mini|Umschlag der Erstausgabe von 1927

Der Streit um den Sergeanten Grischa ist der Titel eines 1927 im Gustav Kiepenheuer Verlag in Potsdam erschienenen Romans des Autors Arnold Zweig; die englische Erstausgabe erschien 1928.

Der Roman ist Teil von Zweigs unvollendetem Kindlers Literatur Lexikon im dtv in 25 Bänden. München 1974, S. 9045. Romanzyklus Der große Krieg der weißen Männer.

Überblick über die Haupthandlung Ausgehend vom Prozess gegen den russischen Kriegsgefangenen Grischa zeichnet der Autor ein breites Bild von der gesellschaftlichen und kriegstechnischen Zeitenwende in Europa, der Struktur der preußischen Armee mit Kompetenzstreitigkeiten, dem wieder aufflammenden Krieg an der Ostfront 1917 und den Eroberungsplänen des Generalstabs im Gegensatz zur Friedenssehnsucht der einfachen Soldaten.

Der russische Soldat Grigorij Iljitsch Paprotkin, genannt Grischa, befindet sich in deutscher Kriegsgefangenschaft im Gebiet der Militärverwaltung Ober Ost. Um seine Frau und seine neugeborene Tochter zu sehen, flieht er Anfang 1917 aus dem Gefangenenlager. Auf seinem Weg in Richtung Heimat trifft er auf eine Gruppe Partisanen unter der Führung der jungen Babka. Diese gibt ihm den Rat, wenn er von den Deutschen ergriffen werden sollte, sich als der russische Deserteur Bjuschew auszugeben. Doch dies stellt sich als tödlicher Fehler heraus. Bjuschew soll hingerichtet werden, da laut einem Erlass des Generals Albert Schieffenzahn jeder russische Deserteur, der sich länger als drei Tage hinter der deutschen Front aufhält, ohne sich in Gefangenschaft zu begeben, als Spion behandelt wird. Als Grischa dies erkennt, gibt er sich als der entflohene Häftling zu erkennen, der er tatsächlich ist. Aber selbst als er seine wahre Identität eindeutig nachweisen kann, kann ihm das nicht mehr helfen. General von Lychow, Paul Winfried (Lychows Neffe und Adjutant) und von Lychows jüdischer Kriegsgerichtsrat Posnanski versuchen, Grischa zu retten. Auch Babka, die ein Kind von Grischa erwartet, plant seine Rettung. Auf Befehl von General Schieffenzahn„das kaum verhüllte Konterfei Ludendorffs“: Kindlers Literatur Lexikon im dtv in 25 Bänden. München 1974, S. 9045 wird Grischa schließlich hingerichtet.

Inhalt mini|Das Besatzungsgebiet „Oberbefehlshaber Ost“

Der Handlungsverlauf ist in sieben Bücher gegliedert:

Erstes Buch: Babka

Zweites Buch: Von Lychow, Exzellenz

Drittes Buch: Schieffenzahn, Generalmajor

Viertes Buch: Fülle der Zeit

Fünftes Buch: Vergeltung

Sechstes Buch: Die Retter

Letztes Buch: Grischa allein

Grischas Flucht (1. Buch) Das erste Buch erzählt die Flucht des russischen Kriegsgefangenen Grischa Iljitsch Paprotkin im März 1917 aus dem Sägewerk-Waldlager Nawarischkij in der Nähe von Augustowo im heutigen Ostpolen (Buch I, Kapitel 2). Dort hat er 16 Monate als Holzfäller gearbeitet (I, 1). Nachdem ihn Nachrichten von einer Revolution in Russland und Gerüchte über einen baldigen Frieden erreichen, beschließt er, auszubrechen und über die Grenze zu seiner Frau Marfa Iwanowna und der kleinen Tochter Jelisawjeta nach Wologda zu fliehen, wo er vor dem Krieg Vorarbeiter in einer Seidenfabrik war. Dazu hat er beim Beladen eines Waggons mit Holzbrettern eine Lücke gelassen, schlüpft nachts in die Höhle und fährt mit dem Holztransport, wie er vermutet, nach Osten, wo die Bretter für den Ausbau der Unterstände an der Front gebraucht werden. Nach 4-tägiger Eisenbahnfahrt verlässt er sein Versteck und merkt, dass er im Gouvernement GrodnoVI, 5 in der Nähe der Polizeistation Cholno, fern der Demarkationslinie, mitten in der von den Deutschen besetzten Zone „Ober Ost“, gelandet ist (I, 3). Er muss sich vor deutschen Patrouillen verstecken, die das Waldgebiet nach Partisanen durchsuchen, stößt auf eine solche Bande von „Vogelfreien“ und schließt sich ihr an (I, 4). Der Trupp von Einheimischen und versprengten russischen Soldaten wird von Anna Kyrillowna, einer jungen Litauerin, geleitet, deren Brüder und Vater wegen unerlaubten Waffenbesitzes von den Deutschen erschossen wurden. Wegen ihrer Verkleidung als alte Frau wird sie „Babka“ (Großmutter) genannt. Die Bande verdient ihren Lebensunterhalt mit Baumfällen und dem Verkauf des Holzes an den Grafen Maurawiew und kämpft gegen den Wald durchkämmende deutsche Soldaten. Babka sucht sich unter den jungen Männern ihres Verbandes ihre Geliebten aus. Jetzt wird Grischa ihr Auserwählter (I, 5). Als er im Frühling von zunehmendem Heimweh ergriffen wird, trennen sie sich. Babka gibt ihm die Kleider und die Erkennungsmarke ihres früheren Freundes Ilja Pawlowitsch Bjuschew, eines desertierten russischen Soldaten aus Antokol, der vor einiger Zeit bei ihnen gestorben ist, und er setzt seine Flucht mit neuer Identität fort, zuerst mit zwei Flößern auf der Wilja, dann zu Fuß entlang des Flusses Njemen aufwärts (I, 6). In der fiktiven kleinen Stadt Merwinsk wird er Ende April von deutschen Soldaten aufgegriffen und gefangen genommen (II, 1).

