Als Tremor (griechische Sprache tremor „das Zittern“) oder (umgangssprachlich) Zittern – genauer (das) Muskelzittern – wird das unwillkürliche, sich rhythmisch wiederholende Zusammenziehen einander entgegenwirkender Muskelgruppen bezeichnet. Der sogenannte physiologische Tremor von Gesunden ist messbar, allerdings kaum sichtbar. Deutlich sichtbarer Tremor kann als ein Symptom verschiedener Erkrankungen auftreten.

Tremore unterscheiden sich nach betroffener Körperpartie, Frequenz, Stärke, Ursache und Vorkommen. In einigen Fällen kann der Tremor auch isoliert auftreten (essentieller Tremor), ohne als Symptom einer Krankheit zu gelten.

Physiologischer Tremor Der physiologische Tremor ist beteiligt an jeder Muskelbewegung eines gesunden Menschen, in seiner Natur hochfrequent und mit niedriger Amplitude, was ihn bei kurzen und unanspruchsvollen Bewegungen unspürbar und für das Auge unsichtbar macht. Dieser kann jedoch sichtbar gemacht werden, indem man bspw. den Zeigefinger vorstreckt und auf dessen Spitze achtet. Deutlich zum Vorschein kommt der physiologische Tremor bei Kälte oder unter Belastung, da dessen Amplitude dann zunimmt.

Die Bewegungen des Zitterns erzeugen bei endothermen Tieren einschließlich des Menschen überlebensnotwendige Wärme.GEOlino: Warum wir zittern, wenn wir frieren. Abgerufen am 22. April 2016. Sinkt z. B. die Körpertemperatur des Menschen auf weniger als 33 °C, besteht die Gefahr einer Hypothermie. Im Allgemeinen beginnt bei 35 °C Körpertemperatur das unwillkürliche Zittern zur Erhöhung der Körperwärme (Kältezittern); dieses Zittern ist zwangsläufig mit steigendem Energieverbrauch im Organismus verbunden.37 Grad. In: Drägerheft. Nr. 389, S. 36. Lübeck 2012. (, abgerufen am 22. April 2016)

Über die genauen Mechanismen und Ursachen des physiologischen Tremors wird in den Neurowissenschaften noch debattiert.

Relevant ist der physiologische Tremor beim Sportschießen; so wurde Alkohol als Zielwasser bezeichnet und eingenommen, um die Treffsicherheit zu erhöhen. Ob Alkohol tatsächlich die Treffsicherheit bemerkbar steigert, wird heute in Zweifel gezogen und war schon Anfang des 20. Jahrhunderts umstritten.Internationale Monatsschrift zur Erforschung des Alkoholismus und Bekämpfung der Trinksitten. Heft 10/11, Oktober/November 1916, S. 266. Alkohol wird im Bogensport als unzulässige Dopingsubstanz aufgelistet.Verbotsliste der NADA 2015. (PDF; 202 kB)

Diagnose bei pathologischem Tremor mini|400px|Tremoranalyse bei Morbus Parkinson: Antagonistentremor, Frequenz 6 Hz (Oberflächen-EMG)

Bei Auftreten eines Tremors ist üblicherweise eine aufwendige Differentialdiagnostik notwendig, um eine zugrundeliegende Erkrankung entweder zu finden oder auszuschließen. Zunächst können in einer direkten Untersuchung Erscheinungsform, Lokalisierung und Stärke des Tremors erfasst werden. Zugleich muss der behandelnde Arzt den Patienten nach weiteren neurologischen Auffälligkeiten untersuchen und die Krankengeschichte erkunden.

Danach kann der Tremor mittels einer EMG-Ableitung gerätemedizinisch genauer erfasst werden; da hiermit die Muskeltätigkeit der betroffenen Region sichtbar gemacht werden kann, lässt sich die Frequenz des Tremors genau bestimmen. Die Frequenz lässt ebenfalls Rückschlüsse auf eine mögliche Ursache zu, da unterschiedliche Krankheiten jeweils tendenziell bestimmte Frequenzen produzieren.

Alternativ kann der Tremor durch Akzelerometrie analysiert werden. Dabei wird mit Hilfe von Beschleunigungsmessern die Frequenz des Tremors aufgezeichnet, Amplituden können nur aus bekannten oder geschätzten Massen errechnet werden. Dies ist mit Hilfe von Smartphones und entsprechenden Apps möglich. Der Vorteil des Verfahrens liegt in der wesentlich einfacheren Technik und daher besseren Verfügbarkeit der Methode. Nachteilig ist, dass man nicht gezielt bestimmte Muskeln untersuchen kann.W. Freund: Tremoranalyse mit dem Smartphone. In: NeuroTransmitter. Band 30, Nr. 1-2, S. 25–25. doi:10.1007/s15016-019-6650-7.

