Winnyzja (; ; ) ist eine Stadt in der Ukraine in der Landschaft Podolien. Sie ist das administrative Zentrum der Oblast Winnyzja sowie des Rajons Winnyzja und hat etwa 370.000 Einwohner.
In der Stadt befinden sich mehrere Hochschulen, kulturelle Einrichtungen, vielfältige Industrie und der Flughafen WinnyzjaIATA: Airline and Airport Code Search. Unter Search by Location Code den Code VIN eintragen. Abgerufen am 15. Januar 2011.Informationen über den Flughafen auf airport-data.com Abgerufen am 15. Januar 2010. sowie Verwaltungseinrichtungen für die ukrainische Luftwaffe.
mini|Der alte Wasserturm von Winnyzja mini|Haus der Frohen Botschaft in Winnyzja – größte Baptistenkirche der Ukraine
Geschichte Burg und regionales Zentrum Im 14. Jahrhundert wurde am rechten Ufer des Flusses Südlicher Bug eine Stadt mit Namen Winnyzja gegründet. Ihr Mittelpunkt wurde eine Burg mit Befestigungen aus Balkenwerk, in der die Einwohner der Stadt und der umliegenden Dörfer im 15. und 16. Jahrhundert vor den verheerenden Überfällen der Tataren Zuflucht fanden. In dieser Zeit (1530–1550) kämpfte der Schlesier Bernhard von Prittwitz († 1561) als Starost von Bar und Winnyzja (ab 1540) sehr erfolgreich gegen die Tataren und erhielt daher den Beinamen Terror Tartarorum (Schrecken der Tataren). 1545 gab es in Winnyzja 273 Häuser, 429 waren es 1552.Stadtgeschichte auf der offiziellen Webpräsenz von Winnyzja; abgerufen am 2. Juli 2020 (ukrainisch) 1566 wurde der Ort Teil der polnischen Woiwodschaft Bracław, 1589 zu deren De-facto-Hauptstadt.
Im 17. Jahrhundert entstanden die ersten Steinbauten (Kirche und Schule), die noch erhalten sind. Die Jesuiten errichteten 1610–17 ein Wehrkloster. Bohdan Chmelnizkij kam in die Stadt und richtete eine ständige Garnison von 3000 Kosaken ein, die 1651 ein polnisches Heer vernichtete.
Weiter entstanden die hölzerne Nikolai-Kirche (1746) in der Altstadt, die Bauten der einstigen Klöster der Kapuziner (1760) der Jesuiten und der Dominikaner (17. bis 18. Jahrhundert). Nach der Zweiten Polnischen Teilung kam das damalige Winnica zum Russischen Zarenreich, Gouvernement Podolien. Infolge des Bürgerkriegs gehörte es ab Sommer 1920 zur Ukrainischen Sowjetrepublik und seit 1922 zur Sowjetunion.
Die Massaker von Winnyzja 1937/38 und 1941/43 mini|Denkmäler auf dem Massengrab der von Deutschen ermordeten jüdische Kinder in Winnyzja. An der Bevölkerung von Winnyzja wurden kurz vor und während des Zweiten Weltkriegs furchtbare Massaker begangen, mit Zehntausenden von Toten. Der Geheimdienst NKWD der Sowjetunion ermordete 1937 und 1938 über 9.400 vermeintliche und tatsächlich Regimegegner (siehe Massenmorde von Winnyzja); die Deutschen und ihre Helfer ermordeten 1941 bis 1943 in Winnyzja mehrere 10.000 Juden und sowjetische Kriegsgefangene. Eine bereits im Juli 1941 vollzogene Massenexekution, von der eine als Der letzte Jude in Winniza bezeichnete Fotografie weltweit bekannt wurde, wurde jahrzehntelang dem Ort Winnyzija zugeordnet. Jüngste wissenschaftliche Untersuchungen lassen allerdings den Schluss zu, dass die auf der Fotografie festgehaltene Hinrichtung entgegen der Ortsangabe im Bildtitel nicht in Winnyzja, sondern im 70 km entfernten Berdytschiw stattfand.Jürgen Matthäus: The last Jew in Vinnitsa: Reframing an Iconic Holocaust Photograph, Holocaust and Genocide Studies, Jahrgang 37, Ausgabe 3, Winter 2023, Seiten 349–359.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde Winnyzja 1941 von der deutschen Wehrmacht erobert. Im Rahmen der Bildung des deutschen Reichskommissariats Ukraine wurde die Stadt am 20. Oktober 1941 in den Generalbezirk Schitomir eingegliedert und am 17. April 1942 in Winniza umbenannt. Es wurden die Kreisgebiete Winniza-Stadt und Winniza-Land gebildet, die am 15. Januar 1943 zum neuen Kreisgebiet Winniza zusammengelegt wurden.
