mini|Vera Lengsfeld 2015 bei einer Lesung Vera Lengsfeld, von 1980 bis 1992 Vera Wollenberger (* 4. Mai 1952 in Sondershausen), ist eine deutsche Publizistin und frühere Politikerin (parteilos, zuvor Bündnis 90/Die Grünen, CDU). Sie war ab 1981 als Bürgerrechtlerin in der DDR aktiv, wurde 1983 aus der SED ausgeschlossen und von ihrem damaligen Ehemann Knud Wollenberger im Auftrag des MfS bespitzelt. 1990 gehörte sie der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR an. Von 1990 bis 2005 war sie Mitglied des Deutschen Bundestages, bis 1996 für Bündnis 90/Die Grünen, dann für die CDU, aus der sie 2023 austrat. Nach ihrem Ausscheiden aus dem Parlament engagierte sie sich zunehmend in Strukturen der Neuen Rechten und wird inzwischen dem Umfeld der Partei „Alternative für Deutschland“ zugerechnet.
Jugend und Studium mini|hochkant|Vera Lengsfeld, verheiratete Wollenberger (1990) Lengsfeld verbrachte ihre ersten Jahre in Sondershausen und wurde in den ersten Lebensjahren überwiegend von ihrer Großmutter betreut. Lengsfelds Vater war Oberstleutnant im Ministerium für Staatssicherheit im militärischen Abwehrdienst und ihre Mutter Lehrerin. 1958 zog sie mit ihren Eltern nach Berlin-Lichtenberg um. Ab der dritten Klasse besuchte sie eine Spezialschule für Russisch in Berlin-Karlshorst, ab der neunten Klasse die 2. Erweiterte Oberschule in Berlin-Mitte.Vera Lengsfeld: Vorwort. In: Jörg Koch: Bismarckdenkmäler und Bismarckgedenken am Oberrhein. Marmor, Stein und Bronze spricht. Ubstadt-Weiher u. a. 2015. S. 5. Nach dem Abitur begann Lengsfeld 1970 ein Studium der Philosophie an der Karl-Marx-Universität Leipzig, wechselte 1971 zur Humboldt-Universität zu Berlin und schloss ihr Studium 1975 dort als Diplomphilosophin ab.
Im Jahr 1975 trat sie der SED bei. Nach einem Parteiverfahren wegen „wissenschaftlicher Unzuverlässigkeit“ wurde sie an das Wissenschaftliche Informationszentrum der Akademie der Wissenschaften versetzt.Für ein freies Land mit freien Menschen: Opposition und Widerstand in Biographien und Fotos, Robert-Havemann-Gesellschaft, Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (Germany), 2006, ISBN 978-3-938857-02-1, S. 147 (bei Google Books). Dort war sie von 1975 bis 1979 als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig.Vera Lengsfeld. Personenlexikon auf Jugendopposition.de, einem Gemeinschaftsprojekt der Robert-Havemann-Gesellschaft und der Bundeszentrale für politische Bildung, abgerufen am 22. Juli 2018.
Politisches Wirken Widerstand als DDR-Bürgerrechtlerin Ab 1981 war Lengsfeld in verschiedenen Oppositionsgruppen tätig. Im Herbst 1981 gründete sie den Friedenskreis Pankow mit. Wegen dieser Aktivitäten erhielt sie ein Berufsverbot und ging daraufhin zum Verlag Neues Leben, wo sie bis 1983 als Lektorin arbeitete. Wegen ihrer öffentlichen Proteste gegen die Aufstellung von SS-20 in der DDR wurde sie 1983 aus der SED ausgeschlossen. Ab 1985 arbeitete sie als Imkerin und Übersetzerin und begann ein Studium der Theologie am Sprachenkonvikt Berlin. Ihr Mann war ebenfalls als Imker tätig. Sie war in der Gruppe Gegenstimmen aktiv In: Jugendopposition.de, abgerufen am 21. Juli 2010. und moderierte im Jahre 1986 das erste Menschenrechtsseminar in der evangelischen Gemeinde Berlin-Friedrichsfelde. 1987 gründete sie die Kirche von Unten mit. Zudem verkehrte sie in der Umwelt-Bibliothek im Gemeindehaus der Zionskirche und beteiligte sich hier an Protestaktionen. Ihr Engagement umfasste die Organisation zahlreicher Großveranstaltungen der Friedens- und Umweltbewegung der DDR. Sie war Mitglied des Fortsetzungsausschusses für das Delegiertentreffen der Friedenskreismitglieder, die unter dem Titel Konkret für den Frieden jährlich zusammenkamen.
