Ein Akıncı, dt. Akindschi (auch Aqindji oder AkyndschyErnst Werner, Walter Markov: Geschichte der Türken - Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Seiten 23f und 53. Akademie-Verlag, Berlin 1978, Die Übersetzung aus dem modernen Türkisch wäre Plünderer, Streifzügler. Im Glossar von wird das Wort als osm.-türk. Stürmer, Sturmreiter angegeben. Treffend wäre auch das von akın = Strom abzuleitende Stromer, was dem Streifzügler entspräche. Stürmer kann als indirekt abgeleitet von akın = Andrang (Synonym für militärisch Sturm) gesehen werden. Sie werden in deutschen Quellen auch als Renner und Brenner sowie als Säckmann bezeichnet und waren im 15. und 16. Jahrhundert Teil der irregulären türkischen Reiterei. Da Akıncı letztlich ein militärischer Begriff ist, wird hier der Lösung des Glossars der Vorzug gegeben., im deutschsprachigen Schrifttum Renner und BrennerGereon Sievernich, Hendrik Budde: Europa und der Orient 800-1900, Seite 262. Bertelsmann Lexikon Verlag, Berlin 1989), war ein Angehöriger irregulärer – also meist unbesoldeter und sich durch Raub und Sklavenhandel finanzierender – Reitertruppen der Osmanen.
Unsicherheit in der Nomenklatur Die Begriffe Akıncı, Deli und Tataren (womit stets die Krimtataren gemeint sind) werden in manchen Quellen und Veröffentlichungen nicht deutlich voneinander getrennt. Nicht restlos geklärt ist, ob und für welchen Zeitraum diese Begriffe im Schrifttum als synonym anzusehen sind oder sich gegenseitig ausschließen.
Nicolae Jorga unterscheidet für das 16. Jahrhundert genau zwischen Akıncı und Tataren und liefert einen möglichen Hinweis auf die Entstehung der Begriffsverwirrung: „Den Akindschis gesellten sich Tausende von wilden Tataren bei, um an der Verwüstung des Landes und der gewinnbringenden Jagd nach Gefangenen teilzunehmen.“Nicolae Jorga: Die Geschichte des Osmanischen Reiches nach Quellen dargestellt. Unveränderte Neuausgabe. Primus Verlag, Darmstadt 1997, Band 4, S. 416. Er beschreibt den Niedergang der Akıncı, die ihre Aufgaben schließlich an andere Truppen abgaben, und den Aufstieg der Tataren für die Zeit der Sultane Süleyman I. und Murat III.Nicolae Jorga: Die Geschichte des Osmanischen Reiches nach Quellen dargestellt. Unveränderte Neuausgabe. Primus Verlag, Darmstadt 1997, Band 3, S. 379 ff.
Hammer-Purgstall berichtet, die Akıncı seien als osmanische Vortrupps nach 1595 aufgelöst worden, und bezieht sich dabei auf die Chronik des osmanischen Geschichtsschreibers Na'īmā.„Chronik des Na'īmā“ (), zitiert bei Joseph Hammer-Purgstall: Geschichte des Osmanischen Reiches. Band 4. 1829, S. 250.
Dennoch nennt Jorga die Akıncı als Bestandteil der Truppen des Großwesirs Köprülü Fazıl Ahmed (1635–1676)Nicolae Jorga: Die Geschichte des Osmanischen Reiches nach Quellen dargestellt. unveränderte Neuausgabe, Primus Verlag Darmstadt 1997, Bd. 4, S. 138. und bei der Beschreibung des osmanischen Heeres von 1682, wobei eine FußnoteNicolae Jorga: Die Geschichte des Osmanischen Reiches nach Quellen dargestellt. Unveränderte Neuausgabe. Primus Verlag, Darmstadt 1997, Band 4, S. 161. klarstellt, dass es sich nicht mehr um „die alten Akindschis“ handelt.
PalmerAlan Palmer: Verfall und Untergang des Osmanischen Reiches. Heyne, München 1994 (engl. Original: London 1992), 448 S., S. 27 f, 249, 389. bezeichnet die von anderen Autoren in anderen VeröffentlichungenNicolae Jorga: Die Geschichte des Osmanischen Reiches nach Quellen dargestellt. unveränderte Neuausgabe, Primus Verlag Darmstadt 1997, Bd. 4, S. 167. für das 17. Jahrhundert oder speziell für die Zweite Wiener Türkenbelagerung 1683 Tataren genannte Streifschar als Akıncı.
