Bellersheim ist ein Stadtteil von Hungen im mittelhessischen Landkreis Gießen.

Geographie mini|Münzenberger Straße mini|Eingang zur Oberburg mini|Die Reste der Mittelburg mini|Hofeingang zur ehemaligen Unterburg in Bellersheim. Burgmauer mit Schießscharte und Erklärungstafel, rechts Herrenhaus

Bellersheim liegt in der nördlichen Wetterau am Westrand einer Niederung, die mit geringer Neigung nach Osten zur fünf Kilometer entfernten Horloff entwässert. Am östlichen Ortsrand liegt der Sachsensee. Hierbei handelt es sich um einen rekultivierten Braunkohletagebau. Die Gemarkungsfläche beträgt 889 ha, davon sind auf den Höhen westlich bis nördlich der Ortslage 190 Hektar bewaldet. Die höchste Erhebung erreicht hier 220 Meter.

Ortsgeschichte Vorgeschichte Heute noch vorhandene Grabhügel aus der Bronzezeit weisen die vorherige Nutzung des Siedlungsplatzes nach. Die Lage im Altsiedelland, im nördlichen Randbereich der fruchtbaren Wetterau, berechtigt zu der Annahme, dass der Platz seit der Jungsteinzeit genutzt wurde. Aus römischer Zeit gibt es noch die Reste einer villa rustica im Markwald Bellersheim, Distrikt „Streuben.“ Dort wurden auch Fliesen aus dem 13. Jahrhundert gefunden.

Mittelalter Erstmals wurden Bellersheim und der Ort Rehborn im Jahre 769 „… in Baltratisheimer marca et in Rembrunna marca …“ (in der Bellersheimer und in der Rehborner Mark) im Lorscher Codex erwähnt.Karl Glöckner, Codex Laureshamensis 3, Darmstadt 1929–1936, Nachdruck 1963. CL III 3738 b. Der Lorscher Codex ist ein Kopialbuch aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Weitere Erwähnungen Bellersheims in dieser Handschrift sind 774 „… in pago Wetdereiba in uilla Baldradesheim …“CL III 3359. und 780 „… in Baldrisheim marca …“.CL III 1154. Aus der gleichen Zeit stammen die Ersterwähnungen der Nachbarorte Wohnbach und Obbornhofen. Sechs von insgesamt 16 genannten Grundherren in Obbornhofen und Bellersheim übertrugen Güter in beiden Orten an das Kloster Lorsch.Eugen Rieß: Kloster Lorsch. In: Eugen Rieß, Dieter Wolf: „Vom Leben in einem kleinen Dorf. Die Ortsgeschichte von Wohnbach. Band 1: Alte Zeiten.“ Herausgegeben vom Arbeitskreis Dorferneuerung Wohnbach und der Gemeinde Wölfersheim. 2022. S. 32–61. Zwischen Obbornhofen und Bellersheim bestanden in dieser Zeit „… Besitzverbindungen und Namensbeziehungen … die so zwischen keinen zwei anderen Orten der frühmittelalterlichen Siedlungslandschaft existierten.“Jürgen Steen: Königtum und Adel in der frühmittelalterlichen Siedlungs-, Sozial- und Agrargeschichte der Wetterau. = Schriften des Historischen Museums Frankfurt 14 (1979) S. 177.

Das Kloster Lorsch erhielt zwischen 769 und 774 insgesamt zwölf private Schenkungen in Bellersheim. Der Ortsname wird als „Siedlung des Baldarad“ gedeutet.Lutz Reichardt: Die Siedlungsnamen der Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach in Hessen. Namenbuch. Dissertation. Göppingen 1973. S. 44 f. Die Bezeichnung „uilla“ oder „villa“ gibt die Siedlungsform Dorf an.

Die Namensformen in Urkunden des 13. und 14. Jahrhunderts sind oft Herkunftsbezeichnungen von Mitgliedern des Dorfadels. Es waren 1220: … Adelheidis de Beldersheim …Ludwig Baur: Urkundenbuch des Klosters Arnsburg in der Wetterau, (AUB) Heft 3. Darmstadt 1851. Nr. 9. und 1341 … Johan de Beldirshein ….Arthur Wyss: Urkundenbuch der Deutschordens-Ballei 2, Nr. 701.

Im Mittelalter gab es drei Burgsitze, die Bellersheimer Burgen, im Norden und Westen des historischen Dorfes. Die später in mehrere Linien verzweigte niederadelige Familie der Herren von Bellersheim hatte vermutlich dort ihren Stammsitz.

