Geistige Behinderung (seltener kognitive Behinderung, mentale Retardierung oder intellektuelle Retardierung) ist nach der Definition der American Association on Intellectual and Developmental Disability (AAIDD), der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und dem ICD-10 charakterisiert „durch eine signifikante Einschränkung im Bereich der geistigen Funktionen und in Bereichen des adaptiven Verhaltens, welche sich in den konzeptionellen, sozialen und praktischen Fähigkeiten widerspiegeln. Die Behinderung manifestiert sich vor dem 18. Lebensjahr.“ Der Begriff wurde durch die 1958 gegründete Elternvereinigung Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind in Abgrenzung zu den zuvor üblichen Bezeichnungen wie „Idiotie“ oder „schwerer Schwachsinn“ etabliert.Oliver Musenberg: Geistige Behinderung. In: Susanne Hartwig (Hrsg.): Behinderung. Kulturwissenschaftliches Handbuch. J.B. Metzler, Stuttgart, 2020, S. 201–204.
Eine geistige Behinderung macht sich meist durch eine Intelligenzminderung im frühen Kindesalter bemerkbar. Diese kann mit weiteren Entwicklungsstörungen einhergehen, z. B. im Spracherwerb und Sozialverhalten, in der Wahrnehmung, psychischen Entwicklung sowie in der Motorik.Verein Oberlinhaus: Informationen über körperliche und/oder geistige Behinderungen. Abgerufen am 19. Dezember 2021.
Menschen, deren geistige Beeinträchtigungen sie in Wechselwirkung mit einstellungs- und umweltbedingten Barrieren an der gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate hindern können und deren Körper- und Gesundheitszustand von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweicht, zählen zu den Menschen mit Behinderungen im Sinne des deutschen Behindertenrechts ( Abs. 1 SGB IX) und der UN-Behindertenrechtskonvention.
Alters- oder krankheitsbedingter Verlust vorher beherrschter Fertigkeiten (und damit auch der Intelligenz) wird als Demenz bezeichnet. Bei dauerhaften Beeinträchtigungen durch psychische oder neurologische Erkrankungen, die sich primär durch Denkstörungen bei (weitgehend) erhaltener Intelligenz darstellen, spricht man von einer psychischen Behinderung. Allgemein können psychische, körperliche und geistige Behinderungen unabhängig voneinander oder auch kombiniert auftreten (Mehrfachbehinderung).
Diagnose Intelligenztest
Eine Diagnose der geistigen Behinderung bezieht sich oft auf die Messung einer deutlichen Intelligenzminderung mit Hilfe standardisierter Intelligenztests. Ein Intelligenzquotient (IQ) im Bereich von 70 bis 85 ist unterdurchschnittlich; in diesem Fall spricht man von einer Lernbehinderung. Ein IQ unter 70 bedingt dann die Diagnose einer leichten Intelligenzminderung, erst bei einem IQ von unter 50 wird von einer mittleren bis schweren geistigen Behinderung ausgegangen. Eine weitere Unterteilung dieses Bereiches wird von manchen Autoren als obsolet angesehen, da es keine Messverfahren gibt, die hier valide und reliable Ergebnisse mit der nötigen Trennschärfe ergeben. Auch heute ist die Zuschreibung einer geistigen Behinderung per Intelligenzmessung sehr umstritten. IQ-Tests werden zwar regelmäßig durchgeführt, aber nicht als alleiniger Wert interpretiert. Teilweise ist die Durchführung eines Intelligenztests wegen einer körperlichen Behinderung oder einer Verhaltensstörung nicht möglich.
Andere Diagnoseverfahren Die individuelle Einzelfallbeschreibung im Rahmen einer systemischen Analyse der Mensch-Umfeld-Verhältnisse ist heute üblich: Ist selbständiges Essen und Trinken, Ankleiden möglich? Im Bereich der geringsten Intelligenzleistungen, die bei schweren Krankheitsbildern, Verwachsungen im Gehirn oder kriegsbedingt zerstörten Hirnteilen auftreten, wurde früher die Klassische Konditionierung auf bestimmte Reize diagnostisch verwendet: Lässt sich der Patient mit positiven Reizen oder regelmäßigen Gewohnheiten (Süßigkeiten, Essenszeiten) konditionieren, oder können nur noch aversive Reize mit einer Vermeidungsreaktion verbunden werden? Klinisch wurde die Diagnose vor allem im Sinn einer Grenzangabe (z. B. grenzdebil) verwendet, obgleich auch eine Skalierung mit Punktwerten vornehmbar war. Die Angaben verloren daher im unteren Bereich ihren Wert als Verteilungsfunktion und waren eine reine diagnostische Klasse.
