Religionsloses Christentum und nicht-religiöse Interpretation sind zwei Schlagworte, die der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer zwischen dem 30. April 1944 und dem 23. August 1944 in Briefen verwandte, die er aus dem Wehrmacht-Untersuchungsgefängnis in Berlin-Tegel an den mit ihm eng befreundeten Theologen Eberhard Bethge schickte. Sie bezeichnen eine neue Auffassung des christlichen Glaubens, die Bonhoeffer in diesen Briefen skizziert.
Biografischer Hintergrund Dietrich Bonhoeffer wurde am 5. April 1943 festgenommen, nachdem bei der Festnahme Hans von Dohnanyis ein Zettel gefunden worden war, der auch Bonhoeffer mit Kreisen des Widerstands in Verbindung brachte. Er musste sich über Monate hinweg strapaziösen Verhören durch Oberkriegsgerichtsrat Manfred Roeder stellen und erlitt aufgrund der unmenschlichen Bedingungen im Wehrmachts-Gefängnis Berlin-Tegel zunächst einen Haftschock. Eine kurz nach der Einlieferung geschriebene Notiz dokumentiert sogar Gedanken an Selbstmord: „Kontinuität mit der Vergangenheit und Zukunft unterbrochen […] Selbstmord, nicht aus Schuldbewußtsein, sondern weil ich imgrunde schon tot bin, Schlußstrich, Fazit.“Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung, DBW 8, S. 64 Eberhard Bethge weist jedoch auch darauf hin, dass es zu den Bedingungen der Konspiration gehörte, Selbstmord ins Auge zu fassen, um der Preisgabe von Informationen durch Folter zu entgehen.Sabine Dramm: Dietrich Bonhoeffer: Eine Einführung in sein Denken; Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2001, ISBN 3-579-05183-0, S. 217
Nach Fürsprache des Berliner Stadtkommandanten Paul von Hase, der mit Bonhoeffer verwandt war, wurde Bonhoeffer besser behandelt. Ab dem 23. Mai 1943 durften seine Eltern ihn regelmäßig besuchen und ihn unter anderem mit Büchern versorgen. Ab dem 18. November wurde ein Kontakt mit Bethge möglich, da Bonhoeffer in den Unteroffizieren Holzendorf, Knobloch und Linke drei Freunde gefunden hatte, die regelmäßig unter Einsatz ihres eigenen Lebens Briefe ins und aus dem Gefängnis schmuggelten. Zum 1. Januar 1944 wurde Roeder versetzt. Sein Nachfolger Helmuth Kutzner trieb das Verfahren gegen Bonhoeffer weit weniger energisch voran. Im April 1944 teilte Karl Sack Bonhoeffer mit, dass er nicht mit einem schnellen Verfahren rechnen, sondern sich auf eine längere Zeit in der Untersuchungshaft einstellen solle.
Es ist umstritten, in welchem Ausmaß die in Tegel entwickelten theologischen Gedanken Bonhoeffers von seiner Situation in der Haft geprägt wurden. Einige Kritiker, darunter Karl Barth, führen die Radikalität von Bonhoeffers Ideen auf den Haftschock zurück. Andere, etwa Eberhard Bethge, weisen darauf hin, dass der erste Schock längst überwunden war, als im Brief vom 30. April 1944 zum ersten Mal vom „religionslosen Christentum“ die Rede war.Ferdinand Schlingensiepen: Dietrich Bonhoeffer; S. 364 Dem Argument, dass Bonhoeffer in den Briefen an seine Eltern nüchtern und gefasst wirkte, wird manchmal entgegengehalten, dass sein Stil auch das Bemühen reflektiert, seine Angehörigen vor Sorge zu bewahren. Briefe an Bethge und in Tegel entstandene Gedichte sprechen dafür, dass Bonhoeffer die psychische Belastung, die der Freiheitsentzug und die Trennung von seiner Verlobten Maria von Wedemeyer für ihn bedeuteten, häufig geschickt zu verbergen wusste.
Unstrittig ist, dass Bonhoeffers Erfahrungen und menschliche Bekanntschaften im Widerstand wie in der Haft zur Weiterentwicklung seiner Theologie beitrugen. Beim Vergleich mit Bonhoeffers früheren wissenschaftlichen Publikationen ist außerdem zu berücksichtigen, dass ihm bei der Arbeit in Tegel keine angemessene Bibliothek zur Verfügung stand, und dass er seine Gedanken nicht wie gewohnt im Gespräch mit einem theologisch gebildeten Gegenüber entwickeln konnte.