Danach müssen Krankheitsbilder ausgeschlossen bzw. überprüft werden: Morbus Wilson durch eine Blut- und Urinuntersuchung sowie eine augenärztliche Überprüfung auf Vorhandensein eines Kayser-Fleischer-Kornealrings. Die Parkinson-Krankheit kann mit der Gabe von L-Dopa überprüft werden. Hirnschäden oder Tumoren erscheinen in einem MRT, eine Multiple Sklerose erscheint durch Untersuchung des Liquors nach einer Lumbalpunktion. Der Essentielle Tremor kann üblicherweise durch die Gabe von Alkohol und Frage nach genetischer Prädisposition (familiäre Vorerkrankungen) erschlossen werden.

Ein Tremor, der durch eine Hirnschädigung entstanden ist (Schlaganfall, Tumor, Trauma), wird als symptomatischer Tremor bezeichnet.

Tremortypen; die Erscheinungsformen des Tremors Es gibt verschiedene Arten des Tremors, die Begleitsymptome unterschiedlicher Krankheiten sein können. Die verschiedenen Tremores unterscheiden sich beispielsweise in den Frequenzen und den Bedingungen, unter denen der Tremor aktiviert wird – in Ruhe, in Aktion, beim Halten, bei un- oder zielgerichteten Bewegungen.

Bei der Klassifikation der Tremoren gibt es unterschiedlichste Klassifikationsvarianten, die einen rein deskriptiv, die anderen basierend auf pathophysiologischen Mechanismen. Aber keines der aktuellen Klassifikationsschemen kann für die Diagnostik des Tremors verwendet werden. Zudem gibt es bei verschiedenen Ursachen oft Gemeinsamkeiten in der Präsentation des Tremors, was die Differentialdiagnostik erschwert. Bei der Klassifikation nach Ätiologie besteht das Problem, dass man manchmal die Ursache nicht kennt (z. B. essentieller Tremor). Zudem kann ein Krankheitsbild mehrere Tremor-Arten hervorrufen. Kein einziger Tremor-Typ kann pathognomisch einer Erkrankung zugeordnet werden.L. J. Findley: Classification of tremors. In: J Clin Neurophysiol. Band 13, Nr. 2, Mar 1996, S. 122–132.C. W. Hess, S. L. Pullman: Tremor: Clinical Phenomenology and Assessment Techniques. In: Tremor Other Hyperkinet Mov. (N Y). 2, 28. Jun 2012, S. 65.

Aktionstremor Ein Aktionstremor tritt nach Definition (nur) bei willkürlichen Bewegungen ein. Es wird zwischen vier verschiedenen Unterarten des Aktionstremors unterschieden:

Bewegungstremor (kinetischer Tremor): Der Bewegungstremor tritt auf, wenn der Patient die betroffenen Extremitäten bewegt, jedoch ohne zielgerichtete, präzise Intention, beispielsweise indem er die Hände horizontal vor sich herbewegt. Haltetremor (posturaler Tremor): Der Haltetremor erscheint unter reiner Schwerkraftbelastung, also wenn der Patient seine Hände nach vorne streckt und hält. Intentionstremor (Zielbewegungstremor): Ein Intentionstremor tritt mit einer zielgerichteten Bewegung auf, beispielsweise dem Hinführen eines Fingers an einen bestimmten Punkt. Mit zunehmender Näherung an das Ziel verstärkt sich der Intentionstremor. Isometrischer Tremor: Der isometrische Tremor tritt bei voluntärer Muskelkontraktion ohne Bewegungseffekt auf (wie z. B. beim festen Zuschließen der Faust oder dem Drücken gegen die Wand).

Andere Tremortypen, die in der Literatur gelegentlich zusätzlich als Aktionstremor aufgelistet werden: Aufgabenspezifischer Tremor: Tritt z. B. beim Schreiben oder anderen feinmotorischen Beanspruchungen auf. Schreibtremor: Tremor, der beim Schreiben auftritt und schon bei geringer Ausprägung schwer beeinträchtigend sein kann. Orthostatischer Tremor: Tritt beim aufrechten Stehen auf; Zittern der Beine. Zittern bei leichter Ausprägung nicht wahrnehmbar. Stimmtremor (vokaler oder laryngealer Tremor): Oszillierender Stimmtremor der beim Sprechen hörbar wird.

