mini|350px|Saint-Amand-de-Coly, Dorf und Abtei Die heutige romanische Pfarrkirche Saint-Amand befindet sich in der gleichnamigen kleinen französischen Gemeinde Saint-Amand-de-Coly in der Region Nouvelle-Aquitaine im Département Dordogne, circa 22 km nördlich von Sarlat-la-Canéda und circa 55 km östlich von Périgueux. Sie wird noch fast vollständig umschlossen von der Wehrmauer der ehemals bedeutenden Abtei Saint-Amand-de-Coly und ist bekannt für ihre wehrhafte Architektur.

Geschichtliches zur Abtei und Kirche mini|350px|Saint-Amand-de-Coly, Grundriss mini|hochkant|Saint-Amand-de-Coly, Abteikirche von Westen mini|hochkant|Saint-Amand-de-Coly, Portalturm von Westen

Die Anfänge, Legenden und erste Dokumente Nach dem legendären Chronisten Selon aus dem 9. Jahrhundert kam in der Mitte des 6. Jahrhunderts, zur Zeit des Merowingerkönigs Chlothar I. ein junger Adliger namens Amand, aus dem nahen Limousin, und schloss sich zwei Gleichgesinnten namens Sore, einem Arverner (aus der Auvergne), und Cyprien an. Gemeinsam träumten sie von einem Leben in Gemeinschaft von Klosterbrüdern. Nach langer Zeit unter den Sklaven der merowingischen Villa von Genouillac, auch Terrasson genannt, diskutierten sie immer wieder ihre Wünsche für die Zukunft und beschlossen, sich zu trennen und das einsame Leben von Einsiedlern zu führen.

Amand fand für sein künftiges Leben eine Höhlenunterkunft, nicht weit von Genouillac, einem Ort, der später Saint-Amand de Coly genannt wird. Er brachte die Worte des Evangeliums einer in Knechtschaft lebenden Bevölkerung, die ihn als einen Heiligen verehrten. Amand starb gegen Ende des sechsten Jahrhunderts.

Nach dem oben genannten Chronisten Selon heißt es an anderer Stelle: „Saint-Amand gebürtig von Meyze, in der Nähe von Saint-Yrieix, ruht in dem Dorf des Périgord, das seinen Namen trägt“.

So entstand in Saint-Amand, wie bei vielen anderen Pilgerstätten, aus der Verehrung der Höhlenwohnstätte eines Einsiedlers und dem Grab eines Heiligen der Beginn eines Klosters und der zugehörigen Siedlung.

Die erste Klostergemeinschaft und Vorläufer vom späteren Saint-Amand hieß zunächst Saint-Sore, das sich von Terrasson ableitete. Im 7. und 8. Jahrhundert bildeten sich, mit der Erstarkung der christlichen Kirche, die Pfarreien und Diözesen in städtischen und ländlichen Gemeinden, fast immer unter der Regie von klösterlichen Gemeinschaften. Auch die Mönche von Saint-Sore haben zur Schaffung einer großen Zahl von Kirchen und Prioraten in der Region beigetragen, die dann in ihrer Abhängigkeit blieben.

Im 9. Jahrhundert überzogen die Kriege von Aquitanien und die Überfälle der Normannen das Land mit Terror und Zerstörung. Das Kloster von Saint-Sore wurde im Jahr 857 von dänischen Horden, die aus den Tälern der Vésère heraufzogen, vernichtet. Die verbliebenen Gemeinschaften der Mönche erkauften sich den oft zweifelhaften Schutz des lokalen Adels und vegetierten mit äußerst geringen Einkünften am Rande der Existenz. Überliefert sind diesbezüglich die Raubzüge des Grafen des Périgord.

Das 10. Jahrhundert ist geprägt von der „Rückeroberung“, einem Trend zur Reform und Rückbesinnung zu monastischen Disziplinen in den Klöstern. Der große Abt Odo von Cluny konnte offensichtlich im Jahr 937 den mächtigen Grafen des Périgord bewegen, Teile der geraubten Güter dem Kloster von Genuouillac (Saint-Sore) zurückzugeben. Dabei hat ihm vermutlich der damals verbreitete Glaube geholfen, dass zur Jahrtausendwende das Ende der Welt bevorstehen sollte.

Gegen Ende des 11. und zu Beginn des 12. Jahrhunderts setzte sich für das Kloster der Name Saint-Amand-de-Coly durch, und die Mönchsgemeinschaft stand vor der Entscheidung, eine cluniazensisch geprägte Benediktinerabtei zu werden oder sich den neuen Kanoniker-Regeln des Heiligen Augustinus anzuschließen. Das Kloster wurde damals ein Augustiner Chorherrenstift.

