Der ewige Jude ist ein antisemitischer nationalsozialistischer Propagandafilm und gilt als aggressivster Vertreter dieser Art.So das Urteil von Bernward Dörner in Der Holocaust – Die Endlösung der Judenfrage. In Wolfgang Benz (Hrsg.): Vorurteil und Genozid: Ideologische Prämissen des Völkermords. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2010, S. 97, FN. 56. Der Film kam nach dem ersten Kriegsjahr des Zweiten Weltkriegs Ende November 1940 in die deutschen Kinos. Er wurde unter der Regie von Fritz Hippler gedreht und von der Reichspropagandaleitung der NSDAP herausgebracht. Hitler und Goebbels nahmen starken Einfluss auf seine Form und seinen Inhalt. Mit diesem Film sollte die deutsche Öffentlichkeit auf die geplante „Endlösung der Judenfrage“ eingestimmt werden.

Dem als Kompilationsfilm im Stile eines Dokumentarfilms produzierten Werk ging voraus der ebenfalls antisemitisch motivierte Spielfilm Jud Süß von Veit Harlan. Dieser sollte Ressentiments gegen die Juden als vorgeblich schädliche „Rasse“ beim Publikum wecken, die durch Der ewige Jude mit scheinbar dokumentarischem Charakter untermauert werden sollten.

Der ewige Jude gehört mit Jud Süß und Die Rothschilds zu den drei 1940 in Deutschland uraufgeführten Filmen, die Juden nicht mehr – wie bis dahin gemäß nationalsozialistischer Filmpolitik üblich – als komische Figuren, sondern gefährliche „Untermenschen“ darstellen.Erwin Leiser: „Deutschland, erwache!“ Propaganda im Film des Dritten Reiches. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1968, S. 68.

Inhalt Der Titelvorspann weist den Film als „Filmbeitrag zum Problem des Weltjudentums“ aus. Bereits der erste Satz des Filmes im Zwischentitel, der sich des antisemitischen Klischees von der jüdischen Mimikry bedient, führt in seine gesamte Thematik und Intention ein:

„Die zivilisierten Juden, welche wir aus Deutschland kennen, geben uns nur ein unvollkommenes Bild ihrer rassischen Eigenart. Dieser Film zeigt Originalaufnahmen aus den polnischen Ghettos, er zeigt uns Juden, wie sie in Wirklichkeit aussehen, bevor sie sich hinter der Maske des zivilisierten Europäers verstecken.“Zitiert bei Erwin Leiser: „Deutschland, erwache!“ Propaganda im Film des Dritten Reiches. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1968, S. 73.

Der Film lässt sich grob in vier Themengebiete unterteilen: Aufnahmen aus nationalsozialistischen Ghettos auf ehemals polnischem Gebiet (z. B. Ghetto Litzmannstadt) Aufzählung und Beurteilung zahlreicher politischer, kultureller und gesellschaftlicher Größen der internationalen Bühne mit jüdischer Herkunft Religiöse Zeremonien, Religionsunterricht, Gottesdienst, Schächtung Reichstagsrede Adolf Hitlers, paradierende SA-Männer

Der Film besteht aus einer Aneinanderreihung von Szenen, in denen Juden als sozial niedrigstehendes, kulturloses, parasitisches Volk dargestellt werden. Die Bilder stammen weitestgehend aus nationalsozialistischen Ghettos auf polnischem Gebiet (seit 1939 unter deutscher Besatzung), die als „Pestherd… der die Gesundheit der arischen Völker bedroht“, dargestellt werden; bewusst ausgewählt wurden Personen, die ärmlich gekleidet, teilweise zahnlos und verschmutzt in die Kamera grinsen. Die gezeigten Örtlichkeiten sind dreckig und von Insekten befallen. Die bildlich dargestellte Wanderung der Juden aus Osteuropa wird mit der Wanderung von Ratten verglichen, jüdische Menschen damit zu vernichtendem Ungeziefer gleichgestellt (Auszug aus Originalvertonung):

Von den Juden im als verschmutzt und ärmlich gezeigten Ghetto behauptet der Film, diese seien nicht wirklich arm, sondern:

„durch jahrzehntelangen Handel haben sie genügend Geld angehäuft, um sich und ihrer Familie ein sauberes und behagliches Heim schaffen zu können. Aber sie wohnen Generationen hindurch in denselben schmutzigen und verwanzten Wohnlöchern.“Zitiert bei Erwin Leiser: „Deutschland, erwache!“ Propaganda im Film des Dritten Reiches. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1968, S. 75.

