mini|Apollonios von Tyana auf einem spätantiken Kontorniaten

Apollonios von Tyana (, ; * um 40; † um 120 wohl in Ephesos; früher wurde als Lebenszeit vermutet: von ca. 3 v. Chr. bis ca. 97 n. Chr.) war ein antiker griechischer Philosoph. Er stammte aus der Stadt Tyana (dem heutigen Kemerhisar südlich von Niğde) in Kappadokien und verbrachte sein Leben umherziehend und lehrend im Osten des Römischen Reichs. Da er sich zum Vorbild und zur Lehre des Pythagoras bekannte, wird er zu den Neupythagoreern gezählt.

Seine offenbar außergewöhnliche Persönlichkeit und seine als mustergültig betrachtete philosophische Lebensweise beeindruckten seine Zeitgenossen und hatten eine breite Nachwirkung. Um sein Leben und Wirken rankten sich zahlreiche Legenden. Die umfangreiche Apollonios-Biographie des Philostratos (in lateinischer Ausgabe Vita Apollonii), die einen großen Teil der Erzählungen versammelt und den Philosophen verherrlicht, bietet eine Fülle von legendenhaftem Material. Sie stellt zwar eine zentrale Quelle für die antike Apollonios-Rezeption dar, ist aber für die historische Gestalt weit weniger ergiebig. Nur ein kleiner Teil der überlieferten biographischen Angaben und Lehrinhalte kann als gesichert gelten.

Einen großen Teil der antiken Apollonioslegende machen die zahlreichen Berichte über Wundertaten aus, die der wandernde Weise vollbracht haben soll. Schon in der Antike wurden dabei Parallelen zu den Berichten über Jesus von Nazareth und dessen Wunder beobachtet und für polemische Vergleiche genutzt: Christen und Nichtchristen stellten ihren jeweiligen Helden als überlegen dar. Auch in der Frühen Neuzeit wurde Apollonios oft als pagane Gegenfigur oder Parallelgestalt und Alternative zu Jesus Christus wahrgenommen und unter diesem Gesichtspunkt beurteilt. Die moderne Forschung hat zum einen hinsichtlich der historischen Gestalt Quellenkritik betrieben, zum anderen die Legendenbildung und die Instrumentalisierung des Philosophen in religiösen Konflikten eingehend untersucht.

Der historische Apollonios Quellen Werke des Apollonios

Die Apollonios zugeschriebenen Werke sind teils nicht erhalten, teils in ihrer Echtheit umstritten oder sicher unecht. Zu den Schriften, die als möglicherweise authentisch in Betracht kommen, zählen in erster Linie Briefe, eine verlorene Biographie des Pythagoras und die wahrscheinlich echte oder zumindest im Umfeld des Apollonios entstandene Schrift Über die Opferbräuche, von der nur ein Bruchstück erhalten ist.Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 129–149; Gerd Petzke: Die Traditionen über Apollonius von Tyana und das Neue Testament, Leiden 1970, S. 36–45; Jaap-Jan Flinterman: Power, Paideia and Pythagoreanism, Amsterdam 1995, S. 76–79.

Philostratos, Johannes Stobaios und eine separate Briefsammlung überliefern zahlreiche angeblich von Apollonios verfasste oder an ihn gerichtete Briefe. Manche davon sind vollständig wiedergegeben, andere nur auszugsweise oder als Paraphrase. Offenbar wurden bereits im 2. Jahrhundert Briefe gesammelt, die zum Teil fingiert waren. Inwieweit sich unter den erhaltenen Briefen echtes Material befindet, ist schwer zu beurteilen.Robert J. Penella (Hrsg.): The Letters of Apollonius of Tyana, Leiden 1979, S. 1–4, 23–29. Vgl. Graham Anderson: Philostratus, London 1986, S. 185–191. Vermutlich hat Philostratos einen erheblichen Teil der Briefe, die er anführt, selbst verfasst; bei anderen handelt es sich um ältere fiktive Schreiben, auf die er zurückgriff.Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 38f., 41–44, 54, 80f., 134f.; Matthias Dall'Asta: Philosoph, Magier, Scharlatan und Antichrist, Heidelberg 2008, S. 25f.; Nikoletta Kanavou: Philostratos’ Life of Apollonius of Tyana and its Literary Context, München 2018, S. 17f. und Anm. 32.