Differentialdiagnose Einige Krankheits- oder Behinderungsbilder ähneln oberflächlich der geistigen Behinderung, sind jedoch im Sinne einer Differentialdiagnose von ihr zu unterscheiden. Das ist zum Beispiel der frühkindliche Autismus, die psycho-soziale Deprivation (auch Deprivationssyndrom oder Hospitalismus), die Demenz oder auch hirnorganische Krankheiten. Auch die sogenannte Pseudodebilität (auch: Pseudodemenz, beim Erwachsenen Ganser-Syndrom) ist von der geistigen Behinderung zu unterscheiden, denn hier ist die kognitive Beeinträchtigung Konversionssymptom. Die hauptsächlichen Unterscheidungen bestehen darin, dass die geistige Behinderung von Anfang an besteht, dass keine Wahnsymptome vorhanden sind und dass das Sozialverhalten nicht autistisch ist.
Symptome Am auffälligsten sind die Verzögerung der kognitiv-intellektuellen Entwicklung im Kindesalter, die Lernschwierigkeiten in der Schule und das herabgesetzte Abstraktionsvermögen (wie Hängenbleiben am Detail oder am sinnlich Wahrgenommenen, Leichtgläubigkeit). Nicht nur die durchschnittlich maximal erreichbare Intelligenz, sondern teilweise auch das Anpassungsvermögen und die soziale und emotionale Reife sind beeinträchtigt.
Eine geistige Behinderung ist häufig mit anderen Besonderheiten verbunden (wie Autismus, Fehlbildungen des Gehirns, Lernstörungen, Beeinträchtigung der Motorik und der Sprache). Sie beeinflusst nicht unbedingt die Fähigkeit, Gefühle zu empfinden wie Freude, Wut oder Leid, jedoch zum Teil die Fähigkeit, mit diesen Gefühlen umzugehen und sie (lautsprachlich) zu kommunizieren.
Die Lebenserwartung von Menschen mit einer geistigen Behinderung ist durchschnittlich zwölf Jahre niedriger als die der Gesamtbevölkerung, und bei ihnen tritt Gebrechlichkeit früher auf.Corona: Geistige Behinderung bedeutet kein erhöhtes Risiko. aerzteblatt.de. 18. Juni 2020, abgerufen am 25. August 2020
Ursachen mini|Baby mit typischen Gesichtsmerkmalen des Fetalen Alkoholsyndroms, ausgelöst durch Alkoholkonsum in der Schwangerschaft: kleine Augen, glattes Philtrum, schmale Oberlippe Als Ursachen für eine geistige Behinderung gelten einerseits endogene Faktoren, die meist eine erbliche Grundlage (Erbkrankheiten) oder Chromosomen-Besonderheiten wie Down-Syndrom, Sotos-Syndrom oder Katzenschrei-Syndrom aufweisen; exogene Faktoren während der Schwangerschaft sind erworbene cerebrale Schädigungen des Embryos durch beispielsweise Alkoholkonsum der Schwangeren Gehirnentzündung/Hirnhautentzündung Kretinismus Unterernährung der Schwangeren (zum Beispiel durch Hungersnot, Essstörung, rituelles Fasten (z. B. Ramadan), diese führen zu einer früheren Geburt und geringerem Geburtsgewicht)Douglas Almond, Bhashkar Mazumder: Health Capital and the Prenatal Environment: The Effect of Material Fasting During Pregnancy. (Working Paper 14428). National Bureau of Economic Research, 2009. radioaktive Bestrahlung der Schwangeren (siehe auch Strahlenkrankheit) Unfall Sauerstoffmangel während der Geburt
Niedrige Vitamin-D-Blutwerte sind möglicherweise ungünstig für die Gehirnleistung. Darauf deuten Daten einer US-Studie mit 858 Teilnehmern über 65 Jahre hin. Bei Teilnehmern mit niedrigen Vitamin-D-25-OH-Werten zu Studienbeginn (unter 25 nmol/l) war nach sechs Jahren die Rate für kognitive Beeinträchtigungen um 60 % höher als bei Teilnehmern mit hohen Werten (über 75 nmol/l) und um 31 % höher als bei ausreichenden Ausgangswerten.Archives of Infernal Medicine. 2010, 170, S. 1135, zitiert nach Ärztezeitung, 14. Juli 2010, S. 4. Die häufigste genetische Ursache von geistigen Behinderungen ist das Down-Syndrom. Die häufigste nicht genetische Ursache von geistiger Behinderung ist das fetale Alkoholsyndrom, das durch Alkoholkonsum der Schwangeren ausgelöst oder verursacht wird.
Eindeutige Ursachenzuschreibungen sind manchmal schwierig bzw. nicht möglich. In vielen Fällen sind sie – in Form einer „Schuldzuschreibung“ – auch für eine rechtzeitige Frühförderung und Förderung eher hinderlich oder kontraproduktiv.
Genetik Die häufigste genetische Ursache von verminderter Intelligenz ist das Down-Syndrom mit einer durchschnittlichen Häufigkeit (Prävalenz) von etwa 1:500. Auch andere Chromosomenaberrationen können die neuronale Entwicklung beeinträchtigen. Im Gegensatz zu Erbkrankheiten sind Chromosomenaberrationen erst kurz vorher in einer Eizelle der Mutter entstanden. Erbkrankheiten im engeren Sinn sind seltene bis sehr seltene Mutationen, die meist bereits über mehrere Generationen übertragen wurden.
