mini|Scotts Team am Südpol, 18. Januar 1912. Von links nach rechts: (stehend) Oates, Scott, Wilson; (sitzend) Bowers, Edgar Evans

Die Terra-Nova-Expedition (1910–1913), offiziell die British Antarctic Expedition 1910, war eine britische Expedition unter Robert Falcon Scott. Das Hauptziel war laut Scott, „den Südpol [erstmals] zu erreichen und für das British Empire die Ehre dieser Errungenschaft zu sichern“.Crane, S. 397. Außerdem sollten wissenschaftliche Forschungen und Erkundungen entlang der Küste und im Inneren des antarktischen Festlands durchgeführt werden, darunter die Erforschung von Viktorialand und des Transantarktischen Gebirges. Der bekanntere Name leitet sich von der Terra Nova ab, dem Schiff, das die Expeditionsgruppe transportierte und die Versorgung der Expedition garantierte.

Der Auftritt von Roald Amundsens Fram-Expedition veränderte den Charakter der Forschungsreise und führte zu einem Wettrennen um das erstmalige Erreichen des Südpols und um das damit verbundene (nationale) Prestige. Bei seinem Vorstoß zum Südpol leitete Scott eine Fünf-Mann-Gruppe, die den Pol am 18. Januar 1912 erreichte – etwas mehr als einen Monat nach Amundsen. Auf der Rückreise fanden Scott und seine Gefährten den Tod. Der Erfolg Amundsens wurde in der Folge durch dieses Schicksal überschattet. Ein Suchtrupp fand ihre Leichen im November 1912. Den bei ihnen gefundenen Aufzeichnungen, insbesondere dem von Scott geführten Tagebuch, wurde sehr viel Aufmerksamkeit zuteil, da diese Unterlagen ihre Reise und insbesondere die Umstände ihres Scheiterns sehr ausführlich dokumentierten.

mini|hochkant=1.2|Eine Karte des Rossmeers mit den Routen der Terra Nova-Expedition (grün) und jener Amundsens (rot)

Vorbereitungen Hintergrund Scotts Discovery-Expedition hatte zwar entscheidend zu den wissenschaftlichen Kenntnissen über die Antarktis beigetragen; was die Polarforschung anging, war sie dagegen wesentlich weniger erfolgreich gewesen – sie war nicht weiter nach Süden gelangt als bis auf 82° 17′ S. Scott sah die Expedition als eine Art unvollendete Aufgabe, was sich in seiner Überzeugung reflektierte, der McMurdo-Sund, die ehemalige Basis der Discovery, sei sein persönliches Arbeitsumfeld, in das er und nur er zurückkehren müsse.Brief an Shackleton, zitiert von Crane, S. 335–36. Scott nahm seine Marinekarriere 1906 zwar wieder auf, hegte aber noch immer den Wunsch, in die Antarktis zurückzukehren – die „Eroberung“ des Pols war hier sein erstes Ziel. Das auslösende Ereignis, das ihn seine Ambitionen in die Tat umsetzten ließ, war Ernest Shackletons Nimrod-Expedition von 1907 bis 1909, die nur knapp vor dem Südpol umkehren musste. Shackleton hatte die Route von Scotts Discovery-Basis über den Beardmore-Gletscher aufs Polarplateau und zum Südpol etabliert und war bei 88° 23′ S umgekehrt, weniger als 180 Kilometer vor dem Ziel. Der Gebrauch von Scotts Station entgegen anders lautenden VersprechungenShackleton hatte Scott am 17. Mai 1907 geschrieben: „Ich überlasse Ihnen den McMurdo-Sund“ und diverse Alternativen umrissen. hatte die Beziehung zwischen beiden getrübt und erhöhte Scotts Entschlossenheit, Shackletons Errungenschaft zu übertreffen.

Als er seine Vorbereitungen traf, hatte Scott keinen Grund zur Annahme, seine Polarreise würde zu einem Wettrennen ausarten. Eine gleichzeitige australische Antarktisexpedition unter Douglas Mawson würde in einem anderen Gebiet arbeiten, und Roald Amundsen, ein potenzieller Rivale, hatte Pläne für eine Arktisexpedition bekanntgegeben.Fiennes, S. 157.