Im Spätmittelalter fiel der Ort Rehborn, welcher in der heutigen Bellersheimer Gemarkung lag,Georg Wilhelm Justin Wagner: Die Wüstungen im Großherzogtum Hessen. Provinz Starkenburg. Darmstadt 1854. S. 155 ff. wüst.

Im Osten, am Rande des historischen Dorfkerns steht die im 13. Jahrhundert erbaute Evangelische Kirche (Bellersheim).

Amt Hungen Graf Wilhelm Moritz von Greifenstein, der sich später wieder nach der Braunfelser Linie nannte, hatte seit 1693 die Herrschaft über das ganze Amt Hungen. Um 1700 umfasste das Amt die Dörfer Bellersheim, Bettenhausen, Birklar, Muschenheim, Nonnenroth, Röthges und Villingen, welche alle dienstpflichtig waren außer Langsdorf. In der Zeit von 1705 bis 1719 beteiligten sich die Einwohner des Ortes mit den übrigen Dörfern des Amtes Hungen an einer Rebellion gegen die Solms-Braunfelser Obrigkeit.Werner Troßbach: Bauernbewegungen im Wetterau-Vogelsberg-Gebiet 1648-1806. Fallstudien zum bäuerlichen Widerstand im Alten Reich. = Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte. Bd. 52, Darmstadt und Marburg 1985, S. 48–104.

Eine wesentliche Ursache für diese Konflikte war die schlechte ökonomische Situation der weitgehend bäuerlichen Bevölkerung. Trotz guter Ackerböden in den südlich gelegenen Orten des Amtes waren die Menschen arm und zu Nebengewerbe gezwungen. Noch 1826 lebten von den 92 Haushalten in Bellersheim 20 zusätzlich von der Leinenweberei. Diese Situation war auch im 18. Jahrhundert nicht wesentlich anders. Die durchschnittliche landwirtschaftliche Betriebsgröße z. Zt. des Aufstands betrug in Bellersheim 2,57 ha. Innerhalb eines Zeitraums von mehr als 100 Jahren (1710–1825) wuchs die Zahl der Haushalte im Dorf lediglich um zwei.Werner Troßbach: Bäuerlicher Widerstand, S. 48–52. Diese Situation wurde dadurch verschärft, dass Graf Wilhelm Moritz „eine aufwändige Hofhaltung“ pflegte. Um diese zu finanzieren, wurden die in Geld zu leistenden Abgaben, besonders das Dienstgeld, deutlich erhöht. Der Anführer der Bellersheimer, Johann Heinrich Kempf, gehörte der dritten Steuerklasse an und musste 16 fl jährlich zahlen, die sein Hof aber nicht abwarf.Werner Troßbach: Bäuerlicher Widerstand, S. 53.

Bellersheim gehörte Anfang 1715 zu den Orten, die beim Reichshofrat in Wien Klage einreichten. Mit Druckmitteln wie Zwangsrekrutierungen der Schöffen und Ausschluss vom Abendmahl verschärfte die Obrigkeit die Situation. Nachdem Graf Wilhelm Moritz durch einen Beschluss des Reichshofrats gestärkt worden war, versuchte er, Zwangspfändungen durch Soldaten vorzunehmen. Diese scheiterten aber am Widerstand der Bevölkerung in Bellersheim und anderen Orten. Da sich die Hungener Landmiliz langsam auflöste, setzte man die Landmiliz des Amtes Wölfersheim ein, die aber am 26. November 1716 bei Nieder-Bessingen in die Flucht geschlagen wurde. Daraufhin wurde diese mit Braunfelser Soldaten verstärkt, aber vier Tage später von allen Bauern des Amtes Hungen bei Birklar und Muschenheim aus dem Amt gejagt.

Ab dem 20. Jahrhundert An Heiligabend 1944 gegen 15 Uhr wurde das Dorf von Bombern der US Air Force angegriffen. Zwei Staffeln mit 26 Maschinen warfen insgesamt 41,8 Tonnen Bomben ab. 13 Menschen starben bei diesem Angriff. Der Angriff der beiden Staffeln sollte eigentlich dem Flugplatz Harb bei Nidda gelten.

Hessische Gebietsreform (1970–1977) Im Zuge der Gebietsreform in Hessen wurde zum 1. Januar 1977 kraft Landesgesetz die bis dahin selbstständige Gemeinde Bellersheim in die Kleinstadt Hungen eingegliedert. Für Bellersheim wurde wie für alle Stadtteile von Hungen ein Ortsbezirk eingerichtet.

