hochkant=2|mini|Wendemäntel, Microfaser mit kleinen Fellteilchen aus Fuchsfell und langhaarigerem Ziegenfell besetzt (2004) Ziegenfelle werden als Pelzwaren gehandelt. Für die Pelzverarbeitung werden vor allem die Felle junger Hausziegen verwendet, sie sind als Zickelfelle im Handel.

Ziegenfell Die Ziege wird hauptsächlich wegen des Ziegenfleischs gehalten, eine Nebennutzung sind das Fell oder Leder, die Ziegenmilch und das Haar (Angoraziege; Mohair). Die Felle von Wildziegen finden nur gelegentlich als Dekorationsfelle (Jagdtrophäen) Verwendung.

Das Ziegenhaar ist steif, es ist nur wenig Unterwolle vorhanden. Für Pelzzwecke eignen sich nur weichhaarige Sorten mit gutem Unterhaar („Pelzziegen“). Meist werden die Häute wegen der wenig ansprechenden Behaarung nur als Leder genutzt.

Der Haltbarkeitskoeffizient für Zickel (Kid)- sowie für Ziegenfelle wird mit 20 bis 60 Prozent angegeben.Die angegebenen vergleichenden Werte (Koeffizienten) sind das Ergebnis vergleichender Prüfung durch Kürschner und Rauchwarenhändler in Bezug auf den Grad der offenbaren Abnutzung. Die Zahlen sind nicht eindeutig, zu den subjektiven Beobachtungen der Haltbarkeit in der Praxis kommen in jedem Einzelfall Beeinflussungen durch Gerbung und Veredlung sowie weitere Faktoren hinzu. Eine genauere Angabe könnte nur auf wissenschaftlicher Grundlage ermittelt werden.Die Einteilung erfolgte in Stufen von jeweils 10 Prozent. Die nach praktischer Erfahrung haltbarsten Fellarten wurden auf 100 Prozent gesetzt.Dr. Paul Schöps; Dr. H. Brauckhoff, Stuttgart; K. Häse, Leipzig, Richard König, Frankfurt/Main; W. Straube-Daiber, Stuttgart: Die Haltbarkeitskoeffizienten der Pelzfelle in Das Pelzgewerbe, Jahrgang XV, Neue Folge, 1964, Nr. 2, Hermelin Verlag Dr. Paul Schöps, Berlin, Frankfurt/Main, Leipzig, Wien, S. 56–58. Eine andere Liste setzt die Haltbarkeit auf 23 Prozent und ordnet sie an die 31. Stelle einer unvollständigen Haltbarkeitsskala ein,John C. Sachs: Furs and the Fur Trade, Sir Isaac Pitman & Sons Ltd., London, 3. Auflage, ohne Datum (1950er Jahre?), S. 76–78, 137 (engl.). die traditionell mit dem als am haltbarsten angenommenen Fell des Seeotters beginnt und hier mit dem Hasenfell auf der 41. Position endet. Bei einer Einteilung der Pelztiere in die Haar-Feinheitsklassen seidig, fein, mittelfein, gröber und hart wird das Zickel- und das Ziegenhaar als gröber eingestuft.Paul Schöps, Kurt Häse: Die Feinheit der Behaarung – Die Feinheits-Klassen. In: Das Pelzgewerbe Jg. VI / Neue Folge, 1955 Nr. 2, Hermelin-Verlag Dr. Paul Schöps, Leipzig, Berlin, Frankfurt am Main, S. 39–40.

Geschichte links|mini|Theaterszene mit Schauspielern in Ziegenfellkostümen. Römisches Mosaik vom Boden des Tablinums in Pompeji. Noch vor den Rindern, bereits seit dem 7. Jahrtausend vor Christus, wurden Ziegen als Haustiere gehalten und die Felle zu Kleidung verarbeitet.

Um 2000 v. Chr. wurden in Teilen Palästinas die Toten noch nicht einbalsamiert, sondern in der auf prähistorische Zeit zurückgehenden Sitte, Häute zum Bestatten der Toten verwendet. In der bekannten Geschichte von Sinuhe (ca. 1900 v. Chr.) wird erzählt, dass der Pharao Sesostris I. (etwa 1980–1935 v. Chr.) seinem geflohenen Hofbeamten schrieb: „Es soll nicht sein, dass Du in fremden Lande stirbst und die Asiaten dich begraben, indem sie deinen Körper in ein Ziegenfell einnähen“.Giuseppe E. Bravo, Juliana Trupke: 100.000 Jahre Leder. Birkhäuser Verlag, Basel 1970, S. 70. Primärquelle: Autor unbekannt: Sinuhe e altre storie egiziane (Edit. II Saggiatore, Mailand 1962), S. 22. Siehe auch A. Erman: Die Literatur der Ägypter. Leipzig 1923.

