Franz Schuhmeier (* 11. Oktober 1864 in Wien; † 11. Februar 1913 ebenda) war ein österreichischer Politiker und sozialdemokratischer Arbeiterführer. Er, auch als "Volkstribun von Ottakring" bezeichnet, galt als populärer Redner, allerdings auch als antisemitischer und antiklerikaler Agitator, und wurde 1913 ermordet, was zu einer der größten sozialdemokratischen Kundgebungen der Monarchie führte. mini|Franz Schuhmeier um 1900
Jugend und Herkunft mini|Franz Schuhmeier in jungen Jahren (1890) Der Sohn der Wäscherin Theresia und des immer wieder arbeitslosen Bandmachergesellen Eduard Schuhmeier aus Ottakring wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Mit einem Vater als Alkoholiker musste er schon als Sechsjähriger schwere Arbeit bei einem Pferdefuhrwerk verrichten.Wolfgang Maderthaner, Lutz Musner: Die Anarchie der Vorstadt. Das andere Wien um 1900. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-593-36334-8, S. 193f. Das und der tödliche Arbeitsunfall seines älteren Bruders im Alter von 13 Jahren war ein wesentlicher Grund dafür, dass Schuhmeier später speziell die in Wien sehr verbreitete Kinderarbeit bekämpfte.Helga Schmidt, Felix Czeike: Franz Schuhmeier. Europa-Verlag. Wien 1964. S. 11f. Sowie Christine Klusacek, Kurt Stimmer: Ottakring. Vom Brunnenmarkt zum Liebhartstal. Verlag Mohl, Wien 1983, ISBN 3-900272-37-9, S. 116.
Da er ein guter Schüler war, vermittelte ihm sein Volksschullehrer einen kostenlosen Platz im Priesterseminar von St. Pölten, damals eine der wenigen Möglichkeiten für Mittellose, eine gute Schulbildung zu erhalten. Da sich die Familie aber nicht einmal die vorgeschriebene „ordentliche Kleidung“ leisten konnte, blieb Schuhmeier diese Möglichkeit verwehrt.
Er begann daher 1877, den Beruf eines Ziseleurs zu erlernen, musste die Lehre aber wegen einer Augenverletzung abbrechen. Bei seiner Arbeit als Hilfsarbeiter der Buntpapierfabrik Goppold und Schmiedl in Gumpendorf kam Schuhmeier mit der sozialdemokratischen Bewegung in Kontakt. Am 22. August 1886 heiratete er seine Arbeitskollegin Cilli Ditz.Christine Klusacek, Kurt Stimmer: Ottakring. Vom Brunnenmarkt zum Liebhartstal. Verlag Mohl, Wien 1983, ISBN 3-900272-37-9, S. 117; und Helga Schmidt, Felix Czeike: Franz Schuhmeier. Europa-Verlag, Wien 1964, S. 14.
Politik Da in Cisleithanien, der österreichischen Reichshälfte der Habsburgermonarchie, seit 1884 Ausnahmezustand herrschte, konnten Arbeiterbildungsvereine nur unter Tarnbezeichnungen existieren. Deshalb gründete Schuhmeier 1886 einen als Raucherklub Apollo getarnten illegalen Arbeiterbildungsverein, was ihn mehrmals ins Gefängnis brachte. Daher war er auch beim Gründungskongress der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Hainfeld vom 30. Dezember 1888 bis 1. Jänner 1889 verhindert. In Hainfeld waren die Arbeiterbildungsvereine zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP heute: Sozialdemokratische Partei Österreichs) zusammengefasst worden. Nach seiner Haft, wegen der er seine Stelle verloren hatte, trat Schuhmeier in die Verwaltung der Arbeiter-Zeitung ein.Hellmut Andics: Luegerzeit. Das schwarze Wien bis 1918. Verlag Jugend u. Volk, Wien 1984, ISBN 3-7141-6542-8, S. 63ff. und 272.
Aus dem nunmehrigen Arbeiterbildungsverein Apollo, der seinen Sitz in Neulerchenfeld hatte, sollte sich die sozialdemokratische Bezirksorganisation Ottakring entwickeln. Im Oktober 1891 erschien zum ersten Mal die von Schuhmeier mitbegründete Volkstribüne, die das offizielle Organ der Niederösterreichischen (und Wiener) SDAP wurde. Später wurde er deren Herausgeber und 1894 Chefredakteur.
