mini|Deutscher Zivilist und französischer Besatzungssoldat vor dem Essener Hauptbahnhof, 1923 mini|Verwaltung bzw. Besatzung der westdeutschen Gebiete gegen Ende der Ruhrbesetzung
Die Ruhrbesetzung (auch Ruhrkrise, Ruhreinmarsch oder Ruhrinvasion genannt) war die Okkupation der bis dahin unbesetzten Teile des Ruhrgebiets durch Besatzungstruppen Frankreichs sowie Belgiens ab Anfang 1923 bis 1925. Die Krise in der Zeit der Weimarer Republik markiert den Höhepunkt des politisch-militärischen Konfliktes um die Erfüllung der alliierten Reparationsforderungen nach dem Ersten Weltkrieg zwischen dem Deutschen Reich und den Siegermächten, besonders Frankreich. Der primär zivile, aber auch teils militante deutsche Widerstand gegen die Besatzer wird häufig Ruhrkampf genannt. Verlauf und Ausgang der Ruhrkrise besaßen sowohl für die internationalen Beziehungen mit und zwischen den Siegermächten wie auch für die innenpolitischen Entwicklungen Deutschlands weitreichende Bedeutung.
Vorgeschichte: Erster Weltkrieg, Waffenstillstand, Vertrag von Versailles Die Eskalation zur militärischen Besetzung des Ruhrgebiets markierte den Höhepunkt, aber auch den entscheidenden Wendepunkt in den internationalen Beziehungen nach dem Ersten Weltkrieg.Klaus Schwabe: Zur Einführung. In: derselbe (Hrsg.): Die Ruhrkrise 1923, 2. Auflage, Schöningh, Paderborn 1986, ISBN 3-506-77473-5, S. 1–9, hier S. 1. Im Kern stand der Konflikt um die Erfüllung der alliierten Reparationsforderungen nach dem Ersten Weltkrieg zwischen der Weimarer Republik und den Siegermächten, besonders Frankreich. Die Unerbittlichkeit der Auseinandersetzung ist jedoch nur zu verstehen angesichts der Verheerungen des Ersten Weltkrieges. Die Opferzahlen unter den Soldaten stiegen in diesem ersten industriellen Krieg in unvorstellbare Höhen – entsprechend fiel die Abrechnung aus.Jörn Leonhard: Der überforderte Frieden. Versailles und die Welt 1918–1923. C.H. Beck, München 2018, ISBN 978-3-406725067, S. 32.
Der Waffenstillstand von Compiègne beendete am 11. November 1918 die Kriegshandlungen. Die Interaktion zwischen den Alliierten und den jeweiligen Vertretern des Deutschen Reiches wurde in der Folgezeit symptomatisch für die ganzen nächsten Jahre bis 1924: Die Waffenstillstandsbedingungen waren im Wesentlichen nicht verhandelbar. Die Entscheidung der Verantwortlichen auf deutscher Seite: Annehmen oder Ablehnen, war begleitet von der Drohung, dass bei einer Ablehnung die Alliierten den Krieg fortsetzen würden. Der Verhandlungsführer auf deutscher Seite, Matthias Erzberger, wiederum unterschrieb und deutete gleichzeitig an, dass bei allem Willen zur Erfüllung der Bedingungen manche davon undurchführbar sein würden. Jörn Leonhard: Der überforderte Frieden. Versailles und die Welt 1918–1923. C.H. Beck, München 2018, S. 263–272; Barbara Müller: Kämpferische Demokratie. Militärische Besetzung und gewaltlose Befreiung des Ruhrgebiets 1923-1925. Irene Publishing, Sparsnäs 2025, ISBN 978-9189-9262-02, S. 21–23.
Ähnliches wiederholte sich beim Versailler Vertrag, der den Krieg beenden und Frieden schaffen sollte. Zur Konferenz war Deutschland nicht eingeladen, sondern erst nach Fertigstellung des vollständig ausgehandelten Werkes im Mai 1919, das der deutschen Delegation um Reichsaußenminister Ulrich von Brockdorff-Rantzau zur Unterschrift vorgelegt wurde. Am 22. Juni 1919 stimmte die deutsche Nationalversammlung für die Unterzeichnung; bei einer Weigerung wäre der Kriegszustand wieder eingetreten. Am 9. Juli 1919 stimmte die Nationalversammlung dafür, den Versailler Vertrag als deutsches Gesetz zu beschließen.
