Der Manchesterliberalismus, das Manchestertum oder die Manchesterschule bezeichnet eine politische Strömung und Freihandelsbewegung in Großbritannien im 19. Jahrhundert, die in der Stadt Manchester mit der Anti-Corn-Law-League ihren Ausgang nahm.William Dyer Grampp: S. 5Wolf Rainer Wendt: Geschichte der sozialen Arbeit, Band 1, Ausgabe 5, UTB 2008, ISBN 3-8252-3093-7, S. 392 Die bedeutendsten Vertreter des Manchesterliberalismus waren die Engländer Richard Cobden und John Bright sowie der Franzose Frédéric Bastiat und der Belgier Gustave de Molinari. In Deutschland wurden manchesterliberale Positionen von der Deutschen Fortschrittspartei (Hermann Schulze-Delitzsch, Eugen Richter) und vom linken Flügel der Nationalliberalen (Ludwig Bamberger, John Prince-Smith) sowie deren Nachfolgeorganisationen (Liberale Vereinigung, Deutsche Freisinnige Partei, Freisinnige Volkspartei, Freisinnige Vereinigung) vertreten.
Als Inspiration dienten die Schriften der Autoren der klassischen Nationalökonomie, des klassischen Wirtschaftsliberalismus und des Utilitarismus. Bisweilen wird auch Herbert Spencer als Inspiration genanntW. H. Greenleaf, The British Political Tradition, Band 2 The Ideological Heritage, Routledge, 2003, ISBN 0-415-30301-X, Seite 48, was aber chronologisch nicht möglich ist, weil Herbert Spencer sein erstes Buch Social Statics erst 1851 veröffentlichte, also nachdem die Manchesterliberalen 1846 die Abschaffung der Getreidezölle mit der 1838 gegründeten Anti-Corn Law League erreicht hatten.
Der Ausdruck Manchesterliberalismus bezeichnet heute vielfach eine Politik, die so weit wie möglich auf den Markt vertraut,William Dyer Grampp: The Manchester School of Economics. Stanford University Press, ISBN 0-8047-1564-5 und damit eine Extremform des wirtschaftlichen Liberalismus. Seit dem 19. Jahrhundert wird er von Konservativen und Sozialdemokraten auch als Kampfbegriff benutzt.Otto Brunner, Reinhart Koselleck, Werner Conze, Geschichtliche Grundbegriffe, Band 3, Klett-Kotta, Stuttgart, 1982, ISBN 3-608-91500-1, Seite 806
Begriff Der Begriff Manchester School geht auf den britischen Premierminister Benjamin Disraeli zur Bezeichnung der politischen Bewegung um Richard Cobden zurück.W. H. Greenleaf, The British Political Tradition, Band 2 The Ideological Heritage, Routledge, 2003, ISBN 0-415-30301-X, Seite 41, 42 Disraeli benutzte ihn in abschätziger Weise für die Gelegenheitskoalition der parlamentarischen „corn law“-Gegner, die in ihren sonstigen Anschauungen jedoch sehr heterogen waren.Willem Albeda, Erich Streissler, Norbert Kloten, Studien zur Entwicklung der ökonomischen Theorie, Band 1, Band 115 von Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Duncker & Humblot, 1997, Original von University of California, ISBN 3-428-09092-6, Seite 94 In England meinte der Begriff den linken Flügel der liberalen Partei, die in Manchester eine feste Basis hatte oder einfach nur die Freihandelsdoktrin, die in dieser Stadt im Zuge der Agitation gegen die Korngesetze ihren Anfang genommen hatte.
