Nachts unter der steinernen Brücke ist ein Roman von Leo Perutz (1882–1957). Perutz begann ihn 1924 in Wien und stellte ihn 1951 in Tel Aviv fertig. Er erschien 1953.

Aufbau

Entlang einer unmöglichen Liebe zwischen dem Habsburger Rudolf II. und der schönen Jüdin Esther und deren Beziehungen zum reichen Mordechai Meisl und zu Rabbi Löw verknüpfen sich die 14 Erzählungen, aus denen der Roman besteht, zu einer vielgestaltigen mythischen Legende zwischen Prager Judenstadt und dem Hradschin, der Prager Burg. Erst nach und nach eröffnen sich dem Leser die Zusammenhänge zwischen einzelnen, auch unabhängig funktionierenden Geschichten aus dem Prag um 1600, die nicht in der chronologischen Abfolge aneinandergereiht sind. Rahmenhandlung sind die Familiengeschichte des Hauslehrers cand. med. Meisl und die Zerstörung der alten Prager Judenstadt um die Jahrhundertwende, die Perutz als Gymnasiast erlebt hatte.

Inhalt

Der römische Kaiser Rudolf II. sieht bei einem Besuch in der Judenstadt von Prag eine schöne junge Frau und verliebt sich. Rudolf verlangt von Rabbi Löw, die Schöne solle ihm auf die Burg geschickt werden. Der Rabbi weigert sich, denn Esther ist mit dem Kaufmann Mordechai Meisl verheiratet. Darauf droht der junge Kaiser, die Juden zu vertreiben. Aus Sorge um seine Gemeinde pflanzt Rabbi Löw unter der Steinernen Brücke an der Moldau einen Rosenstock und einen Rosmarinstrauch nebeneinander, in denen sich die Seele von Rudolf und Esther Nacht für Nacht im Traum vereinen. Diese Sünde bringt aber ein großes Kindersterben über die Judenstadt. Als Rabbi Löw die Ursache des Fluchs ergründet, reißt er den Rosmarinstock wieder aus. Die schöne Esther stirbt und lässt Mordechai Meisl ebenso wie Rudolf untröstlich zurück. Jahre später sind Rudolf II. und Meisl, ohne einander je gesehen zu haben, auch anderweitig miteinander verbunden. Der hoch verschuldete Kaiser macht mit dem reichen Kaufmann Geschäfte – Geld gegen Privilegien. Außerdem soll der Kaiser nach Meisls Tod sein Gut erben. Als Mordechai Meisl aber in den letzten Wochen seines Lebens erfährt, dass seine Esther die Geliebte des Kaisers war, verschenkt er sein ganzes Geld, um sich zu rächen. Damit reißt er ganz Böhmen mit ins Unglück. In all diese Vorgänge ist immer auch Rabbi Löw verstrickt, der mit seinen Zauberworten, die Gutes bewirken sollen, doch das Gleichgewicht der Welt stört.

Inhalt der einzelnen Erzählungen

Die Pest in der Judenstadt

(1589) Koppel-Bär und Jäckele-Narr, zwei arme Musiker und Spaßmacher, wollen dem Blümchen, der kleinen Schneiderstochter, aufspielen. Doch auch das Blümchen ist tot, die Pest rafft die Kinder der jüdischen Gemeinde dahin. Sie gehen auf den Friedhof, sehen dort die Geister der toten Kinder spuken. Der Rabbi Löw weiß das als Zeichen zu deuten, dass ein Sünder in der Gemeinde frevelt, Tag um Tag. Der Rabbi lässt die beiden einen der Kindergeister fangen und nach dem Namen des Sünders befragen. Aber die beiden erfahren nur, dass es sich um einen Ehebruch handelt. Der Rabbi versammelt darauf die Gemeinde und verlangt, dass die Sünderin, die das Kindersterben über die Gemeinde gebracht hat, vortreten solle. Als auch nach dreimaliger Aufforderung keine vortritt, verflucht er die Sünderin. Doch an niemandem wird der Fluch sichtbar.

Also schickt Rabbi Löw die beiden Musiker wieder auf den Friedhof, um abermals einen Geist zu fangen und bis in das Zimmer des Rabbis zu locken. So geschieht es. Kaum im Zimmer, verwandelt der Rabbi den Geist in ein lebendiges Kind zurück und befragt es selbst. Das Kind sagt zum Rabbi: Nur Gott und du wissen es. Rabbi Löw begreift. Er macht sich selbst auf zum Ufer der Moldau. Dort stehen unter der steinernen Brücke ein Rosenstrauch und ein Rosmarin ineinander verschlungen. Er trennt die Pflanzen, gräbt den Rosmarin aus und wirft ihn ins dunkle Wasser. In dieser Nacht endet das Kindersterben, die schöne Jüdin Esther Meisl stirbt, der Kaiser Rudolf fährt mit einem Schrei aus dem Bett.

