mini|hochkant=1.9| Deutsche Mundarten (nach Peter WiesingerPeter Wiesinger: Die Einteilung der deutschen Dialekte. In: Werner Besch, Ulrich Knoop, Wolfgang Putschke, Herbert Ernst Wiegand (Hrsg.): Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektforschung, 2. Halbband. De Gruyter, Berlin / New York 1983, ISBN 3-11-009571-8, S. 807–900.) mit den folgenden dialektalen Großgruppen:

Anmerkung: In dieser Karte werden deutsche Dialekte definiert als alle vom Standarddeutschen überdachten westgermanischen Sprachvarietäten. Der Bereich, in dem simultan zwei Dachsprachen benutzt werden (Luxemburgisch und Deutsch), ist schwarz-weiß umrandet.

Die deutschen Dialekte oder deutschen Mundarten sind die eigenständig aus dem Alt- und Mittelhochdeutschen beziehungsweise dem Alt- und Mittelniederdeutschen entwickelten, von der deutschen Schrift- oder Standardsprache genetisch unabhängigen, landschaftlich geprägten Formen der deutschen Sprache. Diese Mundarten bilden in ihrer Gesamtheit einen Teil des kontinentalwestgermanischen Dialektkontinuums.

Im soziolinguistischen Kontext können die deutschen Dialekte weitgehend definiert werden als die westgermanischen Sprachvarietäten, für die Standarddeutsch die Kultursprache und/oder die am engsten verwandte Sprache ist.J. Goossens: Zum Verhältnis von Dialektologie und Soziolinguistik. Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik, 48. Jahrg. (1981), H. 3, S. 299–312.

Die Hauptunterteilung der deutschen Dialekte basiert traditionell auf dem Grad der Beteiligung an der zweiten Lautverschiebung: vollständig, teilweise oder fehlend. Daraus ergeben sich die drei Hauptkategorien Oberdeutsch, Mitteldeutsch und Niederdeutsch. Außerhalb dieser Einteilung steht das Niederfränkische, das in gewisser Hinsicht eine Sonderkategorie bildet, da es in einem historischen Kontinuum mit dem Altniederländischen und nicht dem Althoch- und Altniederdeutschen steht.

Allgemeines Die vielfältigen Varietäten der deutschen Sprache, des Standarddeutschen und der Mundarten, lassen sich nicht an politischen Grenzen festmachen. Eine Varietät ist entweder „Sprache“ oder „Dialekt“, jedoch nur in Bezug auf etwas anderes; der begriffliche Status der Bezeichnungen für Sprachvarietäten kann sich wandeln. So spricht man von einem Schweizer Hochdeutsch oder einem bairischen Hochdeutsch sowie von Nonstandardvarietäten wie dem Obersächsisch-Meißnerischen oder dem ripuarischen Kölsch.Ulrich Ammon: Was ist ein deutscher Dialekt? In: Klaus Mattheier (Hrsg.): Dialektologie des Deutschen. Tübingen 1994, S. 370.

Im Westen ist der Ausdruck Platt (vermutlich ein niederfränkischer Ausdruck, der „verständlich, deutlich“ bedeutet) für die örtlichen Dialekte verbreitet, der nicht mit dem Begriff Plattdeutsch für das Niederdeutsche zu verwechseln ist. Im 19. Jahrhundert versuchte Jacob Grimm, zwischen Dialekt (großräumiger) und Mundart (kleinräumiger) zu unterscheiden, eine Differenzierung, die sich nicht durchgesetzt hat.

Die Bezeichnungen der Dialekte haben verschiedene Bildungsformen: Ort oder Region plus Dialekt oder Mundart („der Wiener Dialekt“, „die Wiener Mundart“), Ort oder Region plus Platt („Aachener Platt“, „Lothringer Platt“), Zusammensetzung mit -deutsch, wobei das Bestimmungswort mit oder ohne Ableitungssilbe -er auftritt („Berndeutsch“, „Schaffhauserdeutsch“) sowie Substantivierung auf -isch („Münchnerisch“, „Schwäbisch“).Karte zur Verwendung von Dialekt, Platt, Mundart

Dachsprachen Im größten Teil des Raums, wo deutsche Dialekte gesprochen werden, gilt das Deutsche als Dach- oder Standardsprache. In Grenznähe zu Deutschland gibt es in Frankreich und Belgien einige Gebiete, wo deutsche Dialekte gesprochen werden, die Französisch als Dachsprache haben, und im Norden Italiens liegen etliche Sprachinseln, wo deutsche Dialekte von der italienischen Standardsprache überdacht sind. Entsprechendes gilt für einen Teil der Sprachinseln in Ostmittel- und Osteuropa und in Übersee, zum Beispiel Hunsrik.

