Iban 300pxIban-Krieger im 19. Jahrhundert Siedlungsraum: Nordwest-Borneo Anzahl: Über 700.000 Sprache: Iban Synonyme Dayak Laut, Sea Dayak, Sea Dyak

Die Iban, auch Sea Dayak genannt, sind eine indigene Ethnie der Insel Borneo. Sie werden zur Gruppe der Dayak gezählt. Die Heimatregion der Iban ist der Nordwesten Borneos, insbesondere der malaysische Bundesstaat Sarawak. Dort stellen sie mit über 700.000 Angehörigen (Stand 2020) rund 30 % der Bevölkerung und stellen die größte Volksgruppe dar. Jedoch leben auch in der benachbarten indonesischen Provinz Kalimantan Barat und in Brunei mehrere zehntausend Iban.vgl. Wadley, Reed / Mertz, Ole (2005): Pepper in a time of crisis: Smallholder buffering strategies in Sarawak, Malaysia and West Kalimantan, Indonesia. In: Agricultural Systems 85, S. 289–305. doi:10.1016/j.agsy.2005.06.012.

Zu den traditionellen Merkmalen der Kultur der Iban gehören das Leben in Langhäusern sowie der Brandrodungs-Wanderfeldbau, allerdings rückt diese Lebensweise seit Mitte des 20. Jahrhunderts zunehmend in den Hintergrund. Während der Kolonialzeit waren die Iban für das Ausüben von Kopfjagd und Piraterie bekannt, was zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit europäischen Kolonialmächten führte, insbesondere dem als weißen Raja bekannten britischen Abenteurer James Brooke und dessen Nachfolgern. Sie sprechen die nach ihnen benannte Sprache Iban.

Name mini|Ibanfrau in traditioneller Kleidung beim Weben, ca. 1911 Der Begriff „Iban“ war ursprünglich eine Fremdbezeichnung, die von anderen Volksgruppen verwendet und von den europäischen Kolonialmächten übernommen wurde. Im westlichen Sprachgebrauch wurde der Begriff zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom britischen Kolonialbeamten und Forscher Charles Hose etabliert.vgl. Pringle, R., Rajahs and Rebels: The Ibans of Sarawak Under Brooke Rule, 1841–1941, London, 1970, S. 20 Erst ab den 1950er-Jahren übernahmen ihn die Iban selbst als Eigenbezeichnung. Die Wortherkunft des Begriffs ist unklar.

Der synonyme, inzwischen als veraltet empfundene Begriff „Sea Dayak“ geht auf James Brooke zurück. Als er 1842 Raja von Sarawak wurde, unterschied er die indigene Bevölkerung seines Reichs in Land Dayak (die Bidayuh) und Sea Dayak (die Iban). Sea Dayak wählte er, weil die Iban bei ihren Raubfahrten häufig in Booten vom Meer aus angriffen. Da sie allerdings abseits dieser Raubzüge im Landesinneren Borneos lebten und kaum Kontakt zur See hatten, ist der Begriff durchaus irreführend, da er fälschlicherweise eine meeresgebundene Lebensweise nahelegt.vgl. Pringle, R., Rajahs and Rebels, S. 19, Fußnote 4 Sea Dayak hielt sich lange Zeit als Alternative neben Iban, erst seit 2002 benutzt die Regierung Sarawaks die Bezeichnungen „Sea Dayak“ und „Land Dayak“ nicht mehr in offiziellen Dokumenten.vgl. Zeitungsartikel im Sarawak Tribune. In der seit 1963 bestehenden malaysischen Verfassung stehen diese Begriffe dagegen bis heute.

Ursprünglich hatten die Iban keine Eigenbezeichnung für ihre Volksgruppe als Ganzes, da sie sich nicht als einheitliches, zusammengehöriges Volk empfanden. Zwischen Iban-Gemeinschaften entfernter Regionen herrschten häufig eher kriegerische als friedliche Kontakte. Die gemeinsame Sprache, Kultur und Lebensweise wurde nicht als solidaritätsstiftendes, verbindendes Merkmal gesehen. Statt einer ethnischen war daher eine geographische Eigenbezeichnung üblich, etwa indem man sich als Bewohner seines Heimatflusses bezeichnete (Bsp.: Kami Saribas, in etwa „Wir vom Saribas-Fluss“).