Des Kaisers Tisch

(1598) Die Verwandten Zaruba und Kaplirsch gehen durch die Judenstadt. Kaplirsch, der reiche Gutsherr, ereifert sich über die Juden und ihre Handelschaften und fragt den armen Zaruba, ob er ihn auf die Burg begleiten will, wo er mit dem Kämmerer des Kaisers Geschäftliches zu besprechen hat. Denn dann werde auch er an des Kaisers Tisch eingeladen. Peter Zaruba erklärt, dass eine alte Weissagung berichtet, einer aus der Familie werde die heilige böhmische Freiheit wieder aufrichten, nur dürfe er nicht von des Kaisers Tisch essen. Zaruba lässt also Kaplirsch allein auf die Burg gehen. Auf dem Weg nach Hause kommt Zaruba bei einem Gasthaus vorbei und kehrt ein, weil der Wirt vier Gänge für nur drei böhmische Groschen verspricht, und speist vorzüglich. Als Kaplirsch am Gastgarten vorbeikommt, ist er schlecht gelaunt. Der Hof hat Zahlungsprobleme und deshalb soll er, der Judenfeind, zum Juden Meisl, eine Geldanweisung einholen. Das habe ihm sogar den Appetit verschlagen, dass er von des Kaisers Tisch kaum gegessen habe. Dabei stellt sich heraus, dass die beiden Verwandten das Gleiche serviert bekommen haben. Der Wirt erzählt, dass er die Reste der kaiserlichen Tafel aufgetragen habe. Zaruba ist verzweifelt, auf diese Weise die böhmische Freiheit verspielt zu haben.

Das Gespräch der Hunde

(1609) Der vom Unglück verfolgte, aber fromme Jude Berl Landfahrer soll wegen einer unbeabsichtigten Hehlerei gehenkt werden, zur besonderen Strafe zwischen zwei Hunden. Die Nacht vor der Hinrichtung verbringt Landfahrer mit den zwei Hunden in der Zelle, ein magerer Straßenköter und der Pudel des verstorbenen Mordechai Meisl. Die Hunde kläffen, während er beten will. Das ärgert ihn und er will einen Bann über die beiden Hunde verhängen. Dazu schreibt er den magischen Spruch in den Staub und ruft den Bann. Doch er irrt sich in einem Buchstaben und statt der erwünschten Ruhe kann er nun die Hundesprache verstehen. So hört er, wie der Pudel erzählt, wo der Meisl Geld für den unglücklichen Berl Landfahrer vergraben hätte, das er ihm hätte zeigen sollen, doch kenne er den nicht. Berl Landfahrer stellt sich daraufhin dem Pudel vor. Der Pudel freut sich und verspricht, morgen das Versteck zu zeigen. Landfahrer eröffnet dem Pudel, dass die drei am Morgen gehenkt werden sollen. Der Pudel kündigt an, schnell zu entwischen, wenn jemand komme. Am nächsten Morgen kommt aber statt des Henkers der Judenrat herein und eröffnet Berl Landfahrer, dass er begnadigt sei. Doch statt sich darüber zu freuen, verzweifelt er, weil der Pudel durch die offene Tür entwischt ist, bevor er ihm das Versteck hätte zeigen können. Den Rest seines Lebens verbringt er auf der Suche nach dem Pudel. Man sagt über ihn, in der Nacht vor der Hinrichtung habe er seine Menschenseele verloren.

Die Sarabande

Der elegante Graf Collalto stellt dem ungelenken Baron Juranic beim Tanz mit der jüngsten Berkatochter aus Eifersucht ein Bein, um ihn vor dem Mädchen lächerlich zu machen. Der Baron fordert den Grafen daraufhin für den Abend zum Fechten heraus und ist ihm im Kampf haushoch überlegen. Er schenkt dem Collalto das Leben unter der Bedingung, dass er die ganze Nacht durchtanze. Drei kroatische Musiker spielen eine Sarabande. Der Graf wird immer erschöpfter. Nur, wenn sie an einer Marienstatue vorbeikommen, kommt der tanzende Graf kurz zur Ruhe, denn dann pausierten die Musiker, um zu beten. Juranic, der das verhindern will, führt sie in die Judenstadt, wo es keine christlichen Zeichen gibt. Graf Collalto ist schließlich am Ende, er schreit verzweifelt um Hilfe. Diesen Schrei hört Rabbi Löw und schaut zum Fenster heraus. Collato fleht ihn um ein Christusbild an. Als der Rabbi die Situation versteht, zaubert er auf die gegenüberliegende Wand ein Bild, ein Ecce homo. Davor geht auch Baron Juranic mit seinem steinernen Herzen in die Knie, klagt sich selbst an und erbarmt sich des Grafen. Das Ecce homo war aber kein Christusbild, sondern ein Bild des verfolgten Judentums.