Im Januar 1988 wurde sie auf dem Weg zur Liebknecht-Luxemburg-Demonstration in Ost-Berlin verhaftet. Nach ihrer Untersuchungshaft in der zentralen Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen des MfS verurteilte sie das Stadtbezirksgericht Lichtenberg wegen „versuchter Zusammenrottung“ zu sechs Monaten Haft. Ihr Anwalt Wolfgang Schnur (damals Inoffizieller Mitarbeiter des MfS) erreichte, dass sie der Abschiebung ins westliche Ausland zustimmte, statt ihre Haft abzusitzen. Sie ging stattdessen für knapp zwei Jahre nach Cambridge in Großbritannien, wo sie am St. John’s College Philosophy of Religion studierte, aber ohne Master-Abschluss beendete. Bereits am 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls, kehrte sie aus privaten Gründen in die DDR zurück.Eckhard Jesse: Eine Revolution und ihre Folgen. 14 Bürgerrechtler ziehen Bilanz. Christoph Links Verlag, 2001, ISBN 3-86153-223-9, S. 287 f. und S. 321. Insgesamt enthält die Akte von Vera Wollenberger die Namen von 49 IMs der Stasi.
Engagement bei Bündnis 90/Die Grünen Im Zuge der Friedlichen Revolution trat die Bürgerrechtlerin in die Grüne Partei in der DDR ein, wurde für diese am 18. März 1990 in die Volkskammer der DDR gewählt und war bis zu deren Auflösung am 2. Oktober 1990 stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für Abrüstung und Verteidigung. Außerdem arbeitete sie als Vertreterin der Grünen Partei an der Arbeitsgruppe Neue Verfassung der DDR des Runden Tisches mit. Dieser Verfassungsentwurf wurde allerdings von der Volkskammer nicht behandelt. Sie war im Wahlkreis Berlin gewählt worden und gehörte zu den Abgeordneten, die zum 3. Oktober 1990 aus der Volkskammer in den Bundestag entsandt wurden.
Bei der ersten Bundestagswahl im vereinigten Deutschland im Dezember 1990 wurde Lengsfeld, die seit der Heirat mit dem Lyriker Knud Wollenberger im Jahr 1980 den Namen Wollenberger angenommen hatte,Christoph Dieckmann: Vera Lengsfeld – Wund fürs Leben. In: Die Zeit, Nr. 18, 2012. Artikel bei VÖBB/Genios für die Listenvereinigung Bündnis 90/Grüne – Bürgerbewegungen (B90/Gr.) im Wahlgebiet Ost Mitglied des Deutschen Bundestages.
In einer Bundestagsdebatte zum Zweiten Golfkrieg 1991 drückte sie ihre Kritik am Kriegseintritt dadurch aus, dass sie während ihrer Redezeit eine Minute lang demonstrativ schwieg, bis ihr Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth das Wort entzog, begleitet von Zurufen aus der CDU/CSU-Bundestagsfraktion wie „Zirkus!“, „Die soll sich untersuchen lassen!“3. Sitzung des Deutschen Bundestages in der 12. Wahlperiode am 17. Januar 1991 (PDF; 611 kB).Vera Lengsfeld: Eine Frau, die gerne aneckt. In: Zeit Online, 19. August 2009, abgerufen am 3. April 2016.
Nach dem Zusammenschluss von Bündnis 90 und den Grünen zu einer neuen Partei 1993 wurde Lengsfeld bei der Bundestagswahl 1994 erneut in den Bundestag gewählt.
Im Juni 1996 war Lengsfeld an der Gründung des Berliner Bürgerbüro e. V. beteiligt, einem Verein zur Aufarbeitung von Folgeschäden der SED-Diktatur.Website des Bürgerbüros.
Engagement in der CDU Aus Protest gegen eine von ihr befürchtete zukünftige rot-rot-grüne Koalition, also einer Koalition von Bündnis 90/Die Grünen zusammen mit der PDS und einen „Schmusekurs“ oder eine „offene Anbiederung“ an diese, schloss sie sich mit anderen Bürgerrechtlern wie Günter Nooke und Ehrhart Neubert am 17. Dezember 1996 der CDU an. Lengsfelds Vorwürfe wurden von führenden Grünen zurückgewiesen. Mit ihrem damaligen Parteiwechsel enttäuschte sie andere Mitglieder der Grünen wie die Bürgerrechtlerin Marianne Birthler, die die ostdeutsche Bürgerrechtsbewegung der Wendezeit besser bei den Grünen aufgehoben sahen.Bürgerrechtler verlassen Bündnisgrüne. In: Berliner Zeitung. 17. Dezember 1996; Stefan Reker: Ostdeutschland: Neue Heimat. In: Focus. Nr. 52, 1996. Lengsfeld wechselte zur CDU/CSU-Bundestagsfraktion und gab trotz Aufforderung ihr laufendes Mandat, das sie über die Liste der Grünen-Partei erhalten hatte, nicht ab.
Bei den Wahlen zum 14. Deutschen Bundestag am 27. September 1998 wurde sie über die Landesliste der CDU in Thüringen gewählt und bei der Wahl zum 15. Deutschen Bundestag am 22. September 2002 über die gleiche Liste wiedergewählt. Im selben Jahr erschien ihre Autobiographie.
