mini|Logo des Internationalen Forschungs- und Dokumentationszentrums Kriegsverbrecherprozesse Das Internationale Forschungs- und Dokumentationszentrum für Kriegsverbrecherprozesse (ICWC) ist eine an der Philipps-Universität Marburg bestehende wissenschaftliche Einrichtung, die sich aus interdisziplinärer Warte vor allem der Erforschung und Dokumentation von nationalen wie internationalen Kriegsverbrecherprozessen sowie dem Völkerstrafrecht und der Transitional Justice widmet.

Geschichte Als „Pilotprojekt der Volkswagenstiftung: Kriegsverbrecherprozesse gegen Deutsche und Japaner“ begann das spätere ICWC seine Tätigkeit im Jahr 2000 am Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte in Frankfurt am Main. Initiatoren waren der damalige Direktor des Frankfurter MPI, Dieter Simon, sowie David Cohen, Leiter des damaligen War Crimes Studies Center der Universität in Berkeley (USA). Im Jahr 2003 wurde das Projekt an der Philipps-Universität Marburg angesiedelt und in ein interdisziplinäres Forschungs- und Dokumentationszentrum umgewandelt, das umfassend Kriegsverbrecherprozesse und ähnliche, vor allem völkerstrafrechtliche, Gerichtsverfahren erfassen und erforschen sollte.

2005 begann die Zusammenarbeit des ICWC mit dem Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag im Rahmen des "Legal Tools"-Projekts. Seit 2008 verfügt das ICWC über eine eigene Satzung.

Ebenfalls seit 2008 veranstaltet das Zentrum anlässlich des Jahrestags seiner Gründung die öffentliche „Marburger Vorlesung zum Völkerstrafrecht“ mit prominenten Gastrednern. Folgende „Marburger Vorlesungen zum Völkerstrafrecht“ fanden bislang statt: 2024: Sarah Nouwen („The Question of the Political and the Political Question in International Criminal Law“) 2023: Peter Frank („Die Verfolgung von Völkerrechtsverbrechen in Deutschland aus der Perspektive der Bundesanwaltschaft“) 2022: Mark A. Drumbl („Women and Atrocity: Beyond Simplistic Caricatures“) 2019: Sabine Andresen ("Gesellschaftliche Aufarbeitung von Unrecht gegen Kinder und Gerechtigkeit") 2018: Kimberly Prost 2017: Wolfgang Huber ("Die kulturelle Dimension des Genozids") 2016: Christoph Safferling („Die Akte Rosenburg“ – Das Bundesministerium der Justiz und die NS-Zeit) 2015: Bertram Schmitt („Das Verfahrensrecht des Internationalen Strafgerichtshofs“) 2014: Andreas Wirsching („Verteidiger der Unmenschlichkeit? Schwierigkeiten der Verteidigung in Kriegsverbrecherprozessen in Deutschland nach 1945“) 2013: Udo di Fabio („Die Strafgewalt der Weltgesellschaft“) 2012: Heiner Bielefeldt („Politische Vertrauensbildung durch Religionsfreiheit“) 2011: Andreas Paulus („Das Verhältnis zwischen Völkerrecht und Völkerstrafrecht am Beispiel des Angriffskriegs“) 2010: Manfred Görtemaker („Rudolf Heß in Nürnberg – Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher des NS-Regimes 1945/46“) 2009: Kai Ambos („Kolumbien als Beispiel von Transitional Justice“) 2008: Edgar Wolfrum („NS-Kriegsverbrecherprozesse und die geschichtspolitische Kultur der Bundesrepublik Deutschland“) Weitere seit vielen Jahren vom ICWC durchgeführte Veranstaltungen sind u. a. die monatlichen interdisziplinären Zentrums-Kolloquien. Auf ihnen stellen vor allem Nachwuchswissenschaftler oder ausländische Gäste ihre aktuellen Forschungen vor und diskutieren sie mit den Zentrumsmitgliedern und der interessierten Öffentlichkeit. In unregelmäßigen Abständen richtet das ICWC auch große internationale Konferenzen in Marburg aus.

Im Jahr 2011 wurde ein „Verein zur Förderung des Forschungs- und Dokumentationszentrums Kriegsverbrecherprozesse an der Philipps-Universität Marburg e. V.“ gegründet. Ende 2013 trat eine neue Satzung für das Zentrum als eigenständige und fachbereichsfreie wissenschaftliche Einrichtung an der Philipps-Universität in Kraft.

