mini|rahmenlos Enrico Berlinguer (IPA ) (* 25. Mai 1922 in Sassari, Sardinien; † 11. Juni 1984 in Padua) war ein italienischer Politiker. Er war von 1972 bis 1984 Generalsekretär der Kommunistischen Partei Italiens (Partito Comunista Italiano – PCI) und ein führender Vertreter des transnationalen Kommunismus, insbesondere des Eurokommunismus.
Herkunft und Aufstieg zum Generalsekretär Berlinguer wurde als Sohn von Maria Loriga und Mario Berlinguer in Sassari geboren. Sein Vater entstammte einer katholischen sardischen Adelsfamilie und war als Rechtsanwalt tätig, zunächst Mitglied in der Partito Repubblicano Italiano, später sozialistischer Senator.
Er war der Cousin von Luigi Berlinguer, der ebenfalls im PCI aktiv war, sowie von Francesco Cossiga, der als führender italienischer Christdemokrat später Präsident der Italienischen Republik wurde. Zu Berlinguers Verwandtschaft zählte außerdem auch Antonio Segni, ein weiterer führender Christdemokrat und Staatspräsident. Enricos Großvater Enrico Berlinguer senior war der Gründer von La Nuova Sardegna, einer wichtigen sardischen Zeitung, sowie ein persönlicher Freund Giuseppe Garibaldis und Giuseppe Mazzinis, denen er bei der parlamentarischen Arbeit gegen die Armut auf Sardinien half.
1937 nahm Berlinguer seine ersten Kontakte zu sardischen Antifaschisten auf. 1941 schrieb er sich nach seinem Schulabschluss zum Jurastudium an der Universität Sassari ein, beendete dieses aber kriegsbedingt ohne Abschluss. 1943 trat er dem PCI bei, wurde schnell Sekretär der Sektion Sassari und nahm am antifaschistischen Widerstandskampf teil. Im Folgejahr entlud sich in seiner Heimatstadt Sassari ein Aufstand, an dem er beteiligt war und deshalb eingesperrt, schon nach 3 Monaten aber wieder freigelassen wurde.
Unmittelbar nach seiner Haftentlassung brachte ihn sein Vater nach Salerno, der Stadt, in die sich die italienische Königsfamilie und die Regierung vor den Auseinandersetzungen zwischen Alliierten und Deutschen in Italien geflüchtet hatten. In Salerno stellte ihn Mario Berlinguer seinem Schulfreund Palmiro Togliatti vor, dem wichtigsten Repräsentanten der Kommunistischen Partei Italiens.
Togliatti sandte Enrico Berlinguer zurück nach Sardinien, wo er sich auf seine politische Zukunft vorbereiten sollte. Ende 1944 schlug Togliatti ihn zum nationalen Sekretär des Italienischen Kommunistischen Jugendverbandes FGCI vor. Nach seinem Umzug nach Mailand wurde er 1945 als jüngstes Mitglied in das Zentralkomitee seiner Partei gewählt. Von 1949 bis 1956 war er Generalsekretär des FGCI und von 1950 bis 1953 zudem Präsident des Weltbundes der Demokratischen Jugend, der internationalen marxistischen Jugendorganisation.
1946 stieg Togliatti zum Generalsekretär des PCI auf und rief Berlinguer an seine Seite nach Rom, wo er nach und nach in eine nationale Führungsrolle hineinwuchs.
Enrico Berlinguer war seit 1957 mit Letizia Laurenti, einer praktizierenden Katholikin, verheiratet, mit der er vier Kinder hatte: Bianca Maria (* 1959), Maria Stella (* 1961), Marco (* 1963) und Laura (* 1970). Tochter Bianca Maria arbeitete als Moderatorin der Nachrichtensendung TG 3 im staatlichen Fernsehsender Radiotelevisione Italiana (RAI).
1957 wurde Berlinguer Direktor der Zentralhochschule des PCI. Er leistete den bis dahin für die Verwendung in höherer Kaderfunktion nötigen, obligatorischen Aufenthalt in der Sowjetunion ab, einschließlich einer politischen Schulung. 1959 stieg er zum Vollmitglied des Parteivorstandes auf und war Hauptverantwortlicher für die Organisation. Von 1962 bis 1966 war er Mitglied des Sekretariats und wurde 1963 ins Politbüro gewählt. Seit 1968 war er Mitglied des italienischen Parlaments. 1969 wurde er auf dem Parteitag in Bologna zum Stellvertretenden Generalsekretär seiner Partei gewählt (der Generalsekretär war inzwischen Luigi Longo), und auf dem 13. Parteitag stieg er 1972 zum Generalsekretär des PCI auf.
