mini|Azhar-Moschee Die Azhar () ist eine islamische wissenschaftliche Institution von internationalem Rang, die ihren Sitz in Kairo hat und vom ägyptischen Staat unterhalten wird. Sie umfasst die Azhar-Universität, die Akademie für islamische Untersuchungen, die voruniversitären Azhar-Institute und die Azhar-Moschee und wird von einem islamischen Gelehrten, dem Scheich al-Azhar, geleitet. Der Lehrbetrieb an der Azhar wurde 988 begonnen, womit die Institution eine der ältesten islamischen Hochschulen der Welt darstellt. Ihr Name ist von az-Zahrā' abgeleitet, einem Beinamen von Fatima, der jüngsten Tochter des Propheten Mohammed. Die Aufgaben der Azhar sind im ägyptischen Gesetz Nr. 103 vom 5. Juli 1961 festgelegt, das auch als das „Azhar-Gesetz“ (qānūn al-Azhar) bekannt ist.Arabischer Gesetzestext: .
Nach Artikel 2 dieses Gesetzes ist die Azhar „eine islamische wissenschaftliche Großkörperschaft, die sich darum bemüht, das islamische Erbe zu bewahren, zu studieren, offenzulegen und zu verbreiten, das anvertraute Gut der islamischen Botschaft an alle Völker weiterträgt und darauf hinarbeitet, die Wahrheit über den Islam und seinen Einfluss auf den Fortschritt der Menschheit, die Entwicklung der Zivilisation, die Aufrechterhaltung des Friedens, der Ruhe und des Seelenfriedens aller Menschen im Diesseits und Jenseits aufzuzeigen“.Vgl. dazu Lemke 168–171. Die Azhar wird global als eine wichtige Stimme des moderaten Wasatīya betrachtet, ihre Fatwas werden weltweit sowohl von progressiven Muslimen als auch Regierungen nachgefragt, und sie ist ein wichtiger Anlaufpunkt für junge muslimische Gelehrte aus dem Westen und der islamischen Welt. Durch ihre Allianz mit der Regierung von General Abd al-Fattah as-Sisi hat sie in den letzten Jahren allerdings etwas von ihrer moralischen Autorität eingebüßt.Bano: At the Tipping Point? Al-Azhar's Growing Crisis of Moral Authority. 2018, S. 715.
Struktur Gesamtkörperschaft der Azhar mini|Der Amtssitz des Scheich der Azhar in Kairo Die Gesamtkörperschaft der Azhar setzt sich nach Art. 8 des Azhar-Gesetzes aus insgesamt fünf Körperschaften zusammen: 1. dem „obersten Azharrat“ (al-maǧlis al-aʿlā li-l-Azhar), 2. der Akademie für islamische Untersuchungen (maǧmaʿ al-buḥūṯ al-islāmīya), 3. dem „Amt für Kultur und Islamische Studienmissionen“ (idārat aṯ-ṯaqāfa wa-l-buʿūṯ al-islāmīya), 4. der „Azhar-Universität“ (ǧāmiʿat al-Azhar) und den „Azharinstituten“ (al-maʿāhid al-azharīya).Vgl. auch Lemke 172. Geistliches Oberhaupt der Gesamtkörperschaft der Azhar ist nach Art. 4. der Scheich der Azhar (šaiḫ al-Azhar). Er steht dem obersten Azharrat vor und wird auch als der „Groß-Imam“ (al-imām al-akbar) bezeichnet. Der jetzige Groß-Imam ist Ahmad al-Tayyib, der zuvor zwei Jahre lang Groß-Mufti der Arabischen Republik Ägypten war. Nach Artikel 3 des Azhar-Gesetzes wird vom ägyptischen Staatspräsidenten ein „Minister für die Angelegenheiten der Azhar“ (wazīr li-šuʾūn al-Azhar) ernannt. Er war in der Vergangenheit mehrfach mit dem Scheich der Azhar identisch wie im Falle von ʿAbd al-Halīm Mahmūd.