In Luxemburg wurde in den letzten Jahrzehnten das Luxemburgische – linguistisch ein mitteldeutscher Dialekt –, zu einer eigenständigen Standardsprache entwickelt, aber auch hier spielt Deutsch auf der Ebene der Schriftlichkeit nach wie vor eine wichtige Rolle. Die schweizerdeutschen Dialekte hingegen sind trotz vielfältiger einheitlicher Merkmale und einer starken Verwendung im Schriftlichen nicht als einheitliche Sprache etabliert. Das Standarddeutsche Österreichs, der Schweiz und Deutschlands sind hingegen Varietäten der deutschen Standardsprache.

Im Mittelalter konkurrierten das Mittelniederdeutsche und zum anderen das Mittelniederländische. So gehörte das Niederrheingebiet zum Geltungsbereich des Niederländischen. Das Bistum Münster galt als zweisprachig. Während die niederdeutschen Dialekte ab dem 16. Jahrhundert das Neuhochdeutsche als alleinige Schriftsprache annahmen, verblieb der Niederrhein noch bis ins 19. Jahrhundert beim Niederländischen. Die preußische Regierung führte aber im 19. Jahrhundert eine rigide aktive Sprachpolitik, deren Ziel die vollständige Verdrängung des Niederländischen und die Etablierung des Deutschen als alleiniger Standard- und Schriftsprache war.Werner Besch u. a. (Hrsg.): Sprachgeschichte: ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache, 3. Teilband. De Gruyter, Berlin 2003, S. 2636. So wurde 1827 der Gebrauch der niederländischen Sprache in Elementarschule und Kirche verboten.Wilhelm Böttger: Land zwischen Rhein und Maas: der Linke Niederrhein. In: Monographien deutscher Wirtschaftsgebiete. Nr. 7, 1958, S. 22.Georg Cornelissen: Das Niederländische im preußischen Gelderland und seine Ablösung durch das Deutsche. Röhrscheid, Bonn 1986, S. 93. Dennoch wurde im Klevischen bis in die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts hinein in den Kirchen niederländisch gesprochen und gelehrt, sodass es um 1900 im Deutschen Reich noch 80.361 niederländischsprachige Einwohner gab.J. Kempen: Sprachgeschichtliches vom Niederrhein. In: Der Sprachdienst 18, 1974, S. 132. Mit einem Verbot in den späten 1930er Jahren setzten die Nationalsozialisten dem Niederländischen am Niederrhein ein offizielles Ende.

Entstehung der Dialekte und Dialekträume Stammessprachen und Territorialdialekte Im Frühmittelalter bestanden auf dem Gebiet der später deutschsprachigen Länder und der Benelux-Staaten verschiedene germanische Stammesverbände. Es waren die Stämme der Alamannen, Bajuwaren, Franken, Friesen, Sachsen und Thüringer. Im Süden, im späteren Italien, siedelte der Stammesverband der Langobarden, der zu dieser Zeit ebenfalls noch eine germanische Stammessprache besaß. Einige dieser Verbände waren jedoch selbst erst im Gefolge der Völkerwanderung gebildete Konglomerate aus verschiedenen Stämmen, etwa die Alemannen („alle Leute“), die Franken („die Freien“) und die Sachsen („Schwertgenossen“). Im 9. Jahrhundert waren die Stämme im Reich Karls des Großen vereinigt und ab dem 10. Jahrhundert in den Stammesherzogtümern Baiern, Franken, Lothringen (seit 959 in Nieder- und Oberlothringen geteilt) und Schwaben sowie in der Landgrafschaft Thüringen organisiert. Das Gebiet der Friesen war lose dem Herrschaftsgebiet Lothringen angegliedert. Im Zuge einer Reichsreform des 12. Jahrhunderts wurden die Stammesherzogtümer abgeschafft.

Wie weit diese Stämme eigene Sprachen besaßen, ist weitgehend unbekannt und wurde in der Sprachgeschichtsschreibung unterschiedlich beantwortet. Im 8. Jahrhundert – vereinzelt schon davor – traten jedenfalls einerseits nah verwandte althochdeutsche und anderseits nah verwandte altniederfränkische und altsächsische Schreibsprachen auf, die hauptsächlich zu literarischen Zwecken verwendet wurden. In mittelhochdeutscher und mittelniederdeutscher Zeit fungierten diese Schreibsprachen als eigentliche Literatur- und Verwaltungssprachen. Die effektiv gesprochene Sprache bildeten sie jedoch nur in den Grundzügen ab.