Kultur Wanderfeldbau Zentrales Element im traditionellen Leben der Iban war der Wanderfeldbau, bei dem das Hauptnahrungsmittel Reis mithilfe der Brandrodung angebaut wurde.vgl. Pringle, R., Rajahs and Rebels, S. 9 Da eine derartig gewonnene Anbaufläche nur wenige Male, teilweise sogar nur eine Ernteperiode lang, genutzt werden kann, verbrauchte eine Iban-Gemeinschaft im Laufe etwa eines Jahrzehntes sämtliche geeigneten Flächen im Umkreis ihres Langhauses, und zog anschließend weiter. Da unberührter Primärwald bei dieser Wirtschaftsform zudem wesentlich ertragreicher ist als Sekundärwald, waren die Iban gezwungen, regelmäßig neues Land zu erschließen. Auf diese Weise verlagerte sich ihr Siedlungsraum vom südwestlichen Borneo im Laufe mehrerer Jahrhunderte immer weiter nordwärts, hinein ins heutige Sarawak.

Neben Reis bauten die Iban auch kleinere Mengen anderer Nutzpflanzen an und nutzten natürliche Nahrungsquellen wie Wildfrüchte. Mit der Jagd wurde der Fleischbedarf gedeckt, insbesondere das Wildschwein war ein begehrtes Beutetier. Als Waffe wurde hierbei das Blasrohr benutzt, dessen Pfeile mit dem hochgiftigen Saft des Upasbaumes (Antiaris toxicaria) getränkt waren.

Langhäuser mini|Iban-Langhaus im 19. Jahrhundert. mini|Modernes Iban-Langhaus aus industriell gefertigten Baumaterialien. Nicht mehr in Pfahlbauweise errichtet. Wie zahlreiche andere indigene Völker Borneos leben die Iban traditionell in Langhäusern. Ein einzelnes Langhaus beherbergt die gesamte Dorfgemeinschaft und enthält sämtliche Wohn-, Arbeits- und Lagerräumlichkeiten. In einem Langhaus können über 50 Familien leben, die Länge des Hauses kann mehrere hundert Meter betragen. Traditionelle Langhäuser aus Holz wurden in Pfahlbauweise am Ufer eines Flusses errichtet. Der schnell wachsende und leicht zu verarbeitende Bambus war ein beliebtes Baumaterial. Er gewährte eine Haltbarkeit von rund 10 Jahren.vgl. Pringle, R., Rajahs and Rebels, S. 30

Jedes Langhaus unterteilt sich in einen öffentlichen und einen privaten Bereich. Der innere Aufbau eines Langhauses folgt einem einheitlichen Schema, das sich in allen Langhäusern wiederfinden lässt. Hierbei ist die eine Hälfte des Langhauses öffentlich zugänglich, in der anderen befinden sich die privaten, nicht allgemein zugänglichen Privaträume der einzelnen Familien. Der öffentliche Bereich in der vorderen Hälfte verläuft entlang der gesamten Länge des Langhauses und ist nicht durch Wände oder sonstige Abgrenzungen unterbrochen. Architektonisch handelt es sich damit letztendlich um eine Galerie. Die privaten Wohnräume sind entlang dieser Galerie im hinteren Teil des Langhauses aufgereiht. Der innere Aufbau eines Langhauses ähnelt damit durchaus westlichen Reihenhäusern oder der typischen Bauweise amerikanischer Motels.

Bei älteren Langhäusern verläuft entlang der vorderen, öffentlichen Hälfte zudem eine nicht überdachte, balkonartige Terrasse, die beispielsweise nach der Ernte zum Trocknen des gedroschenen Reises dient. Bei modernen Langhäusern, die nicht in Pfahlbauweise errichtet sind, fehlt diese Terrasse heute gelegentlich. Selbiges gilt für den Dachboden, den jedes Langhaus traditionell besaß, da dort Reis und andere Nahrung vor Ungeziefer und Feuchtigkeit geschützt gelagert werden konnte.