1892 veröffentlichte Schuhmeier die Broschüre In elfter Stunde, in dem sein unerschütterlicher Glaube an die Überwindung des kapitalistischen Systems erkennbar ist. Darin heißt es, dass
So agitierend blieb er als Volkstribun von Ottakring und mitreißender Redner in der Erinnerung der Wiener Arbeiterschaft. Zuerst der radikalen „anarchistischen“ Richtung zugehörig, übernahm er mehr und mehr reformistische Positionen und wurde zu einem Verfechter der Parteieinheit. Er zählte zum deutschnationalen, demokratischen und antihabsburgischen Teil der Sozialdemokraten, der gelegentlich auch vordergründigen Antisemitismus vertrat. Die christlich-soziale Partei sah er als "verjudet" an, aus der Freimaurerloge trat er wieder aus, weil viele Juden Mitglieder waren, und selbst Parteigenossen wie Victor Adler kritierte er gelegentlich mit antisemitischen Untertönen. Als eine der zahlreichen antisemitischen "Figuren" Wiens nahm ihn auch der Schriftsteller Arthur Schnitzler wahr, wie eine Bemerkung in dessen Tagebuch 1912 zeigt.https://schnitzler-tagebuch.acdh.oeaw.ac.at/entry__1912-03-13.html
Schuhmeier war von 1896 bis 1898 Reichsparteisekretär der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und damit Mitglied der Parteileitung. Gemeinsam mit Albert Sever und Anton David entwickelte er die bis heute noch bestehende interne Organisationsstruktur der österreichischen Sozialdemokratie, wie beispielsweise das System der Vertrauenspersonen. 1900 wurde er in den Wiener Gemeinderat gewählt, da es erstmals auch eine allgemeine Kurie für die nicht privilegierte männliche Bevölkerung gab. Er und der spätere Wiener Bürgermeister Jakob Reumann waren damit die ersten sozialdemokratischen Gemeinderäte Wiens.Christine Klusacek, Kurt Stimmer: Ottakring. Vom Brunnenmarkt zum Liebhartstal. Verlag Mohl, Wien 1983, ISBN 3-900272-37-9, S. 115ff. Dort lieferte er sich „legendäre Rededuelle“ mit Bürgermeister Lueger. Schuhmeier war auch der Verfasser des ersten Kommunalprogramms der Sozialdemokraten. Er widmete sich der Sozial- und Bildungspolitik, dem Wohnungswesen und dem Kampf für das allgemeine Wahlrecht. Schuhmeier forderte den Bau von Wohnhäusern und Volksbädern sowie den Ausbau der Fürsorge. Gemeinsam mit dem Historiker und Universitätsprofessor Ludo Hartmann baute er die erste Volkshochschule, das Volksheim Ottakring auf. 1901 wurde Schuhmeier einer der beiden ersten sozialdemokratischen Abgeordneten zum Reichsrat, 1910 auch Mitglied des niederösterreichischen Landtags.Christine Klusacek, Kurt Stimmer: Ottakring. Vom Brunnenmarkt zum Liebhartstal. Verlag Mohl, Wien 1983, ISBN 3-900272-37-9, S. 117; und Karl R. Stadler: Franz Schuhmeier. In: Walter Pollak (Hrsg.): Tausend Jahre Österreich. Eine Biographische Chronik. Band 3: Der Parlamentarismus und die beiden Republiken. Verlag Jugend u. Volk, Wien 1974, ISBN 3-7141-6523-1, S. 60–64, hier S. 61. Bildungs- und Wahlrechtsfragen standen bei seiner parlamentarischen Arbeit im Vordergrund.
Schuhmeier stand mit seiner derb-drastischen Redeweise (er sprach den Dialekt der Wiener Vorstädte) häufig in Opposition zum Parteivorsitzenden Victor Adler, auch weil er meist ein offensiveres Vorgehen, wie Straßendemonstrationen forderte.Peter Schöffer: Der Wahlrechtskampf der österreichischen Sozialdemokratie 1888/89-1897. Vom Hainfelder Einigungsparteitag bis zur Wahlreform Badenis und zum Einzug der ersten Sozialdemokraten in den Reichsrat. Verlag Steiner, Stuttgart 1986, ISBN 3-515-04622-4, S. 356f. Schuhmeier polemisierte in parteiinternen Auseinandersetzungen auch gegen andere jüdische Parteikollegen wie Friedrich Austerlitz, den er als „Juden der Arbeiterzeitung“ verunglimpfte.
Schuhmeiers Parteifreund Wilhelm Ellenbogen bezeichnete Schuhmeiers Einstellung nicht grundlos als „Koketterie mit dem Antisemitismus“. Gleichzeitig bekämpfte er in der Volkstribüne die antisemitische Hetze nach der Ermordung des Mädchens Anezka Hruzova in Böhmen.Straßennamen Wiens seit 1860 als „Politische Erinnerungsorte“ (PDF; 4,2 MB), S. 246ff, Forschungsprojektendbericht, Wien, Juli 2013 Adler fand Schuhmeiers „Radau-Opportunismus“ außerhalb von „Wildwest“, den westlichen Wiener Arbeitervorstädten, „ganz unmöglich“. Nach außen hin wurde Schuhmeier aber auch als ideologischer Gegenspieler zum ebenso populistischen Bürgermeister Karl Lueger wahrgenommen. Schuhmeier avancierte zum bestgehassten Sozialdemokraten Wiens. Er war berühmt wegen seiner Schlagfertigkeit, seiner auf dem Wiener Lokalton beruhenden Beredsamkeit, seiner Härte im Geben wie im Nehmen, mit der er sich oft an die Grenze zur Demagogie brachte.Karl R. Stadler: Franz Schuhmeier. In: Walter Pollak (Hrsg.): Tausend Jahre Österreich. Eine Biographische Chronik. Band 3: Der Parlamentarismus und die beiden Republiken. Verlag Jugend u. Volk, Wien 1974, ISBN 3-7141-6523-1, S. 60–64, hier S. 61.
