Die Jungtschechen (Mladočeši), auch Freisinnige Nationalpartei (Národní strana svobodomyslná) genannt, waren eine tschechische nationalliberale Partei in der k.u.k. Monarchie. Sie spaltete sich 1874 von der Národní strana (Nationalpartei, „Alttschechen“) ab. In den 1890er-Jahren hatte sie eine dominante Position in der tschechischen Politik. Ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts zerfiel sie dann in eine Vielzahl kleinerer Parteien und Gruppen.
Entstehung
Národní listy Ein erstes wichtiges Ereignis, das zur Entstehung der Jungtschechischen Partei beitrug, war die Gründung der Zeitung Národní listy am 1. Januar 1861. Deren geistigen Väter waren František Palacký und František Ladislav Rieger und sie verfolgte das Ziel, das nationale und politische Bewusstsein der Tschechen zu schärfen. Zum Redakteur dieser Zeitung wurde Julius Grégr, der seinerzeit noch als Sprachrohr Palackýs und Riegers galt, später jedoch ein führendes Mitglied der Jungtschechischen Partei sein sollte. Freilich kann man hierbei noch nicht von einem wirklichen ersten Auftreten der Jungtschechen sprechen, jedoch markiert das Erscheinen der Národní listy durchaus einen wichtigen Schritt auf dem Weg dahin. Denn in dieser Zeitung bündelten sich zum einen die Gedanken der nationalen Vordenker und sie diente somit auch immer wieder als Artikulationsorgan der Jungtschechen. Zum anderen trat mit Julius Grégr auch erstmals eine der Schlüsselfiguren für ihre Entstehung ins Licht der Öffentlichkeit.
So verwundert es nicht, dass 1863, als es zum Bruch zwischen Grégr und den führenden Alttschechen kam, Palacký und Rieger auch mit der Národní listy brachen und stattdessen eine spezifisch alttschechische Zeitung namens Národ ins Leben riefen. Auf diese Weise kam es schon vor der eigentlichen Entstehung der Jungtschechischen Partei zur Entstehung eines öffentlichen Sprachrohrs ihrer Politik. Der jungtschechische Teil innerhalb der Nationalpartei hatte somit bereits sein erstes eigenes Organ.
mini|František Ladislav Rieger mini|František Palacký
Verhältnis zu den Großgrundbesitzern und die Staatsrechtsfrage Der eigentliche Konflikt zwischen den verschiedenen Lagern innerhalb der Jungtschechen begann etwas später, noch im Jahre 1861. Denn damals ging die Nationalpartei ein Bündnis mit den adligen Großgrundbesitzern ein, um ihre Forderung nach dem böhmischen Staatsrecht besser durchsetzen zu können. Dieser politisch motivierte Schulterschluss widerstrebte den liberaleren Parteimitgliedern jedoch sehr. Zwar kam es zu diesem Zeitpunkt noch zu keinem wirklichen Riss, jedoch wurde das erste Mal eine deutliche Lagerbildung spürbar.
Das sollte sich jedoch 1863 ändern: Die beiden Lager entfernten sich immer weiter voneinander und Differenzen wurden immer deutlicher spürbar. So prägte auch die Prager Morgenpost im Juli 1863 erstmals die Bezeichnung Alttschechen und Jungtschechen zur Kennzeichnung dieser beiden Gruppierungen. Einen gewissen Bruch hatte es aber bereits im März gegeben, als sich die liberaler gesinnten Landtagsabgeordneten geweigert hatten, neuen Privilegien für Adel und Großgrundbesitzer zuzustimmen. Es wurde unter anderem ein Gesetz zu Fall gebracht, das diesen gewisse Selbstverwaltungsrechte garantieren sollte. Im April 1864 wurde das Gesetz von František Ladislav Rieger und Jindřich Jaroslav Graf Clam-Martinic erneut in abgeschwächter Form eingebracht und dieses Mal trotz erneuten Widerstands beschlossen. Bereits 1863 hatten liberale wie Karel Sladkovský und Alois Pravoslav Trojan stattdessen eine Ausweitung des Wahlrechts gefordert, da die Großgrundbesitzer durch das bisherige 4-Klassen-System eindeutig überrepräsentiert waren, und sich damit in Opposition zu weiten Teilen ihrer Partei begeben. Auch was die Staatsrechtsfrage betraf, vertrat das jungtschechische Lager einen anderen Standpunkt: Zwar unterstützte man das Staatsrechtsprogramm von Palacký und Rieger. Jedoch sah man das Ziel nicht darin, das Staatsrecht als eine Gabe Habsburgs aufgrund historischen und natürlichen Rechts zu erhalten.
Auseinandersetzung in der Zentralisierungsfrage mini|Anton Ritter von Schmerling mini|Adolf Carl Daniel Fürst von Auersperg
Die wohl wichtigste Streitfrage tat sich aber in einem anderen Gebiet auf. Bereits im April 1861 war es zu innerparteilichen Streitigkeiten gekommen. Auslöser waren die Bemühungen von Staatsminister Anton Ritter von Schmerling und Ministerpräsident Adolf Carl Daniel von Auersperg die Regierungsgewalt des Reiches zu zentralisieren. Hierbei stimmte der linke Parteiflügel mit der Mehrheit des Landtags gegen Riegers Antrag, dieser Politik durch einen Boykott des Reichstages zu begegnen.
Ähnliches wiederholte sich am 21. März 1863, als Rieger vorschlug, dass der böhmische Landtag keine Abgeordneten entsenden sollte, um sieben verwaiste Sitze im Reichsrat zu besetzen. Er begründete seinen Vorschlag damit, dass eine Entsendung zu dem verkleinerten Reichstag ohne ungarische Abgeordnete, den Dualismus fördern und somit dem Bestreben nach böhmischem Staatsrecht entgegen stünde. Diese Aussage untermauerte er, indem er ein Schreiben der 63 tschechischen Abgeordneten verlas, welche seine Ansicht teilten. Als dieser Vorschlag aber mit deutlicher Mehrheit abgelehnt wurde, forderte Rieger die tschechischen Reichstagsabgeordneten auf, aus ebendiesem Grund die künftigen Sitzungen zu boykottieren. Dieser Vorschlag wurde von der Nationalpartei mit einer hauchdünnen Mehrheit auch verabschiedet. Dieses Vorgehen war dem passiven Widerstand der ungarischen Abgeordneten 1861 nachempfunden. Jedoch war es nicht sonderlich erfolgreich, da Ministerpräsident Schmerling nach Verstreichen eines Ultimatums die Mandate der Boykottierenden einfach für nichtig erklärte und Neuwahlen für das kommende Jahr ausrief.
Wie das knappe Ergebnis der Abstimmung zeigt, hatte sich die Nationalpartei zu diesem Zeitpunkt bereits in zwei große Lager aufgespaltet. Die Uneinigkeit über das Vorgehen in diesem speziellen Fall vertiefte die Spaltung nur noch.
Endgültiger Bruch mit der alttschechischen Fraktion Am 31. März 1867 schlug František Ladislav Rieger erneut vor, keine Abgeordneten in den böhmischen Landtag zu entsenden, um gegen die Wahl der Ersten Kurie im Februar zu demonstrieren. Dieser Vorschlag wurde von den jungtschechischen Vertretern um die Gebrüder Grégr und Karel Sladkovský kategorisch abgelehnt. Allerdings war zu dieser Zeit die Parteidisziplin noch groß genug, dass die überstimmten Jungtschechen gemeinsam mit den anderen Abgeordneten ihrer Partei am 13. April eine Protestnote unterzeichneten und darauf aus dem Landtag abzogen. Auch stimmten sie am 22. August des Jahres 1868 der Staatsrechtserklärung und einem weiteren Boykott, der bis zum 30. August 1870 dauern sollte, zu. Jedoch war immer deutlicher zu spüren, dass die Jungtschechen eigentlich eine aktivere und liberalere Politik wünschten. Ab Mai 1868 begannen die Jungtschechen schließlich die sogenannten tábory zu organisieren. Dabei handelte es sich um große unter freiem Himmel abgehaltene Demonstrationen, welche die Obrigkeit dazu bewegen sollten, das Staatsrechtsprogramm und die Forderung nach allgemeinem Männerwahlrecht zu unterstützen. Diese tábory erfreuten sich eines regen Zulaufs, was der jungtschechischen Bewegung einiges an Auftrieb gab. Die großen Massen, die sich hinter ihre Politik stellten, bestärkten ihre Meinung, dass eine Partei, die im Parlament eine aktive patriotische und liberale Politik betrieb, die Unterstützung der meisten Tschechen gewinnen könnte.
