Die Vorgeschichte Sibiriens ist auch aufgrund der klimatischen Bedingungen von archäologisch unterschiedlich fassbaren Kulturen geprägt. In der Kupfersteinzeit waren die Kulturen in West- und Südsibirien von der Viehzucht geprägt, während die östliche Taiga und Tundra bis ins frühe Mittelalter von Wildbeutern dominiert wurden. Erhebliche Veränderungen in Gesellschaft, Wirtschaft und Kunst kennzeichnen die Entstehung des Reiternomadismus in den mittelasiatischen Steppen im 1. Jahrtausend v. Chr.
Forschungsgeschichte Die wissenschaftliche Erforschung der archäologischen Hinterlassenschaften aus dem Raum zwischen Ural und Pazifik begann in der Regierungszeit Peters I. (1682 bis 1725), der gezielt skythenzeitliche Goldfunde sammeln ließ und so die Erträge zahlreicher Raubgrabungen vor dem Einschmelzen rettete. Unter seiner Regierung wurden mehrere Expeditionen mit der naturwissenschaftlichen, völkerkundlichen und sprachwissenschaftlichen Erforschung Sibiriens beauftragt, darunter etwa die Zweite Kamtschatkaexpedition des Dänen Vitus Bering 1733–1743. Die Forscher interessierten sich aber auch für archäologische Funde und führten erste wissenschaftliche Grabungen in sibirischen Kurganen durch. Nach einem vorübergehenden Rückgang des Interesses in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erreichte die archäologische Forschung in Sibirien im späten 19. Jahrhundert wieder größere Fortschritte. Vor allem in Südsibirien und Mittelasien wurden Grabungen unternommen. Die Folgen der Oktoberrevolution 1917 schufen für die archäologische Forschung andere, oft beengte Voraussetzungen, dennoch erlebte sie immer größere Projekte, oftmals Rettungsgrabungen im Zuge gigantischer Baumaßnahmen. Allmählich wurden auch entlegenere Gebiete der damaligen Sowjetunion, beispielsweise Jakutien und Tschukotka, in die Erforschung einbezogen. Nach dem Zweiten Weltkrieg hielt diese Entwicklung an. Infolge des Zerfalls der Sowjetunion 1991 wurde auch wieder eine intensivere Zusammenarbeit mit dem Westen möglich.
Naturräumliche Gliederung miniatur|Topographie Russlands Die natürlichen Bedingungen Sibiriens weisen große Verschiedenheit auf; dies gilt für Klima, Vegetation und Landschaft. Im Westen wird Sibirien vom Uralgebirge begrenzt; daran schließt sich östlich das westsibirische Tiefland an, das im Osten bis zum Fluss Jenissei reicht. Auf ihn folgt das mittelsibirische Bergland, das im Osten an das Becken der Lena grenzt, an welches das nordostsibirische Bergland anschließt. Nach Süden hin wird Sibirien von einer losen Gebirgskette, nach Südwesten hin vom Hügelland der kasachischen Schwelle begrenzt. Das Klima ist in Sibirien sehr unterschiedlich. Jakutien nordöstlich der Lena gehört zu den kältesten Orten der Welt; gleichzeitig schwankt dort die Temperatur jahreszeitlich um mehr als fünfzig Grad. Auch die Niederschläge sind sehr niedrig. Dies gilt auch für den südwestlichen Rand Sibiriens, wo Steppen, Wüsten und Halbwüsten angrenzen.
Ackerbau ist ohne künstliche Bewässerung heute in Sibirien nur zwischen dem 50. und 60. Breitengrad möglich. Die klimatischen Bedingungen sind die Voraussetzung für die Vegetationszonen. Im äußersten Norden befindet sich die Tundra mit nur minimaler Vegetation. Soweit nicht von Gebirgen eingenommen, werden die größten Teile Sibiriens von der Taiga, dem borealen Nadelwald, bedeckt. Im Südwesten schließt sich die Waldsteppe an, die nach Süden hin in die Grassteppe und die mittelasiatischen Wüsten übergeht. Vor Beginn des Holozäns vor etwa 12.000 Jahren herrschten jedoch andere Bedingungen. Zum Ende der Würm-Kaltzeit (vor 115.000 bis 10.000 Jahren) reichte die Tundra noch wesentlich weiter nach Süden, von Gletschern war aber nur der Ural und das Gebiet östlich des unteren Jenisseis bedeckt.