Die Verurteilung Grischas (2. Buch) Vom zweiten Buch an wechseln die Handlungsorte in die von den Deutschen besetzte Provinz Grodno-Bialystok. Für Grischas Fall ist das Kriegsgericht der Division von Lychow zuständig. Grischa sagt beim ersten Verhör aus, er sei der russische Überläufer Bjuschew, dessen Erkennungsmarke er trägt. Nach einer neuen Verordnung wird der geheime Aufenthalt eines russischen Soldaten im besetzten Gebiet als Spionage bewertet und mit dem Tod bestraft (II, 4). Nach der Verkündigung des Urteils am 4. Mai legt Grischa seine wahre Identität und seine Flucht aus dem Waldlager offen. Über eine Kontaktadresse, den Vater des Bandenmitglieds Fedjuschka Weressejew, informiert er Babka über seine Situation und hofft auf ihre Hilfe und eine Aussage über den Namentausch (II, 7).

Die Vollstreckung des Urteils wird aufgehoben, nachdem sowohl die Nachforschungen in Nawarischkij als auch eine Gegenüberstellung mit zwei Wärtern am 13. Mai die Aussagen Grischas bestätigen (II; 7). Nun muss sein Fall von der obersten Justizabteilung in Bialystok neu bewertet und an das zuständige Gericht überwiesen werden. Der Divisionsgeneral von Lychow, sein Gerichtsrat Posnanski und ihr Stab sympathisieren mit Grischa und hoffen auf eine Aufhebung des Todesurteils.

Die Kommandostrukturen und der Streit um die Zuständigkeit (2.–4. Buch) Am Beispiel der Garnison in Merwinsk beschreibt der Erzähler den Alltag der Menschen: die Friedenssehnsucht der Soldaten in der Etappe, den Militärapparat mit seinen komplizierten Kommandostrukturen, was zu Kompetenzstreitigkeiten zwischen dem Ortskommandanten Rittmeister von Brettschneider (IV, 7) und dem Divisionsbefehlshaber Otto von Lychow (II, 2) und ihren Stäben führt, sowie den gesellschaftlichen Unterschied zwischen den in gut ausgestatteten Privathäusern untergebrachten adligen Offizieren und den auf Gehorsam und Disziplin gedrillten Soldaten aus dem einfachen Volk in ihren Mannschaftsquartieren. Allen übergeordnet ist das Heeresoberkommando des Generalmajors Albert Schieffenzahn in Bialystok, der mit immer neuen und schärferen Verordnungen die Zucht und Ordnung aufrechterhalten will. Dazu treten persönliche Spannungen zwischen dem beim Kaiser angesehenen „Soldatenvater“ Lychow, der seine Truppe oft in ihren Stellungen besucht und sich um ihre Versorgung kümmert (II, 2), und dem kalt rechnenden, hart durchgreifenden Oberbefehlshaber Schieffenzahn (III, 3). In dessen Hauptquartier behandelt man Lychows Vorschläge formal korrekt, nimmt sie jedoch nicht ernst.