Die Neuplatoniker Porphyrios und Iamblichos hatten anscheinend noch Zugang zu der heute verlorenen Pythagoras-Biographie; sie beriefen sich auf dieses Werk.Porphyrios, Vita Pythagorae 2; Iamblichos, De vita Pythagorica 254. In der Suda, einer mittelalterlichen byzantinischen Enzyklopädie, wird ein Leben des Pythagoras unter den Schriften des Apollonios von Tyana angeführt.. Der von Porphyrios und Iamblichos erwähnte Apollonios wird traditionell mit dem Tyaneer gleichgesetzt, doch hat Peter Gorman 1985 dagegen Einwände erhoben,Peter Gorman: The ‚Apollonios‘ of the Neoplatonic Biographies of Pythagoras. In: Mnemosyne 38, 1985, S. 130–144. und seither mehren sich die Stimmen der Zweifler.Siehe dazu Constantinos Macris: Becoming divine by imitating Pythagoras? In: Mètis 4, 2006, S. 297–329, hier: S. 322 und Anm. 111; Jaap-Jan Flinterman: Power, Paideia and Pythagoreanism, Amsterdam 1995, S. 77–79; Carl O’Brien: The Philosophy of Apollonius of Tyana: An Attempt at Reconstruction. In: Dionysius 27, 2009, S. 17–31, hier: 27f. Gregor Staab lehnt die Zuschreibung an den Tyaneer ab. Er führt den Suda-Eintrag auf eine Verwechslung zurück und vermutet, der Verfasser der Lebensbeschreibung sei der hellenistische Gelehrte Apollonios Molon.Gregor Staab: Der Gewährsmann ‘Apollonios’ in den neuplatonischen Pythagorasviten – Wundermann oder hellenistischer Literat? In: Michael Erler, Stefan Schorn (Hrsg.): Die griechische Biographie in hellenistischer Zeit, Berlin 2007, S. 195–217.

Sonstige Quellen

Die weitaus ausführlichste Quelle ist eine umfangreiche, acht Bücher umfassende Lebensbeschreibung des Apollonios (Ta es ton Tyanéa Apollṓnion, lateinisch Vita Apollonii), die der Sophist Flavius Philostratos in griechischer Sprache verfasste und im Zeitraum zwischen 217 und 238 abschloss.Zur Datierung siehe Jaap-Jan Flinterman: Power, Paideia and Pythagoreanism, Amsterdam 1995, S. 25–27; Ewen Lyall Bowie: Apollonius of Tyana: Tradition and Reality. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt, Bd. II 16.2, Berlin 1978, S. 1652–1699, hier: 1669f. Philostratos schrieb im Auftrag der römischen Kaiserinwitwe Julia Domna († 217).Siehe dazu Nikoletta Kanavou: Philostratos’ Life of Apollonius of Tyana and its Literary Context, München 2018, S. 15–17. Er konnte ihr aber das Ergebnis seiner Bemühungen nicht vorlegen, da sie bereits verstorben war, als er seine Arbeit vollendete. Seine Schilderung hat das Bild des Apollonios bis in die Gegenwart geprägt. Er verwertete Material aus älteren, heute verlorenen Schriften und versuchte den Eindruck von Gewissenhaftigkeit, Zuverlässigkeit und großer Sachkenntnis zu erwecken. Sehr wichtig war ihm aber auch die literarische Gestaltung; er legte die Biographie romanhaft anZu den romanhaften Aspekten und ihrer Umgestaltung in der Philosophenbiographie siehe Alain Billault: Les formes romanesques de l’héroïsation dans la Vie d’Apollonios de Tyane de Philostrate. In: Bulletin de l’Association Guillaume Budé 1991, S. 267–274. und schmückte sie mit einer Fülle von Wundergeschichten aus. Daher und wegen zahlreicher Unstimmigkeiten hat die moderne Quellenkritik seiner Darstellung in vielerlei Hinsicht die Glaubwürdigkeit abgesprochen.Siehe dazu Vroni Mumprecht (Hrsg.): Philostratos: Das Leben des Apollonios von Tyana, Berlin 2014, S. 990–1008. Seine Unzuverlässigkeit zeigt sich unter anderem bei falschen Angaben zur Chronologie.Siehe zur Chronologie Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 32–38.

Philostratos behauptete, seine Apollonios-Biographie sei in erster Linie eine Überarbeitung eines älteren Werks, der Aufzeichnungen (hypomnḗmata) des Damis. Damis sei ein Schüler des Apollonios gewesen, er habe seinen Lehrer auf dessen Reisen begleitet und als Augenzeuge die Ereignisse und die Äußerungen des Philosophen schriftlich festgehalten. Ein Verwandter des Damis habe Julia Domna die Aufzeichnungen des Philosophenschülers vorgelegt. Diese habe sich eine gefälligere Behandlung des Stoffs gewünscht, denn Damis sei zwar ein gewissenhafter Berichterstatter, aber kein guter Schriftsteller gewesen. Daher habe sie ihn, Philostratos, beauftragt, auf der Basis von Damis’ Angaben eine Biographie zu schreiben, die auch in stilistischer Hinsicht befriedigen könne.Philostratos, Vita Apollonii 1,3. Vgl. Thomas Schirren: Philosophos Bios. Die antike Philosophenbiographie als symbolische Form, Heidelberg 2005, S. 2.

