mini|Auszug aus dem Messbuch (alb. Meshari) von Gjon Buzuku, das älteste gedruckte albanische Buch (1555) Die albanische Literatur () umfasst die in albanischer Sprache verfassten Werke nicht nur aus Albanien selbst, sondern auch aus Kosovo, Nordmazedonien, Montenegro und Serbien. Auch die im eigenen Dialekt geschriebene Literatur der Arbëresh in Italien sowie das literarische Werk albanischer Diaspora- und Exilautoren gehören dazu.

Historischer Überblick Albanische Literatur im eigentlichen Sinn gibt es seit dem 19. Jahrhundert. Vorher haben nur einige wenige Autoren Texte auf Albanisch verfasst und publiziert. Das älteste gedruckte albanische Werk ist das Messbuch von Gjon Buzuku aus dem Jahr 1555. Der späte Beginn einer eigenständigen albanischen Literatur findet seine Parallelen bei den meisten anderen Balkanvölkern, die wie die Albaner mehrere Jahrhunderte unter der Herrschaft des Osmanischen Reiches standen. In diesem Staatswesen waren Arabisch und Osmanisch beziehungsweise Türkisch Verwaltungs- und Literatursprachen. Daneben hatten unter den Osmanen noch Griechisch und Persisch eine weitere Verbreitung als Schriftsprachen. Bei den mehrheitlich muslimischen Albanern war die Volkssprache auch im religiösen Bereich ohne Tradition. Die christlichen Minderheiten benutzten im Gottesdienst Griechisch bzw. Latein. In albanischer Sprache gab es nur eine mündliche Überlieferung von Märchen und Volkspoesie. Zu den bekanntesten Volkslegenden gehört Konstantin und Doruntina.

Die Entstehung der modernen albanischen Literatur ist eng verbunden mit den Bemühungen zur Schaffung einer einheitlichen albanischen Schriftsprache, die Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzten und Bestandteil der ersten Phase der albanischen Nationalbewegung Rilindja waren. Im Mittelpunkt der Rilindja standen zunächst kulturelle und literarische Belange. Auch in dieser Hinsicht verlief die Entwicklung bei den Albanern wie bei den anderen kleinen Völkern im Osten Europas, die noch unter der Herrschaft multinationaler Reiche standen.

Anfangs war die literarische Produktion in albanischer Sprache stark von den verschiedenen kulturellen Traditionen der Regionen geprägt, in denen die einzelnen Autoren lebten. Bis Ende des 19. Jahrhunderts spielten neben den Schriftstellern aus dem albanischen Siedlungsgebiet auf dem Balkan auch die schon seit langem in Italien ansässigen Arbëresh eine große Rolle. In Albanien selbst hebt sich die gegische Literatur des Nordens von der toskischen des Südens ab, und auch die religiösen Unterschiede (muslimisch oder christlich) waren noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts prägend. In der kommunistischen Zeit, als kaum Kontakte über die Grenzen möglich waren, bildeten sich zwischen dem literarischen Schaffen in Albanien und im Kosovo deutliche Unterschiede heraus, die auch die verschiedenen Lebensverhältnisse der Albaner in beiden Ländern widerspiegelten. In den vergangenen Jahren sind die Literaturszenen Albaniens und Kosovos sich aber sichtbar näher gekommen. Es gibt heute einen das gesamte albanische Sprachgebiet umfassenden Buchmarkt.

Die Geschichte der albanischen Literatur lässt sich in fünf Zeitabschnitte gliedern: die frühen Autoren vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, die Zeit der Nationalbewegung im 19. Jahrhundert, von der Unabhängigkeit 1912 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1944, die Zeit des Kommunismus 1944–1990, und die zeitgenössische Literatur seit 1990.

Die frühen Autoren Am Anfang der albanischen Literaturgeschichte steht der Historiker Marin Barleti († 1513) aus Shkodra. Er verfasste eine umfangreiche Biographie des Fürsten Skanderbeg (Historia de vita et gestis Scanderbegi Epirotarum principis, Rom 1510) in lateinischer Sprache. Wegen der Thematik und auch der in Gelehrtenkreisen überall verständlichen Sprache fand dieses Werk europaweit Leser. Es wurde bis ins 18. Jahrhundert immer wieder aufgelegt und in zahlreiche europäische Sprachen übersetzt.

