mini|Blick auf die zum Leinetal gerichtete Hauptfassade der damaligen Provinzial-Irrenanstalt. Lithographie von Robert Geißler, 1880. Das Asklepios Fachklinikum für Psychiatrie und Psychotherapie Göttingen ist das vormalige Niedersächsische Landeskrankenhaus Göttingen und seit dem 1. November 2007 Teil der Asklepios-Kliniken-Gruppe, eines Hamburger Klinikbetreibers. Zusammen mit der Psychiatrie der Universitätsmedizin Göttingen stellt das Krankenhaus die vollstationäre psychiatrische Behandlung für die Landkreise Göttingen und Northeim sowie die südwestlichen Teile des Landkreises Goslar sicher. Eine geronto-psychiatrische Tagesklinik auf dem Krankenhausgelände, eine Institutsambulanz, eine Suchtambulanz sowie eine Tagesklinik in der Stadt Göttingen ergänzen das vollstationäre Angebot. Die Einrichtung verfügt über 510 Betten im gesamten Krankenhaus und 595 Vollkräfte als Mitarbeiter (Stand 2019).Gesetzlicher Qualitätsbericht Asklepios Fachklinikum Göttingen (2019) mit Link zum PDF-Dokument; PDF-Seite 10 und S. 11 ff, abgerufen am 24. August 2021.

Entstehungsgeschichte 1866 wurde das Krankenhaus für nervenkranke Patienten als Königliche Landes-Irrenanstalt zu Göttingen in Betrieb genommen. Spätere Bezeichnungen waren Provinzial-Irrenanstalt, Heil- und Pflegeanstalt sowie Niedersächsisches Landeskrankenhaus.

Ausschlaggebend für den weit im Süden des Königreichs Hannover gelegenen Standort war die Universität Göttingen und die Überlegung, „dass die Studierenden der medizinischen Fakultät durch die Einrichtung einer Anstalt dort auch die Möglichkeit einer Ausbildung in Psychiatrie während des Studiums bekamen.“U. Venzlaff: 1866–1982. Die Entwicklung des Niedersächsischen Landeskrankenhauses Göttingen. In: Niedersächsisches Landeskrankenhaus Göttingen. Hrsg. vom Niedersächsischen Sozialminister. Gesamtherstellung Goltze-Druck Göttingen, Göttingen Mai 1982, S. 5–15, hier S. 5. Erst 1954 wurden die Universitätsklinik Göttingen und das Niedersächsische Landeskrankenhaus (LKH) getrennt.U. Venzlaff: 1866–1982. Die Entwicklung des Niedersächsischen Landeskrankenhauses Göttingen. In: Niedersächsisches Landeskrankenhaus Göttingen. Hrsg. vom Niedersächsischen Sozialminister. Gesamtherstellung Goltze-Druck Göttingen, Göttingen Mai 1982, S. 5–15, hier S. 12. Die Klinik ist jedoch noch heute akademisches Lehrkrankenhaus der Georg-August-Universität Göttingen.

Architektur Die ab 1862 geplante und 1864–1866 erbaute Königliche Landes-Irrenanstalt zu Göttingen entstand damals außerhalb der Stadt, oberhalb der Leine am Südosthang des Leinebergs (Adresse heute: Rosdorfer Weg 70) und war seinerzeit das größte BauprojektDenkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Baudenkmale in Niedersachsen, Bd. 5.1 Stadt Göttingen. Bearbeitet von Ilse Rüttgerodt-Riechmann. Friedr. Vieweg & Sohn, Braunschweig / Wiesbaden 1982, ISBN 3-528-06203-7, S. 71. am Ort. Architekten des Baukomplexes waren die hannoverschen Baubeamten Adolf Funk und Julius Rasch,Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Baudenkmale in Niedersachsen, Bd. 5.1 Stadt Göttingen. Bearbeitet von Ilse Rüttgerodt-Riechmann. Friedr. Vieweg & Sohn, Braunschweig / Wiesbaden 1982, ISBN 3-528-06203-7, S. 70. - Der dort auf S. 71 gezeigte Plan der Gesamtanlage (Grundriss, Ansicht) zeigt ein so nicht in allen Details realisiertes frühes „Gründungsprojekt“ von 1862. unter deren Leitung etwa gleichzeitig auch andere große Anstaltsbauten in Osnabrück (Provinzial-Irrenanstalt) und Hannover (Hebammen-Lehranstalt) entstanden. Architekt Rasch, der vom damals noch jungen Architekten Gotthilf Ludwig Möckel unterstützt wurde, veröffentlichte den Göttinger Bau 1867 ausführlich, u. a. in der Zeitschrift des Architekten- und Ingenieurvereins Hannover.J. Rasch: Die Landes-Irrenanstalt zu Göttingen, insbesondere die Küchen- und Wirthschaftsgebäude derselben. In: Zeitschrift des Architekten- und Ingenieurvereins Hannover, Jg. 13, 1867, Sp. 325–357 und Bl. 380–385. Digitalisat auf digitale-sammlungen.de, abgerufen am 25. April 2022.