mini|hochkant|Denkmal von Franz Schuhmeier an seinem Grab am Ottakringer Friedhof
Attentat Bei der Rückkehr von einer Wahlkundgebung in Stockerau wurde Schuhmeier am 11. Februar 1913 von Paul Kunschak (* 4. Jänner 1870), dem geistig verwirrten, arbeitslosen Bruder des Begründers der christlichen Arbeiterbewegung und späteren Nationalratspräsidenten Leopold Kunschak, in der Halle des Wiener Nordwestbahnhofs erschossen.Helga Schmidt, Felix Czeike: Franz Schuhmeier. Europa-Verlag, Wien 1964, S. 93; und Christine Klusacek, Kurt Stimmer: Ottakring. Vom Brunnenmarkt zum Liebhartstal. Verlag Mohl, Wien 1983, ISBN 3-900272-37-9, S. 117f. Schuhmeier, in den Hinterkopf geschossen, war sofort tot. Paul Kunschak war ehemaliges Mitglied der Sozialdemokraten und kannte Schuhmeier aus dem Arbeiterbildungsverein „Apollo“. Er warf Schuhmeier auch vor, an der Teuerungsrevolte am 17. September 1911 in Wien ursächlich beteiligt gewesen zu sein, denn dieser hatte neben anderen zu Beginn der Proteste eine Rede gehalten, wobei es bei anschließenden Unruhen vier Tote und hunderte z. T. schwer Verletzte gegeben hatte. Leopold Kunschak verurteilte den Mord an Schuhmeier durch seinen Bruder.Er schrieb auf der Titelseite der Reichspost: "Unter den ersten, die ihren Abscheu über das fluchwürdige Attentat öffentlich bekundet haben, waren die Parteiinstanzen der Christlichsozialen, denen der so tragisch ums Leben gekommene sozialdemokratische Führer die ganze Zeit seines öffentlichen Wirkens ein überaus scharfer Gegner und – gestehen wir es nur – der gefährlichsten einer gewesen ist. Alle bürgerlichen Parteien und parlamentarischen Gruppen haben sich beeilt, ihrer Entrüstung über die Mordtat an dem beredten Fahnenträger des Klassenkampfes und unversöhnlichen Gegner der bürgerlichen Gesellschaft, der sich selber stolz als Umsturzmann bekannte, Ausdruck zu verleihen, und auch das Herrenhaus senkte kondolierend den Degen vor der Leiche des Tribunen der Revolutionäre, den die Kugel eines Mörders niedergestreckt hat. Wohl kaum jemals hat ein Mordanschlag auf einen Parteiführer eine so einmütige, bedingungslose und vorbehaltlose Verurteilung gefunden. (Reichspost, 13. Februar 1913, S. 1) Leo Trotzkij polemisierte in einer Art Nachruf gegen Paul Kunschak als Renegaten seiner Klasse und als "erbärmliche, dunkle Gestalt des 'christlich-sozialen' Mörders mit einer Browning in der Hand."Trotzki: Gesammelte Werke (russ.), Bd. 8, S. 5–6
Die Beerdigung des populären Arbeiterführers am Ottakringer Friedhof in einem ehrenhalber gewidmeten Grab (Gruppe 14, Reihe 1, Nummer 1/2) bekam eine für Wien bislang unbekannte Dimension. Es nahmen – die Angaben schwanken – bis zu einer halben Million Trauergäste teil. Diese Massenmanifestation am 16. Februar 1913 wurde Wiens bis dahin größte Demonstration.Wolfgang Maderthaner, Lutz Musner: Die Anarchie der Vorstadt. Das andere Wien um 1900. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-593-36334-8, S. 176ff. Film: Das Leichenbegängnis des Reichstagsabgeordneten Franz Schuhmeier. StadtFilmWien. Video: A schene Leich: Franz Schuhmeiers letzter Weg unter Hunderttausenden. Der Standard vom 17. März 2014. Schuhmeier wurde - wie er sich das ausdrücklich gewünscht hatte - unter den Klängen des Trauermarsches aus Richard Wagners Götterdämmerung ins Grab gesenkt.Pernersdorfer 1913, S. 7839. Filmaufnahmen des Begräbniszuges haben sich erhalten.