mini|Pharos von Gesoriacum (Tour de Odre), Rekonstruktionsversuch nach Duviert, 1611 (Zustand im 4. Jahrhundert) Die Classis Britannica (britannische Flotte) war eine in Gesoriacum (Boulogne-sur-Mer, Frankreich) stationierte Abteilung der römischen Flotte, die vor allem den Verkehr auf dem Ärmelkanal und dem schiffbaren Teil der Themse (Tamesis) kontrollieren sollte.

Der Flottenverband war seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. in dieser Region präsent. Der Zweck der Flotte bestand darin, Soldaten und Vorräte zu transportieren, sowie den Kanal und die Seewege vor Piraten zu sichern. Der Name Classis Britannica erscheint oft auf zeitgenössischen Inschriften. Die meisten von ihnen stammen aus Gesoriacum. Er ist von flavischer Zeit bis in die Mitte des 3. Jahrhunderts bezeugt. Sie war neben der Rheinflotte (Classis Germanica) eine der größten Flottenverbände im Römischen Reich, rangierte vor allen anderen Provinzflotten und bestand – in veränderten Organisationsformen – wahrscheinlich bis ins 4. Jahrhundert n. Chr. Zahlreiche Ziegel mit dem Stempel der britannischen Flotte wurden an neun Standorten rund um die Küsten von Sussex und Kent sowie an zwei Orten in der Region Boulogne-sur-Mer geborgen. Ergänzt durch einige Grabinschriften bilden sie den wichtigsten archäologischen Beweis für die Präsenz der Flotte an beiden Seiten des Ärmelkanals.

Funktion und Taktik Da Britannien eine Insel ist, war die Stationierung einer eigenen Provinzflotte für die Zeit der Okkupation und nachfolgender Sicherungsaufgaben unumgänglich. Sie operierte jedoch nicht eigenständig und unabhängig, sondern stand weitgehend unter Kontrolle der Landstreitkräfte.Fields 2006, S. 51.

Ihr Operationsgebiet umfasste folgende Abschnitte:

den Atlantik nahe der britischen Küsten, den Ärmelkanal, die Ost- und Westküste Britanniens, die Nordsee, die schiffbaren Flusssysteme Britanniens und die kontinentale Küste bis zur Rheinmündung.

Die Aufgaben dieser Seestreitmacht waren:

Schutz der Gewässer um Britannien. Patrouillenfahrten entlang der Küstenzonen an der Nordsee bzw. dem Ärmelkanal und rund um die britischen Inseln. Sammeln von Informationen. Transporte und amphibische Militäroperationen.

Hauptaufgabe der römischen Flotte in britischen Gewässern war es, die Seewege von Gallien nach Britannien zu schützen und das Landheer in Britannien mit Nachschub zu versorgen, nicht jedoch die Verteidigung der britischen Insel im Falle einer Invasion. Aus diesem Grund befand sich ihr Hauptquartier auch in Portus Itius/Gesoriacum (Boulogne-sur-Mer). Weiters sollte sie anfangs die römischen Legionen bei ihrem Vormarsch in Britannien unterstützen und später die Küsten gegen friesische, fränkische und sächsische Seeräuber sichern. Auch der Geleitschutz für die von Britannien an die Kastelle der Rheingrenze abgehenden Getreidetransporter oblag diesen Seestreitkräften. Aufbau und Ausrüstung der Classis Britannica erfolgten in Gesoriacum, bemannt wurden die neuen Schiffe wohl zuerst mit Angehörigen der Mittelmeerflotte. Gesoriacum eignete sich besonders gut als Einschiffungshafen nach Britannien, da es am Ende einer wichtigen Römerstraße lag, die von der Rheingrenze bis an den Atlantik reichte.Ammianus 20, 1, 3; 27, 8, 6–7.

Die meisten Schiffe der Classis Britannica waren im Süden und Osten der Insel stationiert. Ständige Patrouillen hielten auf dem Oceanus Britannicus (Nordsee und Ärmelkanal) nach potentiellen Raubschiffen Ausschau. Auch eine investigative Feindaufklärung ermöglichte es den Römern, diesen Bedrohungen wirksam zu begegnen. Die Taktik hierfür war immer gleich, abfangen und zerstören von Feindschiffen wenn sie sich der Küste näherten oder Plünderern und Invasoren später den Rückzug abzuschneiden sofern sie schon gelandet und ins Landesinnere vorgedrungen waren.

