mini|hochkant=1.2|Naumburger Dom, Luftaufnahme (2018)

Der heute evangelische Naumburger Dom St. Peter und Paul in Naumburg (Saale) ist die ehemalige Kathedrale des Bistums Naumburg und stammt größtenteils aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Er gehört zu den bedeutendsten Bauwerken der Spätromanik in Sachsen-Anhalt, ist eine Station an der Straße der Romanik und seit 2018 UNESCO-Weltkulturerbe.

Der Naumburger Dom ist eine Doppelchoranlage – d. h. mit je einem Chor an beiden Schmalseiten. Der berühmte Westchor entstand in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts und ist mit dem West-Lettner und den Stifterfiguren aus der Werkstatt des Naumburger Meisters eines der wichtigsten Bauwerke der Frühgotik.

Nach der Reformation wurde 1542 mit Nikolaus von Amsdorf zum ersten Mal im Reich ein evangelischer Bischof eingesetzt.Peter Brunner: Nikolaus von Amsdorf als Bischof von Naumburg. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1961, S. 60–61. Nach dem Tod des letzten Bischofs Julius von Pflug 1564 wurde das Bistum aufgelöst und fiel an Kursachsen, die Kirche verlor ihre Funktion als Bischofssitz. Sie blieb jedoch die Kirche der evangelischen Domgemeinde. Heute wird der Dom von einer Stiftung verwaltet – den Vereinigten Domstiftern von Merseburg, Naumburg und des Kollegiatstifts Zeitz.

Dombaumeisterin ist Regine Hartkopf.

Burg Naumburg In der Zeit um 1000 errichtete Ekkehard I. († 1002), Markgraf von Meißen und wohl mächtigster Mann an der Ostgrenze des Heiligen Römischen Reiches, auf einer rund 25 m hohen Erhebung am rechten Ufer der Saale nahe der Unstrutmündung seinen neuen Stammsitz, der entsprechend neweburg oder Nuwenburg und später Naumburg genannt wurde. Die günstige Lage an der Kreuzung mehrerer Handelsstraßen war wohl ausschlaggebend für die Wahl dieses Platzes.

Ekkehards Söhne Hermann und Ekkehard II. gründeten kurz darauf im westlichen Teil des Vorburggeländes eine kleine, der Hl. Maria geweihte Stiftskirche, die zum Jahr 1021 in der Merseburger Bischofschronik als praepositura noviter fundata erwähnt wird. 1028 verlegte Kaiser Konrad II. auf Drängen der beiden Brüder den Bischofssitz Zeitz nach Naumburg. Die Verlegung wurde von Papst Johannes XIX. im Dezember 1028 genehmigt. Als Grund wird die Unsicherheit des Ortes Zeitz genannt. In Zeitz blieb ein Kollegiatstift bestehen.

Baugeschichte der Kirche St. Peter und Paul mini|hochkant|Kruzifix in der Krypta

Frühromanischer Kirchenbau Bald nach der Genehmigung der Verlegung des Bischofssitzes von Zeitz nach Naumburg, wohl im Frühjahr 1029, wurde unmittelbar östlich der Stiftskirche mit dem Bau der ersten frühromanischen Naumburger Kathedrale begonnen. Sie wurde in der Amtszeit des Merseburger Bischofs Hunold, der zwischen 1036 und 1050 regierte, vor dem Jahr 1044 geweiht. Das Patrozinium Peter und Paul wurde von der Zeitzer Kirche übernommen.

Bei Ausgrabungen wurden die Fundamente des ersten Domes unter dem heutigen Dom gefunden. Die erste Naumburger Kathedrale war eine dreischiffige, kreuzförmige Basilika, die kleiner als der heutige Dom war. Ihr Chor reichte nicht ganz bis an das Ostende des spätromanischen Chorquadrats. Die Seitenwände endeten westlich in wenig vortretenden quadratischen Türmen, deren Fundamente etwa 7 m östlich des frühgotischen Westlettners liegen. Zwischen den Türmen befand sich ein kleiner, apsidial geschlossener Chor mit einer darunter liegenden Krypta. Die Türme waren durch eine gerade Westwand verbunden, so dass die Chorapsis von außen nicht sichtbar war. Das Hauptportal befand sich sehr wahrscheinlich schon damals in der südlichen Stirnwand des Querhauses. Um 1160/1170 erhielt der frühromanische Dom eine Hallenkrypta. Diese wurde in den ab etwa 1210 entstehenden Domneubau übernommen.