Verwaltungsgeschichte im Überblick Die folgende Liste zeigt die Staaten und deren Verwaltungseinheiten,Bis zur Trennung der Rechtsprechung von der Verwaltung waren die Ämter und frühen Gerichte sowohl Gericht als auch Verwaltungsorgan. denen Bellersheim angehört(e):

vor 1742: Heiliges Römisches Reich, Grafschaft Solms-Braunfels (Anteil an der Herrschaft Münzenberg), Amt Hungen ab 1742: Heiliges Römisches Reich, Fürstentum Solms-Braunfels (Anteil an der Herrschaft Münzenberg), Amt Hungen ab 1806: Großherzogtum Hessen,Mediatisierung infolge der Rheinbundakte. Fürstentum Oberhessen, Amt Hungen (des Fürsten Solms-Braunfels) ab 1815: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Amt Hungen (des Fürsten Solms-Braunfels) ab 1820: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Amt HungenPatrimonialgericht: Standesherrliches Amt Hungen des Fürsten Solms-Braunfels. ab 1822: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Landratsbezirk HungenTrennung zwischen Justiz (Landgericht Hungen; 1822 gingen die Rechte des „standesherrlichen Amts Hungen“ an das Landgericht über, wo sie im Namen der Standesherren ausgeübt wurden) und Verwaltung. ab 1841: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Hungen ab 1848: Großherzogtum Hessen, Regierungsbezirk Friedberg ab 1852: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Nidda ab 1867: Norddeutscher Bund,Der Norddeutsche Bund war der erste deutsche Bundesstaat unter der Führung Preußens. Er war die geschichtliche Vorstufe des Deutschen Reichs. Infolge des Deutschen Krieges wurde die Provinz Oberhessen dort zwangsweise Mitglied. Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Nidda ab 1871: Deutsches Reich, Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Nidda ab 1874: Deutsches Reich, Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Gießen ab 1918: Deutsches Reich (Weimarer Republik), Volksstaat Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Gießen ab 1938: Deutsches Reich, Volksstaat Hessen, Landkreis GießenIm Zuge der Gebietsreform 1938 wurde die Provinz Oberhessen aufgelöst. ab 1945: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone,Infolge des Zweiten Weltkriegs. Groß-Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Gießen ab 1946: Amerikanische Besatzungszone, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Gießen ab 1949: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Gießen ab 1977: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Lahn-Dill-Kreis, Stadt HungenAm 1. Januar 1977 als Ortsbezirk zur Stadt Hungen. ab 1979: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Gießen, Stadt Hungen ab 1981: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Gießen, Landkreis Gießen, Stadt Hungen

Gerichte seit 1803 In der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt wurde mit Ausführungsverordnung vom 9. Dezember 1803 das Gerichtswesen neu organisiert. Für das Fürstentum Oberhessen (ab 1815 Provinz Oberhessen) wurde das „Hofgericht Gießen“ eingerichtet. Es war für normale bürgerliche Streitsachen Gericht der zweiten Instanz, für standesherrliche Familienrechtssachen und Kriminalfälle die erste Instanz. Übergeordnet war das Oberappellationsgericht Darmstadt. Die Rechtsprechung der ersten Instanz wurde durch die Ämter bzw. Standesherren vorgenommen und somit war für Bellersheim ab 1806 das „Patrimonialgericht der Fürsten Solms-Braunfels“ in Hungen zuständig. Nach der Gründung des Großherzogtums Hessen 1806 wurden die Aufgaben der ersten Instanz 1821–1822 im Rahmen der Trennung von Rechtsprechung und Verwaltung auf die neu geschaffenen Land- bzw. Stadtgerichte übertragen. Ab 1822 ließen die Fürsten Solms-Braunfels ihre Rechte am Gericht durch das Großherzogtum Hessen in ihrem Namen ausüben. „Landgericht Hungen“ war daher die Bezeichnung für das erstinstanzliche Gericht das für Bellersheim zuständig war. Auch auf sein Recht auf die zweite Instanz, die durch die Justizkanzlei in Hungen ausgeübt wurde verzichtete der Fürst 1823. Erst infolge der Märzrevolution 1848 wurden mit dem „Gesetz über die Verhältnisse der Standesherren und adeligen Gerichtsherren“ vom 15. April 1848 die standesherrlichen Sonderrechte endgültig aufgehoben.

Anlässlich der Einführung des Gerichtsverfassungsgesetzes mit Wirkung vom 1. Oktober 1879, infolge derer die bisherigen großherzoglich hessischen Landgerichte durch Amtsgerichte an gleicher Stelle ersetzt wurden, während die neu geschaffenen Landgerichte nun als Obergerichte fungierten, kam es zur Umbenennung in „Amtsgericht Hungen“ und Zuteilung zum Bezirk des Landgerichts Gießen.

Am 1. Juni 1934 wurde das Amtsgericht Hungen aufgelöst und Bellersheim dem Bezirk des Amtsgerichts Nidda zugeteilt.