Im April 1942 wurden die Juden von deutschen Truppen im besetzten Winnyzja im örtlichen Stadion selektiert. Handwerker durften in die kleinen Konzentrationslager neben ihren Werkstätten zurückkehren, während etwa 5.000 Alte, Frauen und Kinder unter deutscher Aufsicht von den ukrainischen Hilfstruppen zu einer Gärtnerei im Norden der Stadt gebracht wurden, wo sieben Monate zuvor bereits 10.000 Personen getötet worden waren. Dort waren zwei Gruben ausgehoben, Kinder wurden den Müttern weggenommen und am Rand der einen Grube erschlagen oder erschossen, Erwachsene wurden gezwungen, sich auf bereits Erschossene in der anderen Grube zu legen, und wurden dann ebenfalls erschossen. Zum Schluss wurde die Grube mit Erde abgedeckt. Am selben Morgen hatte die Einsatzgruppe jüdische Mütter aus dem Entbindungsheim in Winnyzja in einen Wald geführt und dort erschossen. An der Stelle der bis heute nicht exhumierten Kindergrube steht heute ein Obelisk als Gedenkstein.Richard Rhodes: Die deutschen Mörder, ISBN 3-7857-2183-8, Bergisch Gladbach 2004, S. 377 ff.
In Winnyzja selbst gab es drei größere und viele kleine Lager, und es gab ein Ghetto für die jüdische Zivilbevölkerung, das von Juli bis September 1941 bestand. Es wurde von ungefähr 7.000 Personen bewohnt, von denen mindestens 2.000 von der SS und ihren Helfern erschossen wurden. Das Ghetto stand unter Zivilverwaltung. Als zweites Lager wurde in Winnyzja ein Zwangsarbeitslager für männliche Juden eingerichtet. Die jüdischen Mitglieder des Zwangsarbeitslagers wurden zu Gleisbauarbeiten und wohl auch beim Aufbau des acht Kilometer nördlich von Winnyzja im Wald gelegenen Führerhauptquartiers „Werwolf“ herangezogen. Dieses Lager bestand von Dezember 1941 bis April 1944 und wurde von der SS verwaltet. Es besteht die Vermutung, dass die Arbeiter nach Abschluss der Arbeiten erschossen wurden. Das dritte Lager, das eigentliche Kriegsgefangenenlager – Stalag 329 – bestand vom 2. Oktober 1941 bis September 1943. Zuständig war die Wehrmacht. Laut Statistik des Chefs des Kriegsgefangenenwesens wurden dort gleichzeitig höchstens 19.379 sowjetische Soldaten gefangengehalten. Dem Gefangenenlager können mehrere Massengräber mit insgesamt mehreren tausend Toten zugeordnet werden. Auch außerhalb dieser drei Lager kam es zu Erschießungen, besonders im September 1941 und im Frühjahr 1942.
1939 lebten 33.150 Juden in Winnyzja, 35,6 % der Gesamtbevölkerung. Als Verbände der deutschen Wehrmacht am 19. Juli 1941 die Stadt einnahmen, waren noch 18.000 jüdische Bürger in der Stadt, der Rest war geflohen. Schätzungen gehen davon aus, dass am 19. September 1941 mehr als 10.000 Juden vom 45. Reserve-Polizeibataillon erschossen wurden. Am 15. April 1942 wurden vor den Toren der Stadt weitere knapp 5.000 Juden getötet, ungefähr 1.000 „unabkömmliche“ Handwerker ließ man vorerst am Leben. Direkt nach dem Krieg sollen 74 jüdische Überlebende als Bürger von Winnyzja gezählt worden sein. Heute ist nur noch ein Prozent der Bevölkerung jüdisch.Ernst Reuß: Gefangen! Zwei Großväter im Zweiten Weltkrieg. S. 83 ff. Berlin 2019, ISBN 978-1-5117-8866-3.
Führerhauptquartier „Werwolf“ Zwischen dem 16. Juli 1942 und dem 1. November 1942 befand sich das deutsche Führerhauptquartier „Werwolf“ in einem Wald acht Kilometer nördlich von Winnyzja, an der Straße nach Schytomyr in unmittelbarer Nähe des Dorfes Strishawka.Exakte Koordinaten: 49°18'28"N, 28°29'39"O Etwa 30 Gebäude wurden seit dem 1. November 1941 errichtet. Ein Flugfeld befand sich bei Kalinowka. Im Führerhauptquartier hielt sich Hitlers militärischer Arbeitsstab in Blockhäusern und transportablen Baracken auf.Percy E. Schramm (Hrsg.): Kriegstagebuch des OKW, Augsburg, 2005, Lizenzausgabe Weltbild, Bd. 2, 1. Halbband, S. 569. Göring ließ sich in der Nähe einen eigenen Bunker bauen und förderte das Ballett von Winnyzja.