An der Stelle des heutigen Westchores erhob sich nach einer These von Ernst Schubert ursprünglich die Kirche des Kollegiatstifts St. Marien als Stiftskirche der ekkehardinischen Burg, deren Mauerreste in den Westtürmen erhalten geblieben seien. Die Annahme der Existenz eines solchen Marienstiftes ab 1021 wurde jedoch aus Mangel an Quellen später zurückgewiesen.Holger Kunde: Der Westchor des Naumburger Doms und die Marienstiftskirche. Kritische Überlegungen zur Forschung. In: Enno Bünz, Stefan Tebruck, Helmut G. Walther (Hrsg.): Religiöse Bewegungen im Mittelalter. Festschrift für Matthias Werner zum 65. Geburtstag. Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2007, ISBN 978-3-412-20060-2, S. 213–238.

mini|Grundriss, links der Westchor, rechts der Ostchor, unten ein Teil des Kreuzgangs mini|Nordwestansicht

Spätromanischer Neubau Unter Bischof Engelhard (1207–1242) wurde um 1210 ein spätromanischer Neubau begonnen. Der Neubau wurde im Langhaus begonnen, wahrscheinlich, weil die Ostteile des Domes im Zusammenhang mit dem Einbau der Krypta kurz zuvor aufwendig umgebaut worden waren. Der Neubau des Langhauses wurde jedoch bald aufgegeben. Stattdessen begann man mit der Errichtung der neuen Ostteile des Domes und führte den Neubau dann schrittweise nach Westen weiter. Der neue, bis heute bestehende Dom ist eine gewölbte Bündelpfeiler-Basilika mit Ostchor, Ostquerschiff und ausgeschiedener Vierung sowie einer dreiteiligen Krypta. Die Schlussweihe des Domes erfolgte einer Quelle des 18. Jahrhunderts zufolge am 29. Juni 1242.

Bau des frühgotischen Westchores mit Arbeiten des Naumburger Meisters mini|links|Buntglasfenster im Westchor mini|hochkant|Westchor und -türme mini|links|hochkant|Kapitell mit Weinblättern im Westchor mini|Lettner Westchor mini|hochkant|Stifterfiguren Hermann von Meißen und Reglindis mini|hochkant|Stifterfiguren Ekkehard II. und Uta

Vermutlich auf Veranlassung des Wettiner Markgrafen Heinrich von Meißen begann um 1250 die Errichtung des frühgotischen Westchores, wobei einzelne Autoren einen Baubeginn bereits ab etwa 1245 für denkbar halten. Die These von Ernst Schubert, dass der Westchor eine frühromanische Burgstiftskirche unmittelbar westlich des Domes ersetzte, wurde inzwischen von Holger Kunde mit neu erschlossenen Belegen unwahrscheinlich gemacht.Zur Bezeichnung des Chores als Marienchor (Schubert) siehe Straehle 2010, S. 813.

Das Chorquadrat mit einem sechsteiligen Gewölbe ist im Westen durch ein 5/8-Polygon geschlossen. Der Bau war wahrscheinlich um 1260 beendet. Die Westchor-Werkstatt errichtete noch das erste frei stehende Geschoss des Nordwestturmes des Domes und zog dann weiter nach Meißen.

Vom Langhaus des Domes wird der Westchor durch den aufwendig gestalteten Lettner abgegrenzt. Er gehört mit seinen Passionsreliefs und der Kreuzigungsgruppe im Portal zu den Hauptwerken des Naumburger Meisters, der an den Neubauten der Kathedralen zu Noyon, Reims und Amiens mitgearbeitet hatte und danach vielleicht in Metz, sicher aber in Straßburg und in Mainz tätig war. Der Lettner diente zur Zeit seiner Errichtung der Abgrenzung der Kirchenherren von den übrigen Nutzern. Von großer kunst- und frömmigkeitsgeschichtlicher Bedeutung ist die Kreuzigungsgruppe am Portal. Die feingearbeiteten, naturnahen Kapitelle des Westlettners in den Blendarkaden und an der Rückwand des Chorgestühls (Dorsale) erlauben sogar eine botanische Bestimmung der verschiedenen dargestellten Pflanzen.