Akademie für islamische Untersuchungen Die Akademie für islamische Untersuchungen ist ein Gremium von fünfzig Gelehrten, das sich mit der Klärung kontroverser islamischer Fragen befasst, internationale islamische Konferenzen abhält und in Ägypten zum Teil auch Zensuraufgaben wahrnimmt. Die Akademie gibt auch die Azhar-Zeitschrift (Maǧallat al-Azhar) heraus und ist für die „Stadt der islamischen (Studien)missionen“ (Madīnat al-buʿūṯ al-islāmīya) zuständig, in der Studierende aus verschiedenen islamischen Ländern leben, die hier mit der azharitischen Form des sunnitischen Islams vertraut gemacht werden sollen.Abdallah Chanfi Ahmed: Ngoma et mission islamique (Daʿwa) aux Comores et en Afrique orientale. Une approche anthropologique. Paris 2002. S. 210.
Azhar-Universität
Die Azhar-Universität ist heute über zahlreiche Standorte in ganz Ägypten verteilt und hat einen männlichen und einen weiblichen Zweig. Im männlichen Zweig gibt es heute insgesamt 43 Fakultäten: sechs Fakultäten für Theologie (uṣūl ad-dīn) und islamische Mission (Daʿwa), fünf juristische Fakultäten, sieben Fakultäten für Arabische Sprache (al-luġa al-ʿArabīya), sechs Fakultäten für islamische Wissenschaften (ad-dirāsāt al-islāmīya), drei medizinische Fakultäten, zwei Fakultäten für Zahnmedizin, zwei pharmazeutische Fakultäten, zwei ingenieurwissenschaftliche Fakultäten, zwei landwirtschaftliche Fakultäten, zwei Fakultäten für Landwirtschaftstechnik, zwei erziehungswissenschaftliche Fakultäten, eine handelswissenschaftliche Fakultät, eine Fakultät für Sprachen und Übersetzung, eine medienwissenschaftliche Fakultät und eine naturwissenschaftliche Fakultät.Vgl. die folgende Aufstellung:
Der weibliche Zweig der Azhar-Universität hat 26 Fakultäten: 13 Fakultäten für islamische und arabische Studien, zwei handelswissenschaftliche Fakultäten, jeweils eine Fakultät für Medizin, Zahnmedizin, Pharmazie, Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften, Pflegewissenschaft, Humanwissenschaften und Hauswirtschaftslehre sowie zwei allgemeine Mädchenfakultäten.Vgl. die folgende Aufstellung: Der religiöse Charakter der Universität bedingt, dass die Studierenden neben ihrer beruflich-wissenschaftlichen Qualifikation jeweils auch immer eine religiös-islamische Ausbildung erhalten.Lemke: Maḥmūd Šaltūt (1893–1963) und die Reform der Azhar. 1980, S. 204.
Der Lehrkörper der Azhar-Universität besteht heute aus rund 16.000 Lehrenden. An der Spitze des Verwaltungsapparates steht der „Direktor der Azhar-Universität“ (mudīr ǧāmiʿat al-Azhar).Lemke: Maḥmūd Šaltūt (1893-1963) und die Reform der Azhar. 1980, S. 176. Die Bedeutung der Azhar-Universität lässt sich auch an der Zahl der Studierenden ablesen, die völlig außerhalb dessen steht, was an amerikanischen oder europäischen Universitäten üblich ist: Im Jahr 2006 waren an der Azhar etwa 450.000 Studierende eingeschrieben.
