mini|hochkant|Flagge für Inter­geschlecht­lichkeit (Morgan Carpenter, 2013)

Intergeschlechtlichkeit oder Intersexualität, auch Zwischengeschlechtlichkeit, bezeichnet die biologische Besonderheit von Menschen, deren körperliche Geschlechtsmerkmale nicht eindeutig als weiblich oder männlich einzuordnen sind. Intergeschlechtliche bzw. intersexuelle Menschen werden wegen dieser Abweichung häufig pathologisiert, obwohl sie meist gesund sind; sie erleben häufig Diskriminierung, weshalb viele ihre Intergeschlechtlichkeit bzw. Intersexualität verstecken.

Der Terminus Intersexualität (nicht Intergeschlechtlichkeit) wird neben Menschen auch auf Tiere angewandt,Rudolf Reinboth (Hrsg.): Intersexuality in the Animal Kingdom. Springer-Verlag, Berlin / New York 1975, ISBN 0-387-07118-0. er wurde von dem Genetiker Richard Goldschmidt 1915 sogar für Tiere (Schmetterlinge) neu eingeführt. Heute wird er meist anders als von Goldschmidt definiert verwendet und steht in Konkurrenz zum Begriff Gynandromorphismus, der beim Menschen nicht verwendet wird. Viele Forscher verwenden intersexuell eher für Organe oder Merkmale, die intermediär ausgeprägt sind, und gynandromorph eher dann, wenn sie mosaikartig auftreten, etwa bezogen auf rechte und linke Körperseite oder andere Körperabschnitte, der Sprachgebrauch ist aber nicht einheitlich.Giuseppe Fusco, Alessandro Minelli: Descriptive versus causal morphology: gynandromorphism and intersexuality. In: Theory in Biosciences. Band 142, 2023, S. 1–11. doi:10.1007/s12064-023-00385-1.

Geschlechtliche körperliche Besonderheiten können etwa auf der chromosomalen, gonadalen, hormonellen oder anatomischen Ebene auftreten. Medizinisch wird Intergeschlechtlichkeit den sogenannten Varianten der Geschlechtsentwicklung oder -Differenzierung (DSD von ) zugerechnet. Die medizinische Klassifikation unterliegt Veränderungen.

Schätzungen der Häufigkeit sind schwierig und zwischen verschiedenen Forschern umstritten, weil die jeweils verwendeten Definitionen stark voneinander abweichen. Angegeben werden Größenordnungen zwischen einem Fall bei ca. 4500 bis 5500 Neugeborenen. Für manche gilt aber auch das PMO-Syndrom, das alleine etwa 4 % bis 12 % aller nach der Geburt als weiblich eingeordneten Menschen betrifft, als intergeschlechtlich. Dies zeigt, dass Schätzungen davon abhängen, was genau als intergeschlechtlich definiert wird und was als „normale“ weibliche bzw. männliche Biologie gilt. Für die Definierung solcher Normen wird dem medizinischen Bereich viel Geltungshoheit eingeräumt.

In Deutschland ist es seit 2018 möglich, „divers“ als Geschlecht in das Personenstandsregister einzutragen. Zuvor war es seit 2013 bereits möglich, auf einen Geschlechts-Eintrag zu verzichten. „Intergeschlechtlichkeit“ ist keine Geschlechtsidentität und je nach individuellem Geschlechtsempfinden nehmen sich intergeschlechtliche Menschen als weiblich, männlich oder nicht-binär wahr.

Im deutschen Sprachraum bevorzugen viele Personen den Begriff „Intergeschlechtlichkeit“ anstatt des veralteten medizinischen Fachbegriffs „Intersexualität“, da dieser das potentielle Missverständnis vermeide, es handele sich um eine sexuelle Orientierung, und den Bezug zum biologischen Geschlecht betone. Als Gegenbegriff zu „intergeschlechtlich“ bzw. „intersexuell“ wurde der Begriff „endogeschlechtlich“ bzw. „endosexuell“ geprägt.