Frühere Expeditionen mit Einfluss auf die Terra-Nova-Expedition mini|Panorama des McMurdo-Sunds mit dem Mount Erebus

Die Terra-Nova-Expedition war nur eine von zahlreichen Unternehmungen im Rossmeergebiet zwischen 1840 und 1910. Diese Expeditionen strebten eine Mischung aus Entdeckungsfahrten und wissenschaftlichen und kommerziellen Aktivitäten an. Der Südliche Ozean rund um die Antarktis wurde im späten 19. Jahrhundert dank des Walfangs zu einem Gebiet von wachsender kommerzieller Bedeutung. Privatpersonen und Regierungen finanzierten Expeditionen mit der Absicht, Basen in der Antarktis einzurichten. Man wollte die Wal- und Robbenpopulationen ausbeuten und das Potenzial an Bodenschätzen untersuchen. Mit der Jahrhundertwende begann sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf den Südpol zu fokussieren. Fridtjof Nansens fehlgeschlagener Versuch von 1895 zur Erreichung des Nordpols und Robert Edwin Pearys anscheinend erfolgreicher Versuch 1909 (heute umstritten) ließen den Südpol als „letzte geografische Herausforderung“ übrig. Das Rossmeer, der südlichste Punkt der Antarktis, wo man mit einem Schiff anlanden kann, war der Idealort für die Lancierung eines dahingehenden Versuches.

Trotz der bestehenden Tradition, dass Staaten nur die Gebiete erforschten, die sie entdeckt hatten, hatten sowohl Norwegen als auch Großbritannien eine Forschungsvorgeschichte im Rossmeer. Aufgeführt sind frühere Expeditionen sowie die Expeditionen im Wettlauf um den Südpol. 1839–1843: James Clark Ross (Vereinigtes Königreich). Forschungsexpedition der britischen Marine. Schiffe: Erebus und Terror. Die Expedition wurde als Antwort auf die französischen Aktivitäten im Westen unter Jules Dumont d’Urville unternommen. Ross reiste in die südöstlich von Neuseeland gelegene Region und entdeckte das Rossmeer, das Ross-Schelfeis und die Ross-Insel. 1893–1895: Henryk Bull (Norwegen/Australien). Norwegisch finanzierte Walfangexpedition. Schiff: Antarctic. Landung am Kap Adare. 1898–1900: Carsten Egeberg Borchgrevink (Norwegen). Britisch finanzierte Southern-Cross-Expedition. Schiff: SS Southern Cross. Landung bei Kap Adare und Überwinterung. 1901–1904: Robert Falcon Scott (Vereinigtes Königreich). Britisch finanzierte wissenschaftliche Expedition. Schiff: Discovery. Landung und Überwinterung auf der Hut-Point-Halbinsel, Ross-Insel. 1907–1909: Ernest Shackleton (Vereinigtes Königreich). Britisch finanzierte wissenschaftliche Expedition. Schiff: Nimrod. Landung und Überwinterung am Kap Royds, Ross-Insel. Erreichen des Magnetischen Südpols (72° 15′ S, 155° 16′ O); Erstbesteigung des Mount Erebus; Größte, bis dahin erreichte Annäherung an einen der beiden Erdpole (88° 23′ S, 162° 0′ O). 1910–1912: Roald Amundsen (Norwegen). Schiff: Fram. Landung und Überwinterung in der Bucht der Wale, Ross-Schelfeis. Erreichen des Südpols. 1910–1913: Robert Falcon Scott (Vereinigtes Königreich). Britisch finanzierte wissenschaftliche Expedition. Schiff: Terra Nova. Landung und Überwinterung am Kap Evans, Ross-Insel. Erreichen des Südpols.

Mitglieder der Expedition

mini|hochkant|Der Leiter der Expedition, Robert Falcon Scott

Von den 65 Männern, welche die einzelnen Gruppen und die Mannschaft des Schiffs stellten und die aus 8000 Bewerbern ausgewählt wurden,Evans in Scott’s Last Expedition. Bd. II, S. 498. waren sechs Veteranen der Discovery-Expedition, fünf waren mit Shackleton auf der Nimrod gewesen. Leutnant Edward „Teddy“ Evans war während der Operation zur Evakuierung der Discovery Navigationsoffizier der Morning gewesen und wurde zu Scotts Stellvertreter ernannt. Seine Pläne zur Organisation einer eigenen Expedition hatte er aufgegeben und die finanzielle Rückendeckung an die Terra-Nova-Expedition abgetreten.

