Das abgeschaltete Kernkraftwerk Biblis (KWB) befindet sich in der südhessischen Gemeinde Biblis nahe der Mündung der Weschnitz in den Rhein. Besitzer und ehemaliger Betreiber des Kernkraftwerkes ist die RWE Power AG.
Das Kernkraftwerk Biblis lieferte mit zwei nahezu baugleichen Druckwasserreaktoren eine Gesamtleistung von maximal 2525 Megawatt in das Stromnetz. Biblis war damit nach Gundremmingen in Bayern das zweitertragreichste Kernkraftwerk in Deutschland. Zwei weitere zunächst geplante Blöcke, Biblis C und Biblis D, wurden nicht gebaut.
Daten Grunddaten Block A Die Wandstärke des Reaktorgebäudes Biblis A beträgt 60 Zentimeter, der Abluftkamin hat eine Höhe von 101 Metern. Der Reaktordruckbehälter wiegt 425 Tonnen.Martin Volkmer: Kernenergie Basiswissen. Informationskreis KernEnergie, Berlin Juni 2007, ISBN 3-926956-44-5. Seite 57 Biblis A verfügte über zwei 80 Meter hohe zwangsbelüftete Ventilatorkühltürme. Der Basisdurchmesser eines Kühlturms betrug 68 m. Block A gehört zur 2. Generation der deutschen Druckwasserreaktoren und ist der weltweit erste kommerziell genutzte Kernreaktor der 1.300-MW-Klasse. Er diente als Vorbild für die nachfolgenden Generationen von Druckwasseranlagen, der Vor-Konvoi- und der Konvoi-Generation. Der Reaktorkern von Biblis A besteht aus 193 Brennelementen mit insgesamt rund 45.000 Brennstäben und etwa 100 Tonnen Urandioxid.
Als Vater des Block A gilt Heinrich Mandel.
Block B Die Wandstärke des Reaktorgebäudes Biblis B beträgt 80 Zentimeter, der Abluftkamin hat eine Höhe von 100 Metern. Biblis B verfügte über zwei 80 Meter hohe zwangsbelüftete Ventilatorkühltürme. Der Basisdurchmesser eines Kühlturms betrug 69 m. In der Regel wurde Block B allerdings ohne Kühltürme betrieben. Lediglich bei hohen Rheinwassertemperaturen oder Niedrigwasser war Kühlturmbetrieb notwendig, um vorgegebene Temperaturgrenzwerte nicht zu überschreiten.
Blöcke C und D Für den einst geplanten Block C und für Block D waren je ein Naturzug-Nasskühlturm mit einer Höhe von 160 Metern vorgesehen. Ein Schnitt- und Funktionsmodell des Blocks C steht im Informationszentrum. Biblis C war als Konvoi-Anlage geplant. Es wurden bereits die ersten Großkomponenten wie Reaktordruckbehälter und Dampferzeuger gefertigt. Das Reaktordruckgefäß wurde später für Materialversuche verwendet. Der Reaktordeckel dient heute noch Revisionsmannschaften als Übungsobjekt.
Daten der Reaktorblöcke Das Kernkraftwerk hat zwei abgeschaltete und zwei verworfene Blöcke:
ReaktorblockPower Reactor Information System der IAEO: „Germany, Federal Republic of: Nuclear Power Reactors“ (englisch) Reaktortyp KWU-Baulinie elektrische Leistung thermische Reaktorleistung Baubeginn Netzsynchronisation Kommerzieller Betrieb erzeugte Energie seit IBN Abschaltungdurch Moratoriumendgültig stillgelegt Elektrizitätsmengen ab1. Jan. 2000 zusätzlicheElektrizitätsmengen netto brutto(TWh netto) Biblis A Druckwasserreaktor DWR der2. Generation 1.167 MW 1.225 MW 3.517 MW 244 TWh align="center" rowspan="2" Atom-Moratorium 62,00 68,617 Biblis B 1.240 MW 1.300 MW 3.733 MW 260 TWh 81,46 70,663
Geschichte mini|Luftbild des Kernkraftwerks Biblis vor dem Abriss der vier Kühltürme mini|Lage des KKW Biblis am Rhein mini|Block A (rechts), Block B (links) mini|Block B (links), Block A (rechts) mini|Objektschutz an der Südseite des Kernkraftwerkes mini|Das Rücklaufbauwerk des Blocks B (im Hintergrund der Block B) in den Rhein mini|Das Kernkraftwerk Biblis liegt am Rhein. Rechts die beiden ehemaligen Kühltürme des Blocks A mini|hochkant|Die beiden ehemaligen Kühltürme des Blocks B, mit Sicherungsanlagen mini|hochkant|Die beiden ehemaligen Kühltürme des Blocks A, rechts hinten einer des Blocks B
Bau und Planungen In der Planungsphase des Kraftwerks wurden verschiedene Standorte erwogen, darunter auch das vom heutigen Standort etwa 35 Kilometer entfernte Trebur. Man entschied sich für Biblis, weil es dort eine 220-kV-Leitung und eine 400-kV-Leitung gab (und gibt). Die Blöcke waren sowohl an das Umspannwerk in Pfungstadt als auch an das große Amprion Umspannwerk in Rosengarten angeschlossen.