Der Begriff Manchester School wurde in der öffentlichen Wahrnehmung mit dem Glauben an Freihandel, Eigennutz (Individualismus) und laissez-faire assoziiert sowie mit der hervorstechenden Doktrin, dass – wie Benjamin Kidd es sah – sich jedes ökonomische oder soziale Übel durch freiwilliges Engagement und Selbsthilfe überwinden ließe.W. H. Greenleaf, The British Political Tradition, Band 2 The Ideological Heritage, Routledge, 2003, ISBN 0-415-30301-X, Seite 41, 42
Der deutsche Arbeiterführer Ferdinand Lassalle entwickelte daraus das Schmähwort Manchestertum zur Bezeichnung der deutschen Freihandelsbewegung. Dieses verwendete er erstmals 1863 in seiner Veröffentlichung Die indirekte Steuer und die Lage der arbeitenden Klasse. Darin schrieb er, dass „unsere Nichts-als Freihändler, die Affen der Manchester-Männer, diese lächerlichen, die sich dünken Ökonomen zu sein“ seiner Ansicht nach dafür verantwortlich sind, dass der Staat (damals) sozialpolitisch passiv blieb und die Arbeiter ihrem Schicksal überließ. In der Folge übernahmen sowohl sozialdemokratische als auch konservative Autoren den Begriff Manchesterschule als Kampfbegriff. Dadurch sollten deutsche Gelehrte, Journalisten und Politiker, die für eine liberale Wirtschaft eintraten, als Verfechter einer ausländischen Ideologie gebrandmarkt werden, die den englischen Interessen diene.Ralph Raico: Die Partei der Freiheit. Studien zur Geschichte des deutschen Liberalismus. Lucius & Lucius, Stuttgart 1999, ISBN 3-8282-0042-7, Seite 29 So schrieb Werner Sombart 1915: „Dann kam aber noch eine trübe Zeit für Deutschland, als in den 1860er und 1870er Jahren die Vertreter der sogenannten Manchesterschule die englischen Importwaren ganz schamlos auf den deutschen Gassen als deutsches Erzeugnis feil boten.“Ralph Raico: Die Partei der Freiheit. Studien zur Geschichte des deutschen Liberalismus. Lucius & Lucius, Stuttgart 1999, ISBN 3-8282-0042-7, Seite 43
Manchesterliberalismus im Vereinigten Königreich Großbritannien und Irland Einen Manchesterliberalismus als konsistente Schule hat es nie gegebenErich Streissler: Macht und Freiheit in der Sicht des Liberalismus. in: Hans K. Schneider, Christian Watrin (Hrsg.): Macht und ökonomisches Gesetz. Schriften des Vereins für Socialpolitik, Verein für Socialpolitik, Duncker & Humblot 1973, ISBN 3-428-02965-8, S. 1396, schon gar nicht im strengen Sinn einer wissenschaftlichen Schule. Cobden und seine Mitstreiter waren praktische Geschäftsleute und Politiker, die wenig Interesse daran hatten, eine in Breite und Fülle konsistente Theorie zu entwickeln. Sie entwarfen eher Streitschriften und hielten Reden zu verschiedenen Anlässen.W. H. Greenleaf: The British Political Tradition: The ideological heritage. Band 2 von The British Political Tradition. Taylor&Francis, 2004, ISBN 0-415-30299-4, S. 47, 48 Innerhalb der Bewegung gab es unterschiedliche Vorstellungen in Einzelfragen und auch über das Ausmaß der Anwendung der grundsätzlichen Prinzipien. Die grundsätzlichen Prinzipien waren innerhalb der Bewegung jedoch allgemein anerkannt.
Die ursprünglichen corn-law-Gegner setzten sich aus sehr verschiedenen Gruppen zusammen, die sich nur in der Frage der Abschaffung der Kornzölle einigermaßen einig waren und in ihrer Gesamtheit keinen Grund sah, über diese politische Kampagne hinauszugehen und laissez faire zu verkünden, gleichwohl stand ein Großteil der Teilnehmer an der Bewegung staatlichem Handeln sehr negativ gegenüber. In diesem Sinne ist eine laissez-faire-Haltung, wie auch Goldwin Smith schrieb, charakteristisch für das Manchestertum.W. H. Greenleaf: The British Political Tradition: The ideological heritage. Band 2 von The British Political Tradition. Taylor&Francis, 2004, ISBN 0-415-30299-4, S. 42f Eine kohärente laissez-faire-Politik wurde nach Ansicht von Gramp von der Manchesterschule nie vertreten. Nach Hayek hingegen vertraten sie eine „etwas extremere laissez-faire-Position“ als die klassischen Wirtschaftsliberalen.F. A. Hayek, Grundsätze einer liberalen Gesellschaftsordnung, Mohr-Siebeck, 2002, ISBN 3-16-147623-9, Seite 97 Dabei wurde die extreme libertäre Botschaft durchaus kontinuierlich vertreten, und auch in Manchester war man bereit, den Gedanken an Freihandel fallen zu lassen, sobald dieser mit einem unerwünschten Maß an Staatsinterventionismus in Bezug auf soziale Aspekte in Kauf genommen werden musste.W. H. Greenleaf, The British Political Tradition, Band 2 The Ideological Heritage, Routledge, 2003, ISBN 0-415-30301-X, Seite 47