Berlinguer verstarb am 11. Juni 1984 an den Folgen eines am 7. Juni 1984 erlittenen Schlaganfalls.Kommunist mit neuen Ideen, abgerufen am 19. Dezember 2015 In einem Nachruf charakterisierte das Nachrichtenmagazin Der Spiegel ihn als „aristokratischen Kommunisten“, dessen Auftreten, „höflich, bescheiden, schüchtern zuweilen“, den Italienern „die Askese der Macht“ vorgelebt habe und der durch seine persönliche Integrität auch über kommunistische Kreise hinweg Anerkennung gefunden habe.Enrico Berlinguer Der Spiegel, 17. Juni 1984, abgerufen am 7. April 2022
Togliattis „Wende von Salerno“ Der PCI war von Palmiro Togliatti im März 1944 nach seiner Rückkehr aus dem sowjetischen Exil als „Partei neuen Typs“ wiedergegründet worden – mit dem Ziel, sich von einer Kader- zu einer Massenpartei zu entwickeln. In Italien ermöglichte seine sogenannte „Wende von Salerno“ – Togliattis Eintritt in die bürgerliche Regierung von Ivanoe Bonomi – einen entscheidenden Beitrag der Resistenza zum Sieg über den Faschismus. Von 1944 bis 1945 bekleidete er dabei die Funktion des stellvertretenden Ministerpräsidenten und von 1945 bis 1946 die des Justizministers unter Alcide De Gasperi. Er strebte eine Volksfront mit der Sozialistischen Partei (PSI) an, um auf parlamentarischem Weg Staat und Gesellschaft zu revolutionieren. Dabei suchte er auch die Zusammenarbeit mit bürgerlichen Kräften, um soziale Ziele durchsetzen zu können. So entwickelte er 1956 die Idee des Polyzentrismus im Kommunismus, der „Einheit in der Vielfalt“ als politische Praxis.
Der PCI begann, die von der UdSSR gegenüber den USA betriebene Koexistenz selbst zu praktizieren. Schließlich wurde diese Koexistenz auch in der italienischen Innenpolitik umgesetzt: In den 1970er-Jahren öffnete Berlinguer die Partei für Beziehungen zur Industrie und, allgemein gesprochen, zu den konservativen Kräften der Gesellschaft. Er erklärte öffentlich, dass der PCI mit Interesse ein neues wirtschaftliches Entwicklungsmodell beobachte, ein Konzept, das Teil der Programmatik von Industriellen und Unternehmern war. Zu diesem Konzept gehörte vor allem die Ansiedlung von Großindustrie im Mezzogiorno, dem wirtschaftlich unterentwickelten und armen Süden Italiens, wie z. B. der Bau eines Italsider-Stahlwerks in Bagnoli, einem Viertel Neapels, sowie der Bau des Autowerks „Alfasud“ von Alfa Romeo. Italsider errichtete außerdem ein Stahlwerk bei Tarent, und Fiat plante ein Werk in Kalabrien.
Protagonist des Eurokommunismus mini|Berlinguer mit dem spanischen Kommunistenführer Santiago Carrillo im Jahr 1976. Berlinguer war bereits seit 1964 – insbesondere seit dem Moskauer Kongress der Kommunistischen Parteien von 1969 – weit über Italien hinaus als Vertreter einer Strömung innerhalb des PCI bekannt, die einen autonomen Kurs ihrer Partei gegenüber der KPdSU suchte. Die von Berlinguer angeführte italienische Delegation in Moskau stimmte 1969 der offiziellen Linie nicht zu und weigerte sich, das Schlussdokument mit zu beschließen. Berlinguer hielt unter den wichtigsten kommunistischen Kadern eine der aufsehenerregendsten Reden, die jemals in der Sowjetunion gehalten wurde. Darin lehnte er es ab, die chinesischen Kommunisten zu „exkommunizieren“, und verdeutlichte gegenüber Leonid Breschnew, dass die „Tragödie von Prag“ – die Invasion des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei – die Unterschiedlichkeit der Konzepte über fundamentale Themen wie nationale Souveränität, sozialistische Demokratie und die Freiheit der Kultur in der internationalen kommunistischen Bewegung klar zutage gefördert habe.