Personen Die Interdisziplinarität des Zentrums spiegelt sich auch in seiner personellen Besetzung wider. So wird es traditionell von zwei Direktoren bzw. Direktorinnen geleitet, die unterschiedlichen Fachbereichen angehören. Seit 2017 steht Stefanie Bock, Professorin für Strafrecht und Strafprozessrecht, dem Zentrum als Geschäftsführende Direktorin vor. Ihr Stellvertreter ist der Marburger Zeithistoriker Professor Eckart Conze. Er übt die Leitung bzw. stellvertretende Leitung des Zentrums bereits seit 2010 aus; bis 2015 im Wechsel mit dem Juristen Christoph Safferling, der in Marburg die Professur für Strafrecht, Strafprozessrecht, Internationales Strafrecht und Völkerrecht innehatte. Geschäftsführer des ICWC ist seit 2023 Dr. Henning de Vries; zuvor hatte Dr. Wolfgang Form diese Position inne.

Beratend steht der Zentrumsleitung ein ebenfalls interdisziplinär zusammengesetzter internationaler wissenschaftlicher Beirat zur Seite. Mitglieder sind Edgar Wolfrum (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg), Tobias Hermann (Bundesarchiv), Rebecca Witmann (University of Toronto) und Claus Kreß (Universität zu Köln). Bis zu seinem Tod war auch der erste deutsche Richter am IStGH, Hans-Peter Kaul, Mitglied dieses Gremiums.

Auch die am Zentrum vor allem in Promotionsprojekten tätigen Wissenschaftlichen Mitarbeiter, die die Forschungsarbeit des ICWC prägen, repräsentieren verschiedene Fachrichtungen. Dabei waren bislang neben der Rechts- und der Geschichtswissenschaft auch unterschiedliche Sozial- und Geisteswissenschaften vertreten. Gleiches gilt für die internationalen Gäste, die das Zentrum für Forschungsaufenthalte nutzen, insbesondere um in den dokumentarischen Beständen zu recherchieren. Eine besonders enge Zusammenarbeit verbindet das Zentrum mit dem ebenfalls in Marburg angesiedelten Zentrum für Konfliktforschung.

Forschung Eines der wichtigsten Ziele des ICWC ist es, völkerstrafrechtliche – auch historische – Gerichtsverfahren zum Gegenstand aktueller Forschungen zu machen. Am ICWC wird in unterschiedlichen Arbeitsbereichen geforscht. Eines der am stärksten untersuchten Themen ist seit langem der Zweite Weltkrieg. Dabei wird das europäische, zunehmend aber auch besonders das asiatisch-ozeanische Kriegsgeschehen in den Blick genommen. Beispiele für Projekte in diesem Bereich sind z. B. Untersuchungen zum US-amerikanischen Filmprojekt zum Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess (Medienwissenschaft), zur Rolle der Sowjetunion in diesem Prozess, zum Obersten Gerichtshof für die Britische Zone (OGH-BZ), zu NS-Prozessen in der französischen Besatzungszone Deutschlands sowie zur strafrechtlichen Verfolgung und gesellschaftlichen Wahrnehmung von weiblichen Angeklagten in Kriegsverbrecherprozessen der Nachkriegszeit. Weitere Forschungsschwerpunkte sind oder waren das Völkerstrafprozessrecht und allgemeine oder spezielle Fragen der Transitional Justice, wobei hierbei in Marburg besonderes Augenmerk auf Fragen der Opferbeteiligung in Gerichtsprozessen gelegt wird. Eines der Beispiele, die hierbei näher erforscht wurden, ist die innovative Praxis der Opferbeteiligung am kambodschanischen Rote-Khmer-Tribunal (Extraordinary Chambers in the Courts of Cambodia).Wolfgang Form: Gerechtigkeit nach 30 Jahren? Das kambodschanische Sondertribunal zur Ahndung von Verbrechen der Roten Khmer in den Jahren 1975 bis 1979, Zeitgeschichte online Juni 2009, S. 29–32 Auch darüber hinaus ist dieses hybride Gericht Gegenstand verschiedener Projekte am ICWC gewesen.Beispielsweise die Beobachtung des Verfahrens 001 vor den ECCC durch Marburger Monitors, vgl. Christoph Safferling, Philipp Graebke, Florian Hansen, Sascha Hörmann: Das Monitoring-Projekt des Forschungs- und Dokumentationszentrums für Kriegsverbrecherprozesse (ICWC), Marburg. ZIS-online 07/2011, S. 566–569