Das dadurch gewonnene Selbstvertrauen beschleunigte den Prozess der Abspaltung, welche faktisch am 15. September 1874 geschah, als die sieben jungtschechischen Abgeordneten um Alois Pravoslav Trojan und Edvard Grégr im Landtag erschienen, obwohl die Nationalpartei abermals einen Boykott ausgerufen hatte. Mit diesem Vorgehen folgten sie nur ihrer Meinung, dass Riegers Politik des passiven Widerstandes zu keinem konstruktiven Ergebnis führen könne. Außerdem machten sie die praktisch schon vollzogene Spaltung der Národní strana offenbar, auch wenn sie noch nicht formal stattgefunden hatte.
Doch ließ nun auch dieser letzte Schritt nicht mehr lange auf sich warten. Die offizielle Gründung der Národní strana svobodomyslná erfolgte nur wenige Monate später, am 27. Dezember 1874.
Aufbau und Anliegen der Jungtschechischen Partei
mini|Gedenktafel für Havlíček in Sedmihorky
Selbstbild Die Jungtschechen sahen sich in der Tradition des Journalisten Karel Havlíček, der als patriotischer Märtyrer galt. Dieser war der „politische Erwecker“ der Tschechen, da er die Möglichkeiten der Presse und der repräsentativen Institutionen für das Erreichen der nationalen Autonomie einsetzte. Er stand dabei sowohl der Habsburger Monarchie als auch der autoritären Regierung in Russland sehr kritisch gegenüber und befürwortete daher eine auf gegenseitiger Hilfe beruhende Selbstständigkeit der slawischen Völker. Mit dieser Ansicht war er natürlich der österreichischen Obrigkeit ein Dorn im Auge und so schickte man den unliebsamen Geist ins Exil nach Brixen, wo er an der Schwindsucht erkrankte und dieser auch kurz darauf erlag.
Es gab einige gewichtige Gründe, die dafür sprachen, ausgerechnet Havlíček zum Leitbild der neugegründeten Partei zu küren: Zum einen wurde er von Tschechen aus allen gesellschaftlichen Schichten aufs höchste geschätzt und man hatte somit einen Mentor, der sich mit Palacký, dem „Urvater“ der Alttschechen, messen konnte. Zum anderen hatte er bereits etliche der wichtigsten Ziele der jungtschechischen Politik in seinem berühmten Stil formuliert und begründet. Darüber hinaus stand Havlíček in dieser Zeit der strengen staatlichen Pressezensur für freie und ehrliche Meinungsäußerung und stellte somit ein Idol für die jungtschechischen Journalisten dar.
Programm Das Programm der Jungtschechischen Partei wurde auf dem ersten Parteitag am 27. Dezember 1874 beschlossen und auf dem dritten Parteitag am 14. September 1879 nochmals ergänzt. Dieses Programm bildete fortan die Grundlage für alle zukünftigen Partei- und Wahlprogramme. Der erste Teil dieses Programms beschäftigte sich mit den langfristigen Zielen, wie der Aufklärung des tschechischen Volkes und der Verankerung demokratischer Institutionen in ihrer Gesellschaft. Der zweite Teil hingegen fasste noch einmal die Kritik am passiven Widerstand der Alttschechen zusammen und erklärte eine engere Kooperation der slawischen Völker zum Ziel.
Wirklich programmatisch ist jedoch der dritte Absatz. Denn dieser fordert einen autonomen tschechischen Staat innerhalb Österreich-Ungarns. Des Weiteren forderte das Programm, im Gegensatz zu dem der Alttschechen, das allgemeine Wahlrecht für den Landtag. Darüber hinaus verlangte es auch nach einer eigenen tschechischen Universität in Böhmen und einigen Verbesserungen im Schulsystem sowie eine Unterstützung des technischen Fortschritts und der wirtschaftlichen Entwicklung.
Insgesamt gesehen gab sich die Jungtschechische Partei also ein Programm, das sich deutlich von dem der Alttschechen abheben sollte. Zwar verfolgte man ähnliche Ziele, was das Staatsrecht betraf, jedoch gab es auch etliche Unterschiede, welche im Programm betont wurden. Man wollte sich deutlich von der alten Partei abheben und als Partei des Fortschritts präsentieren. Aus diesem Grund fügte man in allen Bereichen, vom Wahlrecht bis zur Wirtschaftspolitik, äußerst progressive Ziele in das Programm ein. Dennoch bestanden große Übereinstimmungen mit den Anliegen der Alttschechen, so dass man sagen kann, dass der größte Unterschied zwischen den beiden Parteien in der Frage der Methoden zur Durchsetzung des Programms bestand und weniger in seinen Inhalten.
Zusammensetzung der Partei