Historische Dialekte Die hoch- und spätmittelalterlichen Dialekte lassen sich nur sehr begrenzt aus den damaligen Schreibsprachen eruieren, da diese relativ stark überregional ausgerichtet waren und damit allzu lokale Züge vermieden. Vieles deutet aber darauf hin, dass die wesentlichen Züge der heutigen deutschen Mundarten schon im Hochmittelalter ausgebildet waren. Im Historischen Südwestdeutschen Sprachatlas werden sprachliche Eigenheiten der Urbare des 13. bis 15. Jahrhunderts kartographisch aufbereitet, deren damalige areale Verteilung vielfach mit derjenigen des 20. Jahrhunderts übereinstimmt.Wolfgang Kleiber, Konrad Kunze, Heinrich Löffler: Historischer Südwestdeutscher Sprachatlas. Aufgrund von Urbaren des 13. bis 15. Jahrhunderts. Band I: Text. Einleitung, Kommentare und Dokumentation. Band II: Karten. Einführung, Haupttonvokalismus, Nebentonvokalismus, Konsonantismus. Francke, Bern/München 1979 (Bibliotheca Germanica 22 A/B). Rückschlüsse auf die damalige gesprochene Sprache erlauben auch Hyperkorrekturen, also falsche Verallgemeinerungen, die auf das Vorkommen einer nicht mit der Schriftsprache übereinstimmenden Lautung hindeuten.Vgl. hierzu beispielsweise die Anmerkungen zu den Artikel Fūst (Band I, Sp. 1124) und Sǖfz(g)en (Band VII, Sp. 371) im Schweizerischen Idiotikon: Schreibungen wie ‹Funst› für /fuːst/ oder ‹sünfzgen› für /syːftsgən/ lassen darauf schließen, dass zum damaligen Zeitpunkt das Staubsche Gesetz schon Realität war. Besonders in Gebrauchstexten schimmert die gesprochene Sprache durch; so lassen sich schon in althochdeutschen Zeugnissen Reflexe gesprochener Sprache feststellen.Stefan Sonderegger: Reflexe gesprochener Sprache in der althochdeutschen Literatur. In: Karl Hauck (Hrsg.): Frühmittelalterliche Studien. Jahrbuch des Instituts für Frühmittelalterforschung der Universität Münster. Bd. 5. Berlin / New York 1971, S. 176–192. Ein prägnantes Beispiel (Sonderegger 1971, S. 180) ist etwa Gimer min ros in den sogenannten „Althochdeutschen Gesprächen“, einem Konversationsbüchlein aus dem 10. Jahrhundert, wofür in einem literarischen Text gib mir min ros stünde.

Die Ergründung der historischen Dialekte in lautlicher Hinsicht ist besonders die Aufgabe der infralinguistischen strukturell-genetischen Methode und der Phonogenetik, die ermöglichen, aus den Lautsystemen rezenter Dialekte die historischen zu erschließen.Vgl. etwa Peter Wiesinger: Strukturelle historische Dialektologie des Deutschen. Strukturhistorische und strukturgeographische Studien zur Vokalentwicklung deutscher Dialekte (= Germanistische Linguistik. 234–236). Hrsg. von Franz Patocka. Olms, Hildesheim / Zürich / New York 2017, ISBN 978-3-487-15102-1, einführend S. 13–24. Die regionalen historischen Wortschätze wiederum lassen sich einerseits direkt aus der historischen Schriftlichkeit, anderseits indirekt aus der rezenten Areallinguistik erschließen.Vgl. beispielsweise Ernst Erhard Müller: Wortgeschichte und Sprachgegensatz im Alemannischen (= Bibliotheca Germanica, 8). Francke, Bern/München 1960. Für morphologische Zwecke können historische Texte hingegen nur mit der nötigen Vorsicht ausgewertet werden, da hier – wie bei der Lautung – die Schriftlichkeit zu Überregionalität und Konservatismus neigt.Der Wechsel vom unumgelauteten Plural Wolfe zum umgelauteten Plural Wölfe kann für das Südalemannischen mit einiger Sicherheit in die Jahrzehnte vor und nach 1500 datiert werden, vgl. Schweizerisches Idiotikon, Band XV, Spalte 1560, Anmerkung zum Artikel Wolf. Umgekehrt lässt sich aus der historischen Schriftlichkeit die damalige areale Verteilung der beiden Varianten des Partizips Perfekt von helfen, nämlich geholfen (lautgesetzlich) und gehulfen (analogisch), im Südalemannischen nicht rekonstruieren, da die eidgenössische Landsprache beide Varianten in freier Variation verwendet; siehe hierzu Christoph Landolt: »Dis gelt ist ouch den burgern genzlich vergulten.« Die Partizipia Präteriti der Reihe IIIb mit Ablaut u im Alemannischen. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 132 (2013), S. 401–416.