In jüngerer Zeit sind unter anderem völkerstrafrechtsgeschichtliche Projekte zur Genese des Völkermord-Tatbestandes und zu den Protagonisten seiner Entwicklung hinzugekommen. Daneben arbeiten Forscher des ICWC verstärkt zu Fragen der Strafverteidigung in Kriegsverbrecherprozessen, etwa zu Adolf Eichmanns Rechtsanwalt Robert Servatius. Insgesamt will das ICWC einen vielseitigen und interdisziplinären wissenschaftlichen Zugriff auf historische und aktuelle Phänomene der Makrokriminalität leisten, z. B. durch Forschungen zum in Deutschland bislang wenig beachteten Problem der Kriminologie von Staatsverbrechen („State Crime“) oder durch vergleichende Untersuchungen etwa zum Umgang mit genozidaler Massengewalt in Deutschland, Ruanda und Kambodscha.

Weitere aktuelle interdisziplinäre Forschungsschwerpunkte des ICWC sind die Projekte „Grenzen und Grenzüberschreitungen militärischer Gewalt“, „Alfried Krupp und der Nationalsozialismus“, „Der Todesmarsch nach Palmnicken“ sowie „Gender im Völkerstrafrecht“. Der Forschungsbetrieb des Zentrums lebt dabei von der engen Einbindung von Studierenden, Promovierenden, Postdocs und Professoren.

Dokumentation Neben der Forschung stellt die Dokumentationstätigkeit das Hauptarbeitsgebiet des Zentrums dar. Am ICWC werden neben Rechtsquellen und den Akten zum Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher auch Dokumente zu weiteren militärgerichtlichen Verfahren der Alliierten sowohl in Europa als auch in Fernost gesammelt, digitalisiert und in einer Datenbank zugänglich gemacht.Dokumente Website des ICWC, zuletzt aktualisiert am 19. November 2014

Internationale Kooperationen Allgemein Neben den in Marburg veranstalten Konferenzen ist das ICWC laufend an der Organisation internationalen wissenschaftlichen Austauschs und häufig an der Durchführung großer internationaler Tagungen andernorts beteiligt. Über die Jahre hat sich ein großes Netz wissenschaftlicher Kooperationspartner im In- und Ausland aufgebaut. Dazu zählen das Bundesarchiv, das Französische Militärarchiv Le Blanc, das Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte und das Fritz Bauer Institut in Frankfurt am Main, das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden, der „Arbeitskreis Völkerstrafrecht“, das Exzellenzcluster „Asien und Europa im globalen Kontext“ an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, die Freie Universität Berlin, die Unabhängige Historikerkommission zur Aufarbeitung der Geschichte des Auswärtigen Amts in der Zeit des Nationalsozialismus (bekannt durch die Studie „Das Amt“), das Deutsche Historische Institut in Rom, die Zentrale Österreichische Forschungsstelle Nachkriegsjustiz, das Willy-Brandt-Zentrum Breslau, das frühere War Crimes Studies Center an der Universität Berkeley (USA), die Bryant University (Rhode Island (USA)) und die Murdoch University (Perth/Australien) sowie die Australian National University (Canberra). Ein weiteres Beispiel ist die deutsch-chinesische Zusammenarbeit mit der Akademie für Gesellschaftswissenschaften im chinesischen Harbin sowie mit den ebenfalls dort ansässigen Forschungsinstitut, Museum und Gedenkstätte zur Geschichte der „Einheit 731“. Daneben kooperiert das ICWC mit unterschiedlichsten Gedenkstätten in Deutschland, u. a. der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg und der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. An Konzeption und Aufbau der Internationalen Akademie Nürnberger Prinzipien war das ICWC unmittelbar beteiligt, auch mit dem Memorium Nürnberger Prozesse wird zusammengearbeitet. Das ICWC beteiligte sich mit seinen Erfahrungen in der Dokumentationsarbeit maßgeblich an dem umfangreichen Projekt „A century of pioneering case-law. A digital database of Belgian precedents of international justice, 1914-2014“. In diesem Projekt ging es vor allem um die Erfassung und Digitalisierung belgischer Kriegsverbrecherprozesse aus Vergangenheit und Gegenwart. Hieran arbeiteten diverse internationale Forschungseinrichtungen mit, neben dem ICWC vor allem belgische Universitäten.

Kooperation mit dem Internationalen Strafgerichtshof („Legal Tools“)