mini|hochkant|Person mit Klinefelter-Syndrom
Das Klinefelter-Syndrom, auch Klinefelter-Reifenstein-Albright-Syndrom, biomedsearch.com; abgerufen am 26. August 2017. mit dem Karyotyp 47,XXY ist eine der häufigsten Formen angeborener Chromosomenanomalien beim männlichen Geschlecht und die häufigste Ursache von Hypogonadismus. Menschen mit diesem Syndrom besitzen, abweichend vom üblichen männlichen Karyotyp (46,XY), ein zusätzliches X-Chromosom in allen (47,XXY) oder einem Teil der Körperzellen (mos 47,XXY / 46,XY). zytogenetikforum.at Die Besonderheit wurde erstmals unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten im Jahr 1942 von den US-Amerikanern Harry F. Klinefelter, Fuller Albright und Edward Conrad Reifenstein (1908–1975)Dr. E. C. Reifenstein Jr. In: New York Times, 24. Juli 1975 (Nachruf); nytimes.comAnne P. Forbes, Frederic C. Bartter: Eward C. Reifenstein, Jr. In: Proceedings of the 1975 Laurentian Hormone Conference. Band 32. In: Hormone Research. 1976, S. xiii–xvii, doi:10.1016/b978-0-12-571132-6.50006-3. beschrieben.Harry F. Klinefelter Jr., Edward C. Reifenstein Jr., Fuller Albright Jr.: Syndrome characterized by gynecomastia, aspermatogenesis without a-Leydigism and increased excretion of follicle-stimulating hormone. In: The Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism, 1942, 2, Nr. 11, S. 615–624. doi:10.1210/jcem-2-11-615Harry F. Klinefelter Jr.: Klinefelter syndrome: historical background and development. In: Southern Medical Journal, 1986, Band 79, Nr. 9, S. 1089–1093; doi:10.1097/00007611-198609000-00012. Der zugrundeliegende Karyotyp wurde 1959 erstmals von der britischen Genetikerin Patricia A. Jacobs beschrieben.P. A. Jacobs, J. A. Strong: A case of human intersexuality having a possible XXY sex-determining mechanism. In: Nature, Januar 1959, Band 183, Nr. 4657, S. 302–303. PMID 13632697.
Ursache Die genetische Ursache wurde 1959 erkannt: Man wies eine Besonderheit in der Anzahl der Geschlechtschromosomen nach, bei der zusätzlich zum üblichen Chromosomensatz des Mannes (46,XY) mindestens ein weiteres X-Chromosom in allen (Karyotyp 47,XXY) oder einem Teil der Körperzellen vorliegt (Karyotyp 46,XY/47,XXY / = Mosaik-Form / bei 6 %). Der Grund für das Vorhandensein eines überzähligen X-Chromosoms liegt darin, dass es lange vor der Zeugung des betroffenen Jungen im Ovar der Mutter oder im Hoden des Vaters bei der Geschlechtszellenbildung während der Meiose zu einem zufälligen Nicht-Auseinanderweichen (Non-Disjunction) der Geschlechtschromosomen kam, so dass mehr als eines in die reifende Eizelle bzw. Spermienzelle gelangte.Klinefelter-Syndrom Genetik. Auf: klinefelter.de. Die Mosaik-Form entsteht durch Non-Disjunction der Geschlechtschromosomen während der mitotischen Teilung nach der Konzeption. Das überzählige X-Chromosom stammt in ungefähr der Hälfte der Fälle von der Mutter und in der anderen Hälfte vom Vater. Das mütterliche Alter ist der einzige evidenzbasierte Risikofaktor für das Klinefelter-Syndrom: Ab einem mütterlichen Alter von 40 Jahren ist die Wahrscheinlichkeit, ein Kind mit dem Klinefelter-Syndrom zu bekommen, viermal so hoch wie bei Frauen unter dem 24. Lebensjahr.
Eine andere Chromosomen-Abweichung bei Männern ist das XYY-Syndrom mit einem zusätzlichen Y-Chromosom (Karyotyp 47,XYY). Die entsprechende Erscheinung bei Frauen (Karyotyp 47,XXX) ist das Triple-X-Syndrom.
Häufigkeit Das klassische Klinefelter-Syndrom tritt bei etwa 1–2 von 1000 männlichen Neugeborenen auf.Anders Bojesen, Svend Juul, Claus Højbjerg Gravholt: Prenatal and postnatal prevalence of Klinefelter syndrome: a national registry study. In: The Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism. Band 88, Nr. 2, 2003, S. 622–626, doi:10.1210/jc.2002-021491.Jeannie Visootsak, Melissa Aylstock, John M. Graham Jr.: Klinefelter syndrome and its variants: an update and review for the primary pediatrician. In: Clinical pediatrics. Band 40, Nr. 12, 2001, S. 639–651, PMID 11771918. In Deutschland leben somit etwa 41.000–82.000 Jungen bzw. Männer mit dem Klinefelter-Syndrom. Schätzungen zufolge werden jedoch lediglich 25 % aller Personen mit dem Klinefelter-Syndrom zeitlebens diagnostiziert. Hochgradigere X-Chromosomenaneuploidien (z. B. 48,XXXY, 48,XXYY oder 49,XXYYY-Polysomien) werden oft als Varianten des Klinefelter-Syndroms bezeichnet, jedoch ist ihr Auftreten weitaus seltener (1:18.000–1:100.000 der männlichen Geburten). Diese Varianten verursachen ein im Vergleich zur klassischen 47,XXY-Form schwererwiegendes Erkrankungsbild.
Merkmale Die Chromosomenbesonderheit kann sich auf die kognitive (das Denken betreffende) und körperliche Entwicklung und Leistungsfähigkeit der Jungen und Männer mit dem Klinefelter-Syndrom auswirken, wobei nicht generell gesagt werden kann, welche Symptome sich in welcher Ausprägung bei einem Jungen bzw. Mann ausbilden. Manchmal sind auch nur wenige Symptome erkennbar. Generell handelt es sich um eine Hodenunterfunktion.
Kindheit Jungen mit dem Klinefelter-Syndrom sind bei der Geburt in der Regel alterstypisch entwickelt und unterscheiden sich äußerlich nicht von anderen Kindern. Gelegentlich kann jedoch ein Hodenhochstand oder eine Hypospadie (Harnröhrenfehlmündung) auf ein Klinefelter-Syndrom hinweisen. Jedoch treten Hodenhochstand und Hypospadie auch bei Kindern auf, die kein Klinefelter-Syndrom haben. Zur Entwicklung von Jungen mit dem Klinefelter-Syndrom kann keine allgemein gültige Aussage gemacht werden. Während einige Jungen eine unauffällige Entwicklung haben (ein großer Teil der Betroffenen ist unerkannt), ist ein kleiner Teil der Betroffenen schon in der Schule beeinträchtigt (z. B. Konzentrationsprobleme, Lernprobleme, Lese-Rechtschreibschwäche). Die Jungen können ruhiger und passiver als andere Kleinkinder sein. Die Autonomiephase kann weniger stark ausgeprägt sein als bei ihren Geschwistern. Unspezifische Symptome wie Antriebsarmut, Kontaktarmut, geringes Selbstvertrauen, Stimmungsschwankungen bis hin zu Wutausbrüchen und sprachlichen Entwicklungsstörungen in Kombination mit schulischen Problemen können auftreten. Gegenwärtig ist nicht bekannt, warum diese Untergruppe entsprechende Probleme zeigt. Diskutiert werden beispielsweise die väterliche oder mütterliche Herkunft des überzähligen X-Chromosoms. Einige Jungen zeigen auch eine etwas verzögerte motorische Entwicklung: Sitzen, Krabbeln und Laufen werden etwas verspätet erlernt; eine gewisse Ungeschicklichkeit kann bei einigen Jungen mit Klinefelter-Syndrom auffallen. Weiterhin ist das Wachstum im Kindesalter etwas schneller als bei den Altersgenossen, und die Erwachsenengröße liegt im Durchschnitt etwas über dem Durchschnitt in der Normalbevölkerung. Nach aktuellem Kenntnisstand liegt die allgemeine Intelligenz der allermeisten Jungen bzw. Männer mit Klinefelter-Syndrom, wenn überhaupt, nur knapp unter dem Intelligenz-Niveau ihrer Geschwister. Relativ häufig ist jedoch eine Teilleistungsschwäche im sprachlichen Bereich (Verbal-IQ).