Historischer Überblick Steinzeit (bis um 2400 v. Chr.) Funde aus dem Paläolithikum haben sich kaum erhalten. Das Altpaläolithikum scheint aber über Ostkasachstan bis in den Altai verbreitet gewesen zu sein. Ein 1938 gefundener Bestattungsplatz eines Neandertalerkindes zeigt Ähnlichkeiten mit dem Moustérien des Irans und Iraks. Im Altaigebirge lebten bis etwa vor 76.000–52.000 Jahren Denisova-Menschen, vorzeitliche Menschen, die mit den Neandertalern und den anatomisch modernen Menschen verwandt, aber von ihnen verschieden waren. Bisher wurde ihre Existenz nur durch wenige kleine Fossilien und genetische Analysen belegt.
Im Jungpaläolithikum finden sich die meisten Spuren eher im Ural, wo unter anderem Felsbilder mit Mammutdarstellungen gefunden wurden, dem Altaivorland, am oberen Jenissei, westlich des Baikalsees sowie um 25.000 v. Chr. an der Laptewsee nördlich des Polarkreises.V. V. Pitulko, P. A. Nikolsky, E. Yu. Girya, A. E. Basilyan, V. E. Tumskoy, S. A. Koulakov, S. N. Astakhov, E. Yu. Pavlova, M. A. Anisimov: The Yana RHS Site: Humans in the Arctic Before the Last Glacial Maximum. In: Science, 2. Januar 2004, Nr. 303, S. 52–56. So fanden sich in der Siedlung von Malta bei Irkutsk Reste von Hütten mit reichem Inventar. Tierplastiken und Frauenstatuetten (Venusfigurinen) erinnern an das europäische Jungpaläolithikum.Z.A. Abramova, 1962.
Das sibirische Jungpaläolithikum, das mit den Fundstätten Mamontowaja kurja und Saoserje ab etwa 41.000 bzw. 39.000 v. Chr. belegbar istPavel Pavlov: On the human occupation of the northeast of the East European plain and the Urals at the beginning of the Upper Palaeolithic (MIS3), Academia|Letters, 2021, S. 1–5 (academia.edu). und auf den modernen Menschen zurückgeht, könnte in engem Kontakt mit dort weiterhin lebenden Neandertalern entwickelt worden sein. Darauf deuten mittelpaläolithische Anzeichen hin. Das Jungpaläolithikum reicht zeitlich bis weit ins Mesolithikum Europas. Postglazial bildete sich nun erst die Taiga. Die ansonsten so typischen Mikrolithen finden sich nicht.
Der Begriff der Jungsteinzeit (um 5500–3400 v. Chr.)Datierungen hier und im Folgenden nach Parzinger 2006. ist in Nordasien vorwiegend von chronologischer Bedeutung, sowohl für Ackerbau als auch für Viehzucht fehlt in Sibirien während der eigentlichen mitteleuropäischen Jungsteinzeit jeglicher Hinweis. Allerdings heben sich die neolithischen Kulturen Nordasiens vom vorausgehenden Mesolithikum in ihrem Fundgut sehr deutlich durch die Einführung der Keramik ab. Nur wenige Siedlungen sind bekannt. Bei Čestyj-Jag fanden sich die Reste von 18 Wohnbauten. Der Ort lag nahe an einem Fluss. Zum Fundgut gehören Keramik und Steingeräte.
Südwestsibirien erreichte während der Kupfersteinzeit, die hier gegen Ende des 4. Jahrtausends begann, eine jungsteinzeitliche Kulturstufe, was mit der Einführung der Kupferverarbeitung zeitlich ungefähr übereinstimmte. In den nördlichen und östlichen Gebieten zeigten sich noch keine einschneidenden Veränderungen.
Bronzezeit (um 2400–800 v. Chr.) In der zweiten Hälfte des dritten vorchristlichen Jahrtausends erreichte die Bronzeverarbeitung die Kulturen des westlichen Sibiriens. Gruppen im östlichen Uralvorland bildeten aus kupfersteinzeitlichen Traditionen in der Wende zum zweiten Jahrtausend die Andronowo-Kultur, die aus mehreren örtlichen Formen bestand. Besondere Beachtung verdienen die befestigten Siedlungen Arkaim, Olgino und Sintaschta als erste Ansätze einer Urbanisierung in Sibirien. In den Tälern von Ob und Irtysch zeigt sich weiterhin die seit der Jungsteinzeit bestehende Keramik; sehr gering waren die Veränderungen im Raum um den Baikalsee und in Jakutien.
mini|Die Ausbreitung der Andronowo-Kultur (rot) während der mittleren Bronzezeit In der mittleren Bronzezeit (um 1800–1500 v. Chr.) erweiterte sich der Einzugsbereich der westsibirischen Andronowo-Kultur stark nach Osten und erreichte sogar das Tal des Jenissei. In allen lokalen Formen der Andronowo-Kultur findet sich eine homogene Keramik, die auch auf die Kulturen am Ob ausstrahlte. Diese bewahrten in der Keramik jedoch gleichzeitig eigene, in jungsteinzeitlicher Tradition stehende Formen.