Ob in österreichischen Quellen des 17. Jahrhunderts, wie zum Beispiel Ortschroniken,Franz Kurz: Geschichte der Landwehre in Österreich unter der Enns. Leipzig 1811, S. 223. mit den Rennern und Brennern die Tataren, die Akıncı oder andere freischweifende Truppen wie die bei Jorga aufgeführten Bulgaren gemeint sind, ist nicht immer ersichtlich.
Die Lebensweise der Akıncı in Friedenszeiten In den Memoiren eines Janitscharen aus dem 15. Jahrhundert ist zu lesen: „… die anderen Türken nennen sie çoban, das heißt Schafhirten, denn sie leben von Schafen und anderem Vieh. Sie züchten Pferde und warten darauf, daß man sie zu einem Feldzuge einberufe …“Memoiren eines Janitscharen oder Türkische Chronik. Eingeleitet und übersetzt von Renate Lachmann. Slavische Geschichtsschreiber Bd. VIII. Graz 1975, S. 163 f.
Manche Akıncı wurden von ihren Beys bezahlt und mit Landbesitz betraut.David Nicolle: Armies of the Ottoman Turks 1300–1774. Osprey Publishing, London 1983, ISBN 0-85045-511-1, S. 13 f. Sie durften auf mırı-Land (Staatsbesitz) zwei bis drei Paar Ochsen halten und den Acker von Sklaven bestellen lassen, ohne dafür öşür (Zehnt) bezahlen zu müssen. Sie waren laut einem Register aus Bosnien von 1516/17 von ordentlichen Steuern, Frondiensten und Pferderequirierungen befreit.Ernst Werner: Die Geburt einer Großmacht - die Osmanen (1300–1481). Berlin 1978, S. 111 ff. Angaben für andere Zeiten und Gebiete widersprechen dem manchmal. So führt Halil İnalcık aus, die Akıncı seien als Angehörige des Militärs, der askeri, zwar von Steuern befreit gewesen, jedoch nicht von Abgaben für eventuelle Lehen oder gewerbsmäßigen Zugewinn.Halil İnalcık: Studies in Ottoman Social and Economic History. London 1985, S. 16.
Auch in Städten gab es Akıncı. Beispielsweise werden in einem defter (Register) der Stadt Tatar Pazarcık (heute Pasardschik, Bulgarien) von 1568 fünf Akıncı als Haushaltsvorstände aufgeführt.Machiel Kiel: Tatar Pazarcık. In: Klaus Kreiser u. Christoph K. Neumann (Hrsg.): Das Osmanische Reich in seinen Archivalien und Chroniken. Istanbul 1997, S. 43.
Die Zahl der Akıncı schwankte sehr. Für 1528 wurden sie auf 12.000 geschätzt, wozu in Feldzugszeiten eine große Zahl von Freiwilligen kam, die sich einen dauerhaften Eintritt in den Kriegerstand erhofften.Halil İnalcık: Studies in Ottoman Social and Economic History. London 1985, S. 89.