Das Umsetzungsregime des Versailler Vertrages und die Herausbildung des „elastischen Widerstands“ der Reichsregierungen (1920–1922) Im Januar 1920 trat der Versailler Vertrag in Kraft. Der deutschen Reichsregierung stand die Reparationskommission gegenüber, das wichtigste Umsetzungsgremium für den Friedensvertrag mit weitreichenden Vollmachten. Der deutsche Erfüllungs- wie Revisionswille traf auf ein mächtig ausgestattetes Durchsetzungsgremium bei den Alliierten, in dem Frankreich den Vorsitz führte. In den Auseinandersetzungen der folgenden Jahre um die Auslieferungsliste der wegen Kriegsverbrechen beschuldigten Personen, die Verkleinerung des Heeres oder die Entwaffnung der Bürgerwehren bildete sich der Politikstil des „passiven“ oder „elastischen“ Widerstands heraus. Dieser bestand darin, alliierte Anforderungen in der Regel nicht offen abzuweisen, aber hinhaltend zu reagieren, Vorbehalte vorzubringen und so lange zu lavieren, bis direkter Zwang drohte. Sich um eine Frage sozusagen, wie der Innenminister Erich Koch (DDP) es ausdrückte, „herumzudrücken, also eine Politik des ‚elastischen Widerstandes‘“. mini|Alliierte Besetzung Düsseldorfs im März 1921: Szene mit britischen Panzern auf dem Wilhelmplatz vor dem Hauptbahnhof Der alliierte Verhandlungsstil gegenüber der Reichsregierung blieb während der ersten Umsetzungsjahre des Versailler Vertrages unverändert. Die großen offenen Fragen des Vertrages betrafen die Kohlenlieferungen an die Alliierten (Konferenz von Spa, Juli 1920) sowie die Höhe der Reparationen und die Art ihrer Aufbringung (Londoner Konferenz, März 1921). Beide Male trafen die Alliierten ihre Vereinbarungen. Deutsche Delegationen wurden mit dem Ergebnis konfrontiert: Die Kapitalsumme der deutschen Reparationsschulden wurde auf 132 Milliarden Goldmark festgelegt, die Deutschland zu tilgen und zu verzinsen hatte. Weigerte sich Deutschland, zu unterzeichnen, drohten Sanktionen. In Spa 1920 drohte die sofortige Besetzung des Ruhrgebiets. In London im März 1921 wurde die deutsche Weigerung, einen vorgelegten Zahlungsplan zu unterschreiben, mit der alliierten Besetzung von Düsseldorf, Duisburg und Ruhrort beantwortet. Im Mai desselben Jahres legten die Alliierten ultimativ den Londoner Zahlungsplan zur Unterzeichnung vor, andernfalls drohe die Besetzung des Ruhrgebiets. Im Mai 1921 unterzeichnete ihn die deutsche Regierung. Im Juli des Folgejahres erbat die Reichsregierung ein zweijähriges Moratorium. Das bisherige Regime des gemeinsam ausgeübten Zwanges geriet im Jahr 1922 auch unter den Alliierten an seine Grenze.
Die Pfade zur Ruhrbesetzung im Jahr 1922
Haltung des französischen Ministerpräsidenten und die Rolle der interalliierten Schulden Der französische Ministerpräsident Raymond Poincaré, der seit dem 15. Januar 1922 gleichzeitig amtierender Außenminister war, bestand auf einer kompromisslosen Erfüllung der Bestimmungen des Versailler Vertrags. Er löste den Ministerpräsidenten Aristide Briand ab, dem eine zu nachgiebige Haltung gegenüber Deutschland vorgeworfen worden war. Deutschen Wünschen nach Zahlungsaufschub nachzukommen, war für Poincaré nur gegen „produktive Pfänder“ als Garantien und Sicherheiten denkbar. Laut der französischen Historikerin Denise Artaud waren Poincaré und das Finanzministerium übereinstimmend einer Reduktion der deutschen Reparationsschuld jedoch gar nicht abgeneigt gewesen, hätte dem eine entsprechende Reduktion der interalliierten Kriegsschulden gegenübergestanden.
Sicherheitsfrage und der Vertrag von Rapallo Ein zweiter Faktor war die Sicherheitsfrage. Hier wirkte der Abschluss des Vertrages zwischen Deutschland und Sowjetrussland in Rapallo, am Rande der Konferenz von Genua im April 1922 für den französischen Ministerpräsidenten wie eine Kampfansage. Für den irischen Historiker Mark Jones war dieses Ereignis ein Wendepunkt in der Politik Poincarés hin zu einem selbstermächtigten und gegebenenfalls isolierten Vorgehen gegenüber Deutschland. In einer Rede am 24. April 1924 in Bar-le-Duc deutete der französische Ministerpräsident erstmals öffentlich ein militärisches Vorgehen gegenüber Deutschland an, sollte es weiterhin seine Verpflichtungen aus dem Versailler Vertrag verfehlen.Volker Ullrich: Deutschland 1923, S. 24.
