Die Geschichte der Automaten umfasst die Chronologie der technischen Entwicklung von Maschinen, die vorbestimmte Abläufe selbsttätig ausführen, von der Frühgeschichte bis zur Gegenwart. Neben zahlreichen Mythen und Legenden finden sich hier auch die ersten historisch belegten echten Automaten. Das Hauptinteresse der Automatenbauer galt dabei zunächst überwiegend der Erforschung der Physik und/oder Abbildung von Natur mit technischen Mitteln. Es gab auch nützliche Automaten, der Nützlichkeitsaspekt stand aber nicht im Vordergrund (am ehesten wurden wohl nützliche Automaten für Wasserkunst und militärische Zwecke eingesetzt). Erst im 18. Jahrhundert findet mit Vaucanson (s. u.) der Übergang vom „Wunderbaren“ zum „Nützlichen“ statt, die von da an im Automatenbau nebeneinander bestehen.Sigfrid Giedion: Die Herrschaft der Mechanisierung. Athenäum Verlag, Frankfurt/Main 1987, S. 65.
Antike
Mythologische Automaten Schon in der griechischen Mythologie gibt es eine Menge künstlicher Vögel, gehender und sprechender Statuen und künstlicher Diener. Homer berichtet in seiner Ilias, dass Hephaistos, der Gott des Handwerks, selbstfahrende Fahrzeuge und sogar künstliche Dienerinnen, die intelligent waren und Handwerke erlernten, angefertigt hatte. Es gibt viele Berichte von Historikern des antiken Griechenlands und antiken Roms mit ausführlichen Beschreibungen von selbstfahrenden und selbstgehenden Mechanismen und Androiden. Ähnliche Erzählungen sind aus anderen frühen Kulturen bekannt, besonders aus China. Dabei kann natürlich nur schwer zwischen Mythos und Wahrheit unterschieden werden.
Antikes Griechenland – die Alexandrinische Schule
mini|Herons windangetriebene Orgel (Rekonstruktion) In Alexandria forschten und lehrten hochrangige Naturphilosophen, die als Alexandrinische Schule bezeichnet werden. Zu ihnen gehören z. B. Heron, Pythagoras und Euklid, aber auch Archimedes muss dazu gerechnet werden, obwohl er in Syrakus wirkte, das aber zum Kulturkreis Alexandria gehörte. Die alexandrinischen Erfinder waren Meister in der Kombination der sogenannten „einfachen Maschinen“ wie Schraube, Keil, Hebel usw. zur Ausführung komplizierter Bewegungen und in der Kombination von Wasser, Vakuum und Luftdruck als deren Antriebskraft. Heron von Alexandria erklärt z. B. in seinem Werk Automata Tempeltüren, die sich automatisch wie von Geisterhand öffnen, und neben Musikmaschinen entwickelte er auch automatische Theater mit erstaunlichen Effekten.
Es gibt von ihm und anderen eine unerschöpfliche Menge von Vorschlägen für Vögel, die mit den Flügeln schlagen und zwitschern, für ganze Serien von Zaubergefäßen mit intermittierendem Ausfluss oder Automaten, denen einmal Wasser und dann wieder Wein entfließt oder die nach Einwurf eines Geldstückes eine bestimmte Menge Weihwasser abgeben. In der Alexandrinischen Schule wurden viele „programmierte Simulatoren und Automaten sowie (die) Vorrichtungen mit Rückkopplung“ erfunden, die – wie z. B. die Wasserspülung in WCs – heute noch benutzt werden.Sigvard Strandh: Die Maschine. Geschichte – Elemente – Funktion. Weltbild Verlag, Augsburg 1992, S. 171.
Das arabische Zwischenspiel Während in Mitteleuropa nach dem Untergang des Römischen Reiches viel antike Literatur verloren ging, blieb sie im arabischen Raum vielfach erhalten. Der Kalif von Bagdad Abdallah-al-Manun beauftragte im frühen 9. Jahrhundert sogar die drei Söhne seines Hofastrologen, systematisch danach zu suchen und alles aufzukaufen, was sie finden konnten.
Sie übersetzten Werke u. a. von Heron (s. o.) und überarbeiteten sie. Das große Werk Kitab al-Haiyal („Das Buch der kunstvollen Vorrichtungen“) wurde quasi zu einem Standardwerk und kann oft mühelos auf die Alexandrinische Schule (s. o.) zurückgeführt werden. Dabei ist den Verfassern jetzt aber die praktische Anwendung sehr wichtig. Eine davon war der Bau von Uhren, der nun einen großen Aufschwung nahm.