Das erste Buch in albanischer Sprache war eine Teilübersetzung des katholischen Missale, die der bei Venedig lebende Kleriker Gjon Buzuku anfertigte und 1555 drucken ließ. Es dauerte rund vier Jahrzehnte bis zum Erscheinen der nächsten albanischen Druckschrift. 1592 veröffentlichte der auf Sizilien lebende orthodoxe Geistliche Lekë Matrënga († 1619) unter dem Titel E mbsuame e krështerë die Übersetzung eines kurzen lateinischen Katechismus. Dies ist das älteste Buch im toskischen Dialekt. Pjetër Budi († 1622), der Bischof von Sapa war, ließ 1621 seine Übersetzung des damals weit verbreiteten Katechismus von Robert Bellarmin drucken. Im Anhang veröffentlichte er eigene Verse mit religiöser Thematik. Budi verfasste auch einen Beichtspiegel, eine Handreichung zur katholischen Messe und übersetzte das Rituale Romanum. Schon der nächsten Generation gehört Andrea Bogdani († 1683) an, der katholischer Erzbischof von Skopje war. Er verfasste eine lateinisch-albanische Grammatik, die verloren gegangen ist, aber von seinem Neffen Pjetër Bogdani († 1689) bei seiner literarischen Tätigkeit benutzt worden ist. Der jüngere Bogdani war Bischof von Shkodra. Sein 1686 erschienenes Buch Cuneus Prophetarum, das biblische Themen behandelt, ist der mit Abstand bedeutendste Prosatext der frühen albanischen Literaturgeschichte. Das Buch erlebte bis 1702 noch zwei Nachauflagen.

Giulio Variboba († 1788) gehörte zu den Arbëresh, der seit dem 15. Jahrhundert in Italien ansässigen albanischen Minderheit. Er ließ 1761 sein Poem Ghiella e Shën Mëriis Virghiër (Das Leben der Jungfrau Maria) drucken. Dies war das einzige Buch, das im 18. Jahrhundert in der Sprache der Italo-Albaner gedruckt wurde. Nicola Chetta († 1803) war ein weiterer Autor der Arbëresh, der auch auf Albanisch schrieb. Der Leiter des griechischen Seminars in Palermo verfasste Verse mit religiöser Thematik auf Albanisch und Griechisch.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts traten auch islamische Autoren mit poetischen Werken in albanischer Sprache an die Öffentlichkeit. Nach Form und Inhalt standen ihre Schöpfungen in der Tradition der persischen Dichtkunst, die damals im Osmanischen Reich beliebt und angesehen war. Geschrieben wurde die so genannte Bejtexhinj-Literatur in arabischer Schrift. Namhafte Vertreter dieses Stils waren Nezim Frakulla, Sulejman Naibi und Hasan Zyko Kamberi.

Die Literatur der Rilindja im 19. Jahrhundert Im 19. Jahrhundert entwickelten sich bei den meisten Völkern Südosteuropas Nationalbewegungen, an deren Anfang stets ein kultureller Aufbruch stand. Kleine Gruppen gebildeter Männer begannen sich für die traditionelle Kultur ihres Volkes zu interessieren und sammelten deren Zeugnisse. Sie schufen eine moderne Schriftsprache, und mehr oder weniger gleichzeitig entstanden die ersten Werke der jeweiligen Nationalliteraturen. Beeinflusst wurden die erste Generation der nationalen Aktivisten dabei von west- bzw. mitteleuropäischen kulturellen und politischen Vorbildern, denn dort war die Nation als gesellschaftliches Ordnungsprinzip des Bürgertums entstanden und hatte sich in vielen Ländern auch schon durchgesetzt.