Der ausgedehnte Altbaukomplex der heutigen Asklepios Fachklinikums besteht aus mehreren teilweise freistehenden, symmetrisch angeordneten Gebäuden um einen zentralen großen Hof („Irrengarten“). Der Hauptbaukörper ist eine über 150 Meter breit gelagerte und reich mit Werksteinfassaden, Risaliten und neugotischer Bauzier versehene Dreiflügelanlage. Deren ehemalige Haupt- und Eingangsfront orientiert sich mit einem erhöhten Mittelrisalit und einem Dachreiter sowie einer repräsentativen Vorfahrt nach Südosten zum Leinetal, was heute durch die Bewaldung des Hangs nur noch eingeschränkt erlebbar ist. Die beiden nach Nordwesten gestreckten Enden der Seitenflügel werden durch einen Laubengang verbunden, welcher den Hof umschließt und die zweigeschossige Anstalts-Kapelle St. Lukas einfasst. Seitliche, 1894–1895 entstandene Pavillonbauten für Kliniken sowie die ehemalige Villa des Anstaltsdirektors Ludwig Meyer (Rosdorfer Weg 70N) runden das historische Gebäudeensemble in einer parkartigen Umgebung ab.

Ab Ende der 1970er Jahre entstand nordwestlich des Altbaus ein umfangreicher neuer Kranken- und Bettenhauskomplex, der 1981 bezogen wurde.H. Kromschröder, D. Reichenbach, H.-M. Daerr: Bauliche Generalsanierung des Landeskrankenhauses Göttingen. In: Niedersächsisches Landeskrankenhaus Göttingen. Hrsg. vom Niedersächsischen Sozialminister. Gesamtherstellung Goltze-Druck Göttingen, Göttingen Mai 1982, S. 17–41, hier S. 25 ff.

Privatisierung Am 1. November 2007 übernahm die Asklepios Klinikgruppe das Göttinger Landeskrankenhaus (LKH) sowie das Landeskrankenhaus Tiefenbrunn. Die Privatisierung stieß auf erheblichen Widerstand. Die Landtagsfraktionen von SPDKleine Anfrage - Bestand des festen Hauses nicht gesichert? In: landtag-niedersachsen.de, 31. Juli 2007 und Bündnis 90/Die Grünen beantragten ein Normenkontrollverfahren beim Staatsgerichtshof in Bückeburg. Sie waren der Meinung, dass der Verkauf fast aller Landeskrankenhäuser auf verfassungswidrigen Gesetzen basierte und stützten sich auf ein Expertengutachten.Dürfen private Träger psychisch kranke Straftäter betreuen? In: Ärzte Zeitung vom 21. Oktober 2008 Auch der niedrige Kaufpreis sorgte für Proteste und eine heftige öffentliche Debatte.

Durch die Privatisierung wurde das – ehemals organisatorisch in Form der Stationen 14.1, 14.2, 15, 16.1, 16.2 und 17 zum LKH gehörende und auf dem LKH Klinikgelände angestammte – Ludwig-Meyer-Institut für forensische Psychiatrie, in dem der Maßregelvollzug nach den und des StGB vollzogen wird, dem naheliegenden Maßregelvollzugszentrum Moringen, welches als Forensik und ehemaliges LKH weiterhin vollständig vom Land Niedersachsen als Träger betrieben wird, angegliedert.

Das Ludwig-Meyer-Institut für forensische Psychiatrie und Psychotherapie verbindet einzigartig in Deutschland eine universitäre Professur (Georg-August-Universität Göttingen, Bereich Humanmedizin) mit der Leitung des Asklepios Fachklinikums für forensische Psychiatrie, da ein privater Träger nicht die hoheitlichen Aufgaben des Landes in Form von freiheitsentziehenden Maßnahmen aus dem Bereich des Strafvollzugs und des Maßregelvollzugs wahrnehmen darf. So sind außer privat Angestellten auch rund ein Dutzend Landesbedienstete auf vier Stationen im Funktionsbereich VII – Forensische Psychiatrie des Asklepios Fachklinikums Göttingen eingesetzt.

Angebote Behandelt werden heute Patienten in den Bereichen der Akutpsychiatrie, der Suchtbehandlung, der Sozialpsychiatrie, der Gerontopsychiatrie, der Psychotherapie, der forensischen Psychiatrie, tagesklinischer Behandlung und ambulanter Behandlung.

Asklepios Mental Health Campus Niedersachsen Für die Zukunft plant die Betreibergesellschaft Asklepios Psychiatrie Niedersachsen eine umfassende Modernisierung und Umstrukturierung des Klinikgeländes mit schrittweiser Realisierung eines Klinikcampus „Asklepios Mental Health Campus Niedersachsen“. Der Standort soll der psychiatrischen und psychosomatischen Regel- und Maximalversorgung von rund 600.000 Einwohnern im südniedersächsischen Raum dienen.