Für Inflation und Arbeitslosigkeit in Deutschland werden im Film Juden verantwortlich gemacht. Sie hätten sich in alle Berufszweige eingeschlichen und sich durch Wucher, Gaunereien und Verbrechen am deutschen Vermögen schadlos gehalten (Auszug aus der Originalvertonung):

Der Wissenschaftler und Physik-Nobelpreisträger Albert Einstein wird als „Relativitätsjude, der seinen Deutschenhass hinter einer obskuren Pseudowissenschaft versteckt“, bezeichnet. In weiteren Filmausschnitten werden Curt Bois, Charles Chaplin (der gar kein Jude war), Leo Kestenberg, Fritz Kortner, Peter Lorre, Ernst Lubitsch, Kurt Tucholsky und Rosa Luxemburg als Repräsentanten des „internationalen Judentums“ vorgeführt.

In einer weiteren Szene wird das Schächten einer Kuh durch Juden in allen Details gezeigt. Diese Szene wurde aus einer für Frauen und Kinder gedachten Fassung herausgeschnitten. (Auszug aus Originalvertonung):

Es folgt eine Szene vom 30. Januar 1939 im Reichstag, Adolf Hitler verkündet dort die Worte, die den Judenmord androhen und somit den Holocaust einleiten:

Mit Bildern von jubelnden Deutschen und marschierenden Soldaten endet der Film.

Bewertung Der ewige Jude behauptet auf zynische Weise, die erniedrigenden und unmenschlichen Lebensumstände in den Ghettos seien von den Juden selbst gewollt. Dass die Insassen der von den deutschen Besatzern Polens eingerichteten Ghettos in Wirklichkeit Opfer der brutalen antisemitischen Besatzungspolitik waren, wird dem Betrachter verschwiegen.Erwin Leiser: „Deutschland, erwache!“ Propaganda im Film des Dritten Reiches. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1968, S. 76.

Ein angeblich normales und selbstbestimmtes jüdisches Leben im Ghetto konstruierte später auch der ebenfalls im Stil eines Dokumentarfilms produzierte deutsche Propagandafilm Theresienstadt (1945). Da er sich an ein internationales Publikum richten sollte, zeichnete er aber ein positives Bild des Ghettolebens.

Kompilationsmaterial Noch während des Überfalls auf Polen nahmen Filmteams des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda, technisch und logistisch unterstützt von Propagandakompanien der Wehrmacht, Aufnahmen von jüdischen Gemeinden in den von Deutschland besetzten Gebieten auf. Eine entsprechende Anweisung des Reichsministeriums zur Assistierung von Hippler und seinen Kameramännern erging am 7. Oktober 1939 an das Armeeoberkommando 8 und nannte als Einsatzorte Warschau, Łódź und Krakau.Daniel Uziel: Wehrmacht Propaganda Troops and the Jews. (PDF; 199 kB) Shoah Resource Center, The International School for Holocaust Studies, S. 7f; (englische Übersetzung des hebräischen Originals in Yad Vashem Studies (29), Jerusalem, 2001, S. 27–65).

Neben eigens für den Film gedrehten Szenen enthält Der ewige Jude u. a. Material aus der Ufa-Tonwoche und Leni Riefenstahls Triumph des Willens (1935), allerdings auch Szenen aus dem amerikanischen Film Die Rothschilds (1934) von Alfred L. Werker sowie aus dem zionistischen Film Land der Verheißung (1934) von Juda Leman.

Text und Musik Sprecher des Films ist Harry Giese, der auch als Stimme der Deutschen Wochenschau (1940–1945) bekannt ist.

In ausländischen Fassungen (es wurden eine englische, eine französische sowie zwei niederländische Versionen produziert In: cine-holocaust.de) wurde der Text des Drehbuchs von Eberhard Taubert gestrichen; man fürchtete, der für das deutsche Publikum bestimmte demagogische Ton könnte anderenfalls die Glaubwürdigkeit der „Dokumentation“ gefährden. Dadurch gewann die Musik an Bedeutung, die „einen schwülstigen, orientalischen Charakter“ hatte, sobald Juden gezeigt wurden; Bilder „nordischer Menschen“ hingegen waren mit Bachs Toccata und Fuge in d-Moll untermalt.Erwin Leiser: „Deutschland, erwache!“ Propaganda im Film des Dritten Reiches. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1968, S. 73.

Zeitgenössische Rezeption Am 11. Oktober 1940 war die Produktion abgeschlossen und Goebbels notierte in seinem Tagebuch:

Tatsächlich hielt Goebbels Der ewige Jude, Jud Süß und Die Rothschilds für so wichtig, dass er besondere Anweisungen für die Presse herausgab.Erwin Leiser: „Deutschland, erwache!“ Propaganda im Film des Dritten Reiches. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1968, S. 68.