mini|Jagdpaletots aus Ziege mit Graufuchskragen und aus Seehund.Aus dem Artikel (1902): Neben dem Ziegen- oder Wolfpaletot (nicht abgebildet), der seinen Träger allerdings oft wie einen Urmenschen erscheinen lässt, sind die elegantesten Modelle aus billigem Material entstanden.Redaktion und Verlag Paul Larisch/Josef Schmid: Das Kürschner-Handwerk, 1. Jahrg., No. 3-4, 1. Teil, S. 35–36, Kapitel Der rauhe Paletot, Paris Dez. 1902. mini|Automobilistenmäntel aus Ziegenfell (1900)

Das Höchstpreisedikt aus dem Jahr 301 n. Chr. des Römischen Kaisers Diokletian gibt folgende Fellpreise an (in Klammern in Römischen Ziffern), die Überschreitung war mit der Todesstrafe bedroht: rohes Lamm- oder Zickelfell 40 Drachmen (XL) gegerbtes Lamm- oder Zickelfell 16 Drachmen (XVI) großes rohes Ziegenfell 40 Drachmen (XL) großes gegerbtes Ziegenfell 50 Drachmen (L) Decke aus 8 Ziegenfellen 333 Drachmen (CCCXXXIII) Im Vergleich dazu, ein rohes Schafsfell kostete bis zu XX (= 20) Drachmen.Alexander Tuma: Pelzlexikon. XXI. Band der Pelz- und Rauchwarenkunde, Stichwort Rauhwarenhandel, Verlag Alexander Tuma, Wien 1951

Aigis ist in der griechischen Mythologie ein goldenes Ziegenfell, das Zeus, bisweilen aber auch Athene oder Apollo, benutzten. Schüttelt man es, sendet es Blitz und Donner auf die Erde. Die libyschen Athene-Priesterinnen trugen die Aigis als Ziegenfellschürzen.

Hesiod riet im 7. Jahrhundert v. Chr., zu Beginn der kalten Jahreszeit junge Zickelfelle mit Ochsensehnen zusammenzunähen, um sie als Schutz über den Schultern zu tragen und mit einem Riemen um die Lenden zu gürten. Als Kopfbedeckung empfahl er dazu einen gutpassenden Pilos (Pelzmütze). – Griechische Sklaven trugen die Katonake, einen Überwurf aus Ziegen- oder Schaffell.Paul Larisch: Die Kürschner und ihre Zeichen, 1928. Selbstverlag, Berlin, S. 25, 27

Cato der Ältere wurde dafür gelobt, dass er statt Bettdecken Ziegenfelle gebrauchte, um als Vorbild die Bürger Roms zur Mäßigkeit zu erziehen. Ebenfalls in Rom liefen „die Ehefrauen denen Lupercis als Priester ihres Abgotts Pan entgegen und ließen sich mit Fellen und geopferten Ziegen öffentlich schlagen, in Meinung als befördere solches bey ihnen die Fruchtbarkeit, und brächte den Schwangeren eine leichte und glückliche Geburts-Stunde“.Paul Larisch: Die Kürschner und ihre Zeichen. Selbstverlag, Berlin 1928, S. 116. Aus einer nicht weiter erklärten, im Wortlaut zitierten Sekundärquelle Die Kirschner.

Nicht nur in Mesopotamien dienten aufgeblasene Ziegen- und Schafsfelle bis ins letzte Jahrhundert als sogenannte „Schwimmsäcke“, einzeln für die Personenbeförderung oder 50 bis 1600 Stück zusammengebunden und mit Brettern bedeckt als zuverlässige Transportflöße, denn sie biegen sich mit der Welle fast wie die Fische und gleiten, höchstens mit Verlust eines leicht ersetzbaren Hammelfells, über Hindernisse hinweg, an denen feste Boote zerschellen würden (Ewald Banse, Die Türkei, Braunschweig 1915).Vgl. Dr. H. D. Damm, Leipzig: Felle und Tierbälge in der Schiffahrt exotischer Völker, In: Das Pelzgewerbe, Jahrgang VII / Neue Folge, Nr. 5, Hermelin-Verlag Dr Paul Schöps Berlin – Leipzig, 1956, S. 189–199.

mini|hochkant|Rekonstruktion des Ötzi, dem Mann vom Tisenjoch 1991 fand man den Leichnam des Mannes vom Tisenjoch („Ötzi“), der etwa 3340 Jahre v. Chr. gelebt hat. Er war mit einer gestreiften Jacke aus braunem und weißem Ziegenfell bekleidet. Seine Beinkleid war ebenfalls aus Ziege und ähnelt den Beinlingen der nordamerikanischen Indianer, als Nähgarn benutzte er Tiersehnen. Seit März 1998 ist die Gletschermumie aus der ausgehenden Jungsteinzeit im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen ausgestellt.

Insbesondere in wenig für landwirtschaftliche Produktion geeigneten Landstrichen stellt, wenn eine entsprechende Nachfrage vorhanden ist, der Verkauf der Felle der genügsam lebenden Ziegen eine für die ärmere Bevölkerung wichtige Einnahme dar. 1936 berichtete eine Pelzfachzeitschrift:

Über chinesische Ziegenfelldecken, einen der ältesten Exportartikel Chinas, führt Brass 1925 aus: Sie werden in England gefärbt. Ziegendecken kommen etwa 300.000 bis 400.000 in den Handel im Werte von 6 bis 12 Mk. per Stück.Emil Brass: Aus dem Reiche der Pelze, 1925, Verlag der „Neuen Pelzwaren-Zeitung und Kürschner-Zeitung“, Berlin, S. 834–840.

Sachsen lieferte in der Mitte des 18. Jahrhunderts in Deutschland die meisten Ziegenfelle, die zu Pelzfuttern verarbeitet wurden.Johann Samuel Halle: Werkstätten der heutigen Künste, Kapitel Der Kirschner. Berlin 1762, :Datei:Der Kirschner Seite 312.jpg. In neuerer Zeit fanden Ziegenfelle meist nur noch regional als Hirtenpelze und als sogenannte „Fahrerpelze“ für Fuhrleute Verwendung. Ferdinand Gregorovius berichtete in „Wanderjahre in Italien“ (in der Zeit von 1852 bis 1891), dass die Hirten um das Bein gebundene Ziegenfelle trugen, mit dem Haar nach außen: Dies zottige Vlies gibt ihnen das Aussehen von Satyrn, … Nicht anders gingen die Hirten in der fabelhaften Zeit gekleidet. Aber auch 1970 heißt es in einem Zitat, Selbst heute noch sind lange oder halblange, bis an die Knie reichende und mit dem Leder nach außen getragene Pelze von Ziegenfellen bei der ärmeren Bevölkerung südosteuropäischer und asiatischer Länder weitverbreitet in Gebrauch.Fritz Schmidt: Das Buch von den Pelztieren und Pelzen, 1970, F. C. Mayer Verlag, München, S. 370–371. In einem pelzgeschichtlichen Rückblick über die Anfänge der modernen Pelzmode, in der man begann, Pelze mit dem Haar nach außen zu tragen, hieß es: Vorher trugen – mit wenigen Ausnahmen, die sich stets auf dunkles Material bezogen (Seal, Persianer) – nur die Südfranzosen neben Astrachan-Taluppen [Pelzschlafröcke], die Schweizer dunkelbraunen und chinesischen grauen Ziegen nach außen, wofür sie viel belächelt wurden.Arthur Hermsdorf: Neuheiten. In: Der Rauchwarenmarkt Nr. 48, Leipzig, 10. April 1928. Die Nutzung insbesondere naturgrauer Ziegenfelle für Kutscherkragen und Schlittendecken ging naturgemäß mit der fortschreitenden Motorisierung zu Ende.

Ein Londoner Pelzveredler berichtete, dass er während des Ersten Weltkriegs von der Armee einen Großauftrag für Mäntel aus Ziegenfell bekommen sollte. Es stellte sich jedoch heraus, dass die langhaarigen, zotteligen Felle sich in den Regengüssen Flanderns derart mit Wasser vollsogen, dass die Mäntel keinen Schutz, sondern eine Behinderung für die Soldaten darstellten. Auch eine Kurzschur mit rasch angeschafften Schafschermaschinen brachte keine ausreichende Verbesserung. Erst andere Schermaschinen und ein zusätzliches Färben mit der Blauholzfarbe des Campecheholzes, das per Schiff aus Ostindien herbeigeschafft werden musste, brachten den gewünschten Erfolg.C. W. Martin & Sons: Under Eight Monarchs. C. W. Martin & Sons, Ltd. 1823–1953, Selbstverlag, London 1953, S. 3–32.

Die Leipziger Rauchwarenfärberei Richard Lindner rühmte sich, dass sie während der Inflationszeit (1914–1918) als erste Färberei Zickelfelle mit den neuen Ursolfarben gefärbt und damit „den neuen preiswerten Artikel Kid“ geschaffen hat.Anzeige in: Das 1000jährige Leipzig. Walter Lange (Hrsg.), „Rege“ Deutscher Jubiläums-Verlag, Leipzig, S. 235.