Ruhetremor Diese Form erscheint, wenn die betroffenen Partien des Patienten in Ruhestellung sind, also z. B. Hände, die ruhig auf einer Oberfläche liegen. Es ist möglich, dass der Ruhetremor nach Einnehmen der Ruhestellung auftritt und dann nach einiger Zeit verschwindet, vgl. Parkinsontremor. Am häufigsten tritt der Tremor in den oberen Extremitäten auf. Je nach Krankheitsbild erscheint der Tremor nur in bestimmten Situationen. Es ist möglich, dass ein Patient nur eine oder zwei der möglichen Ausprägungen hat.

Andere Tremortypen, die im Ruhezustand auftreten und deren Auftreten nicht ausschließlich von einer willkürlichen Bewegung abhängen: Kopftremor (Titubation): Unwillkürliches „Schütteln“ des Kopfes, horizontale oder vertikale Richtung. Flügelschlagtremor: Niedrigfrequente mit hoher Amplitude rhythmische Bewegung beider gebeugten Arme. Rumpftremor (axialer Tremor oder Titubation): Tremor des Rumpfes Handtremor: Tremor, der sich dominant an den Händen manifestiert. Pillendrehertremor: Handtremor, der in Finger ausgeprägt ist, und dem Pillendrehen oder dem rhythmischen Auf- und Zuschließen der Hand ähnelt. Orolingualer Tremor: Tremor des Kinnes, Zunge, Pharynxes und (Teile) des Gesichtes. Palataler Tremor (Gaumensegeltremor, Gaumensegelmyoklonus, Gaumensegelnystagmus): Rhythmische, unwillkürliche Bewegung des Gaumensegels. Kinntremor: Zittern des Kinnes (und der Unterlippe).

Andere Tremor-ähnliche Symptome, deren Auftreten nicht ausschließlich von einer willkürlichen Bewegung abhängen, die in der Literatur jedoch oft nicht als Tremor klassifiziert werden: Flattertremor (Asterixis): Der Flattertremor fällt vor allem im Halteversuch auf. Dabei tritt ein plötzlicher Verlust des Haltetonus auf, gefolgt von einer reflektorischen Korrekturbewegung. Klonus: Unwillkürliche, rhythmische Kontraktionen von Muskeln bzw. Muskelgruppen; ähnlich dem Asterixis. Nystagmus, okulärer Tremor und Obliquus-superior-Myokymie: Tremor betreffend die Augen resp. Augenmuskulatur. Schüttelfrost: In Schüben auftretender, grober Tremor. Ursachen: Sonnenstich, Infektion, Sepsis.

Tremorfrequenz, Amplitude und Lokalisation Die Tremorfrequenz hängt von den jeweiligen Muskelsystemen und gegebenenfalls von den Krankheitsbildern ab. Man unterscheidet:

niederfrequenten Tremor; 4 Hz oder weniger (oft grobschlägiger Tremor) mittelfrequenten Tremor; 4–7 Hz hochfrequenten Tremor; 7–15 Hz (oft feinschlägiger Tremor)

Die Amplitude wird folgendermaßen eingeteilt:

feinschlägiger Tremor mittelschlägiger Tremor grobschlägiger Tremor

Lokalisation; Ein Tremor kann in jeder Körperregion einzeln, an bspw. einer Extremität (fokal), einem bestimmten Körperteil wie der Hand (isoliert), an einer Körperhälfte stärker ausgeprägt sein (asymmetrisch) oder auch kombiniert bis hin am ganzen Körper (generalisiert) auftreten. Bei kombinierten Tremoren in mehreren Körperpartien kann die Ausprägung unterschiedlich stark sein (z. B. stärker in der linken Hand als in der rechten Hand).

Ursachen, Krankheitsbilder Gesteigerter physiologischer Tremor Eigenschaften: fein bis mittelschlägig, hochfrequent (7–12 Hz), Halte- und Aktionstremor Ursachen: Hyperthyreose, Hypoglykämie, Medikamente (medikamenteninduzierter Tremor), Koffein, Stress, Erschöpfung, Kälte, Vergiftungen oder Drogen (toxischer Tremor), Vitamin-B12-Mangel, andere metabolische Störungen Therapie: Beseitigung der Ursache, Betablocker (Propranolol), Antiepileptika (Primidon, Gabapentin, Topiramat)