Begriffsgeschichte Wissenschaftliche Begriffsgeschichte mini|Wie die Begriffe „intersex“ / „Intersexualität“ geprägt wurden

Die Bezeichnung Intersexualität prägte 1915 der Genetiker Richard Goldschmidt.Richard Goldschmidt: Vorläufige Mitteilung über weitere Versuche zur Vererbung und Bestimmung des Geschlechts. In: Biologisches Centralblatt. Band 35, Nr. 12, 1915, S. 565–570.Ulrike Klöppel: XX0XY ungelöst: Hermaphroditismus, Sex und Gender in der deutschen Medizin: Eine historische Studie zur Intersexualität. transcript, Bielefeld 2010, ISBN 978-3-8376-1343-8, Kap. II.3.4. Er setzt sich zusammen aus dem lateinischen Präfix inter- für ‚zwischen‘ und dem lateinischen sexus für ‚Geschlecht‘ und bedeutet (körperliche) ‚Zwischengeschlechtlichkeit‘, ein spätestens seit den 1920/1930er Jahren verwendeter Begriff. Goldschmidt verwies damit auf geschlechtliche Erscheinungsformen, die er als Mischungen zwischen idealtypischen männlichen und weiblichen Phänotypen betrachtete. Diese erklärte er durch eine spezielle genetische Theorie, die von einer prekären Balance zwischen Männlichkeits- und Weiblichkeitsbestimmern ausgeht.Siehe Helga Satzinger: Differenz und Vererbung: Geschlechterordnungen in der Genetik und Hormonforschung 1890–1950. Böhlau, Köln [u. a.] 2009, ISBN 978-3-412-20339-9, Kapitel II.3. Goldschmidts Theorie wurde bis in die 1950er Jahre hinein in der deutschen medizinischen Literatur zitiert, wenn auch der Terminus Intersexualität in unterschiedlicher Bedeutung Verwendung fand.Goldschmidt selbst kritisierte die „willkürliche Begriffsverwendung“: Richard Goldschmidt: Die sexuellen Zwischenstufen. Julius Springer, Berlin 1931, S. 12. Spätere medizinische Nomenklaturen vermischten eine Einteilung anhand der Chromosomen mit der älteren Klassifikation anhand der Keimdrüsen, die auf drei Kategorien beruhte: Hermaphroditismus, weiblicher und männlicher Pseudohermaphroditismus. Im Oktober 2005 fand in Chicago, USA, eine Konsensuskonferenz der Lawson Wilkins Pediatric Endocrine Society (LWPES) und der European Society for Paediatric Endocrinology (ESPE) statt, auf der ein Consensus Statement on management of intersex disorders verabschiedet wurde. Dieses empfahl, anstelle der bisherigen Begriffe Intersexualität oder Hermaphroditismus die Bezeichnung „Disorders of sex development“ (DSD) zu verwenden.Consensus Statement on Management of Intersex Disorders (PDF) Die Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin (DGKJ) sowie die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) hat sich in ihrer Leitlinie Störungen der Geschlechtsentwicklung der im Consensus Statement vorgeschlagenen Nomenklatur angeschlossen. In früheren Leitlinien wurde dies zunächst wörtlich übersetzt als „Störungen der Geschlechtsentwicklung“ ins Deutsche übernommen. Jedoch kritisierten intergeschlechtliche Menschen, dass Intergeschlechtlichkeit damit als Störung oder Krankheit bezeichnet wurde. Die Bundesärztekammer führte daraufhin begleitend den Begriff „Varianten“ ein. In der aktuellen medizinischen Leitlinie der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) wird nur noch der Begriff „Varianten der Geschlechtsentwicklung“ verwendet, „da der Begriff ‚disorders‘ (Störung) eine Pathologie impliziert“, wie auch in der Leitlinie festgestellt wird. Im bundesdeutschen Gesetz zum Schutz von Kindern mit Varianten der Geschlechtsentwicklung von 2021 wird ebenfalls nur noch der Begriff „Varianten“ verwendet.

Aktuelle Forschungsprojekte zu Intergeschlechtlichkeit in Deutschland (Stand 2023) wurden von der Universität Hamburg, der Ruhr-Universität Bochum sowie vom Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie durchgeführt. Aus dem Projekt der Ruhr-Universität Bochum ist das Online-Portal Inter-NRW hervorgegangen, welches ein umfangreiches Glossar zum Thema veröffentlicht hat. Auf der Webseite zum Forschungsprojekt der Universität Hamburg heißt es: „Inzwischen wird Intersexualtität vom Begriff Intergeschlechtlichkeit abgelöst. Im Englischen findet der Begriff Intersex Verwendung“. In aktuellen wissenschaftlichen Arbeiten wie dem Abschlussbericht „Intersexualität In NRW“ oder dem „Handbuch Interdisziplinäre Geschlechterforschung“ wird in der Begründung der verwendeten Terminologie auf Veröffentlichungen von Selbstvertretungs-Verbänden wie die Broschüre „Inter* und Sprache“ des TransInterQueer-Projekts „Antidiskriminierungsarbeit & Empowerment für Inter*“ verwiesen.

