet verbleibende Abschnitte. Auf dem südlichen Abschnitt Ducherow – zerstörte Karniner Hubbrücke – polnische Grenze und auf dem kurzen Teil Ahlbeck – polnische Grenze des nördlichen Abschnittes wurden die Schienen als Reparationsleistung demontiert und in die Sowjetunion verbracht. Der Abbau zwischen der Karniner Hubbrücke und polnischer Grenze war 1948 beendet. Die dort fahrenden Güterzüge transportierten die hinter ihnen abgebauten Schienen zum Hafen von Świnoujście.

Bereits im Dezember 1945 wurden an den Bahnhöfen Wolgast Hafen und Wolgaster Fähre nahe dem Bahnhof Wolgast auf Befehl der Sowjetischen Militäradministration je ein Fähranleger errichtet und dort das Fährschiff Stralsund zum Übersetzen von Eisenbahnfahrzeugen eingesetzt.

Durch die Reduzierung auf den Abschnitt Ahlbeck – Wolgaster Fähre wurde die Usedomer Eisenbahn zu einer isolierten Inselbahn, was für Bahnreisende stets mit zweimaligem Umsteigen über die Wolgaster Fähre verbunden war. Die Inselbahn wurde als Nebenbahn eingestuft und nur notdürftig instand gehalten. Ihre Höchstgeschwindigkeit verringerte sich auf 60 km/h. Von Berlin und aus dem Süden der DDR gab es durchgehende Züge über Züssow bis Wolgast Hafen.

Es verkehrten 1960 zirka 14 Zugpaare pro Tag auf der Gesamtstrecke. Die Zahl reduzierte sich in den 1980er Jahren etwas je nach Verkehrstag auf elf bis zwölf. Mehrfach, zum Beispiel zwischen 1965 und 1969, gab es Bestrebungen der DDR, die Strecke nach Ducherow wieder aufzubauen. Die Grenze zu Polen, damit verbundene zwischenstaatliche Probleme und die schwierige Topografie auf einer den polnischen Zipfel bei Świnoujście umgehenden Alternativstrecke ließen in Kombination mit den wirtschaftlichen Schwächen des Staates das Vorhaben scheitern. Der etwa 5 km lange alte Streckenteil in Świnoujście war infolge der Demontagen auf deutscher Seite ebenfalls bald entfernt und später teilweise mit Straßen und Häusern überbaut worden.