Zusätzlich zu diesen maritimen Aufgaben setzte die Classis Britannica ihr Personal auch bei Aufbau und Instandhaltung von Militäranlagen und Infrastruktur in Britannien ein. Bekannt sind Einsätze beim Bau von Straßen und Hafenanlagen, drei Inschriftensteine belegen auch deren Beteiligung am Bau des Hadrianswalles.RIB 1340, RIB 1944, RIB 1945, ein Abschnitt des Walles bei Birdoswald (Banna) und Getreidespeicher in Benwell (Condercum). Es gibt auch Hinweise, dass Flottensoldaten zur Eisenverhüttung und Holzgewinnung für den Schiffsbau in Kent eingesetzt wurden. Wissenschaftler des Mainzer Museums für Antike Schifffahrt gehen davon aus, dass römische Kriegsschiffe in Friedenszeiten auch Güter transportiert haben und entsprechend umgerüstet wurden.

CB-Ziegelstempel aus Britannien (Bardown, Beauport Park, Bodiam und Cranbrook) standen entweder direkt oder indirekt im Zusammenhang mit der dortigen Eisenindustrie. Es wird daher angenommen, dass die Classis Britannica u. a. Transportaufgaben für die Eisenminen in der Gegend von Hastings und Battle übernahm und versandfertige Eisenbarren in einem oder mehreren Häfen an den Mündungen kleiner Flüsse verlud.Johnston 1977, S. 17 In Weald im Südosten Englands wurden in diesem Zusammenhang immer wieder Ziegelstempel der Classis Britannica an Orten gefunden, die mit der damaligen Eisenproduktion in enger Verbindung stehen.Henry Cleere: The Roman iron industry of the Weald and its connexions with the Classis Britannica. The Archaeological Journal, 131, 1974, S. 171–199. Die größte davon befindet sich in Beauport Park in der Nähe von Battle, East Sussex, wo mehr als 1000 dieser gestempelten Dachziegel verwendet wurden, um ein Badehaus zu überdachen, das auf dem Areal einer großen Eisenhütte stand.Gerald Brodribb, Henry Cleere: The Classis Britannica Bath-house at Beauport Park, East Sussex, Britannia, 19, 1988, S. 217–274. Andere Eisenproduktionsstätten, in denen CB-Stempel gefunden wurden, befinden sich in Bardown, in der Nähe von Wadhurst, Sussex,Henry Cleere: The Romano-British Industrial Site at Bardown, Wadhurst. Sussex Archaeological Society Occasional Paper 1, Chichester, 1970. und Little Farningham Farm, in der Nähe von Cranbrook, Kent.Neil Aldridge: Little Farningham Farm, Cranbrook, Revisited", Archaeologia Cantiana, 121, 2001, S. 135–156. Drei weitere Orte, an denen Ziegelstempel gefunden wurden, hatten in der Römerzeit noch Zugang zu schiffbarem Gewässern, bei zwei von ihnen, BodiamCharles Lemmon, H. Hill, J. Darrell: The Romano-British Site at Bodiam. Sussex Archaeological Collections. 104, 1966. S. 88–102. und Boreham Bridge in der Nähe von NinfieldK. Cornwell: A Roman site on Kitchenham Farm, Ashburnham - first interim report. HAARG Journal. New series 24, 2008., beide in Sussex, fand man die Reste von Eisenhütten. Die Implikation ist daher, dass die Classis Britannica nicht nur Eisen transportierte, sondern auch an seiner Produktion beteiligt war.

