Bei den Anfängen der lateinamerikanischen Literatur muss unterschieden werden zwischen der verschriftlichen Überlieferung der Indigenen und der Literatur der Konquistadoren und Kolonisten, wobei hier auch die Schriften berücksichtigt werden, die in Europa gedruckt, verlegt und teilweise auch erst dort verfasst wurden, sich jedoch auf Vorkommnisse in Lateinamerika beziehen. Die Literatur der Konquistadoren und Kolonisten entwickelte sich zunächst in den Vizekönigreichen Neuspanien (Mexiko) und Neukastilien (Peru), später auch im 1717/1739 gegründeten Vizekönigreich Neugranada (Kolumbien, Venezuela) und im 1776 von Peru getrennten Vizekönigreich des Río de la Plata sowie in Zentralamerika und Brasilien. Die literarische Produktion in den Randgebieten wie Venezuela, Chile oder Paraguay blieb gegenüber derjenigen der höfischen Gesellschaft Neuspaniens und Neukastiliens, die auf den Trümmern der Hochkulturen der Azteken bzw. Inkas errichtet wurden, zunächst weit zurück.
Abgrenzung Der Begriff Lateinamerika (statt: Iberoamerika) wurde erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts geläufig.Walter Mignolo: The Idea of Latin America. Wiley-Blackwell, Oxford 2005, ISBN 978-1-4051-0086-1, darin das Kapitel „Latin“ America and the First Reordering of the Modern/Colonial World, S. 51–94. Wenn man von den Anfängen einer lateinamerikanischen Literatur spricht, handelt es sich also um eine Projektion eines relativ modernen Begriffs in die Vergangenheit. In dieser Begriffsbildung (die den Terminus iberoamerikanisch ersetzte) kam der Versuch zum Ausdruck, sich nicht nur gegenüber dem angelsächsischen Nordamerika abzugrenzen, sondern auch von den Kolonialmächten Spanien und Portugal zu emanzipieren und im Geiste einer vagen „Latinität“ an das moderne Vorbild Frankreichs anzuknüpfen.César Fernández Moreno: ¿Que es la América latina? In: Ders. (Hrsg.): América latina en su cultura. Siglo Veintiuno Editores, Mexiko-Stadt 1972, S. 5–18, hier S. 9. Diese durchaus unter dem Einfluss französischer Interessen betriebene Begriffsbildung schloss paradoxerweise die französischsprachigen Gebiete Amerikas wie Haiti, Québec usw. aus. Auch hatten sich portugiesischsprachige und spanischsprachige Autoren Lateinamerikas bis in die 1960er Jahre wenig zu sagen. Dennoch sind die historischen Kontexte beider Literaturen ähnlich und war der Austausch durch reisende und exilierte Schriftsteller innerhalb des spanischsprachigen Raums so intensiv, dass man von lateinamerikanischen Nationalliteraturen erst etwa seit Mitte des 19. Jahrhunderts sprechen kann. Danach gab es nur noch eine einzige wirklich kontinentübergreifende Strömung, den Modernismo zu Beginn des 20. Jahrhunderts, während sich allerdings die Traditionen und Besonderheiten der sechs Großräume auch jenseits von Staatsgrenzen immer wieder Geltung verschafften.Michael Rössner (Hrsg.): Lateinamerikanische Literaturgeschichte. 2. Aufl. 2002, Vorwort, S. VII f.
Eine länderbezogene Unterscheidung in der frühen Literaturgeschichte kann also auf die Zeit nach Bildung der zwanzig Staaten verschoben werden, deren endgültige Grenzen teils erst im frühen 20. Jahrhundert festgelegt wurden. Lediglich eine eindeutig Abgrenzung zum Norden hin kann vorgenommen werden, womit als geografischer Raum das Gebiet von Mexiko bis Feuerland gilt – einschließlich der karibischen Inseln.
Letztlich ist auch der Sprachraum kein eindeutiges Kriterium. So besaßen die Ureinwohner vielfältige Sprachen, von denen sich bis in die Neuzeit hauptsächlich Nahuatl, welches in geringerem Umfang auch im Südwesten der USA gesprochen wird, sowie Quiché und Guaraní überliefert haben.César Fernández Moreno: ¿Que es la América latina? In: Ders. (Hrsg.): América latina en su cultura. Siglo Veintiuno Editores, Mexiko-Stadt 1972, S. 5–18, hier S. 8. Zudem stammten die europäischen Konquistadoren aus allen möglichen Ländern, führten aber größtenteils das Spanisch als gemeinsame Sprache ein, mit Ausnahme von Portugiesisch in Brasilien und Französisch in Französisch-Guayana und Haiti. Die zunehmende Verbreitung des Spanischen im Südwesten der USA führt außerdem dazu, dass dort auch spanischsprachige Literatur bekannt wird; umgekehrt schreiben lateinamerikanische und karibische Autoren in spanischer Sprache auch im Exil in den USA.