2003 bezeichnete Lengsfeld die Hohmann-Affäre, die zum Parteiausschluss Martin Hohmanns aus der CDU führte, in der neurechten Jungen Freiheit als „inszenierte Treibjagd“. Lengsfeld sah in diesem Zusammenhang die Gefahr einer Einengung der Meinungsfreiheit, auch wenn Hohmanns als antisemitisch kritisierte Rede „unpassend und überflüssig“ gewesen sei.Vera Lengsfeld verteidigt Hohmann. Spiegel Online, 19. Dezember 2003. Nach Meinung der taz „wandte [sie] sich in der Folge immer stärker von der CDU Angela Merkels ab“.Andreas Fanizadeh: Vera Lengsfeld in den „Tagesthemen“: Rechter Osterhase. In: taz.de vom 2. April 2018. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Gessenharter bewertete das Interview mit Bezug auf den Jahresbericht des Bundesamtes für Verfassungsschutz aus dem Jahr 2003 als Beispiel für eine „Erosion der Abgrenzung“ von konservativen Personen gegenüber dem Netzwerk der Neuen Rechten.Wolfgang Gessenharter, Thomas Pfeiffer (Hrsg.): Die Neue Rechte – eine Gefahr für die Demokratie? VS, Wiesbaden 2004, ISBN 3-8100-4162-9.
Nach ihrer Niederlage bei der Wahl zum 16. Bundestag 2005 in ihrem Thüringer Wahlkreis als Direktkandidatin erklärte sie, auch nicht mehr als Listenkandidatin zur Verfügung zu stehen. Damit endete ihre Zeit als Abgeordnete im Deutschen Bundestag mit der Konstituierung des Parlaments zur 16. Wahlperiode am 18. Oktober 2005.
Für die Wahlen zum Bundestag 2009 kandidierte Lengsfeld im Bundestagswahlkreis Berlin-Friedrichshain – Kreuzberg – Prenzlauer Berg Ost erneut für die CDU.Ulrich Zawatka-Gerlach: Vera Lengsfeld tritt für die CDU in Kreuzberg an. In: Der Tagesspiegel. 23. Oktober 2008. Für Aufsehen sorgte ihr Wahlplakat, das Lengsfeld und die CDU-Vorsitzende Angela Merkel tief dekolletiert mit dem Slogan „Wir haben mehr zu bieten“ zeigt.Thorsten Denkler: CDU: Lengsfeld wie Merkel – Das politische Dekolleté. In: Süddeutsche Zeitung, 10. August 2009.Schelte für Vera Lengsfeld: Frauen-Union kritisiert busenbetonten Wahlkampf. In: Spiegel Online, 11. August 2009.Lutz Kinkel: CDU: Das verrückteste Wahlplakat. In: stern.de. 11. August 2009. Für Dirk Kurbjuweit war das Plakat ein Beispiel für einen im politischen Betrieb herrschenden „Trend zur Selbstverclownung“. Es sei schwer, im Bundestagswahlkampf „etwas noch Dämlicheres zu finden“ als dieses Plakat. Das angestrebte Direktmandat verfehlte Lengsfeld mit 11,6 % der abgegebenen Erststimmen deutlich. Es war das schlechteste aller CDU-Direktkandidaten bundesweit.Wahlinfo 2009. Zur Bundespräsidentenwahl 2010 setzte sich Lengsfeld innerhalb der CDU für die Wahl Joachim Gaucks ein.Präsidentenwahl CDU-Politikerin Lengsfeld wirbt für Gauck. In: Welt Online, 15. Juni 2010. Im Juli 2012 wurde sie zur Landesvorsitzenden der Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) Berlin-Brandenburg gewählt.Vera Lengsfeld leitet den VOS Berlin-Brandenburg. In: Welt Online, 4. Juli 2012.
Im Spätsommer 2020 führte Lengsfelds Mitgliedschaft im Verein Werteunion e. V. zu mehreren Austritten von Funktionären und Landesvorsitzenden. Der ehemalige Thüringer Landesvorsitzende Christian Sitter fürchtete, dass sich der „Verein unter Lengsfeld stärker für eine Zusammenarbeit mit der AfD öffnen könnte“. Lengsfeld hatte zuvor mit anderen angekündigt, für den Thüringer Landesvorstand zu kandidieren, dementierte jedoch, dass sie den Vorsitz anstrebe.Die Rückkehr der Vera Lengsfeld, Thüringische Landeszeitung, 20. August 2020 Am 30. November 2023 erklärte sie ihren Austritt aus der CDU.„DDR-Bürgerrechtlerin Lengsfeld hat CDU verlassen“, in: Hamburger Abendblatt vom 2. Dezember 2023, abgerufen am 2. Dezember 2023.
Vorstand Bürgerkonvent