Als Fachkräftemangel bezeichnet man den Mangelzustand einer Volkswirtschaft, in dem eine bedeutende Anzahl von Arbeitsplätzen für Arbeitnehmer mit bestimmten Qualifikationen nicht besetzt werden kann, weil auf dem Arbeitsmarkt keine entsprechend qualifizierten Fachkräfte zur Verfügung stehen. Anzeichen für einen Fachkräftemangel können etwa überdurchschnittliche Steigerungen der Arbeitsentgelte eines Fachgebiets sein.

Geschichte

Einen generellen Arbeitskräftemangel, „von dem mehr oder weniger alle Bereiche der Wirtschaft betroffen waren“, gab es laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (2015) in Deutschland zuletzt in den 60er und frühen 70er Jahren des 20. Jahrhunderts. Damals konnte er durch Anwerbung von Arbeitskräften aus dem Ausland ausgeglichen werden, die in der Energiekrise 1973 teilweise gestoppt wurde.

Um 1975 setzte in Deutschland jedoch ein starker Geburtenrückgang ein, dessen Folgen für den Arbeitsmarkt um 1995 spürbar wurden.Emmanuel Todd: Traurige Moderne. München 2018, S. 414. Einen sektoralen Mangel insbesondere von IT-Kräften beklagten z. B. der Verband Bitkom schon 1999 und Johann Welsch im Jahr 2001.Johann Welsch: Fachräftemangel: Blockieren Qualifikationsdefizite die New Economy? In: Arbeit, 2001, H. 3, S. 262–275. Auch ein allgemein drohender Fachkräftemangel als Folge der demographischen Entwicklung wurde immer wieder diskutiert, jedoch durch Zuwanderung von qualifizierten Ostdeutschen in die westdeutschen Ballungszentren sowie von Polen und Russlanddeutschen (zunächst vor allem ins Handwerk) nach 1994 ausgeglichen, so dass es sogar zu einer hohen Arbeitslosenquote kam. Im Jahr 2014 gab die Bundeszentrale für politische Bildung an, dass sich der Zustand, dass es mehr offene Stellen als Bewerber gebe, auf einzelne Branchen und Regionen beschränke. Doch reichte die Qualifikation der Zuwanderer offensichtlich nicht mehr aus, so dass viele Unternehmen das „Risiko einer Qualitätsminderung seiner Produkte“ in Kauf nehmen mussten.Todd 2018, S. 417. So setzte die Diskussion um den Fachkräftemangel trotz massiver Zuwanderung um 2015 wieder ein. Jahr2018201920202021202220232024Anzahl der Engpassberufe165185131148200183163 Einen Engpass gab es im Jahr 2022 in jedem sechsten, 2023 in jedem siebten und 2024 in jedem achten Fachkräfteberuf. Für das Jahr 2023 „gibt es keine Belege für einen allgemeinen Arbeitskräftemangel. Das verfügbare Arbeitskräfteangebot übersteigt die Nachfrage nach Arbeitskräften in etlichen Berufen deutlich.“ Die größten Engpässe zeigten sich 2024 in Pflege- und Gesundheitsberufen, in Bau- und Handwerksberufen und bei Berufskraftfahrern und Erziehern.

