Sangerhausen ist die Kreisstadt des Landkreises Mansfeld-Südharz im Land Sachsen-Anhalt. Die Mittelstadt befindet sich im Südwesten des Bundeslandes in der Nähe der Grenze zum Freistaat Thüringen. Als Zentrum des Sangerhäuser Reviers war sie über mehrere Jahrhunderte bis 1990 ein Standort einer bedeutenden Montanindustrie für Nichteisen-Metalle wie Kupfer und Silber. Die Ortsteile Grillenberg und Wippra sind staatlich anerkannte Erholungsorte.
Geografie Lage Die Berg- und Rosenstadt Sangerhausen liegt im südlichen Harzvorland, im Bundesland Sachsen-Anhalt. Nördlich von Sangerhausen erheben sich die sanften und weitestgehend bewaldeten Berge des östlichen Harzes. Südwestlich erstreckt sich die von der Helme durchflossene Goldene Aue, ein fruchtbares Tal zwischen Harz und Kyffhäusergebirge. Durch Sangerhausen fließt der kleine Fluss Gonna, welcher seinen Ursprung nördlich vom Ortsteil Grillenberg hat und südlich von Sangerhausen in die Helme mündet.
Die nächsten Großstädte sind Magdeburg, etwa 100 km nördlich, Erfurt, 70 km südlich, Göttingen, 110 km westlich und Halle, 50 km östlich von Sangerhausen gelegen.
Geologie Sangerhausen liegt regionalgeologisch auf dem Übergang des variszisch geprägten Grundgebirges (Unterharz) zum permisch bis triassisch geprägten südlichen Harzvorland der Goldenen Aue. Petrographisch hat es einen vergleichsweise diversen Untergrund.LAGB Sachsen-Anhalt: Digitale Geologische Oberflächenkarte 1:25.000 (WMS-Darstellungsdienst), WMS-Link: geodatenportal.sachsen-anhalt.de (GIS benötigt), abgerufen am 2. Mai 2021.
Unterharz Im Unterharz liegen die Struktureinheiten der Harzgeröder Zone sowie der Wippraer Zone auf dem Stadtgebiet. Erstere besteht aus devonisch-karbonischen, überwiegend marinen Sedimentiten, die mehrfach verfaltet wurden. Darunter sind Tonschiefer, Siltschiefer und Grauwacken zu nennen. Lokal sind Einschaltungen von Kalksteinen und vulkanischen Diabasen enthalten.
In der Wippraer Zone sind Metamorphite wie Phyllit und Quarzit mit ordovizischen Wirtsgesteinen aufgeschlossen. Diese sind ebenfalls mehrfach gefaltet und geschiefert. Die Wippraer Zone stellt eine überschobene Einheit aus tieferen Bereichen der Erdkruste dar. Sie wird nach Süden hin vom jüngeren Harzvorland überlagert.
Im Osten findet der Harz seinen Abschluss in den Rotliegend-Sedimenten des Ostharzer Rotliegenden und des Hornburger Sattels. Diese stellen das älteste Vorland des ehemaligen Variskischen Gebirges dar. Sie bestehen aus einer sich nach oben verfeinernden Sequenz aus Konglomeraten, Grob-, Mittel und Feinsandsteinen. Diese wurden als Sedimente einer alten Wüste abgelagert, weswegen sie ähnlich der heutigen Wendekreiswüsten rötlich gefärbt sind. Das Rotliegende erhielt seinen Namen in der Bergmannssprache als das rote Liegende des Zechsteins (siehe der folgende Abschnitt).
Zechstein und Kupferschiefer mini|hochkant=1.2|Schaubergwerk Röhrigschacht in Wettelrode Das Südliche Harzvorland beginnt mit einem Saum aus Sedimenten des Zechsteins (siehe Südharzer Zechsteingürtel). Darunter sind u. a. Kalksteine, Ton- und Mergelsteine zu nennen. Durch die älteste Einheit des Zechsteins, den basalen Kupferschiefer, gelangte der Raum Sangerhausen wie das benachbarte Mansfelder Land in der Vergangenheit zu großer wirtschaftlicher Bedeutung. Durch die Barrierewirkung dieses ehemaligen Faulschlammes und durch seine Gehalte an Schwefelverbindungen kam es dort zu einer Ausfällung von Kupfer-/Silberhaltigen Lösungen aus dem tieferen Untergrund. Dadurch entstanden bedeutende Nichteisen-Metall-Lagerstätten, die in der Vergangenheit im großen Stil von der Mansfeld abgebaut wurden. Nachdem die Produktion die Wirren des Zweiten Weltkrieges überstanden hatte und in der DDR verstaatlicht wurde, wurde im Zuge der Friedlichen Revolution in der DDR der Abbau unwirtschaftlich und musste eingestellt werden. Im Schaubergwerk Wettelrode (siehe Röhrigschacht) können Führungen durch ein altes Abbaufeld gebucht werden.