Militärische Aufgaben mini|Schlacht bei Mohács (1526): Einer der beiden Akıncı-Führer gilt als Malkoçoğlu Bali Bey,Esin Atıl: Süleymanname. Washington 1986, S. 135. aus Süleymanname, 16. Jh. links|mini|Akıncı umreiten das gegnerische Heer bei der Schlacht von Nikopolis 1396 mini|Aus Sultan Süleymans Feldzugstagebuch: „Dem Mihaloğlu und den anderen Kommandanten der Aqǐnǧǐ wurde die Erlaubnis zum Streifen gegeben.“Anton C. Schaendlinger: Die Feldzugstagebücher des ersten und zweiten ungarischen Feldzugs Suleymans I. Wien 1978, S. 83. Die Akıncı stellten die wichtigsten der leichten Kavallerieeinheiten dar, die im Rahmen der Provinzialtruppen neben der schweren Sipahi-Reiterei zur Verfügung standen.Josef Matuz, Das Osmanische Reich – Grundlinien seiner Geschichte. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1985, ISBN 3-534-05845-3, 354 S., S. 101. Sie gerieten vor allem wegen ihrer von 1471 bis 1483 nahezu alljährlichen Streifzüge durch österreichische und von Österreich kontrollierte oder beanspruchte Gebiete sowie während und nach der ersten Belagerung Wiens durch die Osmanen 1529 als „Renner und Brenner“ ins europäische Bewusstsein.Hans Joachim Kißling: Vom Osmanischen Reiche. In: Hans Joachim Kißling: Dissertationes orientales et balcanicae collectae III., Die Osmanen und Europa, München 1991, S. 227. „Viele christliche Nachbarn [des türkischen Machtbereiches] kannten von der großen Menge osmanischer Kämpfer nur die wilden Akindschis“.Nicolae Jorga: Die Geschichte des Osmanischen Reiches nach Quellen dargestellt. unveränderte Neuausgabe, Primus Verlag Darmstadt 1997, Bd. 1, S. 480 ff Die Akıncı waren in der Regel in den europäischen Grenzgebieten stationiert und unternahmen, schon während die regulären Truppen ihre Lager bezogen, Streifzüge, um die Bevölkerung zu verunsichern, ihre Besitztümer als Vorräte zu brandschatzenNicolae Jorga: Die Geschichte des Osmanischen Reiches nach Quellen dargestellt. unveränderte Neuausgabe, Primus Verlag Darmstadt 1997, Bd. 2, S. 185 ff und sie selbst zu töten oder als Sklaven gefangen zu nehmen. Sie schnitten dem Gegner den Weg ab und sollten durch ihre Einfälle auch die Mobilität und Kampfbereitschaft des gegnerischen Heeres prüfen, erfüllten also taktische Kundschaftertätigkeiten.Richard F. Kreutel (Hrsg.): Vom Hirtenzelt zur Hohen Pforte. Graz u. a. 1959, S. 171.Josef Matuz: Das Osmanische Reich – Grundlinien seiner Geschichte. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1985, S. 103. Meist entkamen sie, noch bevor geeignete Gegenmaßnahmen getroffen werden konnten.
Ein typischer Einsatz der Akıncı wird von vielen Autoren für die Schlacht bei Mohács (1526) berichtet: Der Akıncı-Führer Malkoçoğlu Bali Bey habe mit seinem Vortrupp die Schlacht begonnen, nach kurzer Zeit eine Scheinflucht inszeniert und die ungarische Reiterei bis vor die Sultansschanze gelockt, wo sie von der Phalanx der mit Gewehren bewaffneten Yeniçeri, der Janitscharen, mit Unterstützung der Artillerie zerrieben worden sei.Ferenc Majoros u. Bernd Rill: Das Osmanische Reich 1300–1922. Wiesbaden 2004, S. 224. In den Feldzugstagebüchern Sultan Süleymans dagegen wird beschrieben, eine Abteilung der Ungarn habe Bali Beys Schlachtreihen gesprengt. Von der List ist dort keine Rede.Anton C. Schaendlinger: Die Feldzugstagebücher des ersten und zweiten ungarischen Feldzugs Suleymans I. Wien 1978, S. 16. Die Akıncı erwähnt der Tagebuchschreiber namentlich nur einmal.
Die strategische Unberechenbarkeit und Schläue sowie die im Westen bekannte Grausamkeit der Akıncı führten dazu, dass das Drohen mit ihrem Einfall zur wirkungsvollen diplomatischen Strategie werden konnte.Anton C. Schaendlinger: Die Schreiben Süleymans der Prächtigen an Vasallen, Militärbeamte, Beamte und Richter. Transkriptionen und Übersetzungen, Wien 1986, S. 41. Selim II. 1576 an den „König von Wien“ (Beç kıralı): „Wir sind jederzeit entschlossen, jedem Angriff, der gegen Polen gerichtet ist - durch göttlichen Beistand - entgegenzutreten […] und die Akıncı-Truppen sind in Bereitschaft und durch meine sultanischen Befehle beauftragt, gegen Euch zu marschieren, falls Polen und Siebenbürgen von Euch angegriffen werden sollten.“„Abschrift jenes Schreibens, das an den König von Wien geschrieben wird“. vom 20. Januar 1576, in: Kemal Beydilli: Die polnischen Königswahlen und Interregnen von 1572 und 1576 im Lichte osmanischer Archivalien. München 1976, S. 83f.