Kritische Stimmen gegen Biblis gab es anfangs kaum: Nur ein Bürger stellte eine Einwendung gegen den Genehmigungsantrag von Block A. Gegen die Genehmigung des Blocks B im Jahr 1971 stellten acht Bürger Einwendungen. Eine 1974 vom Bundesforschungsministerium veranlasste Studie ergab, dass nur 123 von 20.000 analysierten Zeitungsartikeln aus den Jahren 1970 bis 1974 Bedenken gegen die Technologie äußerten oder Bürgerinitiativen erwähnten.
Der Bau von Biblis A kostete etwa 800 Millionen D-Mark und der von Biblis B etwa eine Milliarde D-Mark. In den 1970er Jahren waren (unter anderem angesichts der Ölpreiskrise) zwei weitere Blöcke (C und D) geplant.
Biblis D wurde schnell verworfen (Planungsbeginn 1975, Planungsende 1979); die Planungen für Biblis C endeten erst 1995.
Inbetriebnahme Am 16. Juli 1974 wurde in Block A die erste Kettenreaktion gestartet. Block A lieferte am 25. August 1974 erstmals Strom ins öffentliche Verbundnetz. Die nukleare Inbetriebnahme (Kritikalität) erfolgte in Block B am 25. März 1976.
2006 wurde ein Standortzwischenlager für abgebrannte Kernbrennelemente mit einem Schwermetallgewicht von 1400 Tonnen in Betrieb genommen (genehmigt bis zum Jahr 2046 – Stand 2020). Es bietet 135 Castorbehältern mit abgebrannten Brennelementen Platz. Es ist 92 m lang 38 m breit und 18 m hoch. Von außen gleicht das Gebäude einer gewöhnlichen Industriehalle. In das Zwischenlager wurden auch sechs Castorbehälter mit radioaktivem Abfall aus Sellafield eingelagert. Die 85 Zentimeter dicken Außenwände und die 55 Zentimeter dicke Betonkuppel reduzieren die Strahlung so weit, dass die am Kraftwerkszaun zugelassenen Werte eingehalten werden. 2007 waren etwa 80 Plätze belegt,Deutsches Atomforum e. V.: Kernenergie – Aktuell 2007, Kapitel Zwischenlager/Transporte. Berlin, September 2007. Anfang 2020 standen – nach Entfernung aller Brennstäbe aus dem Kraftwerk – insgesamt 102 Castoren im Lager. Wegen der völkerrechtlichen Verpflichtung zur Rücknahme stehen seit November 2020 weitere 6 Castor-Behälter aus der Wiederaufarbeitung, hessisches Umweltministerium, 4. November 2020. bis ein End- oder Langzeitlager dafür gefunden ist., Hessenschau, 6. November 2020.
Laufzeiten der Kraftwerksblöcke Im sogenannten Atomkonsens haben Bundesregierung und Energieversorgungsunternehmen unter anderem festgelegt, dass alle deutschen Kernkraftwerke noch eine begrenzte Reststrommenge erzeugen dürfen, die einer Regellaufzeit von durchschnittlich 32 Jahren entspricht. Für Biblis A war demnach die endgültige Abschaltung für Ende 2009, die Abschaltung von Biblis B war für 2010 vorgesehen. Wegen der flexiblen Regelung über Reststrommengen ließ sich der Abschalttermin nicht genau vorhersagen, weil jeder Stillstand (siehe auch Vorkommnisse vom 16. Oktober 2006) den Termin verschob. Nachdem die Bundesregierung im Jahr 2010 die Verkürzung der Reaktorlaufzeiten zurückgenommen hatte und den Blöcken Biblis A und Biblis B weitere Strommengen im Umfang von zirka acht Jahren zugebilligt hatte, war die Stilllegung der Blöcke nicht vor 2020 zu erwarten.
Mit Entscheidung der Bundesregierung vom 14. März 2011 wurde jedoch ein dreimonatiges Atom-Moratorium der Laufzeitverlängerung bekannt gegeben, so dass das Kraftwerk am 18. März 2011 heruntergefahren wurde.
Am 29. Mai 2011 entschied die Bundesregierung, dass beide Blöcke des Kernkraftwerkes Biblis nicht wieder ans Netz gehen. Es gab Überlegungen, Block B als „Reservekraftwerk“ zwar heruntergefahren zu lassen, bei Stromengpässen jedoch wieder kurzzeitig hochfahren zu können. RWE war mit dieser Entscheidung nicht einverstanden. Am 16. Juni 2011 gab RWE bekannt, dass Biblis B nicht mehr ans Netz gehen wird.