Azhar-Institute mini|Ein Azhar-Institut in Alexandria Neben der Azhar-Universität gibt es als weitere Bildungsinstitutionen die Azhar-Institute, die eine Ausbildung auf der Primarstufe, Mittelstufe und Sekundarstufe anbieten, wobei jede Stufe vier Schuljahre umfasst.Yāsīn: at-Taʿlīm al-Azharī qabl al-ǧāmiʿī bain al-māḍī wa-l-ḥāḍir. 2010, S. 41. Sie verfügen über eine eigene Generalverwaltung. Der Aufbau Institutsnetzes erfolgte sukzessive. Während es 1963 in Ägypten nur 57 Primar- und 26 Sekundarinstitute gab,Lemke: Maḥmūd Šaltūt (1893-1963) und die Reform der Azhar. 1980, S. 187–192. stieg die Gesamtzahl der Azhar-Institute bis zum Jahr 2006 auf insgesamt 7.800 Einrichtungen. Sie wurden von insgesamt 1.748.763 Schülern und Schülerinnen besucht. Davon besuchten 1.080.807 die Primarstufe, 343.563 die Mittelstufe und 282.785 die Sekundarstufe.Yāsīn: at-Taʿlīm al-Azharī qabl al-ǧāmiʿī bain al-māḍī wa-l-ḥāḍir. 2010, S. 45.
Der Zweck der Al-Azhar-Institute besteht nach den Ausführungsbestimmungen des Azhar-Gesetzes von 1961 darin, „ihren Schülern ein ausreichendes Maß an islamischer und arabischer Kultur sowie das Wissen und die Erfahrungen zu vermitteln, mit denen Schüler an den entsprechenden (sc. allgemeinen) Schulen ausgestattet werden, damit sie mit den notwendigen Werkzeugen und Fähigkeiten ins Leben gehen zu können, um ihnen einen Eintritt in die Fakultäten der Al-Azhar-Universität zu ermöglichen und gleiche Chancen im Bereich Arbeit und Produktion sowie gleiche Zugangsmöglichkeiten zu Fakultäten anderer Universitäten zu bieten.“Zitiert in Yāsīn: at-Taʿlīm al-Azharī qabl al-ǧāmiʿī bain al-māḍī wa-l-ḥāḍir. 2010, S. 45.
Azhar-Institute mit besonderen Aufgaben sind die "Institute für die islamischen Studienmissionen" (maʿāhid al-buʿūṯ al-islāmīya) für Ausländer, die an der Azhar studieren wollen, das "Modellinstitut" (al-maʿhad an-namūḏaǧī), ein pädagogisches Versuchsinstitut, und die "Institute für Koranrezitation" (maʿāhid al-qirāʾāt).Lemke: Maḥmūd Šaltūt (1893–1963) und die Reform der Azhar. 1980, S. 194f.
Geschichte Anfänge und frühe Entwicklung Keimzelle der Azhar war die Azhar-Moschee, die der fatimidische General Dschauhar as-Siqillī im Jahre 360 d. H. (nach der Hidschra) (970/71 n. Chr.) als Freitagsmoschee in der neuen fatimidischen Residenzstadt al-Qāhira errichtete.Köhler: Die Wissenschaft unter den ägyptischen Fatimiden. 1994, S. 26. Sie wurde im Ramadan 361 d. H. (Juni/Juli 972) fertiggestellt und diente mehr als vierzig Jahre lang als Hauptmoschee der Fatimiden, bis diese Funktion im Jahre 1013 an die al-Hākim-Moschee überging.ʿInān: Tārīḫ al-Ǧāmiʿ al-Azhar. 1958, S. 93.