Eigenbezeichnungen Organisationen wie die Internationale Vereinigung Intergeschlechtlicher Menschen (IVIM) (deutsche Sektion des weltweiten Netzwerks Organization Intersex International OII) und der Verein Intergeschlechtliche Menschen kritisieren die Bezeichnung „DSD“ (disorders of sex development) als pathologisierend und sexistisch.IVIM: In: intersexualite.de. 2011, abgerufen am 19. April 2020. Auch die Bundesärztekammer spricht seit 2015 von „Varianten/Störungen der Geschlechtsentwicklung“, um eine aus Sicht der Betroffenen diskriminierende Pathologisierung zu vermeiden.Vorstand der Bundesärztekammer: Stellungnahme der Bundesärztekammer: „Versorgung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Varianten/Störungen der Geschlechtsentwicklung (Disorders of Sex Development, DSD).“ In: Deutsches Ärzteblatt. 30. Januar 2015 (doi:10.3238/arztebl.2015.stn dsd baek 01).Curtis E. Hinkle: Sexistische Genetik und ambivalente Medizin. In: GID Spezial. Band 9, 2009, S. 27–29 (online auf intersexualite.de).Siehe auch Adrian de Silva: Physische Integrität und Selbstbestimmung: Kritik medizinischer Leitlinien zur Intersexualität. In: Zeitschrift für Sexualforschung. Band 20, Nr. 2, 2007, S. 176–185.

Menschen, deren körperliche Geschlechtsmerkmale nicht der weiblichen oder männlichen Norm entsprechen, bezeichnen sich selbst zum Beispiel als intergeschlechtliche Menschen, als intergeschlechtliche Frau oder intergeschlechtlicher Mann, als diverse Person oder auch als intergeschlechtlich geborene Person. Verwendet wird auch die Schreibweise inter*, wobei das Sternchen * für die genannten und weitere mögliche Selbstbezeichnungen steht.Inter*-Aktion: Die erste Berliner Inter*-Tagung Das Sternchen soll auch Raum für weitere Selbstbezeichnungen bieten sowie eine Alternative zu pathologisierender Sprache darstellen. Manchmal findet sich auch die Bezeichnung drittes Geschlecht, die jedoch nicht von allen akzeptiert wird. Es lässt sich beobachten, dass intergeschlechtliche Menschen als Eigenbezeichnung verstärkt – gerade auch als Antwort auf die aufgezwungene „Störung“ – wieder den historischen Begriff „hermaphrodite“ benutzen. Als politische Selbstbezeichnung (Geusenwort) ist teilweise auch Herm und Zwitter gebräuchlich. Manche intergeschlechtlichen Menschen bezeichnen sich ebenso wie manche trans Menschen als zwischengeschlechtlich.LSBTIQ-Lexikon der Bundeszentrale für politische Bildung:

Abgrenzung zum Begriff der Sexualität Der Begriff sex in Intersex leitet sich wie auch Sexualität vom lateinischen Geschlechtsbegriff sexus ab (siehe oben). Sexualität bedeutet hingegen nicht nur das biologische Erscheinungsbild (Geschlechtlichkeit), sondern kann unter anderem auch für körperliche Aktionen, Handlungen oder Praktiken (Sex) stehen (Sexualität des Menschen). Die Ähnlichkeit der Begriffe ist also rein sprachlich bedingt, da sich Intersexualität nur auf Aspekte des biologischen Geschlechts bezieht.

Durch den eventuell irreführenden Bezug auf die Sexualität, aber auch weil Intersexualität (und sein englisches Pendant intersex) als Begriff medizinisch konnotiert sind, wird der Begriff von einigen als problematisch gesehen. Gruppierungen wie der Verein Intergeschlechtliche Menschen Landesverband Niedersachsen e. V. und der Intergeschlechtliche Menschen e. V. haben sich daher in den letzten Jahren umbenannt und die Endung -sexuell durch -geschlechtlich ersetzt. Auch in vom Bund herausgegebenen Materialien wird mittlerweile zunehmend als deutsche Bezeichnung nur noch intergeschlechtlich und inter* genutzt. Laut Dan Christian Ghattas werde „[i]nnerhalb des menschenrechtskonformen, entpathologisierenden Diskurses […] Intergeschlechtlichkeit mittlerweile übergreifend verwendet“.

Biologische und medizinische Aspekte Verhältnis zwischen Intergeschlechtlichkeit und Transgeschlechtlichkeit mini|Der Unterschied zwischen Inter- und Transgeschlechtlichkeit. Erklärvideo (41 sec)

Abzugrenzen ist die Intergeschlechtlichkeit von der Transgeschlechtlichkeit: