Auschwitz-Album werden zwei Fotoalben genannt, die Fotografien aus dem KZ Auschwitz-Birkenau vor seiner Befreiung am 27. Januar 1945 zeigen. Die Aufnahmen darin wurden von Ernst Hofmann oder Bernhard Walter, beide Mitglieder der SS-Totenkopfverbände, gemacht und gesammelt. Die Fotoalben mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten sind auf verschiedenen Wegen überliefert worden.
Ein erstes Auschwitz-Album wurde 1945 von Lili Jacob am Ende ihrer Haft im KZ Mittelbau-Dora als Zufallsfund entdeckt und 1980 der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem übergeben. Das Album stammte mit hoher Wahrscheinlichkeit vom SS-Hauptscharführer und Leiter des Erkennungsdienstes der Politischen Abteilung im KZ Auschwitz Bernhard Walter, der bei seiner Flucht vor den Alliierten das Album im KZ Dora liegen gelassen hatte.T. Bruttmann, S. Hördler, Chr. Kreutzmüller: Die fotografische Inszenierung des Verbrechens – Ein Album aus Auschwitz, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 2019, S. 54 ff. Einzelne Aufnahmen aus diesem Album wurden bereits ab 1946 veröffentlicht. Es zeigt die Abläufe im Inneren des Vernichtungslagers während der Ungarn-Aktion Ende Mai oder Anfang Juni 1944 aus der Sicht der SS-Männer.
Ein zweites Auschwitz-Album erwarb im Dezember 2006 das United States Holocaust Memorial Museum von einem anonym gebliebenen ehemaligen Oberst der United States Army, der es 1946 gefunden hatte, mit 116 Aufnahmen, die der SS-Obersturmführer Karl-Friedrich Höcker als führender Offizier der Wachmannschaft gemacht hatte. Der Großteil des Fotoalbums zeigt Angehörige des Lagerpersonals bei Schießübungen und bei Freizeitaktivitäten.Zum Freizeitprogramm der SS-Wächter vergleiche Ernst Klee: In: Die Zeit, Nr. 5/2007. Seine Aufnahmen waren bis 2006 der Öffentlichkeit unbekannt.
Das von Lili Jacob überlieferte Album mini|Ankunft ungarischer Juden im KZ Auschwitz (20., 24. oder 26. Mai 1944) – Aufnahme aus dem Auschwitz-Album Die einzigen bis 2006 bekannten Fotos (neben den Aufnahmen des Sonderkommandos und den Fotos der Zentralbauleitung der Waffen-SS) aus dem Konzentrationslager Auschwitz vor der Befreiung am 27. Januar 1945 waren die 193 Bilder des ersten Auschwitz-Albums. Sein deutscher Titel war: Umsiedlung der Juden aus Ungarn. Sie klebten auf 56 Kartonseiten, wie sie für Fotoalben gebräuchlich waren; einige Lücken weisen darauf hin, dass die Sammlung nicht vollständig ist. Die Fotos zeigen die Abläufe im Inneren des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Sie wurden Ende Mai oder Anfang Juni 1944 entweder von Ernst Hofmann oder dessen Vorgesetztem Bernhard Walter aufgenommen, zwei SS-Männern, die jene zehn bis sechzehn Häftlinge beaufsichtigten – darunter der polnische Kriegsgefangene Wilhelm Brasse ZDF-History –, deren Aufgabe es war, Passfotos und Fingerabdrücke von den neu aufgenommenen Häftlingen zu machen, nicht aber von den Juden, die direkt in die Gaskammern geschickt wurden. Die Fotos zeigen den Ablauf der Ausbeutung und Ermordung der ungarischen Juden mit Ausnahme der eigentlichen Tötung: von der Selektion an den Gleisrampen über die Registrierung und Entlausung der Arbeitsfähigen, die Plünderung der Habseligkeiten bis hin zum Weg zu den Gaskammern, die im Hintergrund bleiben. Fast alle Aufnahmen stammen von nur einem Zugtransport. Viele Personen auf den Bildern wurden namentlich identifiziert. Als Herkunftsorte werden u. a. genannt: Tjatschiw (Técső/Tejtsch), Uschhorod (Ungvár), Dowhe (Dolgoje/Dolha), Bilky (Bilke/Bilki),Bilke (Bilky – ukr. Білки - ung. Bilki; bei Berehowe) Chust (Huszt).
Lili Jacob,Lili oder Lilly Jacob-Zelmanovic Meier aus Bilke die zunächst in Auschwitz Häftling war, hatte das Album nach ihrer Haft im Konzentrationslager Dora-Mittelbau in einer der verlassenen SS-Kasernen entdeckt, die damals nach der Befreiung als Lazarett für ehemalige KZ-Häftlinge benutzt wurden, und dabei auf den Fotos Familienangehörige und auch sich selbst identifizieren können.Christoph Schminck-Gustavus: Winter in Griechenland – Krieg-Besatzung-Shoah – 1940–1944. Wallstein Verlag, Göttingen 2010, ISBN 978-3-8353-0591-5, S. 223. Einige Fotos verschenkte sie an andere Überlebende, die ebenfalls Angehörige auf einem der Fotos erkannt hatten. Nach der Räumung von Auschwitz muss es der damalige Besitzer mit nach Nordhausen gebracht haben. Frau Jacob übergab es 1980 der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Es wurde von Serge Klarsfeld ab 1980 publiziert. Klarsfeld betont, dass einige der Fotos aus dem Album die einzigen sind, welche die Ankunft von Juden in einem Vernichtungslager zeigen.Filmdoku: ZDF-History "Das Geheimnis der Auschwitz-Alben" von Winfried Laasch, verfügbar bis 27. Januar 2023 Website des ZDF. Abgerufen am 30. Januar 2018. Die Aufnahmen wurden 1999 in Israel digitalisiert.
1946 erstellte das Nationale Jüdische Museum in Prag Kopien der Fotos, und einige dieser Aufnahmen erschienen in dem 1949 in Bratislava von B. Steiner herausgegebenen Buch Die Tragödie der slowakischen Juden. 1956 übergab Erich Kulka, tschechischer Historiker und ehemaliger Häftling, einen Teil der Abzüge dem Staatlichen Museum in Oświęcim (Polen). Dort wurden sie seitdem in der Dauerausstellung über die Vernichtung der Juden verwendet. Im selben Jahr publizierte Kulka zusammen mit dem ehemaligen Häftling Ota Kraus das Buch Továrna na Smrt (Die Todesfabrik) u. a. mit Fotos aus dieser Quelle.
Im Zuge des ersten Frankfurter Auschwitzprozesses diente das Album als Beweismittel. Bernhard Walter sagte dort 1964/65 als Zeuge aus, gab jedoch vielfach nur ausweichende Antworten.Bella Gutterman (Hrsg.): Das Auschwitz-Album. Die Geschichte eines Transportes. Göttingen 2005, S. 82. Walter bestritt zunächst Urheber der von der Zeugin Lili Jacob aus dem Album vorgelegten Fotografien zu sein.Katharina Stengel: Hermann Langbein. Ein Auschwitz-Überlebender in den erinnerungspolitischen Konflikten der Nachkriegszeit. Frankfurt am Main/New York 2012, S. 210. Erst im weiteren Prozessverlauf gab er zu, einige der Aufnahmen angefertigt zu haben.Fritz Bauer Institut, Irmtrud Wojak (Hrsg.): Auschwitz-Prozeß 4 Ks 2/63 Frankfurt am Main. Begleitbuch zur Ausstellung. Snoeck, Köln 2004, ISBN 3-936859-08-6, S. 157 / Digitale Bibliothek Bd. 101: Der Auschwitz-Prozeß – Tonbandmitschnitte, Protokolle, Dokumente. DVD-ROM 9783898535014, p. 14820–14831 (77. Verhandlungstag).
Auschwitz-Album des United States Holocaust Memorial Museum mini|Aufnahme des SS-Urlauberheimes Solahütte am Ufer des Międzybrodzier Stausees aus dem Höcker Album (vor 1945)
Ein zweites Auschwitz-Album erwarb im Dezember 2006 das United States Holocaust Memorial Museum in Washington (USA) von einem anonym gebliebenen ehemaligen Lieutenant Colonel, einem ehemaligen Geheimdienstoffizier der US-Armee. Das war ein im Juni 1945 von diesem in Frankfurt am Main gefundenes Fotoalbum mit 116 Aufnahmen auf 16 beidseitig beklebten Albumseiten. Der Offizier hatte seinen Fund in einem Brief als Geschenk an das Museum angekündigt. Diese Aufnahmen waren bis dahin in der Öffentlichkeit unbekannt geblieben. Es ist inzwischen auch unter dem englischen Namen Höcker Album oder Hoecker Album bekannt, benannt nach seinem Besitzer, Karl-Friedrich Höcker, Adjutant des Lagerkommandanten Richard Baer.Christophe Busch, Stefan Hördler, Robert Jan van Pelt (Hrsg.): Das Höcker-Album. Auschwitz durch die Linse der SS. Übersetzung aus dem Niederländischen Verena Kiefer, Birgit Lamerz-Beckschäfer, Oliver Loew. Philipp von Zabern, Darmstadt 2016, ISBN 978-3-8053-4958-1. Die Fotografien stammen unter anderem vom Leiter des Erkennungsdienstes, Bernhard Walter.