Das erste bekannte historische Dokument über die Existenz eines Klosters in Saint-Amand im Coly ist in das Jahr 1048 datiert. In diesem Jahr ist dort ein Mönch aus dem Kloster des katalanischen Ripoll unterwegs und besucht die Kirchen und Klöster der Region, um den Gläubigen das „Lob von Oliba“ vorzutragen, einem ehemaligen Abt von Ripoll und Bischof von Vic. Jeder seiner Schritte und Einzelheiten der Zeremonien wurden festgehalten und auf einer Pergamentrolle, dem rotulus, notiert. Auf ihr sind auch die verschiedenen Orte aufgeführt, an denen sich der Mönch aufgehalten hat, unter anderem: „Saint-Amand genannt Genouillac“.

Die Bauarbeiten mini|hochkant|Saint-Amand-de-Coly, Hauptportal Über den genauen Zeitpunkt der Gründung der Abteikirche und deren Frühzeit ist nichts bekannt. Ihre Baudaten lassen sich nur angenähert rekonstruieren. In der linken Seitenwand der nördlichen Querhauskapelle ist ein Mauerstein in Farbe des umgebenden Mauerwerks mit einer lateinischen Grabinschrift versehen worden. Im Text erwähnt ist der hier bestattete Abt Wilhelm, der als Erbauer der Kirche gilt. Sein Todestag ist nach den Quellen zwischen 1125 und 1150 zu datieren. Es wird angenommen, dass zur Zeit seiner Beisetzung zumindest der Chor und das ganze Querhaus fertiggestellt sein mussten. Daraus wiederum folgen die Vermutungen, dass mit den Bauarbeiten der Abteikirche Anfang des 12. Jahrhunderts begonnen wurde und das gesamte Bauwerk Anfang des 13. Jahrhunderts fertiggestellt war.

Es wurde in nachstehender Reihenfolge errichtet: Nördlicher Querschiffarm und dessen Kapelle, der Chor, südlicher Querschiffarm und dessen Kapelle, der gewaltige Glocken-Portalturm und die Basen der Langhauswände. Deren Erhöhung und die darin befindlichen Fenster fielen in die gotische Bauperiode, wie auch das große Fenster über dem Portal und die Einwölbung des Chors.

Vor Beginn der Bauarbeiten an der Kirche werden schon Teile der Abteigebäude des Augustiner Chorherrenstiftes und dessen Vorgängern errichtet und von der Mönchsgemeinschaft genutzt worden sein. Parallel zu den Arbeiten an der Abteikirche entwickelte sich dann auch die Veränderung und Erweiterung der Abteigebäude, beginnend mit dem Kreuzgang im Winkel zwischen Schiff und südlichem Querhausarm und dann weiter in südlicher Richtung. An den Wandoberflächen der Kirche sind Konturen der Anschlussbauten zu erkennen.

mini|hochkant|Saint-Amand-de-Coly, Portalturm Nische, überwölbt Die Blütezeit der Abtei ist für das 12., 13. bis ins 14. Jahrhundert reichend anzunehmen. Etliche Dokumente aus der Zeit belegen bedeutenden Landbesitz im späten 12. Jahrhundert, der dem Kloster Wohlstand und Ansehen bescherte. Im Laufe der Jahre waren im Zuständigkeitsbereich von Saint-Amand immerhin neunzehn Kirchen und Priorate entstanden und ihm unterstellt. In der Mitte des 13. Jahrhunderts reichte die Anzahl der Chorherren nicht mehr aus, um die vielen Außenposten mit Gottesdiensten zu versorgen. Auf Anforderung des Abtes in Rom, wurden 1263 von Papst Urban IV. der Abtei vier neue Geistliche zugeteilt.

Die Zeit des Wohlstandes war keineswegs eine ruhige. Die Abtei musste sich mehrfach zur Abwendung größerer Schäden, infolge von Überfällen durch Feudalherrschaften, unter den Schutz des Königs von Frankreich und dessen Seneschall stellen.

Im Oktober 1304 wurde die Abtei vom Heiligen Stuhl in Avignon dem Erzbischof von Bordeaux, Bertrand de Goth, dem späteren Papst Clemens V., unterstellt. Sein Nachfolger Johannes XXII. schuf das neue Bistum Sarlat, dem auch das Kloster Saint-Amand angeschlossen wurde.

1381 wurde in Saint-Amand mit dem Bau eines Krankenhauses für die Armen der Region begonnen. Nach einer Restaurierung im 18. Jahrhundert ist das Gebäude heute noch erhalten.

mini|hochkant|Saint-Amand-de-Coly, Verteidigungselemente am Portalturm, mit Wanddurchlässen Gegen Mitte des 14. Jahrhunderts, zu Beginn des Hundertjährigen Krieges, wurde das Bauwerk der Kirche von Saint-Amand militärisch aufgerüstet und zum Verteidigungsbollwerk umgebaut. Hierzu zählen vor allem das stufenförmige Hochführen der Giebelwände der Querhausarme und des Chors weit über die Dachflächen hinaus und die Ausstattung der oberen Ränder der Außenwände mit hölzernen Erkern auf Kragsteinen und darin angelegten Schießscharten. Ferner sind die inneren vertikalen und horizontalen Verteilungswege aus Treppen, Laufstegen auf Kragsteinen, Wanddurchlässen und weiteres zu nennen – alles Maßnahmen zur Bewegung und zum Schutz der sich hoch oben verschanzenden Verteidiger.