Selbst für südosteuropäische Verhältnisse zeigten sich die ersten Ansätze einer Nationalbewegung bei den Albanern erst spät, denn die kulturellen und gesellschaftlichen Verhältnisse dafür waren denkbar ungünstig. Während die Griechen, Serben und Bulgaren religiös einheitlich waren und ihre orthodoxen Nationalkirchen während der langen osmanischen Fremdherrschaft die kulturelle Identität dieser Völker bewahren und pflegen konnten, waren die Albaner konfessionell gespalten. Die muslimischen Eliten begriffen sich als Teil der osmanischen Oberschicht, die Orthodoxen wurden von griechischen Priestern geführt und den Katholiken standen ihre Glaubensgenossen in Italien oder im Habsburgerreich oft näher, als ihre muslimischen Nachbarn. Dazu kam, dass das politische System des Osmanischen Reiches den orthodoxen Kirchen gewisse Autonomierechte gewährte. So konnten sie beispielsweise Bücher in ihren Sprachen drucken lassen und Schulen betreiben. Erst im Zuge der Tanzimat-Reformen erhielten auch die Katholiken diese Möglichkeiten. Für eigenständige kulturelle Regungen der kleinen muslimischen Völker (Bosnier und Albaner) hatte die Regierung aber kein Verständnis. So wurde die Publikation albanischsprachiger Bücher noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts immer wieder verboten, und auch muttersprachlichen Schulunterricht durfte es für die Muslime auf dem Balkan nicht geben. Dies sind die Gründe für die langsame Entwicklung der albanischen Literatur in jener Zeit.

Die Existenzkrise des Osmanischen Reiches wurde für die albanischen Eliten im Zusammenhang mit dem Russisch-Türkischen Krieg 1877–1878 und den Bestimmungen des Vertrags von San Stefano offenbar. Nun war auch das albanische Siedlungsgebiet von den Zerfallserscheinungen des Reiches betroffen. Darauf musste eine politische Antwort gefunden werden. Die von den Albanern gegründete Liga von Prizren forderte deshalb ein autonomes albanisches Vilâyet innerhalb des Reiches, in dem auch die albanische Sprache anerkannt sein sollte. In diesem politischen Umfeld waren eine Reihe von Autoren tätig, die heute zu den Klassikern der albanischen Literatur zählen. Sie arbeiteten an der Schaffung einer einheitlichen Schriftsprache, gründeten die ersten Zeitungen, publizierten Gedichte, schrieben die ersten Schulbücher und gründeten die ersten kulturellen Vereine ihres Volkes. Dabei überwanden sie mit der Zeit auch die konfessionellen Grenzen. Die kulturelle Aufbruchsphase in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird in der albanischen Geschichtsschreibung als Rilindja (dt. Wiedergeburt) bezeichnet. mini|Von Pashko Vasa stammt das berühmte Poem O moj Shqypni („Oh Albanien“). Die Biographien einiger bedeutender Autoren der Rilindja weisen bedeutsame Gemeinsamkeiten auf: Sie waren im osmanischen Staatsdienst tätig, lebten längere Zeit in der Reichshauptstadt Istanbul und sie engagierten sich politisch und publizistisch für die albanische Sache. Dies gilt z. B. für die beiden Frashëri-Brüder Naim und Sami ebenso wie für Pashko Vasa und Kostandin Kristoforidhi. Allen gemeinsam ist auch eine große patriotische Begeisterung und eine daraus resultierende unkritische Sicht auf die tatsächliche kulturelle Situation des albanischen Volkes in jener Zeit.

Kristoforidhi (1827–1895) veröffentlichte 1857 ein Memorandum für die albanische Sprache, in dem er die Notwendigkeit einer einheitlichen Schriftsprache begründete und damit die Initialzündung für die diesbezüglichen Bemühungen in den folgenden Jahrzehnten gab. Literarisch machte sich der orthodoxe Christ als Bibelübersetzer einen Namen. Von ihm stammt die erste vollständige Übertragung des Neuen Testaments und der Psalmen ins Albanische. Kristoforidhi erarbeitete dabei sowohl eine Version im gegischen als auch eine im toskischen Dialekt, denen er somit den gleichen Rang für die Literaturproduktion verlieh. Seine eigenständigen Werke sind weniger literarischer denn sprachpraktischer und didaktischer Natur. 1867 war er der führende Kopf einer Kommission von Literaten, die das so genannte Stamboller Alphabet (eine leichte Adaption der Lateinschrift) als Standard für den Druck albanischer Bücher festlegte.