Inflationsentwicklung in Deutschland und drohender Zahlungsausfall Deutschlands Ein dritter Faktor war die sich beschleunigende Inflation in Deutschland. Der im Juni 1922 einsetzende rapide Verfall der Mark und der Beginn der Hyperinflation wird mit der Ermordung des deutschen Außenministers Walther Rathenau am 24. Juni 1922 in Verbindung gebracht.Volker Ullrich: Deutschland 1923, S. 24. Als Hauptursache bezeichnet der Wirtschaftshistoriker Carl-Ludwig Holtfrerich jedoch neuerdings die Veröffentlichung des Berichts des internationalen Anleihe-Komitees unter Vorsitz des amerikanischen Bankiers J. P. Morgan am 10. Juni 1922. Der Bericht lehnte ausdrücklich eine Empfehlung für Kapitalanlagen in Deutschland ab, solange die Reparationsforderungen aus dem Zahlungsplan von 1921 nicht reduziert seien – eine für Poincaré unannehmbare Vorstellung.Carl-Ludwig Holtfrerich, Die Große Inflation in Deutschland 1914 bis 1923, S. 87. Auch der Wirtschaftshistoriker Sebastian Teupe verweist darauf, dass der bisherige Optimismus internationaler Anleger im Sommer 1922 in einen endgültigen Vertrauensverlust umschlug.Teupe: Zeit des Geldes, S. 140–143.
Der Markverfall brachte die deutsche Regierung im Juli an den Punkt, die im Moratorium vereinbarten Zahlungen nicht mehr leisten zu können. Am 12. Juli 1922 ersuchte sie um Stundung der Geldleistungen bis Ende 1924.Volker Ullrich: Deutschland 1923, S. 25. Am selben Tag beauftragte der französische Ministerpräsident Marschall Ferdinand Foch, die militärische Besetzung des Ruhrgebiets konkret vorzubereiten.Mark Jones: 1923, S. 74. Pläne dazu waren seit 1919 im Generalstab ausgearbeitet und seitdem stets aktualisiert worden. Dabei spielte die dauerhafte Einflussnahme in den deutschen Rheinlanden von vornherein eine bedeutsame Rolle für Frankreich – sie wurde von Belgien besorgt betrachtet. Im Frühjahr 1923 wurden die Pläne für ein Protektorat Frankreichs im Rheinland und im Ruhrgebiet in politischer, militärischer und wirtschaftlicher Hinsicht in Frankreich intensiviert weiterentwickelt.
Verschärfung der Situation durch die Verknotung der Themen Im August berieten die alliierten Regierungschefs in London, wie sie mit der deutschen Bitte um Zahlungsaufschub und den französischen Plänen einer umfassenden Pfandnahme umgehen sollten, kamen aber zu keiner Einigung.Mark Jones, 1923, S. 75 Bei den nachfolgenden Diskussionen zwischen den Alliierten spielte die Thematik der interalliierten Kriegsschulden eine eskalierende Rolle. Die Schuldenfrage war mit der Aufforderung der US-Amerikaner an die Alliierten, ihre Schulden zu konsolidieren, seit Februar 1922 auf dem Tisch. Nachdem das britische Kabinett im Juli 1922 dem zugestimmt und Anfang August wiederum seine eigenen Schuldner – darunter Frankreich – zu Maßnahmen aufgefordert hatte, die Schulden abzutragen, zeichnete sich ab, dass die Reparationseingänge von Deutschland der Schuldentilgung der Alliierten untereinander und nicht der Konsolidierung der französischen Wirtschaftslage zugutekommen würden.Denise Artaud: Die Hintergründe der Ruhrbesetzung 1923, S. 242–250, 259.Laurence van Ypersele: Belgien und die Ruhrbesetzung, S. 99.
Für Frankreich waren die Einnahmen durch deutsche Reparationszahlungen auch deshalb so wichtig, weil es seit Kriegsende nicht gelungen war, den Haushalt durch Steuererhöhungen oder Ausgabenkürzungen ins Gleichgewicht zu bringen. Tatsächlich war das Haushaltsdefizit in den Jahren 1918–1922 größer als während des Weltkriegs. Immer wieder war die notwendige Austeritätspolitik mit Blick auf die, wie man wähnte, demnächst reichlich sprudelnden Reparationseinnahmen verschoben worden. Als sich dies immer deutlich als Fiktion erwies, begann Mitte 1922 der Kurs des Franc gegenüber dem Dollar zu fallen. Es drohte eine Inflation, weshalb der Handlungsdruck Anfang 1923 deutlich gewachsen war.Peter Jackson: Beyond the Balance of Power. France and the Politics of National Security in the Era of the First World War. Cambridge University Press, Cambridge 2013, ISBN 978-1-107-03994-0, S. 433 f.