In dieser Zeit wird auch die große Wehrmauer um die gesamte Anlage der Abtei mit den eingebundenen Wehrtürmen und -toren entstanden oder verstärkt worden sein.

Die Schritte zum Untergang, Kriege, Epidemien und Missbrauch der Commende

1348 rottete die erste große Pestepidemie fast ein Drittel der Bevölkerung Frankreichs aus. Es kam zu Versorgungsengpässen und Hungersnöten.

Das Périgord steht im Hundertjährigen Krieg (1339–1453) im Mittelpunkt der Feindseligkeiten zwischen Frankreich und England, in dessen Verlauf Frankreich an den Rand seiner Existenz gedrängt wurde. Auch die Abtei Saint-Amand-de-Coly wurde nicht von den Wirren der Kriege verschont. Insbesondere ihre starken Verteidigungsanlagen machten sie für die Kriegsparteien zu einem begehrten Objekt ihrer Kampfhandlungen.

1449, gegen Ende der Kriege, stürzte die „Festung“ Saint-Amand zur Hälfte ein, die Klostergebäude waren fast vollständig zerstört und in den umfassenden Wehrmauern klafften große Lücken. Es verblieb nur noch ein Mönch. In den Ruinen des Kirchengebäudes konnten keine Gottesdienste mehr abgehalten werden.

mini|Saint-Amand-de-Coly, Südseite der Abteikirche Danach folgte eine lange Periode der Rückbesinnung und des Wiederaufbaus, zugleich aber auch die Zeit der von außen zugeteilten Äbte und der religiösen Dekadenz. Von 1449 bis 1504 unterstand die Abtei Saint-Amand den Äbten aus der Familie Bonald, die den teilweisen Wiederaufbau veranlassten. Im Konkordat von 1516 zwischen Franz I. und Papst Leo X. wurde dem König das Recht zur Wahl und Ernennung der Äbte eingeräumt. Die Bestellung der Äbte „im Ermessen der Krone“ führte häufig zu Missbrauch, indem fast ausschließlich Mitglieder der Königsfamilie zu Vorstehern der Abteien und Klöstern und deren Besitztümer wurden. Die Institution wurde sogar familiär weitervererbt, etwa von Onkel zu Neffe. Gegen 1514, unter Abt Kardinal Amanieu, wurden die heruntergewirtschafteten Abteigebäude aufgegeben.

mini|hochkant|Saint-Amand-de-Coly, Anschlüsse für Verteidigungserker, Südwand Bald nach Mitte des 16. Jahrhunderts begannen in den südwestlichen Provinzen Frankreichs die religiösen Auseinandersetzungen der großen Adelssippen, man spricht von den Religionskriegen zwischen Katholiken und den protestantischen Hugenotten. Auch jetzt blieb Saint-Amand nicht von den Kämpfen verschont. Im Jahr 1575 befahl Jean Cugnac, ein Kapitän der Hugenotten, seiner Kavallerie die Erstürmung und Plünderung der Abtei und ihrer Bücherei. Die städtische Miliz von Périgueux unter Seneschall von Bourdeille und die Männer um Henri von Noailles, die zur Hilfe der Abtei abkommandiert waren, hatten sich auf dem Gelände und in den Wehranlagen der Kirchenfestung verschanzt. Erst nach sechs Tagen Kanonade mussten die Verteidiger aufgeben. In die Giebelwand des nördlichen Querhausarms wurde durch Beschuss mit Kanonenkugeln eine große Bresche geschlagen, über die die Angreifer in die Kirche eindringen konnten. Die späteren Ausbesserungen sind heute noch zu erkennen. Es wird vermutet, dass zu dieser Zeit die Gebeine des Heiligen Amand verschwunden sind.

Ab 1525 gelangte die Abtei durch die missbräuchliche Bestellung der Äbte für 182 Jahre unter die Kontrolle der Familie Ferrières-Sauvebeuf. Die Äbte aus dieser Familie betrachteten die Abtei als Teil ihres Familienbesitzes, deren Einkünfte sie in andere ihrer Besitztümer investierten, beispielsweise in das Château de Sauvebeuf an der Vésère. Diese Misswirtschaft steuerte wesentlich zum materiellen und geistigen Verfall der Abtei zu Beginn des 18. Jahrhunderts bei.