Literatur der Indigenen Ursprünge Als ältester Beleg für die Darstellung von Bild und Schrift gelten die zwischen 800 und 500 v. Chr. entstandenen sog. Glyphen. Den Anfang machten die Olmeken von La Venta (im heutigen mexikanischen Bundesstaat Tabasco), die ihre Zeichen in Stelen ritzen. Deren Bedeutung ist bislang nicht geklärt. Die nächsten Überlieferungen stammen aus der Zeit um 600 oder 500 v. Chr. aus Monte Albán in Oaxaca in Form von Darstellungen von Tänzergruppen mit Glyphen und vermutlich erste Kalenderzeichen.
In die Zeit zwischen 300 und 900 n. Chr. werden steinerne Inschriften der Maya datiert. Es gibt unter anderem Funde aus Palenque und Yaxchilán (beide im heutigen Chiapas) und Tikal in Guatemala. diese gelten inzwischen als lesbar bzw. deutbar.
Im 16. Jahrhundert ließ Diego de Landa auf dem Marktplatz von Mani Tausende von Manuskripten der Maya verbrennen. Es blieben lediglich vier davon übrig: Codex Dresdensis in Dresden, mit hauptsächlich astronomischen Inhalt Codex Tro-Cortesianus in Madrid, ein Wahrsagebuch Codex Peresianus in Paris, Schilderung von kalendarischen Riten Codex Grolier in Mexiko-Stadt, astrologischer Venus-Almanach
Erst später und nach mündlichen Überlieferungen wurden die Schöpfungs- und Reichsgeschichte der Quiché-Maya Popol Vuh sowie die untereinander eng verwandten Dorfchroniken der Bücher des Chilam Balam transkribiert und noch später ins Spanische übersetzt.
Zudem gibt es zahlreiche Sammlungen aztekischer Literatur, die ebenfalls erst später zusammengestellt wurden. So zeichnete Bernardino de Sahagún die von ihm erfragten Aussagen indianischer Spezialisten in einem enzyklopädischen zwölfbändigen Werk Historia general de las cosas de la Nueva España auf, dessen Endfassung von 1585 stammt.
Formen Azteken mini|Codex Florentinus, Text in latinisiertem Nahuatl In der aztekischen Literatur (Nahuatl-Literatur) gibt es verschiedene epische Formen: tlatolli = Prosa, mit den Unterformen: huehuetlatolli = Reden und Ermahnungen der Alten toetlatolli = Göttergeschichten (Codex Matritensis) itolloca = Chroniken (Anales de Tlatelolco, 1528; Codex Ramírez) cuícatl = Gesang und Poesie, mit den Unterformen: teocuícatl = Hymnen an die Götter (Codex Florentino) tepanazcuícatl = von Musik begleitete Gedichte yaocuícatl = Kriegsgesänge xopancuícatl = Frühlingsgesänge icnocuícatl = über die Vergänglichkeit des Daseins (Annalen von Cuauhtitlán, 1558) Weitere Informationen siehe: Aztekencodices
Inkas In der Frühgeschichte der Inkas gab es keine Schriftsprache, sondern lediglich eine mündliche Weitergabe der sog. Quipucamuyus (Geschichtenerzähler). Erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurden diese Geschichten niedergeschrieben.Sabine Dedenbach-Salazar Sáenz: Die Stimmen von Huarochirí. Indianische Quechua-Überlieferungen aus der Kolonialzeit zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Eine Analyse ihres Diskurses. Bonner Amerikanistische Studien, Band 39, Aachen, 2007. Dabei haben sich folgende Gattungen herausgearbeitet: jailli = Hymnen und Gebetslieder atiy jaillili oder jaich'a = Heldengesänge arawi = Gedichte wawaki = Dialoggedichte mit erotischem Inhalt wayñu und qháshwa = Tanzlieder wanka = Klagelieder aranway = Humoristische Dichtung und Tierfabeln
Hinzu kommt noch eine eigene Form des Theaters, von denen Nicolás de Martínez Arzanz y Vela in seinem Werk Historia de la villa imperial de Potosí erzählt. Nur wenige Stücke sind überliefert, so u. a. die Tragödie vom Ende Atawallpas (1871 aufgezeichnet) und Ollantay (Aufzeichnung aus dem 18. Jahrhundert).