Diese Ausführungen des Philostratos sind von der modernen Forschung einer fundamentalen Kritik unterzogen worden. Dabei hat sich herausgestellt, dass das „Tagebuch des Damis“ eine literarische Fiktion ist. Authentische Aufzeichnungen eines Apollonios-Schülers namens Damis hat es sicher nie gegeben. Entweder hat Philostratos das Tagebuch frei erfundenDieser Ansicht sind Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 12f., 19–49, 141, Ewen Lyall Bowie: Apollonius of Tyana: Tradition and Reality. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt, Bd. II 16.2, Berlin 1978, S. 1652–1699, hier: 1653–1666, Erkki Koskenniemi: Der philostrateische Apollonios, Helsinki 1991, S. 9–15, 85f. und Thomas Schirren: Philosophos Bios. Die antike Philosophenbiographie als symbolische Form, Heidelberg 2005, S. 5f. oder es handelt sich um eine von ihm benutzte Schrift eines unbekannten Autors, der sich als Schüler des Apollonios ausgab.Jaap-Jan Flinterman: Power, Paideia and Pythagoreanism, Amsterdam 1995, S. 79–88; Robert J. Penella (Hrsg.): The Letters of Apollonius of Tyana, Leiden 1979, S. 1 Anm. 3; Wolfgang Speyer: Zum Bild des Apollonios von Tyana bei Heiden und Christen. In: Jahrbuch für Antike und Christentum, Jg. 17, 1974, S. 47–63, hier: 49–53. Vgl. Graham Anderson: Philostratus, London 1986, S. 155–173. Zugunsten der letzteren Hypothese wird geltend gemacht, Philostratos habe es nicht wagen können, sich auf die Kaiserin zu berufen, um einer erfundenen Quelle Glaubwürdigkeit zu verleihen. Ein weiteres, gewichtigeres Argument lautet, es habe Philostratos Verlegenheit bereitet, dass die von ihm wiedergegebene Darstellung des Pseudo-Damis ein aus seiner Sicht unerwünschtes Bild seines Protagonisten zeichne. Dies sei unverständlich, wenn man annehme, dass er seine Quelle selbst erdichtet habe. Es könne sich zwar bei dieser Diskrepanz um eine raffinierte Finte zwecks Erhöhung der eigenen Glaubwürdigkeit handeln, doch sei ein solches Vorgehen in der antiken Literatur beispiellos.Jaap-Jan Flinterman: Power, paideia & Pythagoreanism, Amsterdam 1995, S. 84f., 231f.

Zu den heute verlorenen älteren Hauptquellen zählt anscheinend ein Werk, das Maximos von Aigeai, ein Sekretär Kaiser Hadrians, in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts verfasste. Es behandelte, wie Philostratos mitteilt, die Taten des Apollonios in der Stadt Aigeai (Aigai) in Kilikien.Philostratos, Vita Apollonii 1,3 und 1,12. Ob es sich bei dieser Schrift um eine reale oder um eine von Philostratos erfundene Quelle handelt, ist in der Forschung umstritten. Heute wird überwiegend die Auffassung vertreten, dass Maximos tatsächlich unter Hadrian gelebt und das ihm zugeschriebene Werk geschrieben hat und dass Philostratos zu dieser Quelle Zugang hatte. Die Zweifel sind jedoch nicht völlig ausgeräumt.Eine Forschungsübersicht bietet Thomas Schirren: Philosophos Bios. Die antike Philosophenbiographie als symbolische Form, Heidelberg 2005, S. 2–5. Vgl. Maria Dzielska: Apollonius of Tyana in Legend and History, Rom 1986, S. 34f.; Ewen Lyall Bowie: Apollonius of Tyana: Tradition and Reality. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt, Bd. II 16.2, Berlin 1978, S. 1652–1699, hier: 1684f.; Jaap-Jan Flinterman: Power, Paideia and Pythagoreanism, Amsterdam 1995, S. 68f. Für die Historizität plädierte auch Fritz Graf: Maximos von Aigai. In: Jahrbuch für Antike und Christentum 27/28, 1984/1985, S. 65–73, wobei er aber von einer heute überholten Chronologie ausging.