Nach dem missglückten Attentat vom 20. Juli 1944 sah Bonhoeffer sein Leben wieder unmittelbarer bedroht. Er setzte dennoch seine theologische Arbeit fort und kündigte eine etwa 100 Seiten lange Schrift zur Verdeutlichung seiner Position an, von der er am 3. August einen vierseitigen handschriftlichen Entwurf an Bethge sandte. Im letzten erhaltenen Brief aus Tegel, datiert auf den 23. August, berichtete Bonhoeffer von einem zögerlichen Fortschreiten seiner Arbeit. Die späteren Briefe musste Eberhard Bethge vernichten, als er ebenfalls festgenommen wurde.
Am 22. September 1944 wurden Akten gefunden, die Ludwig Beck versteckt hatte und aus denen hervorging, dass Bonhoeffer tiefer als bisher bekannt in die Aktivitäten des Widerstands eingebunden war. Bonhoeffer fasste einen Fluchtplan, gab ihn nach der Verhaftung seines Bruders Klaus am 1. Oktober jedoch auf, um die Familie nicht weiter zu gefährden. Am 8. Oktober wurde Dietrich Bonhoeffer in das Gestapo-Gefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße verlegt, in dem weder Briefkontakte noch Besuche erlaubt waren. Den größten Teil seiner Papiere übergab er vorher seinem Vater; das Manuskript zu seiner Ausarbeitung behielt er jedoch bei sich und arbeitete nach Aussagen von Mitgefangenen bis kurz vor seinem Tod daran. Nach Bonhoeffers Hinrichtung am 9. April 1945 ging der Text verloren.
Religionsbegriff
Im Anschluss an Paul de Lagarde sah Bonhoeffer die Wurzeln des zu seiner Zeit immer noch vorherrschenden Religionsbegriffs im englischen Deismus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Dieser sei gegen den kirchlichen Offenbarungsglauben eingeführt worden.
In der Folge wurde Religion nicht mehr als Untertugend der Gerechtigkeit verstanden, also als Beachtung traditioneller Vorschriften, sondern als Liebe, Vereinigung mit Gott. Friedrich Schleiermacher bestimmte als Wesen der Religion „Anschauung und Gefühl“, „Sinn und Geschmack fürs Unendliche“. Goethe sind begriffliche Unterscheidungen gleichgültig. Für die Gretchenfrage gibt es die zwei Versionen „Wie hast du’s mit der Religion“ und „Glaubst du an Gott?“. Der Schluss von Fausts Antwort drückt ein emphatisch-religiöses Gefühl aus:Ernst Feil: Religion statt Glaube – Glaube statt Religion? Historisch-systematischer Exkurs zu Bonhoeffers Plädoyer für ein »religionsloses Christentum«. In: Christian Gremmels und Wolfgang Huber (Hrsg.): Religion im Erbe: Dietrich Bonhoeffer und die Zukunftsfähigkeit des Christentums, Gütersloh 2002, S. 39–47
In der Haft auch stark durch Wilhelm Dilthey beeinflusst, sah Bonhoeffer eine so verstandene Religion als historisch überholt an.Enst Feil 2002, S. 47f.
Mit Religion als Rückzug auf Innerlichkeit verbunden waren für ihn die Momente der Metaphysik als Fortsetzung der Welt und die Aufspaltung der Wirklichkeit in Teilbereiche, von denen Religion als nur einer angesehen werde. „Religiöses Apriori“ meint eine „als anthropologische Konstante verstandene Fähigkeit und Bereitschaft des Menschen [...], der absoluten Wahrheit eines transzendenten Gottes innezuwerden.“Sabine Dramm: Dietrich Bonhoeffers »religionsloses Christentum« – eine überholte Denkfigur?. In: Religion im Erbe, Gütersloh 2002, S. 310
Bonhoeffers Ansatz Bonhoeffer ging von der Frage aus, wie das Evangelium in einer durch die Aufklärung mündig gewordenen Welt so an den autonomen Menschen verkündigt werden könne, dass dieser intellektuell redlich im christlichen Glauben leben kann: „Was mich unablässig bewegt, ist die Frage, was das Christentum oder auch wer Christus heute für uns eigentlich ist.“Brief vom 30. April 1944, DBW 8, S. 402.