Mit Beginn der späten Bronzezeit (um 1500–800 v. Chr.) vollzogen sich in Südsibirien entscheidende kulturelle Veränderungen. Der Andronowo-Kulturkreis löste sich auf; seine südlichen Nachfolger stellten eine völlig neue, mit wulstförmigen Elementen verzierte Keramik her. Gleichzeitig zeigten sich in der Bronzeindustrie südlicher Kulturen, möglicherweise durch Einflüsse aus dem Südosten, neue Formen. Besonders bedeutsam waren diese Veränderungen im Baikalraum (heute Oblast Irkutsk und in Burjatien): Die dortigen, noch immer auf einer kupfersteinzeitlichen Stufe stehenden Kulturverhältnisse wurden von einer Bronze verarbeitenden Viehzüchtergesellschaft abgelöst; wie in Jakutien wurde dort die Bronze nun erstmals als Werkstoff verwendet.
Eisenzeit (um 800 v. Chr. bis 500 n. Chr.) Die kulturelle Kontinuität am Ob hielt im ersten Jahrtausend v. Chr., als in Sibirien die Eisenzeit anbrach, weiter an; es findet sich dort immer noch die heimische Keramik. Ein umso größerer Umbruch machte sich nun im zentralasiatischen Steppengürtel bemerkbar: Die sesshaften, vorwiegend viehzüchtenden Gesellschaften der späten Bronzezeit wurden abgelöst durch mobile Reiternomadenverbände, die bis in die Neuzeit Bestand haben sollten. Die Mobilität, die die neue Gesellschaftsform ermöglichte, entfesselte eine ungeheure Dynamik, mit der sich die Völker Mittelasiens fortan in der Steppe bewegen konnten. Davon waren nicht zuletzt auch die benachbarten Hochkulturen betroffen. Das alte China wurde von den Xiongnu und ihren Nachfolgern bedroht, die antiken Staaten des heutigen Iran hatten sich gegen die Massageten und Saken, und das Römische Reich, dessen Westteil wenig später unterging, schließlich gegen die Hunnen zu verteidigen. Die gesellschaftlichen Veränderungen schlugen sich auch im Fundgut deutlich nieder: Es finden sich keine Siedlungen mehr, Angehörige der neu gebildeten Oberschicht wurden in riesigen Kurganen reich ausgestattet begraben, und völlig neue Formen der Kunst bildeten sich heraus.
In den weniger trockenen Steppen weiter im Norden entwickelte sich die sesshafte Viehzüchtergesellschaft der Spätbronzezeit unter Einfluss der materiellen Kultur der Reiternomaden weiter. Es entstanden protourbane Siedlungen wie Tschitscha in der Spätirmen-Kultur in Westsibirien und die Anlagen im Norden des Siedlungsgebiets der Xiongnu. Ebenso finden sich in Ostsibirien, sesshafte, Ackerbau treibende Kulturen, wie die Jankovsker-Kultur.
Ausblick Vielerorts bereitet der Übergang zur nun folgenden Zeit mangels archäologischer Funde noch Probleme. Dennoch sind bereits allgemeine Aussagen möglich. In den zentralasiatischen Steppen machten sich etwa im 5. Jahrhundert türkische Gruppen bemerkbar, die sich im Laufe der folgenden Jahrhunderte sowohl nach Westen als auch nach Norden ausbreiteten und zeitweise ganz Südsibirien unter ihrer Herrschaft vereinten. Schlechter fassbar bleiben die Gebiete weiter im Norden, wo Träger uralischer und paläosibirischer Sprachen lokalisiert werden, ohne dass nähere Aussagen möglich wären. Die nächste deutliche Zäsur in der Geschichte Sibiriens bildet die russische Eroberung, die im 16. Jahrhundert begann und erst im 19. Jahrhundert abgeschlossen war. Mit ihr begann in Sibirien die Neuzeit.
Ethnien und Sprachen Verwertbare historische Nachrichten über den fraglichen Raum stehen frühestens seit dem Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. mit altorientalischen, bald darauf auch griechischen und chinesischen Quellen zur Verfügung. Entsprechend sind gesicherte Aussagen über Ethnien und Sprachen erst seit der vorangeschrittenen Eisenzeit möglich; für frühere Zeiten und die weiter nördlich gelegenen Gebiete steht ausschließlich der archäologische Befund zur Verfügung. Einige Theorien, etwa die Kurgan-Hypothese von Marija Gimbutas, versuchen, hypothetische Sprachgruppen mit archäologischen Kulturen in Verbindung zu bringen, hierbei sind jedoch die Unsicherheiten sehr groß.