Andere Indigene Völker Aufzeichnungen und/oder Sammlungen von früher Literatur anderer Indigener Völker fehlen fast vollständig, lediglich ein paar Mythen und Hymnen der Guaraní aus dem heutigen Paraguay sind überliefert.
Chroniken Ein Teil der Geschichtswerke der Indigenen, die nach den Feldzügen der Konquistadoren geschrieben wurden, waren bereits christlich eingefärbt. So wird z. B. in der Historia chichimeca von Fernando de Alva Ixtlilxóchitl (Urenkel des letzten Herrschers von Texcoco) von einer indianischen Sintflut gesprochen. Anders hingegen die Werke von Hernando de Alvarado Tezozómoc (Crónica Mexicayotl, Crónica Mexicana), die in Nahuatl und Spanisch abgefasst wurden.
Literatur der Konquistadoren und Kolonisten Am 3. August 1492 machte Christoph Kolumbus den ersten Eintrag im Bordbuch der Santa Maria, als er von Palos de la Frontera aus in See stach, um einen Seeweg nach Indien zu finden. Dieses Datum markiert einen wichtigen Punkt in der Geschichte der lateinamerikanischen Literatur. Nach zwei weiteren Reisen wurde Kolumbus der Unterschlagung von Gold verdächtigt und 1499 in Ketten gelegt nach Spanien geschickt, wo er Libro de las profecías schrieb.
Die Entdeckung und Besetzung bzw. Kolonialisierung weiterer Gebiete in Mittel- und Südamerika schritt immer schneller voran und die Konquistadoren gingen dabei größtenteils sehr brutal und grausam gegen die Indigenen vor. Dies berichtete auch Hernán Cortés in seinen unter dem Titel Cartas de relación zusammengefassten fünf Briefen an den spanischen König Karl V., die zwischen dem 10. Juli 1519 und 1526 entstanden. Er klagt dabei einige andere Konquistadoren an, schien jedoch nur von Vorwürfen gegen sein eigenes Vorgehen ablenken zu wollen.
Vizekönigreich Neu-Spanien / Mexiko Chroniken In die Zeit von Cortés fällt auch die Entstehung von De Orbe Novo Decadas (1494–1526) des italienischen Humanisten Pedro Mártir de Anglería, der jedoch nie selber in Lateinamerika war. Ebenso wie Francisco López de Gómara, der mit seiner Historia de la conquista de México (1552) versuchte, der entstandenen Kritik an Hernán Cortés entgegenzuwirken. mini|hochkant|Brevísima relación de la destrucción de las Indias (1552) von Bartolomé de Las Casas (1484–1566). Mit der Historia verdadera de la conquista de la Nueva España von Bernal Díaz del Castillo erschien um 1568 das erste Werk eines an den Eroberungszügen beteiligten Soldaten. Noch kritischer gegenüber der Vorgehensweise der Feldherren war Fray Bartolomé de Las Casas in seinem Werk Brevísima relación de la destrucción de las Indias (Sevilla 1552) (dt. Kurz gefasster Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder, 1790).
Weitere Chroniken: Fray Bartolomé de Las Casas: Apologética historia, Historia de las Indias, Historia general Fray Toribio de Benavente Motolinía: Historia de los Indios de la Nueva España (1541), Carta al emperador (1555) Fray Bernardino de Sahagún: Historia general de las cosas de la Nueva España 12 Bücher (1569) Fray Diego Durán: Historia de las Indias de Nueva España e Islas de Tierra Firme (1581) José de Acosta: Historia natural y moral de las Indias (Sevilla, 1590)
Epik und Lyrik Die Entwicklung der Lyrik und Epik in den neuen Kolonien, die mittlerweile als Vizekönigreiche geführt wurden, war noch stark von europäischen Strömungen beeinflusst. So richtete sich die Sammlung von Gedichten Flores de baria poesía (1577) nach dem Petrarkismus, einer gelehrten Dichtung. Die Autoren der Sammlung waren nur zum Teil „Neu-Spanier“, wie z. B. Gutierre de Cetina und Juan de la Cueva.
Wesentlich stärker dem neuen Land verhaftet war La grandeza mexicana (1604, dt. „Die mexikanische Größe“) von Bernardo de Balbuena (1562?–1627), der bereits als Kleinkind nach Mexiko kam. Er beschreibt darin in Form eines Briefs dieses neue Land. Sein zweites Werk El Siglo de Oro en las selvas de Erífile (1608, dt. „Das Goldene Zeitalter in den Wäldern von Erífile“) zählt zur Gattung der Schäferromane. Und mit El Bernardo o Victoria de Roncesvalles (1624) bediente er sich bei den europäischen Rolandsepen.
Weitere Werke: