mini|Aureus des Titus mini|Münzportrait des Trajan mini|Abzeichnung einer Münze des Constans mit der Namensnennung Bononia-oceanen[sis] (4. Jahrhundert), Avers: Büste, Kopf nach links, Umschrift CONSTANS P F AVG; Revers: BONONOIA OCEANEN(sis), Constans steht in Feldherrenrüstung auf einer von Wogen umspülten Galeere, bewaffnet mit Schild und Lanze, die sich gegen einen im Wasser schwimmenden Menschen richtet, der sich an der Bordwand festhält, links ein Gebäude (symbolisch für den Hafen) und ein Leuchtturm, rechts die Siegesgöttin Victoria als Galionsfigur.Thomas Schmidts: Schiffsdarstellungen auf Münzen der Römischen Kaiserzeit. In Byzanz zwischen Orient und Okzident. Nr. 5, Mainz 2017. Gesoriacum (später Bononia) war eine römische Hafenstadt am Ärmelkanal. Sie befand sich auf dem Stadtgebiet des heutigen Boulogne-sur-Mer im Département Pas-de-Calais, Region Hauts-de-France in Frankreich.

Die Mündung der Liane war 55 v. Chr. und 43 n. Chr. Ausgangspunkt zweier großangelegter römischer Landungsunternehmen auf der britischen Insel. Die anschließend dort gegründete Flottenbasis avancierte im späten 1. Jahrhundert n. Chr. zu einem Knotenpunkt des Waren- und Personenverkehrs mit Britannien, dem Mittelmeerraum und der Rheinregion. Seine strategisch günstige Position ermöglichte es den Römern, den Schiffsverkehr nach Britannien zu kontrollieren bzw. auch zu unterbinden. Das Kastell in der heutigen Oberstadt fungierte als Hauptquartier der größten Provinzflotte des römischen Imperiums. Nach seiner Zerstörung im 3. Jahrhundert wandelte es sich zur Festungsstadt Bononia. Für vier Jahrhunderte bündelten sich dort die wichtigsten Land- und Seewege, die Britannien mit den übrigen Provinzen des Römischen Reiches verbanden. Der Abzug Roms von der britischen Insel im frühen 5. Jahrhundert und der Zerfall des Weströmischen Reiches markierten auch das Ende der römisch geprägten Stadt. Der Hafen behielt aber seine ursprüngliche Funktion bis ins Hochmittelalter bei.Lottin 2014.

Name Der Ort könnte auch mit dem bei Caesar genannten Portus Itius (Ikt-ios = Hafen (der Morini) am Kanal/Mare Iktios) identisch sein, er scheint aber nach seinen Britannienkampagnen nicht mehr in den antiken Quellen auf. Nur in der Geographica des Claudius Ptolemäus wird Itium unmittelbar vor Gesoriacum genannt. Der Name Gesoriacum (griech. Γησοριακόν) wird bei Florus (Bellorum Romanorum libri duo) zitiert, der sich auf die Jahre 12 bis 9 v. Chr. bezieht. Leider ist dieser für die lokale Geschichte so wichtige Text in seiner Genauigkeit umstritten und man kann nicht beweisen, dass sein Autor, der ihn im zweiten Jahrhundert verfasste, hierfür die Ortsbezeichnung des ersten Jahrhunderts verwendete. Florus scheint auch der erste Chronist gewesen zu sein, der den Namen Gesoriacum überlieferte. Der Name Bononia (griech. Βονωνία) stand vielleicht ursprünglich für ein keltisches Oppidum, er wird erstmals in einem Brief des Tiberius erwähnt (ILS 9463), der diesen 4 n. Chr. an den Senat und die Bevölkerung der Stadt Aizanoi in Phrygien während seines Feldzuges in Germanien verfasste. Es wäre möglich, dass die beiden Namen Gesoriacum und Bononia ab dem ersten Jahrhundert unserer Zeit gleichzeitig verwendet wurden und vielleicht zwei verschiedene Ortsteile der römischen Stadt bezeichneten. Nach dieser Theorie war demnach Gesoriacum die Unter- und Bononia die Oberstadt.

Der Ursprung beider Namen stammt mit ziemlicher Sicherheit aus dem keltischen.

Gesoriacum dürfte aus zwei Elementen zusammengesetzt sein. Das erste stammt vom gallo-keltischen Gaesum, die Römer bezeichneten damit einen schweren Wurfspeer, das zweite ist unbekannt. Die Gallier meinten damit wahrscheinlich auch einen Geländesporn oder eine Anhöhe, was gut zum Kastellplateau passen würde, bzw., dass die Hafenstadt nach ihren topographischen Merkmalen benannt wurde.

Bononia oder Bolonia, leitet sich wahrscheinlich von Bona (= „Gründung, Stadt“) ab. Der Begriff ist auch mit dem gälischen bun verwandt, er bedeutet vermutlich „Fundament, Basis oder Fuß eines Berges“ und hat auch ein walisisches Äquivalent. Er kommt in den von Kelten besiedelten Gebieten relativ oft vor und bezeichnet auch Ebenen am Fuße von Tälern oder Höhenzügen.

Kurz nach der Rückeroberung der Stadt durch Constantius Chlorus verschwindet der Name Gesoriacum aus den Quellen, um, vielleicht aus politischen Gründen, Bononia Platz zu machen. Ein Panegyricus feiert den 293 in Gesoriacum errungenen Sieg über die Truppen des Carausius und lässt so auch eine ungefähre Datierung des Namenswechsels zu. 297 bezeichnete Constantius’ Rhetor die Stadt noch unter ihrem alten Namen (Kap. 6 und 14). Im Jahr 310 nannte sie der Rhetor, der mit der Verkündigung der Laudatio von Constantius betraut war, schon Bononia (VII, Kap. 5). Zwischen beiden Reden lagen nur dreizehn Jahre, es war wahrscheinlich zur selben Zeit, als auch der Pagus Gesoriacus zur selbstverwalteten Stadt, der Civitas Bononiensum, aufstieg. Sie wird auch in der Notitia Galliarum unter den Städten der Provinz Belgica II angegeben. Die Legende am Revers einer Münze des Constans aus dem Jahr 343 nennt die Stadt Bononia-oceanen[sis]. Auch alle nachfolgenden Texte verwenden den Begriff Bononia, darunter einer der Becher von Vicarello (Becher 4).Florus, epitome 2,30, Bourdellès 1988, S. 77–82, Lebègue/Chaurand 1994, S. 53.

Lage mini|Bononia auf der Tabula Peutingeriana (großes B) mini|Steinbank mit der Aufschrift BONONIA / COLONIA auf dem Romeinsebaan bei Maastricht, einst Teil der Via Belgica von Boulogne-sur-Mer nach Köln Das heutige Boulogne-sur-Mer liegt in der Region Picardie in Nordfrankreich, Côte d’Opale, an der Mündung der Liane in den Ärmelkanal. Laut Plinius dem Älteren dort, „...wo die Reise am kürzesten ist, um die Insel Albion zu erreichen...“. Das in den Gallischen Kriegen erwähnte Portus Itius befand sich vielleicht ebenfalls an der Flussmündung, die zu dieser Zeit noch viel breiter und tiefer war. Sie war vor allem durch die Klippen von Châtillon und Outreau vor Sturmfluten gut geschützt, die sich damals noch weiter zum Meer erstreckten, zudem waren sie durch eine nach Westen ausgerichtete Schlucht voneinander getrennt. Camille Jullian vermutete den von Julius Caesar in seinem Werk Über den Gallischen Krieg erwähnten Hafen im Bereich der heutigen Unterstadt von Boulogne-sur-Mer. Eine andere Hypothese ist, dass die Einschiffung seiner Truppen auch an einem Strand stattgefunden haben könnte, der 20 km nördlich von Boulogne, beim heutigen Wissant lag, aber heute längst verlandet ist. Die Nordseeküste (Mare Frisicum) hat sich über die Jahrhunderte in diesem Sektor stark verändert. Das betrifft auch die antiken Hafenstandorte. Guy Licoppe wiederum stützte sich auf die Forschungen von Albert Grisart, der Portus Itius am Cap Blanc-Nez vermutete. Mangels archäologischer Beweise wird der tatsächliche Standort des cäsarischen Portus immer noch kontrovers diskutiert.Plinius der Ältere, Naturalis historia 4,30.

Gesoriacum zählte zum Territorium der römischen Provinz Gallia Belgica, sein Areal erstreckte sich über den heutigen Bezirk Capécure und die Klippe von Outreau bis auf das Oberstadtplateau. Die Bucht bot zudem ausreichend Liegeplätze für einen größeren Flottenverband. Der Geograph Claudius Ptolemäus erwähnt im zweiten Jahrhundert ein Kap Ition, welches wahrscheinlich mit der Halbinsel Outreau gleichzusetzen ist. In Gesoriacum endeten auch einige bedeutende Römerstraßen.

Eine verband die Hafenstadt mit Castellum Menapiorum (Cassel), der Civitas der Menapier. Die Route (Iter) durch Gravinum bleibt hypothetisch. Zwei Fernstraßen führten von Rom über Mediolanum (Mailand), die Civitas Remorum (Reims) und Samarobriva (Amiens) nach Gesoriacum. Die Via Belgica, die strategisch wichtigste Verkehrsachse Nordgalliens, führte von Gesoriacum nach Tarvenna (Thérouanne), Atrebatum (Arras), der Provinz Raetien, Aduatuca Tungrorum (Tongres) und der Colonia Claudia Ara Agrippinensium (Köln). Sie verband die Rheingrenze, an der damals die kampfkräftigsten Legionen Roms stationiert waren, direkt mit der Kanalküste. Weiters ist aus den Schriften des Geographen Strabon bekannt, dass Marcus Vipsanius Agrippa während der Regierungszeit des Kaisers Augustus 20/19 v. Chr. eine von Lugdunum (Lyon) über Durocortorum (Reims), Augusta Suessionum (Soissons), Noviomagus (Noyon) und Amiens nach Gesoriacum führende Straße errichten ließ. Sie verband Südgallien mit der nordfranzösischen Küste.

Die Zusammenführung so vieler wichtiger römischer Straßen der Provinz Gallia Belgica in Gesoriacum zeugt von der Absicht Roms, den gesamten Landverkehr Nordgalliens auf diesen Hafen und damit auch den Seehandel dort zu konzentrieren.Florus 2, 30, 26; Bellum Gallicum 5, 5, Lottin 2014, S. 17–44, Licoppe 2009, S. 61, vgl. Strabon, Geographika 4, 6, 11, S. 208; dazu

Forschungsgeschichte Die Oberstadt war zumindest ab flavianischer Zeit besiedelt. Dies wird durch die jüngste Entdeckung einer Reihe von Wasserbecken und durch Fundbeschreibungen aus dem 19. Jahrhundert bestätigt. Einige der römischen Gebäudereste unter der Basilique Notre Dame dürften zu einem repräsentativen Gebäude gehört haben. Die bei den – örtlich sehr begrenzten – Ausgrabungen des 19. Jahrhunderts erbrachten Befunde lassen annehmen, dass die Stadt durch einen Großbrand zerstört wurde. Wann genau diese Katastrophe stattfand, konnte nicht eruiert werden. Den Datierungshinweis lieferte jedoch eine Grabungskampagne in Bréquerecque, die zwischen 1823 und 1828 vorgenommen wurde. Im südlichen Teil des Grabungsareals, welches nach einem Brandereignis aufgegeben wurde, um später Platz für eine Nekropole zu machen, wurde nur eine Münze aus der Zeit der Kaiser des Imperium Galliarium geborgen, im Gegensatz zu einer Fülle von Münzen aus der Zeit des Postumus (260–268) und Tetricus I. (271–274), die in der Oberstadt gefunden wurden. Gesoriacum/Bononia blieb also nicht von den Einfällen der Barbaren im 3. Jahrhundert verschont und lässt vermuten, dass die Unterstadt damals fast völlig verlassen war. Von 1823 bis in die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts gruben die Archäologen Haigneré, Hamy und Sauvage vor allem im Vorort Bréquerecque und im Gräberfeld von Vieil-Atre. Bei Forschungsarbeiten im Jahr 1967 wurden die ersten Überreste des Flottenlagers lokalisiert (Ausgrabungen unter Seillier, Gosselin und dem Cercle archéologique de la Côte d’Opale). 1990 wurde ein kommunaler archäologischer Dienst ins Leben gerufen, der seither immer wieder Ausgrabungen im Bereich des alten Hafens und der Oberstadt vornimmt. Ausgrabungen an der Notre-Dame-Basilika lieferten u. a. neue Hinweise auf die Existenz des ersten Flottenlagers in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. Zweihundert Jahre archäologischer Forschung haben es auch ermöglicht, das Aussehen des römischen Hafens im 2. und 3. Jahrhundert annähernd zu rekonstruieren. Die archäologischen Funde befinden sich im Stadtmuseum von Boulogne.Lottin 2014, S. 17–44.

Entwicklung mini|Zenturio in der Ausrüstung des späten 1. Jahrhunderts mini|Ansicht von Boulougne im Jahr 1634, im Hintergrund der Tour d'Ordre mini|Mittelalterliche Porte des Degrés in der Oberstadt, sie steht mutmaßlich über den Resten der Porta Praetoria (Südtor) mini|Mittelalterliche Porte Neuve (früher Porte Calais) in der Oberstadt, sie steht mutmaßlich über den Resten der Porta Decumana (Nordtor) mini|Mittelalterliche Porte des Dunes in der Oberstadt, sie steht mutmaßlich über den Resten der Porta Principalis Dextra (Westtor) mini|Mittelalterliche Porte Gayolle in der Oberstadt, sie steht mutmaßlich über den Resten der Porta Principalis Sinistra (Osttor)