Biblis A Aufgrund festgestellter sicherheitstechnischer Probleme leitete die hessische Atomaufsicht 1997 ein Verfahren zur Stilllegung von Biblis A ein. Der Leiter der Abteilung Reaktorsicherheit und Strahlenschutz des Bundesumweltministeriums Gerald Hennenhöfer verhinderte die von der hessischen Landesregierung bereits beschlossene Stilllegung des KKW Biblis jedoch per bundesaufsichtlicher Weisung. mit Wolfgang Renneberg, ehemaliger Chef der Bundesatomaufsicht, vom 21. Oktober 2010
Der Atomkonsens erlaubte eine zustimmungsfreie Übertragung von Strommengen älterer Anlagen auf jüngere Anlagen; eine Übertragung von jüngeren auf ältere Anlagen bedurfte einer Zustimmung von Wirtschaftsministerium, Umweltministerium sowie dem Kanzleramt. Der RWE wurde bei den Verhandlungen über den Atomausstieg für das stillgelegte Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich eine übertragbare Reststrommenge von 107 TWh zugesprochen. Von dieser Strommenge konnten 30 TWh zustimmungsfrei auf Block B übertragen werden. Die RWE AG stellte im September 2006 einen Antrag auf Strommengenübertragung von 30 TWh vom (jüngeren) Kraftwerk Mülheim-Kärlich auf das (ältere) Kraftwerk Biblis A. Im Falle der Zustimmung zu diesem Antrag hätte RWE das Kraftwerk Biblis A bis zur zweiten Jahreshälfte 2011 betreiben und dann – so die weitere Überlegung von RWE – gemeinsam mit Biblis B abschalten können. Unter Berücksichtigung des Stillstands wegen des Austauschs von Hinterschnittankern hätte sich der genannte Abschalttermin in das Jahr 2013 verschoben.
Dieser von RWE eingebrachte Hauptantrag für Block A wurde vom Bundesumweltministerium im März 2007 vorläufig und im Mai 2007 endgültig abgelehnt. Das Umweltministerium vertrat hier die Rechtsauffassung, dass eine Strommengenübertragung vom Kraftwerk Mülheim-Kärlich auf Biblis A nach dem Atomgesetz nicht möglich sei. Den ebenfalls gestellten Hilfsantrag zur Übertragung von Strommengen vom Kernkraftwerk Emsland auf Biblis A lehnte das Umweltministerium am 7. April 2008 ab. Als Hauptgrund wurde genannt, dass Biblis A über weniger Sicherheitsreserven als das modernere Kernkraftwerk Emsland verfügt habe. zur Strommengenübertragung vom Kraftwerk Emsland
Gegen die Ablehnung des Hauptantrags und auch des Nebenantrags reichte RWE Power im April 2007 Klage beim Hessischen Verwaltungsgerichtshof in Kassel ein, die abgewiesen wurde. Auch die Revision von RWE vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig wurde mit Beschluss vom 26. März 2009 zurückgewiesen; die Ablehnung längerer Laufzeiten gilt auch für das Kernkraftwerk Brunsbüttel.
Am 21. Januar 2010 fanden erstmals nach dem Regierungswechsel 2009 Gespräche zwischen der Bundesregierung und den Energieversorgern statt. Um einen vorläufigen Weiterbetrieb bis zur Entscheidung der Bundesregierung sicherzustellen, kaufte RWE im Mai 2010 ein Stromkontingent von 4,8 TWh vom bereits stillgelegten Kernkraftwerk Stade des Betreibers E.ON. Je nach Betriebsweise konnte damit das Stromkontingent für Biblis A bis in das Jahr 2012 reichen.
Eine endgültige Entscheidung über den Weiterbetrieb der Kernkraftwerke wurde im Herbst 2010 getroffen. Beide Blöcke erhielten eine zusätzlich zu der im Atomkonsens von 2002 festgelegten Erzeugungsmenge ein zusätzliches Stromkontingent, welches einer (rechnerischen) zusätzlichen Laufzeit von etwa 8 Jahren entsprach. Die zusätzliche Strommenge für Biblis A betrug 68,617 TWh (netto) und lag damit höher als die im Atomkonsens von 2002 festgelegte Reststrommenge von 62,000 TWh (netto).
Im November 2011 wurden zwei ungeeignete Sicherungen im Block Biblis A entdeckt und ausgetauscht. Weder die Funktionsfähigkeit noch das Personal wurden hiervon beeinträchtigt. Die Betreiberfirma RWE führte eine Kontrolle an sämtlichen, also mehreren tausend Sicherungen durch. Da nicht herauszufinden war, warum diese Sicherungen verwendet wurden, wurden auch Untersuchungen der Bauteile in anderen Atomkraftwerken veranlasst.Zwei ungeeignete Sicherungen im Atomkraftwerk Biblis gefunden In: wp.de, 1. November 2001, abgerufen am 28. November 2018.
Biblis B