Unter Geschmacksstörungen oder auch Schmeckstörungen (Dysgeusien) werden in der Medizin Störungen des Geschmackempfindens (Gustatorik) verstanden. Sie können durch verschiedene Erkrankungen, aber auch durch MedikamenteE. R. Briggs: Taste disturbances related to medication use. In: Consult Parm. Band 24, Nr. 7, Jul 2009, S. 538–543. PMID 19689182S. A. Gandolfi, J. Lim, A. C. Sanseau, J. C. Parra Restrepo, T. Hamacher: Randomized trial of brinzolamide/brimonidine versus brinzolamide plus brimonidine for open-angle glaucoma or ocular hypertension. In: Adv Ther. Band 31, Nr. 12, Dez 2014, S. 1213–1227. PMID 25430900 hervorgerufen werden.

Einteilung Das normale Geschmacksempfinden wird als Normogeusie bezeichnet. Man unterteilt Dysgeusien in qualitative und quantitative Geschmacksstörungen.

Qualitative Geschmacksstörungen Parageusie: veränderte Wahrnehmung von Geschmacksreizen

Phantogeusie: Geschmackseindrücke ohne Reizquelle Quantitative Geschmacksstörungen Hypogeusie: Verminderte Geschmackswahrnehmung Ageusie: Verlust der Geschmackswahrnehmung komplette Ageusie: Menschen mit dieser Art der Dysgeusie nehmen keinerlei Geschmacksreize mehr wahr. funktionelle Ageusie: Der Geschmackssinn der Betroffenen ist erheblich eingeschränkt. partielle Ageusie: Menschen mit dieser Geschmacksstörung können einen bestimmten Geschmacksstoff nicht wahrnehmen. Auf andere Geschmacksreize reagieren sie dagegen normal. Hypergeusie: Gesteigerte Geschmackswahrnehmung

Grundlagen

Geschmacksqualitäten sind nur süß, sauer, salzig, bitter und umami. Man kann sie mit Zuckerlösung, Citronensäure, Kochsalzlösung, Chininlösung und Glutaminsäure prüfen. „Scharf“ wird zwar als Geschmacksempfindung qualifiziert, ist aber genau genommen ein Schmerzsignal der Nerven bei Speisen, die beispielsweise mit Chili gewürzt sind, dann hervorgerufen durch das Alkaloid Capsaicin. Daneben werden weitere Geschmacksqualitäten diskutiert, wie fettig, alkalisch, metallisch und wasserartig. Die „Färbung“ des Geschmackes erfolgt über die Nase. Ein Ausfall der Riechzellen (Anosmie) beeinflusst daher den Geschmackssinn ebenfalls.

Die Geschmacksnerven für die vorderen zwei Drittel der Zunge entstammen der Chorda tympani, einem Ast des Nervus facialis (VII. Hirnnerv). Sie verlaufen zusammen mit dem Nervus lingualis, einem Ast des Nervus mandibularis des Nervus trigeminus (V. Hirnnerv). Das hintere Drittel der Zunge wird vom Nervus glossopharyngeus (IX. Hirnnerv) innerviert (Für motorische und sensible Innervation siehe Zunge).

Ursachen

Zu einer Geschmacksstörung kann es kommen durch Schädigung oder Funktionsbeeinträchtigung der Geschmacksknospen, der peripheren Nerven, welche die Geschmacksreize von den Geschmacksknospen ins zentrale Nervensystem leiten, oder der Geschmacksbahn (Schmeckbahn) mit Verlauf im Gehirn.

Häufige Ursachen für Dysgeusie sind Chemotherapie, Asthmabehandlung mit Salbutamol und Zinkmangel, Schilddrüsenunterfunktion und (selten) bestimmte Arten von Epilepsien können ebenfalls zu Dysgeusie führen. Geschmacksstörungen können bei Psychosen auftreten, beispielsweise bei der Schizophrenie, bei chronischem Konsum von Drogen und Betäubungsmitteln, bei Diabetes mellitus, bei chronischem Nierenversagen oder einer Lebererkrankung. Avitaminose, endokrine Erkrankungen, Hypothyreose und das Malabsorptionssyndrom können das Geschmacksempfinden beeinträchtigen.

Störung der Geschmacksknospen Die Geschmacksknospen können durch verschiedene Ursachen vorübergehend oder dauerhaft geschädigt werden und dadurch zu einer Ageusie führen. Ursachen für eine Schädigung der Geschmacksknospen sind beispielsweise:

Infektionen im Mund und Rachenraum, zum Beispiel Scharlach oder grippale Infekte Autoimmunerkrankungen, wie das Sjögren-Syndrom Erkrankungen der Mundschleimhaut oder der Zunge, zum Beispiel durch Vitamin B12- oder Eisenmangel schädigende Wirkung von Zellgiften wie Nicotin oder Alkohol Leber- und Nierenerkrankungen mangelhafte Mundhygiene

Nervleitungsstörung von den Geschmacksknospen zum Gehirn Nervleitungsstörung können auftreten bei Ohroperationen Entfernung der Gaumenmandeln (Tonsillektomie) Hirntumoren Enzephalitis Neuritis Verletzungen von Hirnstamm oder Großhirn, zum Beispiel durch einen Schädelbasisbruch oder Schlaganfall Läsionen der Hirnnerven, beispielsweise der Chorda tympani, bei der Mittelohrentzündung (Otitis media) oder des Nervus facialis nach Felsenbeinfraktur Angeborene Formen finden sich bei Patienten mit Turner-Syndrom (X0) und familiärer Dysautonomie (Riley-Day-Syndrom).

Schädigung von Gehirnarealen, die für die Geschmackswahrnehmung zuständig sind Absterben von Gehirnzellen durch sogenannte neurodegenerative Erkrankungen, zum Beispiel bei der Alzheimer-Krankheit Posttraumatisches Anosmie-Ageusie-Syndrom Multiple Sklerose Epilepsie

Chemotherapie Eine der Hauptursachen für Dysgeusie ist die Chemotherapie bei Krebserkrankungen. Der genaue Mechanismus der Chemotherapie-induzierten Dysgeusie ist unbekannt.J. E. Raber-Durlacher, A. Barasch, D. E. Peterson, R. V. Lalla, M. M. Schubert, W. E. Fibbe: Oral complications and management considerations in patients treated with high-dose chemotherapy. In: Supportive cancer therapy. Band 1, Nummer 4, Juli 2004, S. 219–229, doi:10.3816/SCT.2004.n.014. PMID 18628146. Eine Chemotherapie führt häufig zu einer Schädigung der Mundhöhle, was zu einer oralen Mukositis, einer oralen Infektion und einer Fehlfunktion der Speicheldrüse führt. Durch eine Chemotherapie kann die in der Regel nicht pathogene Mundflora schwere Infektionen verursachen, die zu einer Verringerung des Speichels führen können. Darüber hinaus verlieren Patienten, die sich einer Strahlentherapie unterziehen, auch Speichelgewebe. Speichel ist ein wichtiger Bestandteil des Geschmacksmechanismus. Er interagiert mit den Geschmacksrezeptoren im Mund und schützt sie.R. Matsuo: Role of saliva in the maintenance of taste sensitivity. In: Critical Reviews in Oral Biology and Medicine. Band 11, Nummer 2, 2000, S. 216–229. PMID 12002816 (Review). Speichel vermittelt sauren und süßen Geschmack durch Bicarbonat-Ionen beziehungsweise Glutamate.A. I. Spielman: Interaction of saliva and taste. In: Journal of dental research. Band 69, Nummer 3, März 1990, S. 838–843, doi:10.1177/00220345900690030101. PMID 2182682 (Review). Der Salzgeschmack wird induziert, wenn der Natriumchloridgehalt die Konzentration im Speichel übersteigt. Beispiele für Chemotherapie-Behandlungen, die zu Dysgeusie führen können, sind Cyclophosphamid, Cisplatin und Etoposid.

Weitere mögliche Ursachen Geschmackssinneszellen (10–50 pro Geschmacksknospe) haben eine mittlere Lebensdauer von 10 Tagen und werden aus Basalzellen der Geschmacksknospe regeneriert. Die geschätzte Zahl der Geschmacksknospen nimmt mit dem Alter ab. Bei der Geburt existieren etwa 10.000 Geschmacksknospen, beim Erwachsenen nimmt die Zahl kontinuierlich auf 5.000 bis 3.000 Geschmacksknospen ab. Im hohen Alter reduziert sich die Zahl auf unter 2.000. Somit reduziert sich das Geschmacksempfinden mit zunehmendem Alter.

Die Strahlentherapie von Kopf und Hals in der Krebstherapie führt neben den Auswirkungen einer veränderten Speichelproduktion auch zu einer direkten Zerstörung der Geschmacksknospen. Es kommt zu einem Verlust von Mikrovilli und der Reduktion von intrazellulären Vesikeln des Typs III.Masahide Yasuda, Hitoshi Tomita: Electron Microscopic Observations of Glossal Circumvallate Papillae in Dysgeusic Patients. In: Acta Oto-Laryngologica. Band 122, 2002, S. 122, doi:10.1080/00016480260046508.

Als weitere mögliche Ursache für die Dysgeusie wird ein Zinkmangel diskutiert. Während die genaue Rolle von Zink bei Dysgeusie nicht bekannt ist, ist Zink teilweise für die Reparatur und Produktion von Geschmacksknospen verantwortlich.S. M. Heckmann, P. Hujoel, S. Habiger, W. Friess, M. Wichmann, J. G. Heckmann, T. Hummel: Zinc gluconate in the treatment of dysgeusia–a randomized clinical trial. In: Journal of dental research. Band 84, Nummer 1, Januar 2005, S. 35–38, doi:10.1177/154405910508400105. PMID 15615872.

Xerostomie (Mundtrockenheitssyndrom) kann zu Dysgeusie führen, da ein normaler Speichelfluss und eine normale Konzentration für den Geschmack erforderlich sind. Zu einer Geschmacksstörung können auch Faktoren wie Gastroösophagealer Reflux, Bleivergiftung und Diabetes mellitus beitragen. Bestimmte Pestizide können die Geschmacksknospen und Nerven im Mund schädigen. Patienten, die an dem Burning-Mouth-Syndrom leiden, beklagen häufig auch eine Dysgeusie.Norman M. Mann: Management of smell and taste problems. In: Cleveland Clinic Journal of Medicine. Band 69, Nr. 4, April 2002, S. 329–336, Review. Abgerufen am 2. September 2019.

Bei häufiger Reizung kommt es zu einer Sensibilitätsabnahme (Pfeffer, scharfe Gewürze). Lern- und Konditionierprozesse sind vermutlich verantwortlich für die Präferenz von scharfen Gewürzen (Endorphinproduktion, Speichelproduktion).

Dysgeusie durch Arzneimittel Es gibt eine Vielzahl von Medikamenten, die Dysgeusie auslösen können, darunter Zopiclon, H1-Antihistaminika wie Azelastin und Emedastin. Ungefähr 250 Medikamente beeinflussen den Geschmack.Samuel K. Feske, Martin A. Samuels: Office Practice of Neurology. 2. Auflage. Elsevier Science, Philadelphia 2003, S. 119. Die an Geschmacksrezeptoren gebundenen Natriumkanäle können durch Amilorid gehemmt werden, und die Bildung neuer Geschmacksknospen und von Speichel kann durch antiproliferative Medikamente behindert werden. Speichel kann Spuren des Arzneimittels haben und einen metallischen Geschmack im Mund verursachen; Beispiele hierfür sind Lithiumcarbonat und Tetracycline. Sulfhydrylgruppenhaltige Arzneimittel, einschließlich Penicillamin und Captopril, können mit Zink reagieren und einen Mangel verursachen. Metronidazol und Chlorhexidin wechselwirken mit Metallionen, die mit der Zellmembran assoziiert sind. Medikamente, die das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System blockieren, durch Antagonisierung des Angiotensin-II-Rezeptors (wie Eprosartan) aber auch ACE-Hemmer (wie Enalapril) verursachen Dysgeusien. Es gibt nur wenige Fälle, in denen behauptet wird, Kalziumkanalblocker wie Amlodipin würden durch die Blockierung kalziumempfindlicher Geschmacksknospen ebenfalls Dysgeusie verursachen.Pugazhenthan Thangaraju, Harmanjith Singh, Prince Kumar, Balasubramani Hariharan: Is Dysguesia going to be a rare or a common side-effect of Amlodipine? In: Ann Med Health Sci Res. Mar-Apr 2014, .

Arzneimittel können spezifische und unspezifische Geschmackstörungen verursachen. Die Beschwerden sind nach dem Absetzen des Arzneimittels meist reversibel.Arzneimittelinduzierte Störungen des Geruchs- und Geschmackssinns. In: Arzneimittelbrief. Band 44, Nr. 11, 2010, S. 81. Abgerufen am 2. September 2019. + Auslöser unspezifischer Störungen Art Arzneimittel HypogeusieAmphotericin B, Carbamazepin, Cisplatin, Diltiazem, Carboplatin, Levodopa, Nifedipin, Metronidazol AgeusieCisplatin, Diltiazem, Enalapril, Hydrochlorothiazid, Atorvastatin, Nifedipin, Ofloxacin, Spironolacton, Terbinafin, Triazolam DysgeusieAmiodaron, Captopril, Diltiazem, Enalapril, Losartan, Lisinopril, Morphinsulfat, Nifedipin, Nitroglycerin, Selegilin

+ Auslöser spezifischer Störungen Art Arzneimittel Metallische PhantogeusieAllopurinol, Ethambutol, Vitamin D Metallische Dysgeusie Carbidopa, Cisplatin, Lidocain, Lithium, Methotrexat, Metronidazol, Zinksalze, Zopiclon, Zaleplon, ZolpidemBittere DysgeusieAmphetamine, FlurazepamSalzige Dysgeusie Amitriptylin, Captopril, CarboplatinSüße Dysgeusie5-FluoruracilSaure DysgeusieIsotretinoinSalzige HypogeusieAmilorid

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