Mesozoikum und Quartär Südlich anschließend und den Zechstein überlagernd folgen die Schichten des Buntsandsteins, des Muschelkalks und des Keupers. Ganz im Süden werden diese durch die Quartären Lockersedimente der Helmeaue überlagert (Holozän).
Stadtgliederung Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die 14 Ortschaften der Stadt sowie weitere Ortsteile. mini|Ortsteil Wolfsberg Ortschaft Einwohner Breitenbach 204 Gonna (mit Hüttenmühle und Ölmühle) 595 Grillenberg (mit Klippmühle) 262 Großleinungen 399 Horla 84 Lengefeld (mit Meuserlengefeld und Schlösschenkopf) 597 Morungen 142 Oberröblingen (mit Kloster Rohrbach) 1.436 Obersdorf 494 Riestedt 1.249 Rotha (mit Paßbruch) 245 Sangerhausen 17.847 Wettelrode 498 Wippra 1.239 Wolfsberg 128
Die Ortschaft Riestedt wurde am 1. Dezember 2005 eingemeindet, die Ortschaft Wippra am 1. Januar 2008. Sämtliche anderen Ortschaften wurden am 1. Oktober 2005 eingemeindet.
Pfeiffersheim bei Sangerhausen wird nicht mehr als Ortsteil geführt, sondern ist eine Straßenbezeichnung in der Stadt.
Westlich von Sangerhausen liegt die Wüstung Kieselhausen.
Die Ortschaften von Sangerhausen (anklickbare Karte):
Ausdehnung des Stadtgebiets Die Ost-West-Ausdehnung der Einheitsgemeinde Sangerhausen beträgt knapp 23 km und die Nord-Süd-Ausdehnung knapp 21 km. Die Kernstadt von Sangerhausen hat eine Ausdehnung von 4 km in ostwestlicher Richtung und 5,5 km in nordsüdlicher Richtung.
Nachbargemeinden Nachbargemeinden sind Harzgerode (Landkreis Harz) im Norden, Südharz im Westen, Wallhausen und Edersleben im Süden und Allstedt und Mansfeld im Osten.
Geschichte mini|hochkant=1.6|Sangerhausen um 1650
Mittelalter Sangerhausen ist vermutlich eine fränkische Gründung. Erstmals erwähnt wurde die Siedlung in einem zwischen 780 und 802 erstellten Urkundenbuch des Klosters Fulda. In einem zwischen 881 und 899 entstandenen Verzeichnis des Zehnten des Klosters Hersfeld wird Sangerhausen als zehntpflichtiger Ort Sangerhus im Friesenfeld genannt. 991 gehörte das Dorf zum Kloster Memleben. Ab dem 10. Jahrhundert gab es einen Fronhof im Bereich der heutigen Ulrichkirche. Nachdem Sangerhausen zwischen 1004 und 1017 das Marktrecht verliehen wurde, entstand im Bereich des heutigen Alten Marktes ein Marktflecken. Dieser wuchs infolge des Zuzugs von Kaufleuten mit dem Frohnhof im Norden zusammen. 1194 wurde dem Dorf das Stadtrecht verliehen. Im Jahre 1204 erhielt die nunmehrige Stadt Schutz durch einen Palisadenzaun, 1263 erhielt sie dann eine Stadtmauer und 1485 fiel sie an die albertinische Linie der Wettiner.
Von den in der ersten Siedlungsphase entstandenen Dörfern in der Umgebung Sangerhausens überstanden viele das Hochmittelalter nicht. Durch Kriege, Seuchen und Klimaveränderungen mussten sie wieder aufgegeben werden. Von den untergegangenen Dorfstätten sind um Sangerhausen als Wüstung heute die folgenden bekannt. Westlich von Sangerhausen standen Alvensleben und Kieselhausen. Nach letzterem ist heute die Kyselhäuser Straße als Hauptausfallstraße nach Westen benannt. Im Harz gab es die Dörfer Bodenschwende, Deikerode, Herchensole, Hohenrode, Tiefenbeek und Wenkerode. In Richtung Allstedt gab es Lobesdorf und Grabesdorf.
Ein wichtiger Wirtschaftszweig war seit dem Mittelalter der Abbau eines Silber- und Kupferhaltigen Tonsteins, genannt Kupferschiefer. Nachdem die oberflächennah anstehenden Bereiche dieses Flözes erschöpft waren, wurde der Abbau mit einfachsten Mitteln von der ansässigen Bevölkerung in engen Stollen weiter betrieben. Mit dem technischen Fortschritt wanderte der Abbau in die immer tieferliegenden Erzbereiche nach Süden.
Im Jahre 1391 wurde zum ersten Mal in der meißnischen Groschengeschichte außerhalb der Landesmünzstätte Freiberg in der neu errichteten Münzstätte Sangerhausen Groschengeld geprägt. Die neue Münze war für Zahlungsverpflichtungen im Harzer Silberbergbau errichtet worden.