Im Mai 1944 wurde Höcker vom KZ Majdanek ins Stammlager Auschwitz versetzt, wiederum als Adjutant des gleichfalls neu eingesetzten Baer. Nach der Räumung von Auschwitz wurde Baer im Januar 1945 Kommandant des KZ Dora-Mittelbau in Nordhausen; Höcker blieb auch dort sein Adjutant. Der weitere Weg des Albums nach Frankfurt am Main ist ungeklärt. Höcker gelang es zunächst unterzutauchen. Er wurde 1963 im 1. Frankfurter Auschwitzprozess zu sieben Jahren Zuchthaus und 1989 vom Landgericht Bielefeld wegen seiner Taten in Majdanek zu vier Jahren Haft verurteilt.
Das Album trägt auf seiner ersten Seite den Eintrag: „Mit Kommandant SS Stubaf. Baer, Auschwitz 21.6.44“.
Die Fotos beginnen dort mit einer Studio-Aufnahme von Baer und Höcker in „Kleiner Ausgehuniform“ aus dem Frühsommer 1944. Der Großteil des Fotoalbums zeigt Angehörige des Lagerpersonals bei Schießübungen, bei der Übergabe des fertiggestellten SS-Lazaretts in Auschwitz und bei Freizeitaktivitäten in der nach dem Fluss genannten, rund 30 km entfernten Sola-Hütte im Tal der Soła. Zumindest einige Fotos tragen das Aufnahmedatum und können deshalb mit den Ereignissen in den Lagern verknüpft werden.
Abgebildet sind unter anderem die Lagerkommandanten Richard Baer und Rudolf Höß; des Weiteren auch Oswald Pohl, Josef Kramer, Enno Lolling, Franz Hößler, Karl Bischoff, Eduard Wirths und Otto Moll. Das Album enthält auch die einzigen acht bekannt gewordenen Fotos von Josef Mengele aus seiner Zeit als Lagerarzt in Auschwitz.
Gefangene sind nie abgebildet. Bei zwei Fotos, „Beisetzung von SS-Kameraden nach einem Terrorangriff“, handelt es sich um Bilder jenseits der „Idylle“. Hier wurden möglicherweise SS-Angehörige nach dem alliierten Luftangriff vom 13. September oder dem vom 26. Dezember 1944 bestattet. Höckers Album setzt mit dem 21. Juni 1944 ein;Stefan Hördler, Christoph Kreutzmüller, Tal Bruttmann: Auschwitz im Bild – Zur kritischen Analyse der Auschwitz-Alben. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 63, 2015, H. 7/8, S. 623. einige der Aufnahmen sind zur Zeit der von den Nazis „Ungarn-Aktion“ genannten Vernichtung hunderttausender jüdischer Bürger Ungarns entstanden.
Das Album der Zentralbauleitung Überliefert ist auch das Album der Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei Auschwitz (ZBL), in dem der Baufortschritt im Lagerkomplex Auschwitz durch den ZBL-Angehörigen Dietrich Kamann fotografisch festgehalten ist.Niels Gutschow: Ordnungswahn. Architekten planen im „eingedeutschten Osten“ 1939–1945. Gütersloh 2001, ISBN 3-7643-6390-8, S. 195.Philipp Weigel: Schrecken erzieht nicht: Zum Einsatz von Fotografien in den Ausstellungen polnischer Shoah-Gedenkstätten. In: Jörg Ganzenmüller, Raphael Utz: Gedenkstätten zwischen Mahnmal und Museum, Böhlau-Verlag, Köln/Weimar/Wien 2016, S. 61f.Bild des Albums der Bauleitung
Weitere Sammlungen KZ Sachsenhausen Historisch vergleichbar sind beide Alben nur noch mit dem Album des Sachsenhausener Konzentrationslager-Kommandanten Karl Otto Koch mit 500 Aufnahmen, davon 200 säuberlich beschrifteten Fotos von der Entstehung des Lagers 1936 und 1937 in Oranienburg; einem späten Fund im Moskauer Geheimdienst-Archiv.Das DHM berichtet von einer Fotoreportage in der Zeitschrift Münchner Illustrierte Presse, am 16. Juli 1933, über eine propagandistische Fotoreportage der NSDAP, offenbar durch Himmler inspiriert, unter dem Titel Die Wahrheit über Dachau und den Untertitel Frühappell im Erziehungslager. Münchner Illustrierte Presse, Bericht vom 16. Juli 1933. Dieser Bericht bietet eine mögliche Erklärung zur offiziellen Anfertigung von Fotografien in KZs. Er ist allerdings nicht vergleichbar mit den hier genannten Fotografie-Serien.
Vernichtungslager Belzec