Die meisten Werke dieser Kultur wurden unwiederbringlich zerstört, als die Mongolen den arabischen Herrschaftsbereich angriffen, wobei Bagdad 1258 fiel.Sigvard Strandh: Die Maschine. Geschichte – Elemente – Funktion. Weltbild Verlag, Augsburg 1992, S. 172 f.
Mittelalter bis 17. Jahrhundert Spätmittelalter Gegen Ende des Mittelalters begannen sich in Mitteleuropa die Gelehrten in den Klöstern wieder mit den antiken Schriften bzw. den arabischen Bearbeitungen und Weiterentwicklungen davon auseinanderzusetzen.
Über Albertus Magnus (1193?–1280) gibt es eine Legende, er habe eine „sprechende Bildsäule“ geschaffen, die sein Schüler Thomas von Aquin zerstört habe.Vgl. Heribert Christian Scheeben: Albertus Magnus. Köln 1955, S. 200 und 202–204 sowie: Sigvard Strandh: Die Maschine. Geschichte – Elemente – Funktion. Augsburg 1992, S. 173 ff. In der Neuzeit wurde sie zuweilen so gedeutet, als ginge es dabei um Leistungen auf dem Gebiet der Technik. Die Gelehrten in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts stützten sich auf die Seelenlehre gemäß der aristotelischen Schrift De anima, wonach das Vorhandensein einer Seele Voraussetzung für Selbstbewegung ist. Aus diesem Grund müsste man einer Statue gewissermaßen „eine Seele einhauchen“, damit sie sich selbständig bewegt.Bei solchen mittelalterlichen Berichten über „bewegliche Statuen“ geht es gewissermaßen um so etwas wie „künstliche Menschen“, nicht um Automaten mit einem Uhrwerkantrieb. Für Thomas von Aquin kam dafür nur die Magie in Betracht, und so bezeichnete er Leute, die „Standbilder reden und sich bewegen lassen“ als necromantici, d. h. als Anhänger der „Schwarzen Kunst“.Thomas von Aquin: Summa theologica I, 115, 5. (Er hatte dabei wohl eher die antiken Berichte über mythologische Automaten im Blick, denn im Mittelalter hatte Magie überwiegend andere Ziele.)Vgl. auch Thomas Linsenmann: Die Magie bei Thomas von Aquin. Berlin 2000, S. 157: „Das scheinbare Beleben einer Statue ist ein magischer Topos, der freilich eher in der gelehrten Theorie als in der Wirklichkeit vorkommt.“
Auf jeden Fall erfolgte die Erfindung des rein mechanischen Uhrwerkes (bis dahin hatte es zwar schon sehr komplexe Uhren gegeben, die aber nur mit Wasser angetrieben wurden) und sehr bald wurde die reine Zeitmessfunktion kombiniert mit bewegten Figuren oder Schlagwerken (frühes 14. Jahrhundert). Von der Uhr des Straßburger Münsters ist nur noch der mechanische Hahn (um 1350) erhalten, der zur Mittagszeit mit den Flügeln schlug, dabei seine Federn spreizte und krähte. Es wurden aber auch – ganz in der Tradition der Alexandrinischen Schule (s. o.) – ganze Szenen mit religiösem oder weltlichem Hintergrund dargestellt, jetzt aber nicht mehr durch Wasserkraft, sondern durch Uhrwerke angetrieben.
Renaissance und Barock
mini|De Caus: Wasserspiel Galathea für den Hortus Palatinus Während die Alexandrinische Schule Modelle gebaut hatte, wurde es durch den technischen Fortschritt in der Renaissance möglich, lebensgroße Automaten zu konstruieren.
Der französische Ingenieur Salomon de Caus (1576–1626) verfasste 1615 ein umfangreiches Werk Les raisons des forces mouvantes … („Über die bewegenden Kräfte. Die Beschreibung einiger künstlicher und amüsanter Vorrichtungen“). Er beschreibt Automaten von Heron, entwickelte sie aber auch weiter. Er baute zunächst in Heidelberg den Hortus Palatinus (Pfälzischen Garten) und später im Palast des Herzogs von Burgund in Saint-Germain bei Paris eine Anzahl von Szenen mit bewegten Figuren, die durch Wasserräder angetrieben und durch Nockenwalzen gesteuert wurden. Ähnliche Konstruktionen wurden 1613 im Schloss Hellbrunn eingerichtet, die Anlage bestand zunächst nur aus einigen Grotten mit beweglichen Figuren. Zwischen 1748 und 1752 wurde die Anlage vergrößert und enthielt insgesamt 256 Figuren. Eine hydraulische Orgel überspielte dabei die Geräusche des Antriebsmechanismus. Lustgärten mit Grotten und bewegten Figuren zu schmücken, wurde an den Höfen Mode, an denen Konstrukteure von Androiden und anderen Automaten „recht und schlecht agierten“.Sigvard Strandh: Die Maschine. Geschichte – Elemente – Funktion. Weltbild Verlag, Augsburg 1992, S. 177.
Daneben entwickelte sich die Kunst, automatische Spielzeuge herzustellen. Einer der Begründer dieses Kunstgewerbes war Juanelo Turriano, ein Ingenieur in Diensten Karls V. der u. a. die Wasserversorgung Toledos neuartig entwarf. Er versuchte Karl V. nach dessen Abdankung mit einer Menge von kleinen mechanischen Spielzeugen aufzuheitern, und ihm wurde die Erfindung eines Androiden, der angeblich sogar für ihn Einkaufen gehen konnte, angedichtet.
Goldschmiede und Feinmechaniker in Nürnberg und Augsburg sollen Automaten hergestellt haben, so zum Beispiel Hans Schlottheim (1545–1625), der um 1585 das Schiff Karl V. hergestellt haben soll: Ein Schiff auf Rädern, das sich vermittels aienes Mechanismus auf einer sich dahinschlängelnden Bahn vorwärts bewegte: Eine Orgel spielt, auf der Brücke erheben Trompeter ihre Instrumente, Trommeln und Zimbeln werden geschlagen, in regelmäßigen Abständen donnern Kanonen. Am Bug hissen Matrosen Segel, während andere einen Kontrollgang über das Schiff machen. Am Heck sitzt der Kaiser selbst auf einem Baldachin-Thron, senkt sein Zepter und wendet seinen Kopf, während Würdenträger sich um ihn herum verbeugen.André Soriano (Hrsg.): Mechanische Spielfiguren aus vergangenen Zeiten. Sauret, Paris(?) 1985, S. 40.
Der Cartesianismus Der Cartesianismus war geprägt von einem großen Aufschwung von wissenschaftlicher und rationaler Beschäftigung mit der Wirklichkeit. Der Mechanismus sah deutliche Parallelen zwischen den Gesetzen der Mechanik und damit auch Maschinen und natürlichen Körpern.
René Descartes (1596–1650) behandelt in seinem 1637 erschienenen Grundlagenwerk Discours de la méthode u. a. den Unterschied zwischen Mensch und Tier. Beide sind von Gott erschaffen, aber nur der Mensch hat eine unsterbliche Seele. Tiere müssen als höchst komplizierte Maschinen angesehen werden (la bête machine), als Automaten. Und er hält es für durchaus wahrscheinlich, dass es dem Menschen eines Tages glücken wird, eine Maschine in Gestalt eines Tieres zu bauen, die sich wie ein Tier verhalten würde. Er vergleicht dabei z. B. das Herz mit einer Hydraulikpumpe und beschäftigt sich auch mit anderen Organen bzw. mit Sehnen und Muskeln und beschreibt sie sehr ähnlich den automatischen Vorrichtungen, die in dieser Zeit weit verbreitet waren. Angeblich hat Déscartes einen lebensechten Androiden in Form eines Mädchens namens Francine gebaut. Dies ist aber sehr unwahrscheinlich, da er kein Techniker war. Die seriösen Biographen übergehen diese Geschichte ganz.
Der deutsche geniale und gelehrte Jesuit Athanasius Kircher (1602–1680) griff dagegen die Ideen von Déscartes auf und setzte sie praktisch um, z. B. baute er einen sprechenden Kopf, singende Vögel und Figuren, die Musikinstrumente spielten. Er baute auch in der Tradition von Salomon de Caus automatische Theater für Gärten.
18. Jahrhundert bis heute Das 18. Jahrhundert – Die Hochzeit der Automaten mini|Der Schachtürke Im 18. Jahrhundert war das Interesse der Öffentlichkeit an Automaten groß, dies auch deswegen, weil immer wieder Fälle von Betrug aufgedeckt wurden. Ende der 1760er Jahre hatte z. B. Wolfgang von Kempelen seinen „Schachtürken“ vorgestellt, mit dem er Europa und die USA bereiste und dabei große Schachspieler herausforderte. Wie die Maschine als Schwindel entlarvt wurde, darüber gibt es verschiedene Ansichten. In der Kiste war nur ein sehr kleiner Mensch versteckt, es gab nur eine Mechanik um den Schachspieler passend zu bewegen. Von Kempelen hat aber auch eine Sprechmaschine gebaut, in der die menschlichen Sprechorgane möglichst naturgetreu nachgebildet sind. Die Laute werden aber mit der Hand des Vorführenden moduliert, es handelt sich also nicht um einen Automaten. Auch in anderen Bereichen der Ingenieurskunst betätigte er sich sehr erfolgreich.