Obwohl es sich um ein einzelnes, zusammenhängendes Gebäude handelt, ist ein Langhaus kein Allgemeinbesitz seiner Bewohner. Jede Familie besitzt ihren eigenen Abschnitt und hält diesen nach den eigenen Möglichkeiten und Mitteln instand. So entscheidet jede Familie selbst, aus welchem Material und mit welchem Aufwand sie ihren Teil des Langhauses baut. Auch die Größe der einzelnen Abschnitte schwankt je nach Wohlstand der Familie. Weiterhin kann eine Familie jederzeit entscheiden, aus ihrem Langhaus wegzuziehen. Daher kann es durchaus vorkommen, dass mitten im Langhaus eine Lücke entsteht, wenn eine Familie die Gemeinschaft verlässt und ihren Teil des Langhauses mitnimmt.vgl. Freeman, D., Report on the Iban, New Edition, London, 1970, S. 2–7vgl. Pringle, R., Rajahs and Rebels, S. 29–31

Glaubensbild mini|Hölzerne Kenyalang-Figur. mini|Christliche Kirche in Bantang Ai Der traditionelle Glaube der Iban ist durch polytheistische und animistische Vorstellungen geprägt. Höchster Gott ist Singalang Burong, der als Kriegsgott und Gott der Kopfjagd verehrt wird. Ebenfalls wichtig ist die Erntegöttin Pulang Gana.

Eine besondere Bedeutung hat Vogelgesang. Vögel gelten als Übermittler und Träger von Botschaften übernatürlicher Wesen und Götter, ihr Gesang bedarf daher genauer Beobachtung und Interpretation. Die genaue Bedeutung eines Vogelrufes hängt maßgeblich von der Interpretation durch die Iban selbst ab, so ist es wichtig, welcher Vogel zu welcher Tageszeit, aus welcher Richtung und in welcher Entfernung gehört wird. Je nach Umständen kann derselbe Ruf daher sowohl Glück vorhersagen oder die Zustimmung der Götter anzeigen als auch Warnung vor drohendem Unheil sein. Auch andere Naturerscheinungen wie Gewitter, Stürme oder die Sichtung seltener Tiere werden unter Umständen als Omen gedeutet.

Neben den Göttern kennt die Iban-Religion auch weitere übernatürliche Wesen, die zusammenfassend als Antu bezeichnet werden. Dazu zählen Naturgeister, verstorbene Vorfahren und weitere mythologische Wesen, die ebenso wie die Götter in das irdische Leben eingreifen können und daher mit Opfergaben und Ritualen gutmütig gestimmt werden müssen. Bestimmte Orte wie Waldlichtungen, Höhlen oder Hügel gelten als Wohnsitz übernatürlicher Wesen, und selbst relativ alltäglichen Dingen wie Steinen oder Bäumen wird eine bewusste Seele zugesprochen. Auch den bei der Kopfjagd erbeuteten Schädeln werden Kräfte zugeschrieben.B. Sandin: The Sea Dayaks of Borneo: Before White Rajah Rule, Michigan, 1968, S. 31–39. Diese animistische Ansicht, dass Gegenstände belebt sind, führte zu Situationen, die einige europäische Beobachter als kurios empfanden. So sahen es die Iban, als sie über die Europäer erstmals mit moderner Technik wie Jagdgewehren und Kettensägen in Kontakt kamen, als völlig selbstverständlich an, diesen Gegenständen vor und nach der Benutzung mit Ritualen und Opfergaben für ihr Funktionieren zu danken.

Darstellungen der Geister fertigten die Iban in Form von Holzschnitzereien an, die verschiedener Größe sein und ganz unterschiedliche Motive darstellen konnten. Dies reichte von kleinen, kaum handgroßen Figuren von Menschen oder Tieren bis hin zu über einen Meter langen Skulpturen des Rhinozerosvogels (iba: Kenyalang) für besondere religiöse Feste.

Christliche Missionare konnten die Bevölkerung Sarawaks erst recht spät, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, erreichen, da es ausgemachtes Ziel der Brookes war, ihnen ein weitgehend ungestörtes Leben ohne europäischen Kulturdruck zu ermöglichen.

Noch im Jahr 1960 bekannten sich von den etwa 240.000 Iban in Sarawak noch 210.718 zu ihrem ursprünglichen Glauben, und nur 26.608 zum Christentum sowie 415 zum Islam.R. Pringle: Rajahs and Rebels. S. 17. Inzwischen jedoch ist ein Großteil zum Christentum übergetreten, im Jahre 2005 waren es rund 70 % aller malaysischen Iban.

Kopfjagd mini|Trophäenschädel der Iban. mini|Illustration des Trocknungsvorgangs frisch erbeuteter Schädel. mini|Illustration eines Iban-Bootes. mini|Langboote der Iban in Batang Ai