Im Folgenden eine Liste der Erbkrankheiten, die zu neuronalen Entwicklungsstörungen mit verminderter Intelligenz beim Neugeborenen führen können.
Name Erbgang Häufigkeit ICD-10 OrphaNet Betroffene Gene/ProteineBörjeson-Forssman-Lehmann-Syndrom X rezessiv ? Q87.8 PHF6Brunner-Syndrom X rezessiv ? E70.8 F54 MAOA (Monoaminooxidase)Coffin-Lowry-Syndrom X rezessiv 2 / 100,000 F78.8 RPS6KA3Cornelia-de-Lange-Syndrom X rezessiv / autosomal dominant gesamt 1–9 / 100,000 Q87.1 NIPBL, SMC1A, SMC3Cri du Chat Partielle Monosomie am Chromosom 5 1 / 50,000 Q93.4 FG-Syndrom X rezessiv >1 / 1,000 Q87.8 BRWD3, CASK, FLNA, MED12, UPF3BFragiles-X-Syndrom X rezessiv 5–9 / 10,000 Q99.2 FMR1 (Fragile-X-Mental-Retardation-1-Protein)FRAXE-Syndrom X rezessiv 1–9 / 1,000,000 - AFF2Hennekam-Syndrom autosomal rezessiv unter 1: 1,000,000 - CCB1Joubert-Syndrom sporadisch über 100 Fälle Q04.3 INPP5ELujan-Fryns-Syndrom X rezessiv ? F79 MED12, UPF3BMartsolf-Syndrom autosomal rezessiv unter 20 Fälle Q87.8 RAB3GAP2MASA-Syndrom X rezessiv 1–9 / 100,000 G11.4 L1CAMMikrozephalie, primäre autosomal rezessiv gesamt 2–4 / 100,000 Q02 ASPM, CDK5RAP2, CENPJ, CEP152, MCPH1, STILMorbus Gaucher autosomal rezessiv 1–9 / 100,000 E75.2 GBAMukopolysaccharidose Enzymdefekte, Lysosomale Speicherkrankheit E76.0 E76.1 E76.2 E76.3 Nordisches Epilepsiesyndrom, (Neuronale Ceroid-Lipofuszinose Typ 8) autosomal rezessiv unter 1 / 1,000,000 E75.4 CLN8Partington-Syndrom X rezessiv unter 1 / 1,000,000 - ARXPierre-Robin-Sequenz verschiedene Formen 1–9 / 100,000 Q87.0 Renpenning-Syndrom X rezessiv ? - PQBP1Rett-Syndrom, atypisches dominant 1–9 / 100,000 G40.3 CDKL5, FOXG1, MECP2, NTNG1Rubinstein-Taybi-Syndrom autosomal dominant oder unbekannt 1–9 / 100,000 Q87.2 CBP, p300Sjögren-Larsson-Syndrom autosomal rezessiv 1–9 / 1,000,000 E71.3 ALDH3A2 (Fettaldehyd-Dehydrogenase)Snyder-Robinson-Syndrom X rezessiv 11 Fälle - SMSTyrosinämie Typ II autosomal rezessiv <1 / 1,000,000 E70.2 TAT (Tyrosin-Aminotransferase)West-Syndrom ? 1–9 / 1,000,000 G40.4 ARX, CDKL5Williams-Beuren-Syndrom autosomal dominant 1–20,000–50,000 Q78.8 XLAG-Syndrom X rezessiv ? Q04.0 Q04.3 ARXunspez. X rezessiv gesamt 6–9 / 10,000 F78 ACSL4, AGTR2, ARHGEF6, AP1S2, ARX, ATP6AP2, ATRX, CUL4B, DLG3, FTSJ1, GDI1, GRIA3, HSD17B10, HUWE1, I1RAPL1, IQSEC2, KDM5C, MAGT1, MECP2, OPHN1, PAK3, PHF8, RAB39B, RPS6KA3, SHROOM4, SLC9A6, SOX3, SYP, TSPAN7, UPF3B, ZNS41, ZNS674, ZNS81unspez. autosomal rezessiv ? - CC2D1A, CRBN (Cereblon), GRIK2, PRSS12, TRAPPC9, TUSC3unspez. autosomal dominant ? - CDH15 (Cadherin-15), KIRREL3, MBD5, SYNGAP1
Siehe auch Autosomal-rezessive primäre Mikrozephalie und X-chromosomale mentale Retardierung.
Behindertenrecht in Deutschland Erwachsene
Das Bundesteilhabegesetz soll die Eingliederungshilfe und selbstbestimmte Lebensführung erwachsener Menschen mit geistiger Behinderung fördern.
Eine Entmündigung, eine Vormundschaft oder Gebrechlichkeitspflegschaft gibt es in Deutschland seit 1992 nicht mehr. Bei Zweifeln an der Fähigkeit zur selbständigen Lebensführung kann das zuständige Amtsgericht für die jeweilige Person eine Betreuung durch andere einrichten.