Den Architektenwettbewerb von 2025 für die Neu- und Umgestaltung gewann im April 2026 eine Arbeitsgemeinschaft der Architekturbüros White Arkitekter (Stockholm) und Telluride Architektur (Düsseldorf) gemeinsam mit dem Landschaftsarchitekturbüro Kraft.Raum (Düsseldorf) und dem Verkehrsplanungsbüro Ambrosius Blanke (Bochum). Der Entwurf sieht rund 70.000 Quadratmeter Neubaufläche vor, die baulich und funktional in den parkähnlichen Bestand mit historischem Baumbestand integriert werden. Das städtebauliche und architektonische Konzept folgt den Prinzipien der sogenannten heilenden Architektur (''Healing Architecture'') sowie des evidenzbasierten Designs. Ziel ist der Abbau von Stigmatisierung durch offene Sichtachsen, großzügigen Tageslichteinfall und die Einbindung von Grün- und Freiflächen. Als organisatorisches Zentrum fungiert ein neu geschaffener Campus-Knotenpunkt, der das neue zentrale Eingangsgebäude mit bestehenden Bauteilen verknüpft und Wegeführungen bündelt. Funktional gliedert sich die Anlage in differenzierte Baukörper:

Die Einheiten der Erwachsenenpsychiatrie sind in vernetzten Gebäudekomplexen angeordnet, die über witterungsgeschützte sowie externe Verbindungsachsen erreichbar sind. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie ist als kleinteiligere, geschützte Gebäudestruktur in die Grünbereiche eingebettet und schließt an therapeutische Außen-, Schul- und Spielbereiche an.

Die Bauausführung ist in mehreren Phasen geplant, um den laufenden Klinikbetrieb ohne temporäre Ausweichbauten aufrechtzuerhalten. Das Nachhaltigkeitskonzept sieht neben modularer Vorfertigung und reduzierten Unterkellerungen die Integration von Photovoltaikanlagen sowie Maßnahmen zur Kreislaufwirtschaft und Materialwiederverwendung vor.

Literatur

Die neue Irrenanstalt zu Göttingen. In: Illustrirte Zeitung, Nr. 1220 vom 12. November 1866, S. 323–326. (Digitalisat auf digitale-sammlungen.de, abgerufen am 5. November 2025) Julius Rasch, Adolf Funk: Pläne der neuen Irrenanstalten zu Göttingen und Osnabrück. Im Auftrage des Ministeriums des Innern entworfen, erläutert und begründet. Mit 10 Blatt Zeichnungen und 52 in den Text gedruckten Holzschnitten. Carl Rümpler, Hannover 1862. (Behandelt eine Vorplanung, die später vielfach geändert wurde. Auch war damals noch ein anderer Standort etwa 1 km nördlich, an der Chaussee nach Münden, der heutigen Groner Landstraße, geplant.) – Nachdruck in: Helmut Ahlborn (Hrsg., Kommentar): Irrenanstalten. Historische Dokumente zur Theorie und Praxis der Irrenhausarchitektur und des Irrenwesens im 19. Jahrhundert (= Vergessene Informationen aus Gesellschaft, Politik und Technik. Band 1). Helmut Ahlborn Verlag, Kassel 1983, ISBN 3-923832-00-1. J. Rasch: Die Landes-Irrenanstalt zu Göttingen, insbesondere die Küchen- und Wirthschaftsgebäude derselben. In: Zeitschrift des Architekten- und Ingenieurvereins Hannover, Jg. 13, 1867, Sp. 325–357 und Bl. 380–385. (Digitalisat auf digitale-sammlungen.de, abgerufen am 5. November 2025) Ludwig Meyer: Die Provinzial-Irrenanstalt zu Göttingen. Zur Erinnerung an ihre Eröffnung vor 25 Jahren. Göttingen 1891. G. Ritter: Ludwig Meyer und die Göttinger Irrenheilkunde. In: Göttinger Monatsblätter (Beilage zum Göttinger Tageblatt), Ausgabe 33, November 1976, S. 4–5; Ausgabe 34, Dezember 1976, S. 8–9. Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Baudenkmale in Niedersachsen, Bd. 5.1 Stadt Göttingen. Bearbeitet von Ilse Rüttgerodt-Riechmann. Friedr. Vieweg & Sohn, Braunschweig / Wiesbaden 1982, ISBN 3-528-06203-7, S. 70–72. (Digitalisat auf digi.ub.uni-heidelberg.de, abgerufen am 5. November 2025) Niedersächsisches Landeskrankenhaus Göttingen. Hrsg. vom Niedersächsischen Sozialminister. Gesamtherstellung Goltze-Druck Göttingen, Göttingen Mai 1982.

Weblinks

Asklepios Fachklinikum Göttingen (Website des Unternehmens)