In den 1970er-Jahren wurde Berlinguer vor allem als Protagonist des von einigen westeuropäischen KPs (derer Italiens, Frankreichs und Spaniens, der Linkspartei Schwedens u. a.) propagierten, sogenannten Eurokommunismus bekannt, den auch die australische und die japanische KP aufgriffen. Kerngedanke war die Überwindung des beschränkten sozialen und politischen Einflusses der kommunistischen Parteien als gesellschaftlicher Minderheit durch die Teilnahme an der parlamentarischen Demokratie und den aus ihr hervorgehenden Regierungen. Diese reformistische Ideologie schloss eine Regierungszusammenarbeit mit bürgerlichen und sozialdemokratischen Parteien ein. Dafür verlangten die bürgerlichen Parteien die Aufgabe grundsätzlicher marxistischer und leninistischer Positionen, wie z. B. des Konzepts einer „Diktatur des Proletariats“.
Während Spaniens PCE unter Santiago Carrillo kaum über Deklarationen hinauskam und die PCF bald auf Distanz ging, wurde der Eurokommunismus in Italien unter Berlinguer fast ein Jahrzehnt lang zur beherrschenden Strömung im PCI.
An der Schwelle zu den 1970er-Jahren war Berlinguer bei den „revolutionären Massenunruhen“ – den Streiks für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen unter den Arbeitern in der Industriemetropole Turin, der Zentrale des FIAT-Konzerns – selber vor Ort dabei. Die Erfolge trugen zum wachsenden Masseneinfluss des PCI bei und begründeten sein hohes Ansehen an der Basis.
Einflüsse aus Jugoslawien und der Tschechoslowakei Die Wurzeln des Eurokommunismus lassen sich bis zum Ausgang des Zweiten Weltkrieges zurückverfolgen. 1948 erklärte Tito unter dem Eindruck der sowjetischen Bevormundung und wirtschaftlichen Erpressung für Jugoslawien einen eigenen Weg zum Sozialismus, der mit einer Wirtschaftsblockade beantwortet, aber dennoch von Tito weiter verfolgt wurde. Die Politik der KPdSU, die seit Chruschtschow die Möglichkeit der Koexistenz von Kommunismus und Kapitalismus propagierte, führte zum Konflikt mit der Kommunistischen Partei Chinas (Mao forderte viel radikalere Positionen und ein sofortiges Anstreben der kommunistischen Weltrevolution) und zu Fehlentwicklungen in den sozialistischen Staaten Osteuropas. Berlinguer griff als vom Parteisekretariat mit internationalen Aufgaben Betrauter in die Auseinandersetzungen zwischen KPdSU und KPCh differenziert ein. 1968 verurteilte Berlinguer die Intervention des Warschauer Paktes in der Tschechoslowakei. Es begann ein Spaltungsprozess innerhalb der internationalen kommunistischen Bewegung, der zu einer Isolation der KPdSU gegenüber ihren westlichen Pendants führte. Dies ebnete langfristig Michail Gorbatschow den Weg an die Macht, da dieser das Ziel verfolgte, die kommunistische Gesellschaft der Sowjetunion gegenüber dem Ausland wieder zu öffnen und sich auf sozialdemokratische Positionen hin neu zu orientieren.
NATO – Schutzschild für Sozialismus? 1974 reiste Berlinguer nach Belgrad, um Jugoslawiens Präsidenten Tito zu treffen und weiter Kontakte zu anderen wichtigen Kommunistischen Parteien in Europa, Asien und Afrika aufzunehmen. In Moskau bestätigte Berlinguer 1976 erneut die autonome Position des PCI gegenüber der KPdSU. Vor 5.000 Delegierten sprach er von einem pluralistischen System (vom Übersetzer als vielgestaltig übersetzt) und beschrieb die Absicht des PCI, einen Sozialismus aufzubauen, der, wie wir glauben, nur in Italien notwendig und möglich ist. Als Berlinguer schließlich die Verurteilung jedweder Art von Intervention als Standpunkt des PCI erklärte, war der Bruch mit Moskau perfekt. Die sowjetische Führung vertrat die Ansicht, Italien leide bereits unter der „Intervention“ der NATO und daher sei die einzige Intervention, die ein italienischer Kommunist nicht erleiden könne, die sowjetische. In einem Interview mit der italienischen Tageszeitung Corriere della Sera erklärte Berlinguer daraufhin, er fühle sich unter dem Schirm der NATO sicherer. Eine weitere Moskauer Rede, mit der Berlinguer wenige Monate später bei den Sowjets Argwohn erregte, wurde in der Prawda nur in einer zensierten Version veröffentlicht.