Unweit der Stadt – zwischen Berdytschiw und Schytomyr – betrieb Heinrich Himmler in seiner Funktion als Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums die Einrichtung einer mit zunächst 10.000 „Volksdeutschen“ zu besiedelnden Kolonie unter dem Namen Hegewald, die als einer der Kerne der zukünftigen deutschen Siedlungen in der Ukraine gedacht war.Wendy Lower: Nazi Empire-Building and the Holocaust in Ukraine, Chapel Hill, 2005, S. 162–179.
Am 20. März 1944 eroberte die Rote Armee die Stadt und vertrieb die deutschen Besatzer und ihre Helfer.
In Winnyzja bestand das Kriegsgefangenenlager 253, Vinnica, für deutsche Kriegsgefangene des Zweiten Weltkriegs.Erich Maschke (Hrsg.): Zur Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges. Gieseking, Bielefeld, 1962–1977. Schwer Erkrankte wurden hier im Kriegsgefangenenhospital 2081 versorgt.
Winnyzja ist als Winniza einer der beiden Schauplätze der Erzählung Unruhige Nacht von Albrecht Goes aus dem Jahr 1950.
Unabhängige Ukraine 2012 wurden die seit 1972 bestehenden drei Stadtrajone Rajon Lenin (Ленінський район), Rajon Staromisto (Староміський район) und Rajon Samostjan (Замостянський район) ersatzlos aufgelöstРішення ВОР від 14.02.2012 № 286 - „Про виключення з облікових даних адміністративно-територіальних одиниць Вінницької області Ленінського, Староміського, Замостянського районів у місті Вінниці“, am 13. Mai 2014 wurde das Stadtgebiet um 44,5 Quadratkilometer auf Kosten der umliegenden Gemeinden des Rajons Winnyzja auf 113 Quadratkilometer vergrößert.
Anfang der 2000er Jahre begann sich die Stadt dank der Implementierung der Erfahrung von europäischen Städten und der Vorteile der Dezentralisierung aktiv zu entwickeln. Von 2015 bis 2021 wurde Winnyzja in den Bewertungen der Zeitschriften "Focus" und der soziologischen Gruppe "Rating' als die Stadt mit dem höchsten Wohnkomfort in der Ukraine ausgezeichnet. Außerdem wurde Winnyzja als erste Stadt in der Ukraine mit dem European Energy Award ausgezeichnet.
Russischer Überfall auf die Ukraine 2022 Nach dem Russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 starben im März des Jahres zehn Menschen bei Einschlägen von Raketen auf dem Flugplatz von Winnyzja.
Die Statue des Dichters Maxim Gorki beim Gagarin-Platz am Eingang zum Zentralpark wurde entfernt, ebenso das Denkmal für die Rote Armee im Stadtzentrum beim alten Wasserturm.
Nach monatelanger Ruhe von Raketenangriffen wurden viele Menschen nachlässig bei Luftalarm; auch die Trams der Stadt stoppten im Juni 2022 nicht mehr, wenn ein Luftalarm ertönte. Beim russischen Raketenangriff auf Winnyzia am 14. Juli 2022 starben 28 Menschen, darunter 3 Kinder und 3 Offiziere der ukrainischen Luftwaffe.
Nach ukrainischer Darstellung wurden bei den Angriffen auf das Stadtzentrum eine medizinische Einrichtung sowie Wohn- und Bürogebäude zerstört oder schwer beschädigt. Die örtliche Polizei berichtete von mehr als 100 Verletzten, von denen etwa 50 schwerstverletzt seien. Außerdem würden noch mehr als 40 Menschen vermisst. Die russische Propaganda sprach von einem Angriff auf „Nazis“ in einem „Haus der Offiziere“. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine militärische Einrichtung, sondern um ein Kulturzentrum. An diesem Tag sollte die ukrainische Sängerin Roksolana Sirota ein Konzert geben, eines ihrer Team-Mitglieder starb. Der Angriff war laut Christoph Wanner (Die Welt) eine Vergeltung für die Zerstörung von russischen Munitionslagern. Russland beschoss Winnyzja, eine Stadt 400 Kilometer von der Front entfernt, während im holländischen Den Haag eine Konferenz zur Untersuchung und Verfolgung russischer Kriegsverbrechen in der Ukraine (Ukraine Accountability Conference) abgehalten wurde.