Da sich viele Bürger von Sangerhausen 1525 am Bauernkrieg beteiligten, wurde die Stadt mit 5.000 Gulden und sieben Hinrichtungen bestraft. Erst nach dem Tod Herzog Georgs des Bärtigen setzte sich 1539 die Reformation durch.
Neuzeit mini|Neue Kupferhütte von 1835 mini|Neues Schloss (um 1900) mini|hochkant=0.8|Altes Göpenthor (um 1900)
In Sangerhausen fanden zwischen 1536 und 1710 Hexenverfolgungen statt. 22 Personen, 17 Frauen und fünf Männer, gerieten in Hexenprozesse. Mindestens drei Frauen wurden verbrannt, eine Frau und drei Männer enthauptet, zwei Frauen starben unter der Folter. Als erstes Opfer wurde 1536 Jutte Stulzingk verbrannt. Im heutigen Ortsteil Grillenberg kam es in den Jahren 1607 bis 1614 zu ähnlichen Prozessen: eine als Hexe angeklagte Frau wurde verbrannt, eine andere des Landes verwiesen.Manfred Wilde, Die Zauberei- und Hexenprozesse in Kursachsen. Köln, Weimar, Wien 2003, S. 562–568.Ronald Füssel: Die Hexenverfolgungen im Thüringer Raum. Veröffentlichungen des Arbeitskreises für historische Hexen- und Kriminalitätsforschung in Norddeutschland, Band 2, Hamburg 2003, S. 250.Benedict Carpzov: Practica Nova Imperialis Saxonica Rerum Criminalium. in partes 3 diuisa autore Bededicto Carpzovio, Frankofurti et Wittebergae 1652, am Ende von Teil 1., S. 338, S. 341.
Bis zum 19. Jahrhundert ging die Bedeutung des Bergbaus allmählich zurück. 1815 wurde Sangerhausen preußisch und Verwaltungssitz des Landkreises Sangerhausen im Regierungsbezirk Merseburg der Provinz Sachsen. Der Anschluss an das Eisenbahnnetz erfolgte am 10. Juli 1866 durch die Bahnstrecke Halle–Hann. Münden. 1880 kam noch die Bahnstrecke nach Erfurt hinzu. Die Industrialisierung führte zur Ansiedlung von Fabriken, die Feilen, Fahrräder, Malz, Klaviere, Maschinen, Möbel, Leder, Käse und Zucker herstellten. Im Jahre 1903 wurde das Rosarium im Osten der Stadt gegründet.
Im Zweiten Weltkrieg erlitt Sangerhausen mehrere US-amerikanische Luftangriffe, deren Hauptziel der Bahnhof war. Am 22. Februar 1945 erfolgte ein Angriff durch 11 schwere Bomber des Typs B-24 „Liberator“ mit 23,5 Tonnen Sprengbomben auf Bahnhof, Gaswerk und Stadt. Vom 7. bis 11. April 1945 war das Bahnhofsareal täglich das Ziel von Tiefangriffen durch Jagdbomber. Das Bahnhofshauptgebäude wurde am 7. April 1945 zerstört, als ein beladener Munitionszug zur Explosion gebracht wurde. Insgesamt verloren bei den Luftangriffen auf Sangerhausen 87 Menschen das Leben.Thilo Ziegler: Auf Spurensuche. Der Kreis Sangerhausen 1939 bis 1945. Sangerhausen 1999. S. 126.
Am 12. April 1945 wurde die Stadt von der US-Armee besetzt und am 3. Juli an die Rote Armee übergeben. Damit wurde sie Bestandteil der SBZ und ab 1949 der DDR.
Bereits während des Zweiten Weltkriegs wurden Sondierungen zur Wiederaufnahme des Bergbaus vorgenommen. 1951 begann mit dem VEB Thomas-Münzer-Schacht wieder die Förderung von Kupfererz, die jedoch nach der Wiedervereinigung eingestellt werden musste, da die Gestehungskosten den Weltmarktpreis um mehr als das Zehnfache übertrafen. mini|hochkant=0.9|Abraumhalden prägen weiterhin das Stadtbild
Zeugen des einstigen Bergbaus sind der Röhrigschacht und die riesige Abraumhalde Hohe Linde im Norden der Stadt.
In der DDR war Sangerhausen von 1952 bis 1990 Kreisstadt des gleichnamigen Kreises im Bezirk Halle.
Zu DDR-Zeiten unterhielt das Ministerium für Staatssicherheit in der Mogkstraße eine Kreisdienststelle. Während der Friedlichen Revolution 1989/90 wurde ein Runder Tisch gebildet und es kam zu Demonstrationen mit bis zu 25.000 Teilnehmern.
Sangerhausen blieb nach 1990 Kreisstadt des gleichnamigen Landkreises. Durch die Kreisreform 2007 wurde die Stadt Kreissitz des neugeschaffenen Landkreises Mansfeld-Südharz.