Freihandel Der Manchesterliberalismus stand in erster Linie für den Freihandel. Die Liberalen um Richard Cobden und John Bright sahen im Freihandel den Schlüssel zu mehr Wohlstand. Der Protektionismus, verkörpert beispielsweise durch die Corn Laws, galt bei Freihändlern nicht nur als schädlich für das Ausland, sondern auch für die Wirtschaft im Inland. Außerdem erhofften die Manchesterliberalen vom Freihandel mehr Frieden, denn die zunehmende Abhängigkeit durch die fortgeschrittene Arbeitsteilung zwischen den Völkern sollte es – so die Manchesterliberalen – den Regierungen nahezu unmöglich manchen, ihre Völker gegeneinander aufzuhetzen. Frédéric Bastiat: „Wenn Waren nicht die Grenze passieren dürfen, dann werden es Soldaten tun.“
Schon Adam Smith hatte im 18. Jahrhundert davor gewarnt, dass Einfuhrbeschränkungen, insbesondere bei Grundgütern wie Getreide, bei ärmeren Bürgern zu Unterernährung führen könnten. Dennoch belegte die britische Regierung 1815 die Getreideeinfuhr mit einem hohen Zoll. Missernten in den Jahren 1846–1849 führten dann tatsächlich zu einer großen Hungersnot; allein im Winter 1847 beklagte man in England 250.000 Hungertote. mini|John Bright und Richard Cobden, die zwei wichtigsten Vertreter des Manchesterliberalismus
Ab 1815 bestimmte die Diskussion um die Getreideeinfuhr die politische Landschaft Großbritanniens. In der Diskussion um den Freihandel standen die neuen unternehmerischen Eliten und das anwachsende Proletariat den alten Grundbesitzereliten und teilweise auch der einfachen ländlichen Bevölkerung gegenüber. Nach Ansicht der Unternehmer hätten die hohen Getreidepreise Einfluss auf das Lohnniveau in Großbritannien. Sinkende Getreidepreise hätten ihrer Ansicht nach die Möglichkeit eröffnet, die Löhne und damit die Produktionskosten zu senken.
Die Manchesterliberalen um den aus armen Verhältnissen stammenden Unternehmer Richard Cobden und John Bright gründeten 1839 die Anti-Corn Law League, mit dem Ziel, die Corn Laws abzuschaffen. Die Anti-Corn Law League entwickelte sich dank starker finanzieller Unterstützung durch die Textilindustrie zu einer sehr schlagkräftigen Organisation mit mehr als 800 Angestellten.Garry M. Anderson und Robert D. Tollison, Ideology, Interest Groups, and the Repeal of the Corn Laws in: Gordon Tullock, The Political Economy of the Educational Process, Kluwer Academic Publishers, Boston, 1988, ISBN 0-89838-241-6, Seite 201 Die Liga sammelte Unterschriften und verbreitete in der Bevölkerung mit Broschüren und durch Reden ihre Kritik an der als verhängnisvoll angesehenen Wirkung der Corn Laws. Dabei verfolgten sie eine Doppelstrategie. Gegenüber den Arbeitern erklärten sie, dass die Abschaffung der Kornzölle den Brotpreis verbilligen werde. Gegenüber den Industriellen erklärten sie, dass dies die Gelegenheit eröffne, die Löhne zu senken und dass der steigende Außenhandel die Gelegenheit böte, mehr Fertigwaren in das Ausland zu verkaufen.Richard Tames, Economy and Society in Nineteenth Century Britain, Routledge, 2006, ISBN 0-415-38250-5, Seite 64 Die Erwartung sinkender Löhne beruhte auf dem damals aktuellen, von David Ricardo formulierten eisernen Gesetz, dass die Löhne stets zu einem den Lebensunterhalt gerade noch sichernden Niveau tendieren.H. G. Wood, John Bright, in: Alfred Barratt Brown, Great Democrats, 1970, ISBN 0-8369-1942-4, Seite 59