Stabreim ist der deutsche Begriff für die Alliteration in germanischen Versmaßen. Die am stärksten betonten Wörter eines Verses werden durch gleiche Anfangslaute (Anlaute) hervorgehoben.

Die Bezeichnung Stabreim geht zurück auf Snorri Sturluson (1178–1241), den Verfasser der Snorra-Edda (Prosa-Edda oder auch Jüngere Edda); dort tritt altnord. stafr (Stab, Pfeiler, Buchstabe, Laut) in der Bedeutung „Reimstab“ auf. Der deutsche Ausdruck Stabreim ist eine Lehnübersetzung aus dem dänischen stavrim.Hans-Peter Naumann: Skandinavisch/Deutsch. In: Werner Besch u. a. (Hrsg.): Sprachgeschichte. Ein Handbuch. 4. Teilband, Berlin u. a. 2004, S. 3282–3290, S. 3288.

Die gesamte altgermanische Versdichtung verwendete den Stabreim, bis er durch den Endreim abgelöst wurde. Der Stabreim bildete die metrische Grundlage für die Versmaße Fornyrðislag und Dróttkvætt sowie deren Urform, die germanische Langzeile. Bedeutende Werke in altenglischer (Beowulf), altsächsischer (Heliand), althochdeutscher (Hildebrandslied) und altnordischer Sprache (Lieder-Edda) sind in stabreimenden Langzeilen verfasst.

Auch in der modernen Alltagsrhetorik kommen stabreimartige Alliterationen häufig bei der Bildung von phraseologischen Zwillingsformeln vor (z. B. frank und frei, klipp und klar, Leib und Leben).

Grundaufbau Die Stabreimdichtung hat ihren Ursprung in mündlicher Rede. Der Übergang zwischen Prosa und Vers ist für sie deshalb, im Gegensatz zur heutigen deutlichen Trennung von Gedicht und normaler Rede, sehr einfach zu bewältigen. Der Stabreim setzt an den betonten Silben eines Satzes an und lässt sie alliterieren bzw. „staben“. Zeile 3 des Hildebrandsliedes soll dies verdeutlichen:

" " " ' hiltibrant enti haðubrant, untar heriun tuem Hildebrand und Hadubrand, zwischen Heeren zweien

In diesem Satz gibt es vier Wörter, deren Anfang ein zeitgenössischer Redner besonders betont hätte (markiert durch " und '). Drei der vier betonten Silben, auch Hebungen genannt, staben (markiert durch "). Der Konsonant h trägt den Stab. Der Redner verteilt die Stäbe nach festen Regeln auf den Anfang und das Ende einer Zeile, die sich aus Anvers, Zäsur und Abvers zusammensetzt. Es ergibt sich folgende Struktur:

hiltibrant enti haðubrant, untar heriun tuem <---- Anvers ----------->Zäsur<---- Abvers --->

Während im Anvers ein bis zwei Stäbe vorkommen können, darf der Abvers nur einen Stab haben, der immer auf das erste der beiden betonten Wörter dieses Teilverses fallen muss. Das zweite betonte Wort bleibt immer stabfrei (im obigen Beispiel „tuem“). Da die Position des Stabes im Abvers immer gleich ist, nannte Snorri Sturluson ihn in seiner Snorra-Edda Hauptstab (hǫfuðstafr). Die Stäbe im Anvers nannte er Stützen (stuðlar), da es drei verschiedene Möglichkeiten gibt, sie zu stellen.

Geschichte

Ursprung des Stabreims mini|350px|Das Horn von Gallehus mit dem ältesten überlieferten Stabreimvers.

Das Stilmittel der Alliteration kommt u. a. auch in der keltischen und (seltener) in der lateinischen Sprache vor, weswegen der Ursprung nicht ausschließlich im Altgermanischen zu suchen ist. Eine Erklärung für die Ausbreitung des Stabreims in voneinander weitgehend unabhängigen Sprachgebieten könnte in der jeweils typischen sprachlichen Akzentuierung liegen. Einer Sprache, die durch einen dynamischen Akzent oder Stammsilbenakzent gekennzeichnet ist, fällt der Anlautreim ganz natürlich zu. So entstehen auch heute in der Werbesprache noch hin und wieder Stabreime (z. B. „Geiz ist geil“), deren Ursprünge ebenfalls nicht in der altgermanischen Versbautradition liegen.

Bei den Germanen muss der Stabreim bereits vor 2000 Jahren tief verwurzelt gewesen sein. Aus dieser Zeit stammen jedenfalls die ersten antiken Quellen, die die germanische Sitte bezeugen, Verwandtennamen miteinander staben zu lassen. Beispiele dafür sind die drei Cherusker Segestes, Segimundus und Segimerus, von denen u. a. TacitusTacitus: Annales. 1, 55–59 und 71. berichtet. Aus dem Hildebrandslied sind Heribrand, Hildebrand und Hadubrand bekannt und aus dem Nibelungenlied die Brüder Gunther, Gernot und Giselher.

Stabreime in Runeninschriften Runeninschriften mit Stabreimen (Runendichtungen) treten zahlenmäßig weit hinter die schriftlichen Quellen in lateinischer Schrift zurück. Es sind kaum mehr als 500H.-P. Naumann: Runendichtung. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 25, S. 512. Zeilen überliefert. Sie sind für die Forschung von besonderem Wert, da man nur durch sie etwas über die frühe Stabreimdichtung erfahren kann. Allgemein gilt die Runeninschrift auf dem Goldhorn von Gallehus (Dänemark um 400 n. Chr.) als ältester Beleg eines germanischen Stabreims. Die Inschrift gibt eine Langzeile mit vier Hebungen und drei Stäben wieder.

ek HléwagastiR HóltijaR : hórna táwido. (Ich HlewagastiR, Holts Sohn, fertigte das Horn.)

Der früheste (und einzige) runische Beleg für einen Stabreim im südgermanischen Raum findet sich auf der Gürtelschnalle von Pforzen (6. Jh.). Allerdings muss man im Abvers die Runen „l“ und „t“ im vierten Wort als Binderune „el“ lesen, um eine vollständige Langzeile mit drei Stäben zu erhalten:

Áigil andi Áïlrûn : élahu gasókun

Die Bedeutung der Inschrift ist in der Forschung umstritten.Wilhelm Heizmann und Astrid van Mahl (Hrsg.): Runica – Germanica – Mediaevalia. Ergänzungsbände zum Reallexikon der germanischen Altertumskunde, Band 37. Berlin/New York, Walter de Gruyter, 2003. S. 174 ff. Einige RunologenTineke Looijenga: Runes around the North Sea and on the Continent AD 150–700. sehen in den Namen das mythische Liebespaar Egil und Ölrún, von denen man im Wielandlied der Lieder-Edda und in der Thidrekssaga liest. Solche frühen Zeugnisse der Runendichtung sind jedoch selten. Zur Blüte gelangte sie erst zwischen dem 9. und 11. Jh. in Form der Nachrufgedichte auf Runensteinen. Oft werden in diesen die Regeln zum Versbau nicht so genau genommen, was aber als Anzeichen dafür gesehen wird, wie leicht der Stabreim aus der natürlichen Rede hervorgeht. In einigen der Inschriften kann man schon mehr oder weniger korrekt ausgeführte Versmaße erkennen: Stein von Rök (Fornyrðislag), Tunestein (Ljóðaháttr), Stein von Karlevi (Dróttkvætt).

Schriftliche Quellen Da es im 8. Jh. n. Chr. vor allem Geistliche sind, die die Zeit und Befähigung haben, in lateinischer Schrift zu schreiben, ist ein großer Teil der ersten überlieferten Stabreimverse christlich orientiert. Man verwendete den Stabreim teilweise, um den Heiden das Christentum nahezubringen. So ist zum Beispiel der altsächsische Heliand eine als Heldenlied gestaltete Erzählung von Jesus Christus. Heidnischen Werken wurde wenig Priorität zugemessen, oft ist ihre Überlieferung nur glücklichen Umständen zu verdanken. Das für die althochdeutsche Literatur bedeutende Hildebrandslied wurde beispielsweise auf die erste und letzte Seite eines geistlichen Codex geschrieben. Da der Platz nicht ausreichte, blieb das Lied unvollständig. Die ca. 63.000K. von See: Germ. Verskunst S. 1 Zeilen umfassende stabreimende Dichtung verteilt sich deshalb sehr unterschiedlich auf die germanischen Sprachen. Aus England und Skandinavien, wo sich die Geistlichkeit mehr als in Deutschland auf den Stabreim einließ, ist auch mehr überliefert.

Sprache Zeilenanzahl Hauptversmaß Werke Althochdeutsch 200 Langzeile Hildebrandslied, Muspilli, Merseburger Zaubersprüche Altsächsisch 6000 Langzeile Heliand, Altsächsische Genesis Altenglisch 30.000 Langzeile Beowulf, The Battle of Maldon Altnordisch 7000 Fornyrðislag Lieder-Edda (z. B. Völuspá, Sigrdrífumál) Altnordisch 20.000 Dróttkvætt Skaldendichtung (z. B. Ynglingatal, Ragnarsdrápa)

Der Stabreim wurde für viele unterschiedliche Textarten verwendet. Es finden sich religiöse Texte heidnischen Glaubens (Götterlieder, Zaubersprüche) neben denen des christlichen (Gebete, Übertragungen der Genesis oder der Bergpredigt, Buchepik) und auch den weltlichen Bereich deckte man breitflächig ab (Heldenlieder und Epen, Gedichte, Grabinschriften). Der Stabreimvers lässt sich daher nicht auf einen speziellen Anwendungsbereich einschränken. Er ist stilisierte, nachdrücklich gesteigerte Prosarede, die man verwendete, wo man seinen Worten besonderes Gewicht verleihen wollte.