Der Film wurde am 29. November 1940 im Ufa-Palast am Zoo in Berlin uraufgeführt.Wolfgang Benz: . Böhlau Verlag, 2010. Er wurde in zwei unterschiedlichen Schnittfassungen gezeigt, wobei in der vollständigen die Szenen mit den Tierschächtungen enthalten waren. Die Vorstellungen der ungeschnittenen Fassung durften von Frauen und Jugendlichen nicht besucht werden. Die Pressebesprechungen waren positiv, formulierten auch jeweils Erleichterung nach Filmende:

Und:

Der ewige Jude erhielt die Prädikate „staatspolitisch wertvoll“ und „künstlerisch wertvoll“. Darüber hinaus bekam die um die Schächtungsszene gekürzte und von der Zensur als jugendfrei herausgegebene Fassung auch das Prädikat „jugendwert“.Erwin Leiser: „Deutschland, erwache!“ Propaganda im Film des Dritten Reiches. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1968, S. 148.

Eine Meldung aus dem Reich des Sicherheitsdienstes (SD) vom 20. Januar 1941 stellte fest,Zitiert nach Bundesarchiv Koblenz – R 58/157, S. 7–9 bei Erwin Leiser: „Deutschland, erwache!“ Propaganda im Film des Dritten Reiches. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1968, S. 137f. dass der Film „[a]uf Grund der ausführlichen Vorankündigungen in Presse und Rundfunk […] aus allen Teilen des Reiches von der Bevölkerung mit großer Spannung erwartet worden“ sei. „Nach zahlreich vorliegenden Meldungen“ habe der Film „diesen hochgespannten Erwartungen durchaus entsprochen“ und

Der Film war kein kommerzieller Erfolg, obwohl er in vielen Kinos lief, z. B. nach der Uraufführung in 66 Lichtspielhäusern allein in Berlin.

Auch in den von Deutschland besetzten Gebieten wurde der Film gezeigt. Im besetzten Frankreich war die Uraufführung des Filmes, dessen französische Fassung im Dezember 1941 freigegeben worden war, Anfang Juli 1942 Teil einer umfassenden antisemitischen Kampagne der deutschen Besatzungsmacht; kurz zuvor war der „Judenstern“ eingeführt worden, und die ersten Deportationen in die Vernichtungslager im Osten hatten eingesetzt.Daniel Uziel: Wehrmacht Propaganda Troops and the Jews. (PDF; 199 kB) Shoah Resource Center, The International School for Holocaust Studies, S. 15. (englische Übersetzung des hebräischen Originals in Yad Vashem Studies (29), Jerusalem, 2001, S. 27–65). In Antwerpen kam es am 14. April 1941 nach einer Vorführung des Films zu einem Pogrom: 200 bis 400 mit Stöcken und Eisenstangen Bewaffnete (Mitglieder der Volksverwering, der VNV-Miliz „Schwarze Brigade“ und der flämischen SS) verwüsteten und plünderten Häuser im jüdischen Viertel Antwerpens und steckten zwei Synagogen in Brand.Tanja von Fransecky: Flucht von Juden aus Deportationszügen in Frankreich, Belgien und den Niederlanden. Metropol Verlag, 2014, ISBN 978-3-86331-168-1, S. 191 (basierend auf Lieven Saerens: Vreemdelingen in een wereldstad: een geschiedenis van Antwerpen en zijn joodse bevolking (1880–1944), Lannoo Verlag 2000).

Zum Teil wurden Kinobetreiber zum Vorführen des Films verpflichtet. Im Wesentlichen wurde er von Parteianhängern gesehen und in NS-Organisationen wie zum Beispiel der Hitlerjugend vorgeführt. Gleichwohl wurde in der Bevölkerung wegen seiner drastischen Szenen über den Film gesprochen; von weiten Teilen der Bevölkerung wurde zumindest wahrgenommen, dass es einen solchen Film gab.

Situation in der Bundesrepublik Deutschland Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Film auf die Liste der unter alliierter Militärzensur verbotenen deutschen Filme aufgenommen. Diese Liste hatte mit der Unterzeichnung der Pariser Verträge ihre Wirkung verloren. Anders als beispielsweise Jud Süß ist Der ewige Jude kein Vorbehaltsfilm, da er nicht in den Bestand der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung aufgenommen wurde. Trotz seines antisemitischen Charakters wurde der Film bislang in Deutschland weder indiziert noch beschlagnahmt.

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