Die zur Zeit seiner Errichtung amtierenden Landesherren und Stifter sind in den Arkadenfries im Innern des Westchors eingebunden. Es sind die Brüder Ekkehard II. (Schildumschrift: „ECHARTVS MARCHIO“) und Hermann, Markgrafen von Meißen, und ihre Ehefrauen, die in der Kunstgeschichte weltberühmte Uta und Reglindis. Die Stifterfiguren vermitteln durch ihre Haltung und Gestik zwischen den Säulen und dem Innenraum.

Der Naumburger Meister war nicht nur der Architekt des Westchores, sondern wahrscheinlich auch der leitende Bildhauer: Er dürfte die Stifterfiguren aus Grillenburger Sandstein entworfen und an einigen selbst mitgearbeitet haben. Dargestellt sind unter anderen an hervorgehobener Position die rund 200 Jahre vor der Errichtung des Westchores verstorbenen Erststifter der Naumburger Domkirche. Sie waren im Vorgängerbau des heutigen Domes und in der unmittelbar benachbarten frühromanischen Stiftskirche bestattet worden.

Der Naumburger Bischof Dietrich II. von Meißen führt 1249 in einem Briefe elf Namen der Gründer der Domkirche aus drei Generationen auf: „Hermannus marchio, Regelyndis marchionissa, Eckehardus marchio, Uta marchionissa, Syzzo comes, Conradus comes, Wilhelmus comes, Gepa comitissa, Berchta comitissa, Theodoricus comes, Gerburch comitissa“. In den Naumburger Mortuologien werden noch drei weitere Stifter genannt: „Timo von Kistritz/Köstritz, Graf Dietmar und Gräfin Adelheid“. Nach bisher vorherrschender Meinung wurden von den zwölf Stifterfiguren Hermann und Ekkehard II. der Familie der Ekkehardiner und alle übrigen der Familie der Wettiner zugeordnet. Auf der Nordseite: Dietrich Graf von Brehna, Gepa (oder Adelheid, Äbtissin von Gernrode), Markgraf Ekkehard II. und Uta; auf der Südseite: Gerburg (oder Berchta), Konrad Graf von Landsberg (Kopf und rechter Arm im 19. Jahrhundert ergänzt), Markgraf Hermann und Reglindis; im Chorhaupt: Graf Dietmar (Schildumschrift: „DITMARVS COMES OCCISVS“ für Graf Dietrich, der erschlagen wurde), Sizzo Graf von Kevernburg (die Schildumschrift „SYZZO COMES DO“ kann man mit Syzzo, Graf von Thüringen oder mit Graf Syzzo, der Stifter übersetzen), Wilhelm Graf von Camburg (Schildumschrift: „WILHELMVS COMES VNVS FVNDATORVM“) und Timo Graf von Kistritz (Schildumschrift: „TIMO DE KISTERICZ QVI DEDIT ECCLESIE SEPTEM VILLA“). Es sind acht Männer und vier Frauen des deutschen Hochadels, Stifter des ersten Domes und verwandt mit dem Bauherrn Bischof Dietrich II. Die Besonderheit der Stifterfiguren liegt in ihrer wirklichkeitsnahen Darstellung der Kleider aus Loden und Leder und der Waffen.

Die einzigartige Darstellung von Laien an einem Platz, der sonst nur Heiligen vorbehalten war, könnte mit ihren hohen Verdiensten für den Dom erklärt werden. Die Standbilder im Naumburger Westchor ersetzten Stiftergrabmäler, die im Zuge des spätromanischen Domneubaus aufgegeben werden mussten. So wäre für die Fortführung der Memorialdienste für die Stifter des Domes und der ekkehardingischen Stiftskirche gesorgt gewesen. Heinz Wießner schreibt die Entstehung der Stifterfiguren Markgraf Heinrich zu, die er als künstlerische Demonstration seiner Schutzherrschaft über das Domstift schaffen ließ. Dies würde auch das Vorhandensein der Laienstatuen im Chorinneren einer Bischofskirche erklären. Die Fassung der Stifterfiguren erfolgte erst im 16. Jahrhundert.