Der Heinrich aus der Hölle

Rudolf II. erwacht aus einem Albtraum. Er lässt die Hofleute Hanniwald, Sternberg und Bubna rufen, verwechselt den jungen Mundschenk Bubna aber mit jemandem anderen. Erst nachdem Bubna auf Befehl des Kaisers das Paternoster betet, beruhigt er sich. Der Kaiser erzählt seinen Traum, in dem er vom Teufel versucht wird, der ihm prophezeit, dass ihm der geheime Schatz entgehen werde und schreckliche Strafen über das Land kommen werden. Die Vertrauten des Kaisers besprechen, wie er den Abgesandten des Teufels antworten soll. Die Formulierung Hanniwalds gefällt dem Kaiser und er beruhigt sich, erkennt auch den Bubna wieder und geht schließlich zu Bett.

Der marokkanische Gesandte mit großer, reich ausgestatteter Gefolgschaft trifft in Prag ein und wird am Hof empfangen. Doch der Kaiser reagiert wieder seltsam. Er hält den marokkanischen Gesandten für den Heinrich Twaroch, einen ehemaligen Futterknecht in den kaiserlichen Stallungen, der ihm mehrere Münzen gestohlen hat und dann verschwunden ist. Rudolf II. wirft dem Gesandten vor, dass er ungläubig sei und aus der Hölle komme. Die Hofleute sind peinlich berührt. Der Kaiser aber lässt sich nicht beirren, er sieht im Gesandten den Abgesandten des Teufels, der nun seine Antwort erwarte. So wiederholt er die Worte des Hanniwald: ich weiche keinen Fingers breit von dem Herrn Jesu. Die Audienz ist beendet.

Abends begibt sich der Gesandte als Handwerker verkleidet zu einem Gärtner am Stadtrand. Dem erzählt er, dass der Kaiser ihn empfangen habe. Und ihn als einziger am Hof erkannt habe – ihn, den einstigen Stallburschen Heinrich Twaroch, den zum Islam übergetretenen Sohn des Prager Gärtners.

Der entwendete Taler

Der junge Rudolf II., Sohn des Kaisers Maximilian, verirrt sich auf seinem Ritt ohne Gefolge und hat eine seltsame Erscheinung: mitten im Wald begegnet er zwei Riesen bei drei blinkenden Haufen aus Gold, Silber und Kupfer. Er fragt die Geister, wem der Schatz gehöre und erfährt, dass das alles dem Juden Mordechai Meisl bestimmt sei, dem zukünftigen Kammerherrn des Kaisers. Das verärgerte den jungen Prinz und er nimmt einen Silbertaler aus dem Haufen an sich. Bevor der ganze Spuk verschwindet, wird ihm noch gesagt: Behalte den Taler nur, aber er wird keine Ruhe finden, bis er bei dem ist, dem er gehört. In den folgenden Tagen wird er vom Unglück verfolgt, bis er beschließt, sich des unrechtmäßig angeeigneten Talers zu entledigen. Doch er kann den Juden Mordechai Meisl nicht aufspüren, um ihm den Taler zurückzugeben, keiner kennt ihn. Deshalb wirft er den Taler von der Steinernen Brücke in die Moldau. Er fällt in ein Boot, das eben unten durchfährt. Der Fischer steckt den Taler in seine Manteltasche. Rudolf beschließt, den Taler zu verfolgen. Ein Fremder kauft dem Fischer den Mantel ab, um als Fischhändler getarnt seine Geliebte zu besuchen. Am Morgen nach der Liebesnacht bleibt der Mantel im Birnbaum hängen, über den der Liebhaber aus dem Garten klettert. Den Mantel samt Taler nimmt ein Fuhrmann an sich und verkauft ihn beim Altkleiderhändler. Der junge Rudolf nimmt beim Altkleiderhändler Platz und wartet lange. Schließlich kommt ein kleiner Junge, der gegen einen Groschen die Manteltaschen der Kleidung durchsucht und alles darin Befindliche behalten darf. Er findet den Taler. Auf die Frage Rudolfs, was er sich damit kaufen werde, antwortet der Junge, er werde den Taler nicht für sich ausgeben, denn aus einem Taler können leicht zwei werden. Und er läuft glücklich davon. Rudolf erfährt, dass der Junge Mordechai Meisl heißt.

Nachts unter der steinernen Brücke

Unter der Steinernen Brücke winden sich ein Rosenstrauch und ein Rosmarinstock umeinander. Rudolf II. und Esther begegnet sich Nacht für Nacht im Traum als Liebende und wissen nicht, wie ihnen geschieht. Esther ist bekümmert, denn sie fühlt Gottes Zorn. Morgens erwachen sie allein in ihren Betten. Rudolf sehnsüchtig und verzweifelt, Esther erleichtert, dass es, wenn auch ein schöner, doch nur ein Traum ist.