Innerhalb dieses komplexen Systems suchen sich die Soldaten ihre mehr oder weniger von den Vorgesetzten tolerierten Freiräume, v. a. die höheren Ränge richten sich neben dem Dienst ein Privatleben ein. Kriegsgerichtsrat Dr. Posnanski (II, 3), der wie sein Schreiber die ungerechten Strukturen und Gesetze durchschaut, aber sich als Jurist daran halten muss, nimmt in sein Büro den jüdischen Literaten Werner BertinÄhnlichkeiten mit der Biographie des Autors als Schreiber auf und protegiert ihn. In der Atmosphäre aus Todesbedrohung und Lebenslust entwickeln sich Liebesbeziehungen ohne Zukunftsperspektive zwischen Krankenschwestern und Soldaten (II, 5, 6), z. B. ist Sophie von Gorse in den Dichter Bertin verliebt und von seiner politischen Einstellung angetan. Dieser hat als einfacher Landsturmmann z. Zt. keinen Anspruch auf Urlaub. Über ihre Freundin Bärbe Osann, die eine Beziehung mit Oberleutnant Paul Winfried, dem Neffen und Adjutanten Lychows, hat, erreicht sie für ihren Freund eine Dienstreise zum Hauptquartier in Bialystok, um die Akte Bjuschew zu überbringen, verknüpft mit einem viertägigen Urlaub bei seiner Frau Lenore in Berlin. In ihren privaten Gesprächen üben Posnanski und Bertin offen Systemkritik und haben Verständnis für die Umgehung der Dienstwege: „Das Recht auf Schwindel gehört zu den unveräußerlichen Menschenrechten“.zitiert nach der Fischer Taschenbuch Ausgabe, Frankfurt am Main, 1972, II, 7, S. 131. Der Gerichtsrat hat schon oft erlebt, dass es keine Gerechtigkeit gibt und das Schicksal der Menschen von Zufällen („Zufall, erhabener Regisseur!“) und willkürlichen, der momentanen Situation geschuldeten Verordnungen bestimmt wird. So will das Hauptquartier mit dem Spionageparagraphen eigentlich die deutschen Soldaten vor der Fahnenflucht warnen. Bertin überzeugt Sophie von seinen rebellischen Gedanken gegen die Ständeordnung und die Bevormundung der unteren Klassen, in der er die Ursache allen Übels sieht: „[I]ch hasse und verachte das Vorgesetztentum in der Welt. Es ist an allem Barbarischen schuld seit vielen tausend Jahren. Es ist das Prinzip des Bösen, das Prinzip der blöden Väter, die mit ihrer Menschlichkeit allein nicht auskommen und der Gewalt bedürfen, um sich zu behaupten, das Prinzip der wahnsinnigen Greise, die heute Europa zugrunde richten.“zitiert nach der Fischer Taschenbuch Ausgabe, Frankfurt am Main, 1972, II, 6, S. 113.

Im Zusammenhang mit dem Weg der Akte „Bjuschew – Paprotkin“ und der Entscheidung der obersten Justizabteilung beschreibt der Erzähler den Verwaltungsapparat und die Zuständigkeit der einzelnen Organe sowie die bereits im zweiten Buch erwähnte Rivalität zwischen den drei Militärbereichen Kommandantur, Kampfdivision und Oberkommando. Im Zentrum steht die Charakterisierung des Generalmajors, der als genialer Organisator und machthungriger Kriegstreiber gezeichnet wird (III, 3). Er baut in der besetzten Zone preußische Strukturen auf, z. B. für Verwaltung, Verkehr, wirtschaftliche Nutzung der Ressourcen, Schulen, medizinische Versorgung, und will damit den Anschluss des Gebietes und anderer noch zu erobernder Teile Russlands bis zur Krim an das Deutsche Reich und ihre Germanisierung vorbereiten. Die polnisch-litauisch-jüdische Bevölkerung betrachtet er v. a. als untergeordnete Arbeitskräfte: „Ihm war vollständig klar, die Rolle der Deutschen auf der Erde habe erst begonnen; als das vorbestimmte Volk der Herrschaft, Schöpferlichkeit, Höherzüchtung standen sie in seinem Denkfeld.“zitiert nach der Fischer Taschenbuch Ausgabe, Frankfurt am Main, 1972, III, 3, S. 157. Er plant die innenpolitischen Konflikte Russlands auszunutzen und die Front weiter nach Norden und Osten zu verschieben. Mit Blick auf die Realisierung seiner Ziele spinnt er ein Netz mit Vertretern der Flottenleitung und deutschen Parlamentariern, z. B. dem Konzernchef der rheinischen Schwerindustrie Schilles, um die Friedenspartei, die zur Rückgabe besetzter Gebiete bereit wäre, zu bekämpfen. Auch in diesem Punkt hat Lychow andere Vorstellungen. Er fürchtet, dass der preußische Staat durch diese Erweiterungen mit dem Vielvölkergemisch verwässert würde und überfordert wäre (IV. 7).