Mangelberufe in Deutschland

Die Bundesagentur für Arbeit bewertet einmal jährlich die Fachkräftesituation am Arbeitsmarkt und weist eine Liste der Engpassberufe aus. Eine „Fachkraft“ entspricht einer mindestens zweijährigen Berufsausbildung. „Spezialist“ bedeutet eine Meister- oder Technikerausbildung, ein Bachelorabschluss oder eine kaufmännische Fortbildung bzw. ähnliche Weiterbildung. „Experte“ entspricht einer mindestens vierjährigen Hochschulausbildung. Im Jahr 2024 sind die Berufe mit dem größten Engpass: FachkräfteSpezialistenExpertenZahnmedizinische FachangestellteBerufe im Gastronomieservice (ohne Spezialisierung)Tierärzte/ärztinnen für Haus-, HeimtiereBerufe in der BauelektrikZahnmedizinische FachangestelltePflegeberufeBerufe in der FleischverarbeitungBerufe in der PhysiotherapieFachärzte/-ärztinnen in der Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapie und psychosomatischen Medizin Berufe im GleisbauBerufe in der ErgotherapieBerufe in WirtschaftsprüfungBerufe Sanitär-, Heizungs-, KlimatechnikBerufe in der MechatronikFachärzte/innen in der Inneren MedizinBerufe in der AugenoptikAufsicht – TiefbauFachärzte/-ärztinnen AnästhesiologieBerufe in der HörgeräteakustikAufsicht – Aus-, Trockenbau, Isolierung, Zimmerei, GlasereiÄrzte (sonstige spezifische Tätigkeiten)PflegeberufeAufsicht – Klempnerei, Sanitär, Heizung, KlimatechnikBerufe i.d. Lebensmittelherstellung (ohne Spezialisierung)Berufe im HotelserviceBerufe in der SprachtherapieBerufe in der IT-AnwendungsberatungBerufe in der Land-, BaumaschinentechnikAufsichts- und Führungskräfte – Medizin-, Orthopädie- und RehatechnikBerufe in der Steuerberatung Für die Anwerbung von ausländischen Fachkräften erstellt die Bundesregierung regelmäßig eine Liste der Mangelberufe. Berufe mit Fachkräfteüberschuss Das Gegenteil von einem Fachkräftemangel ist der Fachkräfteüberschuss. In diesen Berufsgruppen kamen auf 100 gemeldete Arbeitsstellen die meisten Arbeitslosen (Dezember 2024 bis November 2025): 1. Technische Mediengestaltung 2. Öffentlichkeitsarbeit 3. Redaktion und Journalismus 4. Gebäudetechnik 5. Textilverarbeitung 6. Lehrtätigkeit in außerschulischen Bildungseinrichtungen 7. Veranstaltungsservice und -management 8. Biologie 9. Lehrtätigkeit an allgemeinbildenden Schulen 10. Lehr- und Forschungstätigkeit an Hochschulen11. Werbung und Marketing 12. Softwareentwicklung und Programmierung 13. Büro und Sekretariat 14. Ernährungs- und Gesundheitsberatung, Wellness 15. Fahr- und Sportunterricht außerschulische Bildung 16. Medien-Dokumentations-Informationsdienst 17. Technische Forschung und Entwicklung 18. Tierpflege 19. Geisteswissenschaften 20. Fahrzeugführung im Straßenverkehr

In der Berufsgruppe „Technische Mediengestaltung“ kamen auf je 100 gemeldete Arbeitsstellen 2.600 Arbeitslose.

Ursachen des Fachkräftemangels aus ökonomischer, psychologischer und rechtlicher Sicht

Neoklassisches Arbeitsmarktmodell

Bedarf und Angebot an Humankapital sind in einer Volkswirtschaft keine festen Größen. Sie werden unter anderem über die Lohnhöhe von der jeweils anderen Marktseite beeinflusst: Eine Lohnerhöhung führt, wenn der Markt-Preis-Mechanismus „lehrbuchmäßig“ funktioniert, zu einer Steigerung des Arbeitskräfteangebots, eine Lohnsenkung zu einem Rückgang. Fachkräfteengpässe in einer Branche oder Region können nach diesem Modell als Verfehlung des Gleichgewichtspreises in dem betreffenden Sektor des Arbeitsmarktes für qualifizierte Arbeitskräfte aufgefasst werden.

Neigung und Eignung Karl-Heinz Reith bezweifelt, dass die Wünsche von (künftigen) Arbeitnehmern an den Bedarf der Wirtschaft angepasst werden müssten: Damit das Bürgerrecht eines Bewerbers um eine Lehrstelle auf freie Wahl von „Beruf, Arbeitsstätte und Ausbildungsstätte“ (Art. 12 GG) in der Praxis Wirklichkeit werde, müsste es eine Quote von 100 Bewerbern zu 112,5 freien Lehrstellen geben. Dann erst hätten Lehrstellenbewerber wirklich eine ausreichende Auswahl zwischen mehreren Angeboten. Das habe das Bundesverfassungsgericht 1980 festgestellt. Tatsächlich habe die Quote 2016 nur 100 : 104,2 betragen und eine Quote über 112,5 sei in den vier Jahrzehnten davor auch nur einmal erreicht worden: 1992 mit 118,7 : 100.

Psychologen geben vor der Berufswahl Stehenden und bereits Berufstätigen den Rat, dass es am wichtigsten sei, durch die Arbeit in einem Beruf nicht die Motivation zu verlieren, diesen auch weiterhin auszuüben. Eine repräsentative Befragung deutscher Jugendlicher und junger Erwachsener ergab 2019, dass es jungen Menschen am wichtigsten sei, „dass sie eine Arbeit finden, die ihnen Spaß macht, gefolgt von einem sicheren Arbeitsplatz, einer Tätigkeit, die zu ihnen passt, und netten Kollegen. Ein hohes Gehalt war der Mehrheit zwar ebenfalls wichtig, rangierte in der Prioritätenliste aber eher im Mittelfeld.“