Schiffstypen mini|Römisches Kriegsschiff auf einem Mosaik (Tunesien) mini|Modell eines römischen Transportschiffs (oraria navis) für den Einsatz auf Flüssen und in küstennahen Gewässern (Musée de l’Arles et de la Provence antiques) Die Flotte setzte sich aus Kriegsschiffen (Ruderschiffen) und Transportern (Seglern) zusammen. Die Kriegsschiffe waren zumeist Biremen oder Liburnen (Zweireiher), mit einer Trireme (Dreiruderer) als Flaggschiff. Für eine größere Anzahl von Triremen bestand kein Bedarf, da es in diesen Gewässern keine gegnerischen Schiffe dieser Größe gab. Sie wären gegen die viel kleineren, schnellen und wendigen Ruderschiffe der örtlichen Piraten auch nutzlos gewesen. Die Biremen waren mit zwei abgedeckten Ruderbänken ausgestattet, mit einem Mann pro Ruder. Das Deck sollte sie hauptsächlich vor dem Wetter und starkem Seegang als vor dem Feind schützen. Die Schiffe waren ca. 30,5 m lang und 5,5 m breit. Zusätzlich verfügten sie noch über Rammsporne und Ballisten als Bewaffnung. Die Mannschaft bestand aus etwa 100 Ruderern und einer Abteilung Marinesoldaten. Ab der Spätantike wurde ein kleineres Kampfschiff für den Küstenschutz eingeführt, die Navis Lusoria. Darüber hinaus wurden Kutter, Ruderboote sowie eine Vielzahl von Handels- und Transportschiffen eingesetzt. Letztere wurden normalerweise nach romanisch-keltischer Tradition auf Kiel gelegt. Der Oceanus Britannicus war jedoch für seine tückischen Gewässer mit massiv auftretenden Gezeiten und Strömungen, oft gepaart mit heftigen Stürmen, berüchtigt. Der Kanal und die Nordsee sind zudem im Winter viel anfälliger für Starkwinde als die stürmischste Region des Mittelmeers. Im Mittelmeer sind die Gezeiten kaum wahrnehmbar, im Gegensatz zur britischen Küste, wo sie zweimal täglich zwischen 1,5 und 14 Meter steigen und fallen können. Die gallischen und britischen Werften mussten wegen dieser, wesentlich raueren Bedingungen daher spezielle Schiffe auf Kiel legen, die ihnen besser standhalten konnten. Sie wurden mit hochgezogenem Bug und Heck konstruiert, um sie so besser vor schweren Hochseebrechern zu schützen. Sie verfügten aber auch über flache Böden, die es ihnen ermöglichte, gefahrlos durch die Küstengewässer zu navigieren, in die seichten, tief eingeschnittenen Flussmündungen einzufahren und auch bei Ebbe auszulaufen.Laura McCormack: Gaul To Britannia, The Crossing of Oceanus Britannicus. Historic UK. (abgerufen am 3. Mai 2023).

An Schiffsnamen sind bekannt:

Ammillia Augusta Felix (?) Pacatrix Augusta (?) Radians (Trireme)

Flottenkommando, Offiziere und Mannschaften

Flottenoberbefehlshaber war ein vom Senat bestimmter Legat (legatus pro praetore) der sein Kommando ganz oder teilweise an einen Präfekten abgeben konnte. Der praefectus classis war dem Statthalter der jeweiligen Provinz verantwortlich. Er war aber wahrscheinlich der Autorität des britischen Legaten und nicht der des Legaten der Gallia Belgica unterstellt. Die Präfekten hatten vorher meist schon das Amt eines Procurators innegehabt. Einem Flottenpräfekten stand als Stabschef und Stellvertreter ein Unterpräfekt (subpraefectus) zur Seite. Unter diesen rangierte noch der praepositus classis, zu jeder Flotte gehörten meist zwei dieser Offiziere. Er übernahm manchmal auch selbstständige Kommandos. Die oben genannten Offiziere verfügten über ihren eigenen Stab mit deren Adjutanten.

Als Flottillenchef wurde im Bedarfsfall ein nauarchus princeps oder nauarchus archigybernes eingesetzt. Er entspricht in etwa dem Rang eines heutigen Konteradmirals. Im 3. Jahrhundert wurde der Rang des Flottentribunen eingeführt (tribunus classis). Er übernahm die Aufgaben des ersten Nauarchen. Später nannte man ihn auch tribunus liburnarum (= Tribun der Kriegsschiffe).

Befehlshaber:

Die Mannschaft (classiari/classici) unterteilte sich in zwei Gruppen, das nautische Personal und die Marineinfanterie. Eine Schiffsbesatzung bestand aus

den Offizieren (trierarchus = Kapitän), den Ruderern (remiges) und einer Zenturie Marinesoldaten (manipulares/milites liburnarii).