Pubertät und Erwachsenenalter Unbehandelt kann die Pubertät bei Jungen mit Klinefelter-Syndrom verzögert eintreten und mit mehr Schwierigkeiten verbunden sein als bei anderen gleichaltrigen Jungen. Schüchternheit, Unsicherheit, eine geringe Libido und eine verminderte Wahrnehmung der eigenen Männlichkeit können zu seelischen Problemen und Isolation führen. Während bei vielen Betroffenen die Testosteronproduktion bereits während der (dann unvollständig) ablaufenden Pubertät schwindet, so tritt ein regelrechter Testosteronmangel bei den meisten Betroffenen erst im dritten Lebensjahrzehnt ein. Hinweise für einen Testosteronmangel bereits in der Pubertät können z. B. ein ausbleibender Stimmbruch sein. Anomalien der Genitalien wie ein Mikropenis, ein Scrotum bifidum oder eine Hypospadie liegen bei Individuen mit dem Klinefelter-Syndrom zwar häufiger als in der Allgemeinbevölkerung vor, jedoch liegt die diesbezügliche Prävalenz eher im niedrigen Bereich. Die Hoden sind in der Regel relativ klein (ca. Größe einer Glasmurmel). Auch nach der Pubertät erhöht sich das Hodenvolumen nicht. Durch den Testosteronmangel schließen sich die Wachstumsfugen der Knochen nicht rechtzeitig, sodass bei Betroffenen häufig eine überdurchschnittliche Körperhöhe mit vergleichsweise langen Beinen auftreten kann. Der fehlende oder geringe Bartwuchs kann auffallen; auch die Körperbehaarung ist in der Regel weniger ausgeprägt. Bei Personen mit dem Klinefelter-Syndrom besteht ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer Gynäkomastie. Die Muskulatur ist in der Regel schwächer ausgeprägt und es lagert sich vermehrt Fettgewebe im Hüftbereich ab.
Da der größte Teil des Testosterons in den Hoden gebildet wird, besteht bei Männern mit Klinefelter-Syndrom in der Regel ein Testosteronmangel. Testosteron ist das wichtigste männliche Sexualhormon, welches eine vielfältige Rolle spielt. Es ist wichtig bei der Spermienbildung, reguliert die Libido (sexuelle Appetenz oder Sexualtrieb), ist aber auch in ganz anderen Bereichen von Bedeutung, z. B. für Fettstoffwechsel, Gefäßfunktion, Psyche, Bildung der roten Blutkörperchen, Knochenstoffwechsel und Haarwachstum (insbesondere Bart, Brust- und Genitalbehaarung). Ein Testosteronmangel kann daher verschiedenste Symptome verursachen: sexuelle Störungen (Libidoverlust, Potenzstörungen), spärlicher Bartwuchs, verringerte Muskelmasse und -kraft, verändertes Fettverteilungsmuster, Gynäkomastie und Anämie. Diese Symptome können bei Personen mit dem Klinefelter-Syndrom jedoch sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Mit zunehmendem Alter der Betroffenen nimmt der Hypogonadismus tendenziell zu. Der Testosteronspiegel fällt im frühen Erwachsenenalter in den unteren Normalbereich. Ab einem Alter von 25 Jahren bestehen bei 65–85 % der Betroffenen klinische Zeichen eines Hypogonadismus.
Eine wichtige Folge der Hodenunterentwicklung ist eine frühzeitig verringerte bzw. fehlende Spermienproduktion. Dadurch befinden sich im Ejakulat entweder zu wenige Spermien (Oligospermie) oder, wie bei den meisten Männern mit Klinefelter-Syndrom, keine Spermien (Azoospermie). Aus diesem Grund sind die allermeisten Männer mit dem Klinefelter-Syndrom unfruchtbar. Eine Ausnahme bilden Männer mit dem Mosaik-Typus (46,XY/47,XXY); bei ihnen ist die Wahrscheinlichkeit, Spermien zu finden, signifikant höher.L. Aksglaede, A. Juul: In: European Journal of Endocrinology, April 2013, Band 168, Nr. 4, S. R67–R76; doi:10.1530/EJE-12-0934.