Von November 2016 bis Januar 2017 befragte das Bundesinstitut für Berufsbildung (BiBB) Jugendliche, die bei der Bundesagentur für Arbeit als Ausbildungsstellenbewerber für das Berichtsjahr 2015/2016 gemeldet waren, nach den Kriterien, die bei ihrer Entscheidung für einen bestimmten Betrieb den Ausschlag geben. Als am wichtigsten wurde das Potenzial als langfristiger Arbeitgeber genannt (89,6 % der Befragten), gefolgt von guten Rahmenbedingungen während der Ausbildung (70,6 %), einer guten gesellschaftlichen Vernetzung des Betriebs (65,8 %) und flexiblen Ausbildungsmöglichkeiten (61,9 %). Die Bedeutung dieser Präferenzen nehme, so das BiBB, mit der Verbesserung der Marktposition von Bewerbern zu.Verena Eberhard, Joachim Gerd Ulrich: Sind Jugendliche mit starker Marktposition anspruchsvoller bei der Betriebswahl?. In: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis (BWP) 4/2017. (Hrsg.:) Bundesinstitut für Berufsbildung. S. 21, abgerufen am 22. September 2022 Der tatsächliche Zugang in eine betriebliche Ausbildungsstelle folge nach den Regeln des Marktes. Daraus ergebe sich, dass die Kriterien der Auswahl von Bewerbern wie von Betrieben mit den Verhältnissen auf dem Ausbildungsstellenmarkt variieren.Verena Eberhard, Joachim Gerd Ulrich: Sind Jugendliche mit starker Marktposition anspruchsvoller bei der Betriebswahl?. In: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis (BWP) 4/2017. (Hrsg.:) Bundesinstitut für Berufsbildung. S. 19, abgerufen am 22. September 2022

Rolle des Staates Durch die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts, die im Januar 2000 in Kraft trat, sowie die Einsetzung einer Kommission „Zuwanderung“ und ein Sofortprogramm zur Deckung des IT-Fachkräftebedarfs im gleichen Jahr versuchte die Bundesrepublik, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

Jedoch sind dem Versuch, das Angebot an Arbeitskraft der Nachfrage danach durch eine Berufslenkung des Staates anzugleichen, die auch Privatunternehmen erfasst, in Deutschland aus verfassungsrechtlichen Gründen enge Grenzen gesetzt.Rainer Pitschas: Das „Verbot“ der Berufslenkung In: Berufsfreiheit und Berufslenkung. Berlin: Duncker und Humblot, 1983 (Schriften zum öffentlichen Recht; Bd. 452). ISBN 3-428-05478-4. Seiten 76–96, abgerufen am 12. September 2022

In ihrer Eigenschaft als Dienstherren bzw. Arbeitgeber haben Gebietskörperschaften, Stiftungen und Anstalten des öffentlichen Rechts und sonstige öffentlich betriebenen Unternehmen privater Rechtsform die Möglichkeit, Fachkräfteengpässe zu beheben bzw. abzumildern, indem sie in ihren Etats höhere Beträge für entsprechende öffentliche Aufgaben bereitstellen. Solche müssen von den gewählten Vertretern der betreffenden Gebietskörperschaften und sonstigen Einrichtungen mehrheitlich beschlossen werden. Seine Grenze findet dieses Verfahren dann, wenn es keine Bewerbungen auf die ausgeschriebenen Stellen (d. h. einen Fachkräftemangel im engeren Wortsinn) gibt. Bei Absolventen eines Studiengangs kann dieser durch einen „zu scharfen“ Numerus clausus und die Hinnahme hoher Abbrecherquoten für das betreffende Studienfach vom Staat mitverursacht sein.

Folgen eines Fachkräftemangels Ein Fachkräftemangel schwächt das mögliche Wachstum einer Branche oder der Gesamtwirtschaft. Insbesondere in Ländern der Dritten Welt, früher auch in den Staaten des Realsozialismus, stellt er auch ein Problem für die Entwicklung der Gesellschaft dar, weil wesentliche Funktionen der Gesellschaft nicht besetzt werden können. In diesen Ländern kann ein „Braindrain“, die Auswanderung qualifizierter Arbeitskräfte, zu einem Fachkräftemangel führen.

Johann Welsch postulierte 2001 aufgrund von Statistiken, dass das Wachstum der (west-)europäischen New Economy durch den Fachkräftemangel an IT-Personal stärker behindert wurde als durch einen Mangel an Risikokapital.

Der Verband Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands (VID) gab im August 2022 an, dass seine Mitglieder vermehrt von Unternehmen insbesondere aus der Hotellerie und Gastronomie berichten würden, die aufgrund von Arbeitskräftemangel in die Insolvenz geraten seien, auch wenn „die Zahlen nicht dramatisch ansteigen“. Generell habe sich der Arbeitsmarkt „in den letzten Jahren zu einem Arbeitnehmermarkt entwickelt.“ Man müsse sich, so der VID, „wahrscheinlich von Geschäftsmodellen verabschieden, die auf die freie Verfügbarkeit vieler preiswerter Arbeitskräfte setzen.“ Damit stellt der VID fest, dass auf dem deutschen Arbeitsmarkt zumindest in einigen Branchen nicht nur das Fehlen von Fachkräften zu Problemen führt.