Verfall Die altdeutsche Stabreimdichtung löste sich im Laufe des 9. Jh. als erstes auf. Von den vier althochdeutschen und zwei altsächsischen Werken, die überhaupt im Stabreim überliefert wurden, stützen sich nur zwei (das Hildebrandslied und die Merseburger Zaubersprüche) auf eine mündliche Tradition. Die restlichen sind neu und deshalb anfällig für neue Einflüsse. Deshalb mag es nicht verwundern, wenn sich der Endreim mit dem Evangelienbuch des Otfrid von Weißenburg in Deutschland durchsetzte und bis heute blieb.

Es war aber nicht nur ein Umschwung von heidnischer zu christlicher Tradition, die den Stabreim gefährdete. Auch sprachliche Gründe haben eine Rolle gespielt. So behielt das Althochdeutsche viele kurze betonte Silben, die in anderen germanischen Dialekten zu unbetonten Silben geschwächt wurden (vgl. altnord. haukr und ahd. habuh). Das Althochdeutsche bewahrte die Länge, wo andere Dialekte kürzten, und geriet damit in Konflikt mit den metrischen Erfordernissen des Stabreims.

In Skandinavien und England hielt sich die Stabreimdichtung bedeutend länger. In England wurde er von der Geistlichkeit bis ins 11. Jh. verwendet, um biblische Geschichten nachzuerzählen (altenglische Buchepik). Diese Tradition brach schließlich ziemlich genau mit dem Ende der skandinavischen Herrschaft in England (1066, Schlacht von Stamford Bridge) ab. Die letzten regeltreuen Verse stammen aus einer Chronik des Jahres 1065. Es gab jedoch noch im 14. Jh. Werke wie Piers Plowman, die stabreimend waren, wenn auch nicht mehr regeltreu.

Im 13. Jh. öffnete sich auch Skandinavien endgültig dem Endreim. Es dauerte nicht lange, bis der Stabreim nur noch in festen Formeln oder in bewusst altertümelnder Absicht verwendet wurde.

Og vil du ikke danse hos mig, Sót og Sýgdom skal følge dig!

Nur in Island gelang dem Stabreim der Sprung in die Neuzeit. Man verband ihn, zusammen mit anderen skaldischen Elementen wie den Kenningen oder der Silbenzählung, mit dem Endreim und dem alternierenden Rhythmus. Das Produkt waren die Rímur (Reime), welche in der volkstümlichen Dichtung bis ins 20. Jahrhundert lebten und heute im Verschwinden begriffen sind.

Vorið eg að vini kýs, verður nótt að degi, þegar glóærð geisladís gengur norðurvegi.

(Wörtlich übersetzt:) Frühling ich zum Freunde wähl, es wird Nacht zum Tage, wenn die gluthaarige Sonnengöttin geht Nordwege. (Gemeint: die Sonne)

(Unter Nachbildung des Stab- und Endreims sinngemäß nachgedichtet:) Lenz ich mir zum Liebling kiese, Licht ist es geworden, Wenn der volle Feuerriese Fährt den Weg nach Norden.

Nachleben und Wiederbelebung Reste des Stabreims überlebten besonders dort, wo sich die Sprache nicht oft änderte – also in Sprichwörtern, Formeln, Hausinschriften oder der Sprache im Rechtsgebrauch. Allerdings war es vielmehr als der Stabreim selbst der Hang zur altertümelnden Alliteration, der überlebte, weil man ohne die Einbindung in einen Vers nicht von einem Stabreim sprechen kann. Die Alliteration jedoch, die einen Stabreimvers bestimmt, lässt sich noch in vielen Zwillingsformeln nachvollziehen. Sie lassen sich in jeder germanischen Sprache finden:

Sprache Formel Übersetzung Dänisch folk og fæ Volk und Vieh (vgl. Mann und Maus) Deutsch Kind und Kegel im Sinne von: gesamte Nachkommenschaft Englisch friend or foe Freund oder Feind Isländisch hús og heim Haus und Heim Niederländisch huis en haard Haus und Herd (vgl. Haus und Hof) Norwegisch hus og hem Haus und Heim (vgl. Haus und Hof) Schwedisch liv och lem Leben und Glied (vgl. Leib und Leben)