Er beobachtete, dass der Krieg keine „religiöse“ Reaktion mehr hervorgerufen habe, und analysierte, die Zeit der klassischen Metaphysik und der Innerlichkeit sei vorbei: Es habe für die meisten keine Relevanz mehr, Gott hinter den Dingen, im Jenseits zu suchen, sich mit individueller Gewissensnot auseinanderzusetzen und Fragen nach dem Seelenheil und nach Erlösung zu stellen.Sabine Dramm: Dietrich Bonhoeffer: Eine Einführung in sein Denken; Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2001, ISBN 3-579-05183-0, S. 235 Als Antwort darauf entwickelte Bonhoeffer ein „religionslos-weltliches“ Verständnis der christlichen Lehre.
Wie Karl Barth unterscheidet er zwischen Glaube und Religion und radikalisiert damit die protestantische Entgegensetzung von Gesetz und Evangelium. Der Glaube an Gott steht für ihn ebenso wenig in Frage wie die Gemeinschaft einer Kirche. Er deutet jedoch eine negative Theologie an und fragt, ob überhaupt etwas von Gott gesagt werden könne.DBW 8, S. 405. Allenfalls können Aussagen über Gott mit größter Vorsicht getroffen, Glaubensinhalte als Geheimnis im Sinn einer Arkandisziplin gehütet werden: „Vor Gott und mit Gott leben wir ohne Gott.“ Religion bezeichnet dagegen den Weg des Menschen zu Gott im Sinn einer natürlichen Anlage, seine Vereinnahmung für Normen und Gesetze, als ihr Schöpfer oder Vollender in Zukunft. „Gott ist nicht mehr religiös oder metaphysisch verfügbare Wirklichkeit“ und ist nicht „innerlich erweisbar“. Dieser Gott ist für Bonhoeffer am Kreuz gestorben.Jochen Bohn: Reservation. Entwurf einer Theologie der Politik. Kapitel Religionslosigkeit: als ob Gott (nicht) gegeben wäre. Lit-Verlag, Berlin 2013, S. 71–80. Online-Auszug, abgerufen am 1. Januar 2015. Der Glaube an den Gott Jesu Christi bedeutet Geist (pneuma) gegen Fleisch (sarx) und damit Kritik an existierender Religion und auch an der Kirche.
Während Barth sich angesichts Bonhoeffers späterer Ideen und deren Durchführung „ratlos“Andreas Pangritz: Karl Barth in der Theologie Dietrich Bonhoeffers – eine notwendige Klarstellung. Alektor-Verlag, Berlin (West) 1989, S. 92 zeigte, gibt es in seinen frühen Schriften Parallelen. So schreibt er in der ersten Auflage des Römerbrief-Kommentars von „Beschneidung, Religion und Kirche“ ganz ähnlich wie Bonhoeffer:Eberhard Bethge (Hrsg.): Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 197810, S. 134. „Sie war für Abraham nicht die Bedingung des Heils, sondern nur ein Ausdruck der schon in der Zeit seiner reinen Weltlichkeit zwischen ihm und Gott gestifteten Gemeinschaft.“Karl Barth: Der Römerbrief; Bern, 19191, S. 88. Auch Bonhoeffer hatte sich schon seit 1928 gegen eine Trennung von „Gott und Welt, Religion und Realität“Sabine Dramm: Dietrich Bonhoeffer: Eine Einführung in sein Denken; Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2001, ISBN 3-579-05183-0, S. 226, vgl. DBW 10, S. 302–321 gewandt. In seiner Dissertation Sanctorum communio 1930 diagnostizierte er die Kirchenferne des Bürgertums, kritisierte eine leere Religiosität innerhalb der Kirche und forderte diese zu mehr Ernsthaftigkeit und Gemeinschaft auf.Jean-Loup Seban: Dietrich Bonhoeffer. In: Routledge Encyclopedia of Philosophy, Bd. 1, London / New York 1998 Unter Aufnahme eines Begriffs Friedrich Nietzsches lehnte er in einem Vortrag 1932 sowohl religiöse Weltflucht als auch völlige christliche Anpassung ab:
In Widerstand und Ergebung schreibt Bonhoeffer dann, er wolle Bultmanns Programm der Entmythologisierung nicht nur auf Begriffe wie „Wunder, Himmelfahrt etc.“ anwenden, „sondern die ‚religiösen‘ Begriffe schlechthin sind problematisch“, etwa „Gott“ oder „Glauben“.Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung, DBW 8, S. 136. Andererseits wollte er keine Reduktion der Bibel auf abstrakte, überzeitliche Aussagen, sondern zum Kern der mythologischen Geschichten und religiösen Begriffe vordringen, der auch einem von der gegenwärtigen Kultur geprägten Menschen verständlich ist – der Haltung des Glaubens. „Bultmanns Ansatz ist eben im Grunde doch liberal (d.h. das Evangelium verkürzend), während ich theologisch denken will.“