Schon früh entstand in der Azhar-Moschee eine islamische Gelehrsamkeit. 978/79 erkundigte sich der Wesir Yaʿqūb ibn Killis beim neuen fatimidischen Kalifen al-ʿAzīz bi-Llāh, welche Vorkehrungen für diejenigen getroffen werden sollten, die in der Moschee unterrichteten. Daraufhin wurde nicht nur deren Unterbringung angeordnet, sondern auch ein Anbau neben der Moschee für diejenigen errichtet, die mit religiöser Unterweisung befasst waren.Eccel: Egypt, Islam and social change. 1984, S. 115. Der Ober-Qādī ʿAlī ibn an-Nuʿmān, ein Sohn von al-Qādī an-Nuʿmān, hielt in der Moschee Vorlesungen zum ismailitischen Recht unter Zugrundelegung von zwei Werken seines Vaters.Heinz Halm: Die Kalifen von Kairo. Die Fatimiden in Ägypten 973–1074. C.H. Beck, München 2003. Im Jahre 988 veranlasste Ibn Killis den Kalifen, 35 Gelehrte anzustellen, die in der Azhar-Moschee jeden Freitag juristische Vorlesungen halten sollten. Sie erhielten eine Dienstwohnung in der Nähe der Azhar zugewiesen, und der Kalif und der Wesir selbst kamen für ihr Gehalt auf. Im Jahre 1010 stattete der Kalif al-Hākim die Azhar-Moschee mit einem großzügigen Waqf aus.
Nachdem Saladin 1171 Ägypten der abbasidischen Oberherrschaft unterstellt hatte, wurde die Azhar sunnitisch. Allerdings fand für ein knapp ein Jahrhundert, bis zum Jahre 1266/67, kein Freitagsgebet in der Azhar statt.Eccel: Egypt, Islam and social change. 1984, S. 115–116. Eine hanafitische Fatwa beschränkte die Freitagspredigt in dieser Zeit auf eine Moschee, nämlich die größere al-Hākim-Moschee, während die Azhar vernachlässigt wurde.Eccel: Egypt, Islam and social change. 1984, S. 129.
Als das eigentliche „goldene Zeitalter“ der Azhar gilt die Mamlukenzeit, als Gelehrte wie Ibn Chaldūn und Ibn Hadschar al-ʿAsqalānī hier tätig waren.ʿInān: Tārīḫ al-Ǧāmiʿ al-Azhar. 1958, S. 124. Der Historiker al-Maqrīzī berichtet, dass im Jahre 815 d. H. (1415/16 n. Chr.) insgesamt 750 Studenten aus Ägypten und zahlreichen anderen Regionen wie dem Maghreb und Persien in der Moschee lebten, den Koran rezitierten, Fiqh, Hadith, Tafsīr und arabische Grammatik studierten, Predigten lauschten und Dhikr-Sitzungen abhielten. Allerdings war die Azhar in dieser Zeit nur eine von vielen Bildungsinstitutionen in Kairo. Wie al-Maqrīzī berichtet, gab es damals insgesamt 70 Madrasa-Schulen in der Stadt.Jomier: "al-Azhar". 1960, S. 816b.
Die Entwicklung des Riwāq-Systems Die Studierenden an der Azhar waren in Quartieren zusammengefasst, die als Riwāq („Portikus, Säulenhalle“) bezeichnet wurden. Sie dienten ihnen als Räumlichkeiten zum Wohnen, Schlafen und Arbeiten. Al-Maqrīzī beschreibt, dass die Studierenden zu seiner Zeit auf vier Riwāqe aufgeteilt waren, den ʿAdschamī-Riwāq für Perser und Kurden, den Zaylaʿī-Riwāq für Studierende aus Ostafrika, den Riyāfa-Riwāq für Studierende aus dem ländlichen Ägypten und den Maghribī-Riwāq für Nordafrikaner.Hashmi: Patronage, legal practice, and space in al-Azhar, 1500-1650. 2014, S. 3f. Bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts stieg die Anzahl der Riwāqe auf 14 an.Hashmi: Patronage, legal practice, and space in al-Azhar, 1500-1650. 2014, S. 4. Auf Bitte des aus Sannār stammenden Scheichs Muhammad ʿAlī Wadāʿa ließ Muhammad Ali Pascha einen neuen Riwāq speziell für die sudanesischen Studenten errichten. Er wurde Riwāq as-Sannārīya genannt.ʿAlī Mubārak: Al-Ḫiṭaṭ at-Taufīqīya al-ǧadīda. 1885, Bd. IV, S. 22.