Die Expedition war zwar privat organisiert, erhielt allerdings Unterstützung durch die britische Regierung. Die Admiralität versorgte Scott mit Offizieren und Seeleuten. Unter dem angeworbenen Marinepersonal waren neben Scott selbst und Teddy Evans Leutnant Harry Pennell, der nach der Landung der Küstengruppen das Kommando über das Schiff übernehmen sollte, und zwei Schiffsärzte im Rang von Leutnants, George Murray Levick und Edward Atkinson. Durch die Umstände übernahm Atkinson im Jahr 1912 zeitweilig während einer schwierigen Periode das Kommando über die Küstengruppe. Der ehemalige Royal-Navy-Offizier Victor Campbell war eines der wenigen Mannschaftsmitglieder, die Ski fahren konnten, und sollte die Nordgruppe leiten.Huntford, S. 267. Zu Scotts Zufriedenheit sorgte die Admiralität dafür, dass sein seemännischer Unterbau praktisch völlig aus der Navy kam, darunter auch die Antarktisveteranen Edgar Evans, Tom Crean und William Lashly.

Es wurden auch zwei nicht aus der Royal Navy stammende Offiziere angeheuert: Henry Robertson Bowers, bekannt als „Birdie“, ein Leutnant der Royal Indian Marines, und Lawrence „Titus“ Oates, ein Heereshauptmann von den Royal Iniskilling Dragoons. Oates, selbst wohlhabend, unterstützte die Expedition zusätzlich mit 1000 Britischen Pfund. mini|Oates und seine Pferde Dem Rat Fridtjof Nansens folgend warb Scott einen jungen norwegischen Skiexperten an, Tryggve Gran. Im Zuge seiner geplanten gemischten Transportstrategie ernannte er Cecil Meares zum Verantwortlichen für die Hundeteams und rekrutierte Shackletons früheren Motorenspezialisten, Bernard Day, der die Motorschlitten in Gang halten sollte. Oates sollte sich um die Pferde kümmern, obwohl Scott unerklärlicherweise Meares (der nichts von Pferden verstand) beauftragte, diese zu kaufen, was unglückliche Auswirkungen auf ihre Qualität hatte.Preston, S. 113 und S. 217. Preston vermutet, dass Teddy Evans die Verantwortung für Meares' seltsamen Auftrag trägt.

Um sein wissenschaftliches Programm durchzuführen, wählte Scott erfahrenere Mitarbeiter als die, die auf der Discovery gedient hatten. Der Chefwissenschaftler und Zoologe war Edward Adrian Wilson, der Scott unter den Männern am nächsten stand und der sich auf der Discovery-Expedition nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als glänzender Illustrator und kühner Polarforscher erwiesen hatte. Sein wissenschaftlicher Stab schloss einige Forscher ein, die später große Karrieren durchliefen: George Clarke Simpson, der Meteorologe, Charles Wright, der kanadische Physiker, und die Geologen Frank Debenham und Raymond Priestley. T. Griffith Taylor, der Chef der Geologen, und der Biologe Edward Nelson komplettierten neben dem überraschend angeheuerten Assistenzzoologen Apsley Cherry-Garrard das Team. Cherry-Garrard hatte keine wissenschaftliche Erfahrung, doch er war ein Schützling Wilsons. Er steuerte wie Oates 1000 Pfund zur Finanzierung der Expedition bei.Cherry-Garrard wurde ursprünglich von Scott abgelehnt, zog seine finanzielle Beteiligung aber dennoch nicht zurück. Dies beeindruckte Scott, der von Wilson überzeugt wurde, ihn anzunehmen. Cherry-Garrard erwies sich nicht nur als ausdauernd, sondern auch als sorgsamer Chronist.Sein Buch über die Expedition The Worst Journey in the World ist ein Klassiker der Reiseliteratur. Herbert Ponting, der Fotograf, hinterließ lebendige visuelle Aufzeichnungen.

Finanzierung mini|Kommerzielle Unterstützung für die Expedition

Im Gegensatz zur Discovery-Expedition, die von der Royal Society und der Royal Geographical Society bezahlt worden war, wurde die Terra-Nova-Expedition als Privatunternehmen finanziert. Die Hälfte der geschätzten Gesamtkosten von 40.000 Britischen Pfund wurde von der Regierung aufgebracht, der Rest durch Spenden aus der Öffentlichkeit und Kredite.Es ist unklar, inwiefern dieser Plan erfüllt wurde und wie viel die Expedition tatsächlich kostete. Auch waren viele Firmen bereit, kostenlos Vorräte und Ausrüstungsgegenstände zur Verfügung zu stellen.Siehe Lt. Evans’ Berechnungen in Scott’s Last Expedition. Bd. II, S. 489 f. Die Aufgabe der Geldbeschaffung wurde hauptsächlich von Scott bewältigt und kostete ihn einen wesentlichen Anteil seiner Zeit und Energie, auch da sie nach der Abreise der Terra Nova aus Großbritannien auch in Südafrika, Australien und Neuseeland noch weitergeführt wurde.